18 November 2025

Der andere Blick - BSW hat recht. Ohne das Vertrauen der Bürger stirbt die Demokratie: Die Bundestagswahl sollte neu ausgezählt werden (NZZ)

"Ich halte es für völlig unwichtig wer abstimmt und für wen. Äußerst wichtig hingegen ist, wer die Stimmen auszählt und wie." Josef Stalin
Der andere Blick
Das BSW hat recht.
Die Bundestagswahl sollte neu ausgezählt werden (NZZ)
Das Bündnis Sahra Wagenknecht zweifelt das Wahlergebnis an und will mit Laternen vor das Parlament ziehen. Die Vertreter der anderen Parteien wären gut beraten, den Protest ernst zu nehmen.
von Marc Felix Serrao, 17.11.2025, 3 Min
Während der deutsche Kanzler mit seiner Partei um die Zukunft der Rente ringt und sein Stellvertreter von der SPD in China das harzige Verhältnis zum wichtigsten Handelspartner verbessern will, versammeln sich an diesem Montagabend ein paar Menschen mit Laternen vor dem Bundestag. Es ist ein Protest, der vermutlich keine Schlagzeilen machen wird. Dennoch wären die im Parlament vertretenen Parteien gut beraten, ihn ernst zu nehmen.
Mit seiner «Laternendemo» will das Bündnis Sahra Wagenknecht, kurz BSW, Druck auf den Wahlprüfungsausschuss des Bundestages ausüben. Das Gremium hat die Aufgabe, die Beschwerde des BSW gegen das jüngste Wahlergebnis zu überprüfen; der Partei fehlten im Februar nur 9529 oder 0,019 Prozent aller abgegebenen Stimmen zum Einzug ins Parlament. Doch der Ausschuss lässt sich Zeit. Seine Mitglieder sind seit Juni im Amt, die Beschwerde liegt schon seit April vor.
Nichts ist so wichtig wie der Wählerwille
Über das zähe Verfahren ist das BSW zu Recht verärgert. Nichts sollten Volksvertreter in einer Demokratie mit mehr Dringlichkeit behandeln als die Frage, ob der Wählerwille möglicherweise missachtet wurde. Schon der Verdacht ist heikel.
Dass es gute Gründe gäbe, die Wahl zu überprüfen, behauptet nicht nur die Wagenknecht-Partei selbst. Auch namhafte Juristen und Sozialwissenschafter unterstützen die Forderung. Die Politologen Uwe Wagschal und Eckhard Jesse etwa haben in einem Gastbeitrag für die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» etliche «Ungereimtheiten» präsentiert.
Ein Beispiel: Weil die kaum bekannte Kleinstpartei Bündnis Deutschland, kurz BD, in fünfzehn der sechzehn deutschen Bundesländer auf dem Stimmzettel direkt über dem BSW gestanden habe, sei es offensichtlich zu Verwechslungen gekommen, schreiben die Wissenschafter – durch die Wähler, aber auch durch die Wahlhelfer. So seien in einzelnen Wahlbezirken Dutzende Stimmen auf das BD und null Stimmen auf das BSW entfallen, obwohl die letztgenannte Partei fast 33 Mal so stark sei.

Ein zweites Beispiel: In «linken Hochburgen» habe das BSW im Vergleich zur Gesamtheit der Wahlbezirke auffallend viele ungültige Stimmen gehabt. Davon sei übrigens auch die AfD betroffen gewesen. «Man könnte meinen: Es zählt, wer auszählt», schreiben Jesse und Wagschal. Eine beunruhigende Vorstellung.

Es mag gute Gründe geben, das BSW abzulehnen. Die Nähe zum russischen Regime gehört dazu oder auch der Ritt auf der Welle des Israel-Hasses. Aber es gibt keine guten Gründe, die Forderung der Partei nach einer Neuauszählung der Stimmen abzulehnen.

Wem dienen die Mitglieder des Ausschusses?

Der Wahlprüfungsausschuss sollte seine Empfehlung ans Plenum schnellstmöglich fertigstellen, am besten noch in diesem Jahr. Die monatelange Warterei nährt den Verdacht, dass parteipolitische Interessen und der Erhalt der schwarz-roten Regierungskoalition manchen Abgeordneten wichtiger sein könnten als die Legitimität der Legislative. Fünf von neun Mitgliedern des Gremiums gehören den Fraktionen von Union und SPD an.

Falls das Parlament eine Neuauszählung der Stimmen ablehnt, wovon auszugehen ist, ist für das BSW der Weg frei für eine Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht. Sollte das höchste Gericht dann im Sinne der Partei entscheiden, gäbe es wenig später endlich Klarheit: Entweder bliebe das BSW unter 5 Prozent; in dem Fall könnte der Bundestag weiterarbeiten, und die Zweifler müssten Ruhe geben. Oder es gäbe ein neues Parlament und damit auch eine neue Regierung. Denn die Fraktionen von Union und SPD hätten keine Mehrheit mehr.

Politische Stabilität ist wertvoll. Aber das Vertrauen in die Demokratie ist wertvoller. Und in Deutschland nimmt es seit Jahren ab. Eine transparente Neuauszählung der Stimmen wäre auch deshalb kein Zeichen von Schwäche, sondern eines von Stärke. Es würde den Bürgern beweisen, dass ihr politisches System vom Vertrauen in die eigenen Verfahren geprägt ist und nicht von der Furcht vor Konsequenzen.

Der kleine Laternen-Protest des BSW schafft es an diesem Montag möglicherweise nicht einmal in die «Tagesschau». Aber seine Botschaft ist unabhängig von der Partei und ihren Überzeugungen richtig: Demokratie braucht Licht. Wo es fehlt, blüht das Misstrauen.

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