14 November 2025

Klimapolitik - Der Mythos von der Schuld des Westens (WELT+)

Klimapolitik
Der Mythos von der Schuld des Westens (WELT+)
Von Axel Bojanowski, Chefreporter Wissenschaft, 14.11.2025, Lesedauer: 7 Minuten
Haben westliche Industrieländer mit ihren Abgasen die globale Erwärmung verschuldet – und müssen nun dafür büßen, indem sie ihre Emissionen auf Null senken? Die Grundannahme der laufenden Klimaverhandlungen ist falsch.
Die UN-Klimaverhandlungen, auch die aktuell laufende COP30 in Brasilien, basieren auf der Leitidee der „gemeinsamen, aber differenzierten Verantwortung“: Industriestaaten sollen wegen ihrer historischen Emissionen und ihres daraus resultierenden Wohlstands bei der Emissionsreduktion vorangehen, während Entwicklungs- und Schwellenländer Wachstum und Industrialisierung voranstellen dürfen.
Dahinter steht die auf den ersten Blick plausible Behauptung, westliche Industrieländer hätten mit ihren Abgasen die Welt in die globale Erwärmung gestürzt und müssten dafür die Verantwortung übernehmen, wohingegen der Großteil der Welt, darunter China, unter der Erwärmung litten und deshalb aufholen dürften. Die Annahme, der Westen müsse quasi büßen, blendet allerdings zwei wesentliche Tatsachen aus.
Erstens hat die vom Westen ausgehende Industrialisierung die Lebensbedingungen der gesamten Menschheit dramatisch verbessert, ja: aus dem Elend geführt. Zweitens haben Schwellenländer wie China das Wachstumskonzept und Technologien in großem Stil adaptiert und profitieren bis heute.
Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts betrug die weltweite Lebenserwartung kaum 30 Jahre; die Hälfte der Kinder starb vor dem fünften Geburtstag. Mittlerweile werden Menschen im weltweiten Durchschnitt älter als 70 Jahre. Die enorme Verbesserung ist nicht allein das Ergebnis verringerten Kindersterbens, sondern umfasst alle Altersgruppen.
Medizinische Innovationen – ausgehend von Westeuropa und den USA –, wie Antibiotika, Impfstoffe, moderne Behandlungsmethoden, Diagnostik, Vorsorge, Hygiene, bessere Ernährung, Verfügbarkeit von sauberem Wasser, der Bau von Abwasserkanälen und mehr führten dazu, dass die globale Lebenserwartung massiv stieg.
Länder außerhalb der westlichen Pionierstaaten profitierten ebenfalls. Dort brauchte die Sterblichkeit von Kindern unter fünf Jahren nicht 200 Jahre um seit Beginn des 19. Jahrhunderts von rund 40 Prozent auf einen Bruchteil von einem Prozent zu sinken, sondern nur 50 Jahre, um von Mitte des 20. Jahrhunderts oder später den gleichen Rückgang zu verzeichnen. Die Nachzügler konnten lernen, was anderswo funktioniert hatte.
Während früher fast alle Menschen arm und permanent von Hunger und Tod bedroht waren und nur eine kleine Elite über einen Lebensstandard verfügte, der über bloßes Überleben hinausging, können heutzutage die meisten mit einem gesunden und langen Leben rechnen, in dem sie genug zu essen und sauberes Wasser und Heizung in der Wohnung zur Verfügung haben. Bis ins 19. Jahrhundert hingegen lebten fast neun von zehn Menschen weltweit in extremer Armut, heute ist es weniger als jeder Zehnte – trotz einer Verachtfachung der Weltbevölkerung im selben Zeitraum.

Die ärmsten Länder verfügen pro Einwohner mittlerweile über so viel Nahrung pro Person wie reiche vor 60 Jahren – die „grüne Revolution“ der Landwirtschaft, wurzelnd in westlicher Forschung, mit Züchtung neuer Sorten, moderner Technologie und ausreichend Dünger machte ehemalige Hunger-Länder wie Indien zu Nahrungsmittel-Exportnationen.

Maßgebliche Treiber des Aufschwungs waren Produktivitätssteigerungen – also die Fähigkeit, mit weniger Arbeitsaufwand mehr Güter zu produzieren – und damit einhergehend sinkende Arbeitszeiten. Zudem verwandelte die westliche Industrialisierung die Nullsummenökonomie in ein positives Summen‑Spiel: Dank technischem Fortschritt konnten Menschen reich werden, ohne dass dies auf Kosten anderer ging.

Die Dampfmaschine, Schlüsseltechnologie der Industriellen Revolution, hob Bergbau, Textilindustrie, Landwirtschaft und Transport mit effizienten Maschinen auf völlig neue Produktionsniveaus. Bald brachten Dampflokomotiven und Dampfschiffe große Mengen an Waren zu niedrigen Kosten in Städte und Fabriken. Eine vom Westen angestoßene Weltwirtschaft entwickelte sich, zum Vorteil der beteiligten Länder.

Elektrifizierung und moderne Energieversorgung brachten den nächsten Schub. Strom trieb fast jede Tätigkeit an und prägte Leben und Wirtschaft, etwa Nahrungsmittelproduktion, Heizung und Klimatisierung, Unterhaltung, Transport, Kommunikation, Gesundheitswesen und Computertechnologie. Ohne stabile Stromnetze wären Kühlschränke, Beleuchtung, Serverzentren oder medizinische Geräte nicht möglich. Elektrizität ermöglicht Nachtarbeit, Kühlung die Besiedelung zuvor nicht bewohnbarer Regionen, befeuert industrielle Maschinen und senkt drastisch die Kosten der Informationsverarbeitung.

Auch moderne Kommunikationstechnologien – Telefone, Computer und das Internet – gingen weitgehend aus westlicher Forschung und Entwicklung hervor. Digitale Vernetzung ermöglichte weltweite Forschungskollaborationen, Bildung und Handel – wichtige Voraussetzungen für den globalen Wohlstand.

Die meisten technologischen Grundlagen, welche die moderne Welt prägen, entstanden in westlichen Ländern und verbreiteten sich global. Manche der Entwicklungen hatten negative Nebenwirkungen wie Umweltverschmutzung, doch ohne sie wären die Lebensbedingungen der Menschheit bei Weitem schlechter, einem Großteil ginge es schlechter.

China lernt – und überflügelt

Allen voran China zeigt, wie westlicher Fortschritt adaptiert und genutzt wird. Das einst bitterarme kommunistische Land sah sich Ende der 1970er-Jahre zu Reformen genötigt. Es erlaubte die Gründung privater Unternehmen, liberalisierte den Außenhandel und öffnete sich ausländischen Investitionen. Die Internationalität der Reformen war entscheidend: Ausländische Firmen brachten Kapital, Managementwissen und moderne Maschinen nach China. Eine Analyse des Internationalen Währungsfonds (IMF) betont, dass „neue Maschinen, bessere Technologie und mehr Infrastrukturinvestitionen die Produktion erhöhten“.

Mit Sonderwirtschaftszonen verstärkte China seine Öffnung, sie lockten ausländisches Kapital und ermöglichten Experimentierfelder für marktwirtschaftliche Praktiken. Die Zahl chinesischer Firmen mit Außenhandelsrechten wuchs von 12 im Jahr 1978 auf 35.000 im Jahr 2001. Der Beitritt zur Welthandelsorganisation senkte den durchschnittlichen Zollsatz dramatisch, was Chinas Handel weiter anheizte. Offene Märkte ermöglichten nicht nur günstigere Importe, sondern auch den Austausch von Wissen, wovon chinesische Unternehmen und Konsumenten gleichermaßen profitierten.

Chinas Strategie „Going Global“ diente neben Rohstoffsicherung insbesondere dazu, „Zugang zu fortgeschrittener Technologie und Managementexpertise in industrialisierten Ländern zu gewinnen“. Ohne den Transfer moderner Technik und die Nachfrage aus den westlichen Märkten wäre der rasante Aufstieg Chinas unmöglich gewesen. Heute ist es selbst führendes Exportland, etwa bei erneuerbaren Energien; doch der Grundstein wurde mit westlicher Hilfe gelegt. Auch Chinas moderne Klimaschutz-Technologien wie Solarzellen und Kernkraft waren im Westen zur Marktreife gebracht worden.

Sein vor allem auf Kohleenergie basierender Aufschwung macht China mittlerweile zum bei Weitem größten CO₂-Verursacher, bei den gesammelten historischen Emissionen liegt das riesige Land bereits auf Platz zwei hinter den USA. Bei den historischen Pro-Kopf-Emissionen indes rangiert China noch unter ferner liefen. Doch die Entwicklung hat sich umgekehrt: Die Emissionen der alten Industriestaaten stagnieren oder sinken seit Jahren, während der Globale Süden für rund 95 Prozent des weltweiten Emissionsanstiegs im letzten Jahrzehnt verantwortlich ist und 2023 bereits 75 Prozent der globalen Emissionen verursachte.

Selbst wenn alle Industrienationen ihre Emissionen sofort auf Null bringen würden, wäre das globale Klimaziel weit entfernt, weil die Emissionen wegen der fortschreitenden Industrialisierung in den Schwellenländern Asiens und Afrikas stark steigen. Geringe Produktionskosten und schwache Umweltregulierungen führen obendrein dazu, dass energieintensive Industrien, die in Schwellenländer verlagert werden, pro erwirtschafteter Einheit mehr CO₂ produzieren.

China demonstriert, dass der Nutzen westlicher Innovationen universal ist. Durch Öffnung, Handel, ausländische Direktinvestitionen und die Übernahme westlicher Technologien verwandelte sich das Land von einer armen, isolierten Planwirtschaft zur Weltmacht. Gleichzeitig trägt China heute wesentlich zu den weltweiten Emissionen bei und kann daher nicht mehr als reiner Nutznießer ohne Verantwortung betrachtet werden. Andere Schwellenländer wie Indien folgen dem Weg.
Ohne den westlichen Fortschritt wären Abermillionen Menschen frühzeitig gestorben, oder hätten ein weitaus härteres Leben geführt. Aus moralischer Sicht muss die Debatte also beide Seiten betrachten: die Belastung der Umwelt und die beispiellosen Wohltaten für die Menschheit. Die westlichen Industrieländer verursachten einen großen Teil der historischen Emissionen, doch dieselbe Industrialisierung brachte der Menschheit ihre bei Weitem beste Zeit, einen ungeahnten Ausweg aus dem seit Menschengedenken normalen Elend.

Klimaschutz erfordert globale Kooperation und eine ausgewogene Gewichtung von Verantwortung und Nutzen. Nur so lässt sich die Doppelaufgabe erfüllen, den durch die Industrialisierung geschaffenen Wohlstand zu bewahren und zu mehren und die Umwelt für kommende Generationen zu schützen.

Das Prinzip der gemeinsamen, aber differenzierten Verantwortung bleibt sinnvoll – insbesondere, wenn es darum geht, dass ärmere Länder nicht in ihrer Entwicklung eingeschränkt werden. Doch „Differenzierung“ sollte kein Freibrief sein. Faire Politik muss Anreize schaffen, damit alle Länder entsprechend ihrer Fähigkeiten Emissionen senken und zugleich technologischen Fortschritt fördern. Nie ging es der Menschheit besser als heute, den Pionieren der Industrialisierung im Westen sei Dank.

Axel Bojanowski ist Chefreporter Wissenschaft bei WELT. In seinem neuen Buch „33 erstaunliche Lichtblicke, die zeigen, warum die Welt viel besser ist, als wir denken“ erzählt er von ignorierten Fortschrittsgeschichten.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen