Die Disruption muss kommen (Cicero)
Weichspülerpartei CDU
Gleichzeitig gibt es für die CDU gewichtige Gründe inhaltlicher Art, trotz babylonischer Gefangenschaft hinter der Brandmauer auf Distanz zur AfD zu bleiben. Zu nennen wären ernstzunehmende chauvinistisch-nationalistische Anwandlungen zumindest in Teilen des blauen Lagers ebenso wie eine laut Allensbach-Erhebung beim AfD-Elektorat kaum vorhandene Bereitschaft zu tiefgreifenden Sozialstaatsreformen. Nicht zu vergessen die bei der „Alternative für Deutschland“ weitverbreitete Russland-Verharmlosung bis hin zu einer Anhimmelei Putins. Wäre die AfD nicht in der Opposition isoliert und befände sie sich aufgrund permanenter Dämonisierung nicht in einer zusammenschweißenden Dauerabwehrhaltung, hätten interne Bruchlinien bei vorgenannten Themen übrigens schon längst ihre Wirkung entfaltet. Aber wenn sich Tino Chrupalla nicht gerade wie am vorigen Dienstag in der Talkshow von Markus Lanz als Putin-Apologet betätigt, kann sich die Partei nach außen als weitgehend monolithischer Block präsentieren – was keineswegs den Tatsachen entspricht.
Zwangsläufig selbstzerstörerisch
Dabei
gibt es bei der Alternative sehr wohl unterschiedliche Strömungen
genauso wie grundbürgerliche Protagonisten, denen die Union (wenn nicht
sogar die SPD) im Zweifelsfall näher steht als irgendwelche
thüringischen Scharfmacher aus dem völkischen Milieu. Auch sie sind aber
hinter der Brandmauer kaltgestellt, genauso wie es auf der anderen
Seite CDU-Bundestagsabgeordnete gibt, die es kaum noch ertragen können,
sich in der schwarz-roten Koalition ständig nach den Befindlichkeiten
der Sozialdemokraten und ihres sensiblen Parteivorsitzenden richten zu
müssen. Derweil schreitet der wirtschaftliche Niedergang Deutschlands
mit unvermindertem Tempo fort, und am Ende ist man auch noch auf die
Linkspartei angewiesen, um politisch halbwegs über die Runden zu kommen.
So viel politische Selbstverleugnung ist auf Dauer zwangsläufig
selbstzerstörerisch. Doch ein Ausweg scheint nicht in Sicht. Es sei
denn, man hofft weiterhin, dass die SPD „zur Vernunft findet“, wie es
ein CDU-Landesminister hinter vorgehaltener Hand formulierte.
Strategisch steht die Union mit erkennbar leeren Händen da.
Dabei wären klare Richtungsentscheidungen dringender denn je. „Freiheit statt Sozialismus“ lautete der Slogan der CDU zur Bundestagswahl 1976. Würde dieselbe Partei diesen Spruch im Jahr 2025 plakatieren, machte sie sich lächerlich, weil sie in den vielen Großen Koalitionen längst jede Glaubwürdigkeit verspielt hat. Auch das hat selbstverständlich zu ihrem Bedeutungsverlust beigetragen. Das inzwischen inflationäre Bekenntnis der Union zur „Mitte“ ist in Wahrheit nämlich kein politischer Standpunkt: Wenn die gesellschaftlichen Pole von den sattsam bekannten Kulturkämpfern an den Hochschulen und in den Medien neu verortet und konsequent nach links verschoben werden, wandert die „Mitte“ definitionsgemäß in dieselbe Richtung mit. So macht man sich zum Spielball fremder Interessen.
Überholtes Parteiensystem
Das deutsche Parteiensystem bundesrepublikanischer Prägung scheint durch den Aufstieg der AfD zur mit Abstand größten Oppositionspartei inzwischen an sein Ende zu kommen, weil es zur dauerhaften politischen Selbstblockade führt – und das auch noch in Zeiten, die mutiges Voranschreiten erfordern. Andere Länder sind da viel weiter, weil traditionelle Parteien dort nicht zum sakrosankten Mobiliar der Demokratie zählen. Das geht nicht immer gut, siehe Frankreich, wo es mit Emmanuel Macrons einstiger bürgerlich-liberalen Sammlungsbewegung La République en Marche wohl kein gutes Ende nehmen wird. In Italien dagegen scheint es Giorgia Meloni mit ihren Fratelli d’Italia durchaus gelungen zu sein, alte Verkrustungen aufzubrechen. Für Deutschland ist so etwas kaum vorstellbar.
Dabei ist eine Disruption im bundesrepublikanischen Parteiensystem praktisch unausweichlich: Ein Land, das mehrheitlich mitte-rechts tickt, kann auf Dauer nicht unter links-grüne Hegemonie gestellt werden – zumindest dann nicht, wenn man es ernst nimmt mit der Demokratie. Ein Sammelbecken für pragmatische Unions-Anhänger, für vernünftige AfDler, konsternierte Ex-FDP-Wähler und nicht zuletzt auch für bürgerliche SPD-Realisten vom Typ eines Peer Steinbrück wäre nicht nur ein echter Befreiungsschlag mit dem Potenzial, die Frustration der Deutschen über die politische Sklerose aufzulösen. Es könnte sogar direkt Gestaltungskraft erlangen, wenn sich im bestehenden Bundestag die richtigen Leute dafür zusammenfänden.
Klingt utopisch? Mag sein. Aber besser, man hat die Disruption selbst in der Hand, als dass sie über einen kommt. Und kommen wird sie so oder so.

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