Alle zwei Minuten desertiert ein Soldat aus der Armee (NZZ)
Der Ukraine gehen die Soldaten aus. Auch weil sie die Jungen einfach gehen lässt. Während die russische Armee mit Prämien und Vergünstigungen weiter neue Soldaten findet, lässt die ukrainische Regierung ihre jungen Männer nach Westeuropa gehen. Und hofft, dass sie rechtzeitig zum Militärdienst wieder zurück sind.
Guillaume Ptak, Kiew, 30.11.2025, 3 Min
Der Ukraine drohen ein Diktatfrieden, aufgezwungen von Donald Trump, und eine Revolte im Inneren, ausgelöst durch eine Korruptionsaffäre, die am Freitag zur Entlassung von Andri Jermak, dem Chef des Präsidialamtes und mächtigen Vertrauten von Präsident Wolodimir Selenski, geführt hat. Doch das grösste Problem der Ukraine ist ein anderes: «Alle zwei Minuten desertiert jemand aus unserer Armee», schreibt der ukrainische Offizier und ehemalige Abgeordnete Ihor Lutsenko auf seiner Facebook-Seite.
Laut seinen Angaben wurden allein im Oktober 21 602 Fälle von Desertion von der Generalstaatsanwaltschaft registriert. Das ist ein Rekord seit Beginn der russischen Invasion. Wie Lutsenko betont, spiegeln diese Daten nur die offiziellen Fälle wider. Eine grosse Anzahl von Abgängen werde gar nicht erfasst.
Wird die Ukraine am Ende ohne Armee dastehen? Das ist das Szenario, das die Stimmung in dem überfallenen Land jetzt noch weiter drückt.
Nimmt man zu den Desertionen noch die weiter gefassten Fälle von unerlaubter Abwesenheit hinzu, kommen ukrainische Militärexperten wie jene von der Gruppe Frontelligence Insight auf etwa 150 000 Mann, die der Armee abhandengekommen sind. Während die russische Armee ihren Würgegriff um Pokrowsk in der Region Donezk unerbittlich verstärkt, scheinen die Personalprobleme der Ukrainer einen neuen Höhepunkt zu erreichen.
Präsident Wolodimir Selenski räumte diese Woche ein, dass die russischen Angreifer in Pokrowsk achtmal mehr Soldaten in den Kampf schicken als die Ukrainer. An bestimmten Stellungen müssen die ukrainischen Soldaten oft mehrere Wochen oder sogar Monate ohne Ablösung ausharren und werden mittels Drohnentransporten mit Wasser und Lebensmitteln versorgt. Nach mehr als dreieinhalb Jahren heldenhaften Widerstands und trotz dem Zustrom von Tausenden motivierter Freiwilliger in den ersten Kriegstagen befürchtet Kiew, nicht mehr über genügend Soldaten zu verfügen, um die gesamte, mehr als 1200 Kilometer lange Frontlinie zu verteidigen.Noch mehr als Desertionen und unerlaubtes Fernbleiben von der Truppe sind es die Probleme bei der Rekrutierung, welche die Schlagkraft der Ukrainer langfristig infrage stellen. Laut dem ehemaligen Verteidigungsminister Rustem Umerow hatten sich im vergangenen Jahr nur 12 Prozent der neuen Rekruten freiwillig gemeldet – der Rest wurde zwangsweise mobilisiert.
Mit Verwunderung hat der Westen zur Kenntnis genommen, dass die ukrainische Regierung im August die Ausreise von 18- bis 22-jährigen Männern erlaubte. Zuvor hatten Männer bis im Alter von 60 Jahren die Ukraine im Krieg nicht mehr verlassen dürfen. Nun strömen die Jungen in den Westen: Knapp 1000 haben seither ein Schutzgesuch in der Schweiz gestellt. 1400 bis 1800 waren es jüngst in Deutschland – jede Woche.
Als der Trend klar wurde, rief der deutsche Kanzler Friedrich Merz bei Selenski an. Die jungen ukrainischen Männer müssten in ihrer Heimat dienen, sagte Merz. «Da werden sie gebraucht.»
Die Gründe für die Lockerung der Ausreisen der jungen Ukrainer sind politisch und nicht so leicht zu verstehen. Die Wehrpflicht gilt für Männer ab 25 Jahren, in den zwei Jahren vor ihrem 25. Geburtstag dürfen sie die Ukraine nicht mehr verlassen. Den Jüngeren aber will die Regierung die Chance geben, sich im Ausland fortzubilden, ihre Familien finanziell zu unterstützen, die Bande zu ihrer Heimat schätzen zu lernen – und dann wieder zurückzukommen.
Das klingt unrealistisch, doch die Regierung versucht damit einer Praxis entgegenzusteuern, die sich seit Kriegsbeginn eingebürgert hat: Eltern nehmen ihre Söhne kurz vor dem 18. Geburtstag von der Schule und schaffen sie ins Ausland, damit sie später dem Militärdienst entgehen. Als junge Erwachsene aber, so die Hoffnung der Politiker, werden sie sich selbst für die gesetzliche Pflicht zur Verteidigung der Heimat entscheiden.
Doch es ändert erst einmal nichts: Während die russische Armee mit Prämien und allerlei Vergünstigungen weiter neue Soldaten findet, gehen den Ukrainern die Rekruten aus. Für Ihor Lutsenko wiegt der Soldatenmangel schwerer als die jüngsten Korruptionsskandale und der Rücktritt von Jermak oder der diplomatische Druck aus Washington: «Das ist das Problem Nummer eins der Armee. Und damit auch das Problem Nummer eins des Landes.»
Auf einen prominenten Neuzugang kann die Armee zumindest hoffen: Andri Jermak kündigte angeblich an, als Soldat an die Front zu gehen. Seine Ehre sei durch die Korruptionsvorwürfe beschmutzt worden. Das soll er der «New York Post» geschrieben haben.
Laut seinen Angaben wurden allein im Oktober 21 602 Fälle von Desertion von der Generalstaatsanwaltschaft registriert. Das ist ein Rekord seit Beginn der russischen Invasion. Wie Lutsenko betont, spiegeln diese Daten nur die offiziellen Fälle wider. Eine grosse Anzahl von Abgängen werde gar nicht erfasst.
Wird die Ukraine am Ende ohne Armee dastehen? Das ist das Szenario, das die Stimmung in dem überfallenen Land jetzt noch weiter drückt.
Nimmt man zu den Desertionen noch die weiter gefassten Fälle von unerlaubter Abwesenheit hinzu, kommen ukrainische Militärexperten wie jene von der Gruppe Frontelligence Insight auf etwa 150 000 Mann, die der Armee abhandengekommen sind. Während die russische Armee ihren Würgegriff um Pokrowsk in der Region Donezk unerbittlich verstärkt, scheinen die Personalprobleme der Ukrainer einen neuen Höhepunkt zu erreichen.
Präsident Wolodimir Selenski räumte diese Woche ein, dass die russischen Angreifer in Pokrowsk achtmal mehr Soldaten in den Kampf schicken als die Ukrainer. An bestimmten Stellungen müssen die ukrainischen Soldaten oft mehrere Wochen oder sogar Monate ohne Ablösung ausharren und werden mittels Drohnentransporten mit Wasser und Lebensmitteln versorgt. Nach mehr als dreieinhalb Jahren heldenhaften Widerstands und trotz dem Zustrom von Tausenden motivierter Freiwilliger in den ersten Kriegstagen befürchtet Kiew, nicht mehr über genügend Soldaten zu verfügen, um die gesamte, mehr als 1200 Kilometer lange Frontlinie zu verteidigen.Noch mehr als Desertionen und unerlaubtes Fernbleiben von der Truppe sind es die Probleme bei der Rekrutierung, welche die Schlagkraft der Ukrainer langfristig infrage stellen. Laut dem ehemaligen Verteidigungsminister Rustem Umerow hatten sich im vergangenen Jahr nur 12 Prozent der neuen Rekruten freiwillig gemeldet – der Rest wurde zwangsweise mobilisiert.
Mit Verwunderung hat der Westen zur Kenntnis genommen, dass die ukrainische Regierung im August die Ausreise von 18- bis 22-jährigen Männern erlaubte. Zuvor hatten Männer bis im Alter von 60 Jahren die Ukraine im Krieg nicht mehr verlassen dürfen. Nun strömen die Jungen in den Westen: Knapp 1000 haben seither ein Schutzgesuch in der Schweiz gestellt. 1400 bis 1800 waren es jüngst in Deutschland – jede Woche.
Als der Trend klar wurde, rief der deutsche Kanzler Friedrich Merz bei Selenski an. Die jungen ukrainischen Männer müssten in ihrer Heimat dienen, sagte Merz. «Da werden sie gebraucht.»
Die Gründe für die Lockerung der Ausreisen der jungen Ukrainer sind politisch und nicht so leicht zu verstehen. Die Wehrpflicht gilt für Männer ab 25 Jahren, in den zwei Jahren vor ihrem 25. Geburtstag dürfen sie die Ukraine nicht mehr verlassen. Den Jüngeren aber will die Regierung die Chance geben, sich im Ausland fortzubilden, ihre Familien finanziell zu unterstützen, die Bande zu ihrer Heimat schätzen zu lernen – und dann wieder zurückzukommen.
Das klingt unrealistisch, doch die Regierung versucht damit einer Praxis entgegenzusteuern, die sich seit Kriegsbeginn eingebürgert hat: Eltern nehmen ihre Söhne kurz vor dem 18. Geburtstag von der Schule und schaffen sie ins Ausland, damit sie später dem Militärdienst entgehen. Als junge Erwachsene aber, so die Hoffnung der Politiker, werden sie sich selbst für die gesetzliche Pflicht zur Verteidigung der Heimat entscheiden.
Doch es ändert erst einmal nichts: Während die russische Armee mit Prämien und allerlei Vergünstigungen weiter neue Soldaten findet, gehen den Ukrainern die Rekruten aus. Für Ihor Lutsenko wiegt der Soldatenmangel schwerer als die jüngsten Korruptionsskandale und der Rücktritt von Jermak oder der diplomatische Druck aus Washington: «Das ist das Problem Nummer eins der Armee. Und damit auch das Problem Nummer eins des Landes.»
Auf einen prominenten Neuzugang kann die Armee zumindest hoffen: Andri Jermak kündigte angeblich an, als Soldat an die Front zu gehen. Seine Ehre sei durch die Korruptionsvorwürfe beschmutzt worden. Das soll er der «New York Post» geschrieben haben.

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