07 April 2026

Mond-Mission - Nutella ergattert den wertvollsten Werbespot aller Zeiten – und muss dafür nichts zahlen (WELT+)

Eine Sternstunde für Ferrero
Mond-Mission
Nutella ergattert den wertvollsten Werbespot aller Zeiten – und muss dafür nichts zahlen (WELT+)
Von Moritz Seyffarth, Philipp Vetter, 07.04.2026, 3 Min
Mehr Glück kann man als Marke nicht haben: Beim Rekord-Flug der Artemis-2-Mission um den Mond schwebt plötzlich ein Glas Nutella durchs Bild. Experten schätzen den Wert der unfreiwilligen Werbung auf einen dreistelligen Millionenbetrag.
Es sind nur noch drei Minuten und 51 Sekunden bis zu dem Punkt der Artemis-2-Mission, an dem die vier Astronauten so weit entfernt sind von der Erde wie noch nie ein Mensch zuvor. Gebannt starren Weltraum-Fans auf der ganzen Welt auf den Live-Stream der US-Raumfahrtbehörde Nasa, um den historischen Moment zu verfolgen. Und dann passiert es: Plötzlich schwebt – klar zu erkennen – ein Nutella-Glas durchs Bild.
Die Nuss-Nugat-Creme war quasi aus dem Regal gefallen, als Astronautin Christina Koch kurz zuvor etwas in einer Plastiktüte verstaut und weggeräumt hatte. Das Glas fällt der Crew erst gar nicht auf und so schwebt es sekundenlang durch das ganze Raumschiff Orion.
Ein offenbar ungeplanter Zufall, der Nutella und der Herstellerfirma Ferrero einen Werbewert in Höhe eines dreistelligen Millionenbetrags verschafft, schätzt Experte Thomas Heyen von der Werbeagentur Jung von Matt. „Bei dem fliegenden Nutella-Glas handelt es sich vermutlich um einen Sechser im Lotto, von dem jede Marke träumt“, sagt Heyen WELT. „Eine massive globale Reichweite, die Ferrero da geschenkt wurde. Und das mutmaßlich ohne eigenes Zutun.“
Zusätzlich zu der Reichweite des eigentlichen Live-Streams, in dem das Glas zu sehen, profitiert der Hersteller auch noch von der Berichterstattung in anderen Medien, die durch die unfreiwillige Reklame ausgelöst wird und sie so noch verstärkt. „Bei einem weltweiten Ereignis steigt die Reichweite in die Milliarde Kontakte“, schätzt Heyen. 
Und Kontakte zu potenziellen Nutella-Käufern sind in der Werbung eben bares Geld wert. „Der Media-Äquivalenz-Wert erreicht dann bis zu dreistellige Millionenbeträge. Also das Budget, das ein Unternehmen investieren müsste, um die selbe Anzahl an Menschen über regulär gebuchte Werbekanäle zu erreichen“, sagt Heyen.
„Das perfekte Product Placement“

05 April 2026

Raketen auf Mannheim – die Israeli haben die Lektion der Vernichtung spätestens am 7. Oktober 2023 gelernt, die Europäer träumen immer noch weiter (NZZ)

Gastkommentar
Raketen auf Mannheim – die Israeli haben die Lektion der Vernichtung spätestens am 7. Oktober 2023 gelernt, die Europäer träumen immer noch weiter (NZZ)
Lange hat Europa zugesehen, wie in Iran ein mörderisches Regime islamischer Fanatiker ein militärisches Arsenal aufbaute, das nicht nur Israel und die USA mit Vernichtung drohte, sondern auch den Nahen Osten auf Dauer zerrüttete. Die Zeit dieser Lebenslüge ist abgelaufen.
Seit dem iranischen Angriff auf die britisch-amerikanische Luftwaffenbasis Diego Garcia im Indischen Ozean mit einer Rakete von 4000 Kilometern Reichweite ist klar, dass auch Europa im Einschussbereich des Teheraner Regimes liegt. Was derzeit schon für die arabischen Nachbarstaaten und Israel Alltag ist und für die Türkei, Aserbaidschan und Zypern zumindest eine reale Bedrohung darstellt, könnte auch Berlin, Zürich, Paris oder Rom treffen. Durch russische Satellitenaufnahmen und Geheimdienstinformationen ist die iranische Führung über strategisch lohnende Ziele gut im Bilde.
Angesichts der internationalen Bedrohung stellt sich die Frage, wie es möglich war, dass ein mörderisches Regime islamischer Fanatiker jahrzehntelang ungestört ein Raketenarsenal bauen und Uran für Atomwaffen anreichern konnte, obwohl seine Sprecher dem Westen den permanenten Krieg angesagt und ganz offen ihre Vernichtungsabsichten erklärt hatten.
Ohne Frage wurde die Gefahr im Westen unterschätzt. Man hat den Massenmördern in Teheran immer wieder die Hand gereicht, sich in «Verhandlungen» und «Gesprächen» hinhalten lassen, man hat mit ihnen Geschäfte gemacht und – von Israel abgesehen – tatenlos hingenommen, dass sie in den Ländern des Nahen Ostens ihre Milizen aufgebaut haben. Und das ist vielleicht die erste positive Wirkung des Krieges: dass man die Gefahr nun nicht mehr leugnen kann, dass der Westen gezwungen ist, einzugreifen und endlich seine technologische und militärische Überlegenheit ins Spiel zu bringen.
Sympathisch, aber naiv
Aus muslimischer Weltsicht ist es nur als Schwäche und Feigheit erklärbar, dass die Länder des Westens, obwohl sie die bei weitem stärkeren Waffen besitzen, zugleich eine fast unüberwindliche Scheu zeigen, sie einzusetzen. «Nie wieder Krieg!» ist eine sympathische, im von zwei Weltkriegen traumatisierten Europa verständliche, aber auch naive Formel. Wenn man angegriffen wird, ist Krieg unvermeidlich, es sei denn, man hätte suizidale Neigungen.
Wer ehrlich ist und die Situation nüchtern ins Auge fasst, muss sich eingestehen, dass Krieg mittlerweile zu unserer eigenen Realität gehört.

Dass Europa seit 1945, also seit acht Jahrzehnten, keinen grösseren Krieg mehr erlebt hat (wenn man die Sezessionskriege nach dem Untergang Jugoslawiens einmal grosszügig ausser acht lässt), ist eine historische Ausnahmeerscheinung. Diese Jahrzehnte haben genügt, das Gefahrenbewusstsein der europäischen Gesellschaften einzuschläfern und die Jugend in untätige Fatalisten zu verwandeln. Doch die Friedfertigkeit von religiös fanatischen, Jihad-frommen Muslimen lässt sich nicht durch Überredung oder, wie in der Kindererziehung, durch gutes Beispiel erreichen. Jetzt, im dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, liegt auch in Europa Krieg in der Luft, und wer ehrlich ist und die Situation nüchtern ins Auge fasst, gesteht sich ein, dass «der Krieg», diese unbedingt zu verhindernde Ungeheuerlichkeit, von nun an zu unserer eigenen Realität gehört.

03 April 2026

FOCUS-Kolumne von Jan Fleischhauer - Adieu Rechtsstaat? Fernandes, Ulmen und die neue Ordnung

FOCUS-Kolumne von Jan Fleischhauer
„Eine Unschuldsvermutung nützt wenig, wenn der soziale Tod schon eingetreten ist." Deshald neues Social-Media-Recht:
"Der Schuldspruch des Gerichts wird durch das Votum des Volkes ersetzt. An die Stelle der Jury tritt ein Schnellgericht aus Justizministerin, Talkshowmoderatorin und Journalisten. Am Ende gibt es wie beim Eurovision Song Contest einen Zuschauer-Entscheid, bei dem jeder über das Versenden eines Likes oder Nicht-Likes sein Votum abgeben kann. Hand aufs Herz: Ist das nicht auch viel demokratischer."
Adieu Rechtsstaat? Fernandes, Ulmen und die neue Ordnung
Freitag, 03.04.2026
Beharren auf der Unschuldsvermutung? Sorgfaltspflicht bei der Verdachtsberichterstattung? Verzicht auf Pauschalisierungen? Auf dem Weg zu einer radikal gerechten Gesellschaft muss alles auf den Prüfstand.
Der Rechtsstaat ist eine Zumutung. Er verlangt von uns, mit dem Schuldspruch zu warten, bis ein ordentliches Gericht sein Urteil fällt. Und das, obwohl man sich in der Regel längst über die Schuld des Täters einig ist. Wir sind sogar gehalten, anschließend gegen besseres Wissen einen etwaigen Freispruch zu akzeptieren. Das ist doch eine Farce!Im Grunde gehört dieses System abgeschafft und durch eine fortschrittlichere Variante ersetzt, die den Erfordernissen einer radikal gerechten Gesellschaft entspricht. Zum Glück sind wir dank vieler mutiger Menschen in den vergangenen Tagen auf dem Weg einen großen Schritt vorangekommen.
Mit Tätern macht man kurzen Prozess
Die Bundesjustizministerin hat bei "Caren Miosga" gezeigt, wie feministische Rechtspflege aussieht. Anstatt sich auf die Neutralitätspflicht zu berufen, die von allen Regierungsmitgliedern Zurückhaltung in offenen Verfahren verlangt, hat sie sich an die Seite der Schauspielerin Collien Fernandes gestellt.
Die Ministerin selbst hat das bescheiden zurückgewiesen. Sie wolle sich nicht zum Fall selbst äußern. Aber das Signal, das von ihrem Auftritt ausging, haben alle verstanden: 100 Prozent Solidarität mit der bedrängten Frau. Hätte sie sich auch mit dem angeklagten Mann in eine Talkshow gesetzt? Selbstverständlich nicht! Mit Tätern macht man kurzen Prozess, da wird nicht lange diskutiert.
"Entdecke den Ulmen in dir"
Wir lernen dieser Tage vieles neu. Wir lernen zum Beispiel, dass auch Pauschalisierungen wieder in Ordnung sind. Dass man nicht vom Verhalten Einzelner auf die Gruppe schließt, das war gestern. Der fortschrittliche Mensch denkt weiter. Deshalb sind auch alle Männer aufgefordert, ihre Mitschuld zu bekennen. "Entdecke den Ulmen in dir", lautet die Aufforderung.
Gut, für muslimische Männer brechen schwere Zeiten an. Bei Verstößen gegen die sexuelle Selbstbestimmung führen Zuwanderer aus Afghanistan, Marokko oder Syrien im Vergleich zu ihren deutschen Geschlechtsgenossen im Verhältnis zehn zu eins. Bereinigt man die sogenannte Tatverdächtigenbelastungszahl um den Einfluss von Alter und sozialer Herkunft, liegt die Zahl immer noch etwa viermal so hoch. Das sind sozusagen vier Ulmen pro Syrer oder Afghane.
Generalverdacht ist das Gebot der Stunde

Der Wal und der Wolf - „Timmy“, der Wolf – und der Kitsch der Großstädter (WELT+)

Der Wal und der Wolf
„Timmy“, der Wolf – und der Kitsch der Großstädter (WELT+)
Von Franziska Zimmerer, Mitglied der Redaktionsleitung, 03.04.2026, 4 Min
Tagelang verfolgen die Menschen das Schicksal eines Wales und eines Wolfes. Gerade städtische Milieus neigen dabei zur Romantisierung. Aber Wildnis bedeutet immer auch Grausamkeit und Brutalität.
Großstädter haben ein kurioses Verhältnis zu Tieren. Sie lassen ihre Wuschelwesen in ihren Boxspringbetten schlafen, basteln ihnen Leckerlis zum Geburtstag und ziehen sie angeleint über vielbefahrene Straßen. Sie nennen sich Tierschützer, während sie ihre „besten Freunde“ auf 60 Quadratmetern einsperren und von der Natur fernhalten. Für Städter ist dieses Verhalten nicht widersprüchlich. Sie halten die Natur für beherrschbar und für ein Ausflugsziel am Wochenende. Und so schauen die Städter gerade auf zwei wilde Tierstars, über die seit Tagen berichtet wird: Es geht um das Schicksal eines namenlosen Wolfes und um Buckelwal „Timmy“.
Der Nahe Osten brennt, Donald Trump denkt über einen Nato-Austritt nach, und ein Ex-Dschihadist wird vom Bundespräsidenten hofiert. Doch nichts produziert mehr Buzz als die Schnüffelroute des Wolfes ohne Namen in Hamburg, nichts erregt mehr Seufzer als „Timmys“ Gesundheitszustand: „Alle vier Minuten ein Atemzug“ oder „Minister schließt Euthanasie aktuell aus“, heißt es da.
Dem Wolf war von der Umweltbehörde Hamburg zunächst „ein stark ausgeprägtes Fluchtverhalten“ attestiert worden, von dem „keine unmittelbare Bedrohung für Menschen ausgehe“. Was richtig war bis zu jenem blutigen Moment, als der Wolf ohne Namen einer Hamburgerin ins Gesicht biss. Kurze Zeit später wurde er am Jungfernstieg an der Binnenalster gefangen.
Noch mehr Medienspektakel löst nur die Ostsee-Odyssee von „Timmy“ aus. Der Buckelwal strandete mehrmals auf Sandbänken vor Timmendorf, Wismar und Poel, konnte von Behörden und Wissenschaftlern immer wieder ins Wasser begleitet werden. Der Boulevard livetickert seit Tagen den „Krimi um Timmy“. Am Mittwoch trat Till Backhaus, Landwirtschaftsminister von Mecklenburg-Vorpommern, mit brüchiger Stimme vor die Presse und sagte: „Es ist ein sehr emotionaler Tag.“ Die Hilfsbemühungen würden eingestellt, der Wal brauche Ruhe. „Er muss sich selbst helfen können. Er muss es wollen.“ Der Minister äußerte „absolute Hochachtung“ vor dem Tier. Man hat selten einen Politiker aus Norddeutschland so emotional gesehen.
Die Aufregung um die beiden Tiere ist weniger eine Geschichte über die Natur, sie ist eher ein Spiegel. Die Gesellschaft erlebt die Rückkehr des Unverfügbaren und eine Wildnis mit Grausamkeit und Brutalität.

02 April 2026

Der andere Blick - Das Gerichtsurteil aus Saarbrücken wirft Fragen auf. Wer einen Polizisten tötet, verdient keinen Freispruch (NZZ)

Der andere Blick

Das Gerichtsurteil aus Saarbrücken wirft Fragen auf. Wer einen Polizisten tötet, verdient keinen Freispruch (NZZ)
Ahmet G. tötete einen Streifenpolizisten auf besonders brutale Weise. Psychische Probleme mögen dabei eine Rolle gespielt haben. Doch der Schluss der Richterin, er sei schuldunfähig gewesen, wirkt nicht plausibel. Und das Urteil sendet ein fatales Signal.
von Nathan Giwerzew, Berlin, 02.04.2026, 4 Min
Polizisten tragen im demokratischen Rechtsstaat eine besonders grosse Verantwortung. Indem sie die Bürger schützen, sorgen sie zugleich dafür, dass das gesamte Gemeinwesen funktioniert. Dafür haften sie mit ihrem Leben. Zu Recht werden deshalb in Deutschland Angriffe auf Polizisten besonders hart bestraft.
Gerade vor diesem Hintergrund wirft das Gerichtsurteil gegen den 19-jährigen Ahmet G. Fragen auf. Die Saarbrücker Richterin Jennifer Klingelhöfer sprach den Deutschtürken, der einen Polizisten getötet hatte, vom Vorwurf des Mordes frei. Sie liess bloss den Tatbestand des besonders schweren Raubes gelten und ordnete die unbefristete Einweisung des Mannes in eine forensische psychiatrische Klinik an.
Ein Blick zurück auf den 21. August 2025: Gegen 18 Uhr stürmte G. eine Tankstelle im saarländischen Völklingen, er erbeutete 600 Euro. Als der 34-jährige Streifenpolizist Simon Bohr mit einem Kommissaranwärter anrückte, um ihn festzunehmen, entriss G. dem Kommissaranwärter die Dienstwaffe. Nach einigen Schüssen ging Bohr zu Boden. G. schoss auf ihn das gesamte Magazin leer. Der letzte Schuss traf Bohr in den Kopf.
Die Richterin befand, dass alles bis auf den Raub im Wahn geschehen sei. Sie argumentierte, dass G. nicht nur an einer paranoiden Schizophrenie leide, sondern auch an einer Angststörung. Dabei stützte sie sich auf ein vom Gericht bestelltes psychologisches Gutachten. Die Angst habe während des Polizeieinsatzes «sein Denken übernommen», sagte sie. Das mag zumindest teilweise so gewesen sein. Ausserdem sei er aufgrund seiner Schizophrenie nicht schuldfähig gewesen. Das ist nicht plausibel.
Das Urteil der Richterin wirkt weltfremd
Sicher, wer als Richter über psychisch kranke Straftäter urteilt, betritt einen schmalen Grat. Und doch ist das Urteil gleich aus mehreren Gründen fragwürdig. Zum einen wirken die Ausführungen der Richterin so, als habe sich G. bedroht gefühlt und aus eingebildeter Notwehr gehandelt. Der Tathergang spricht aber weniger für eine Panikreaktion als für ein gezieltes, kontrolliertes Vorgehen.
Zum anderen widersprechen die Ausführungen des Gutachters dem Bild vom Schizophrenen, der wie fremdgesteuert gehandelt habe. Zwar kam auch der Gutachter zu dem Schluss, dass G. nur vermindert schuldfähig gewesen sei. Er stellte aber auch fest, dass G. nicht nach dem Befehl eingebildeter Stimmen gehandelt habe – weder beim Überfall selbst, noch als er auf Bohr schoss. Er sei bloss nicht dazu in der Lage gewesen, sein Tun zu kontrollieren und zu reflektieren.
Doch selbst da stellen sich Fragen. Wie kann jemand, der einen geplanten Raubüberfall begeht, nur kurz darauf so sehr psychisch entgleisen, dass er einem Polizeianwärter die Waffe entreisst und dessen Kollegen erschiesst? Die Erzählung vom Kontrollverlust strotzt nur vor Widersprüchen. Und auch vermindert Schuldfähige können zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt und bis auf weiteres in einer psychiatrischen Klinik untergebracht werden, wie etwa der Fall des Mannheimer Amokfahrers Alexander S. belegt.

Steinmeiers Warnung - Konsequent werden alle zu Demokratiefeinden erklärt, die einen anderen Wertekompass haben (WELT+)

Steinmeiers Warnung
Konsequent werden alle zu Demokratiefeinden erklärt, die einen anderen Wertekompass haben (WELT+)
Von Michael Sommer, 31.03.2026, 8 Min
Nur ein Prozent aller Deutschen sind mit der Demokratie grundsätzlich unzufrieden. Trotzdem wird ständig vor ihrem Untergang gewarnt, auch vom Bundespräsidenten. Warum die identitäre Wertedemokratie von Steinmeier & Co eine Gefahr ist.
Wie gefährdet ist die Demokratie? „Wir alle in Deutschland spüren es: Unsere Art zu leben, unsere Freiheit und Demokratie sind heute so bedroht wie seit Langem nicht mehr“, schrieb zum „Tag der Demokratiegeschichte“ Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in einem Gastbeitrag für das Redaktionsnetzwerk Deutschland, mit dem er der Ausrufung der Mainzer Republik am 18. März 1793 gedachte. „Verächter der Demokratie im Innern“ und „imperiale Großmächte von außen“ seien die Akteure, von denen die Gefahr ausgehe. „Selbstbehauptung“ sei „das Gebot der Stunde“.
Er sagt es nicht, aber man ahnt, wer die Großmächte mit der dicken Hose sind, die Steinmeier unter die Gefährder listet: Putins Russland, die Volksrepublik China, vielleicht auch Regime mit imperialen Ambitionen wie Erdogans neo-osmanistische Türkei und die Mullah-Diktatur im Iran. Wer an Grönland und Venezuela denkt, könnte versucht sein, auch die USA der MAGA-Ära in diese Liga zu reihen. Kein Zweifel: Gegen das Recht des Stärkeren, das diese Akteure auf der internationalen Bühne durchsetzen wollen, ist Selbstbehauptung gefragt. 
Und natürlich gibt es hierzulande so manche Verächter der Demokratie. Wieder hüllt sich Steinmeier in Schweigen, wen konkret er meint, aber einem kommen spontan Links- und Rechtsextremisten, Islamisten und aus dem Ausland importierte Ultranationalisten wie die Grauen Wölfe in den Sinn. Jeder dieser Feinde der freiheitlich-demokratischen Grundordnung (FdGO) ist einer zu viel. Die Frage ist: Gibt es von diesen ohne Frage unappetitlichen Gestalten so viele, dass „unsere Demokratie“ deswegen in Gefahr ist? Oder anders gefragt: Laufen wir Gefahr, wie einst Weimar, eine Demokratie ohne Demokraten zu werden?

Aufschluss darüber, mit wie vielen Gefährdern wir es zu tun haben, gibt die Ausgabe 2025 des von Forschern aus Halle, Jena und Mannheim regelmäßig erhobenen „Deutschland Monitor“. Wie immer wurden die insgesamt rund 4000 Befragten um ihre Meinung zur Demokratie, zur Verfassungsordnung in der Bundesrepublik und zum Funktionieren der Demokratie gebeten. Wie schon in den Vorjahren gab die überwältigende Mehrheit an, mit der Demokratie „sehr“ (74 Prozent) oder „eher zufrieden“ (24 Prozent) zu sein. Zwischen West- und Ostdeutschland unterschied sich das Ergebnis lediglich mit Blick auf den Intensitätsgrad der Zufriedenheit. 

01 April 2026

100 Jahre zurück - Alle deutschen Kanzler – von Bismarck bis heute.

Alle deutschen Kanzler – von Bismarck bis heute.
Die Geschichte Deutschlands ist untrennbar mit den Persönlichkeiten verbunden, die das Land geführt haben – hier ein kompakter Überblick in je einem Satz pro Kanzler
Norddeutscher Bund & Deutsches Kaiserreich
• Otto von Bismarck (1867–1890) — Der „Eiserne Kanzler“, der Deutschland einte und mit geschickter Machtpolitik das Kaiserreich formte.

• Leo von Caprivi (1890–1894) — Leitete einen moderateren innen- und außenpolitischen Kurs ein und baute Handelsbeziehungen aus.

• Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst (1894–1900) — Galt als eher schwacher Vermittler zwischen Kaiser und Politik.

• Bernhard von Bülow (1900–1909) — För­derte eine aggressive Weltpolitik und stärkte Deutschlands internationale Rolle.

• Theobald von Bethmann Hollweg (1909–1917) — Führte Deutschland in den Ersten Weltkrieg und verlor zunehmend die Kontrolle über die Lage.

• Georg Michaelis (1917) — Erster bürgerlicher Kanzler, blieb jedoch politisch bedeutungslos.

• Georg von Hertling (1917–1918) — Versuchte vergeblich, das Reich in der Endphase des Krieges zu stabilisieren.

• Max von Baden (1918) — Leitete den Übergang zur Demokratie ein und verkündete die Abdankung des Kaisers.

Weimarer Republik

• Philipp Scheidemann (1919) — Rief die Republik aus und setzte erste demokratische Strukturen um.

• Gustav Bauer (1919–1920) — Unterzeichnete den Versailler Vertrag unter großem innenpolitischem Druck.

• Hermann Müller (1920; 1928–1930) — War einer der letzten stabilen demokratischen Kanzler vor der Krise.

• Constantin Fehrenbach (1920–1921) — Bemühte sich um politische Stabilität in schwierigen Nachkriegsjahren.

• Joseph Wirth (1921–1922) — Verfolgte eine Politik der Verständigung mit den Siegermächten.

• Wilhelm Cuno (1922–1923) — Regierte während der Hyperinflation und Ruhrbesetzung.

• Gustav Stresemann (1923) — Stabilisierte kurzfristig die Wirtschaft und wurde später Friedensnobelpreisträger.

• Wilhelm Marx (1923–1925; 1926–1928) — Führte mehrere Koalitionen durch politisch turbulente Zeiten.

• Hans Luther (1925–1926) — Setzte wichtige Finanz- und Währungsreformen um.

• Heinrich Brüning (1930–1932) — Regierte mit Notverordnungen und strenger Sparpolitik.

• Franz von Papen (1932) — Schwächte die Demokratie und ebnete indirekt den Weg für Hitler.

• Kurt von Schleicher (1932–1933) — Scheiterte mit dem Versuch, die politische Krise aufzuhalten.

Drittes Reich

• Adolf Hitler (1933–1945) — Errichtete eine totalitäre Diktatur und führte Deutschland in den Zweiten Weltkrieg.

Bundesrepublik Deutschland

• Konrad Adenauer (1949–1963) — Baute die Bundesrepublik auf und verankerte sie fest im Westen.

• Ludwig Erhard (1963–1966) — Stand für die soziale Marktwirtschaft und das Wirtschaftswunder.

• Kurt Georg Kiesinger (1966–1969) — Führte die erste Große Koalition in der Nachkriegszeit.

• Willy Brandt (1969–1974) — Leitete die Ostpolitik ein und erhielt den Friedensnobelpreis.

• Helmut Schmidt (1974–1982) — Bewies Führungsstärke in Krisen wie Terrorismus und Wirtschaftslage.

• Helmut Kohl (1982–1998) — Gilt als Kanzler der deutschen Wiedervereinigung.

• Gerhard Schröder (1998–2005) — Setzte tiefgreifende Arbeitsmarkt- und Sozialreformen um.

• Angela Merkel (2005–2021) — Prägte Europa durch lange Stabilität und pragmatische Politik.

• Olaf Scholz (2021–2025) — Führte das Land durch Zeiten multipler Krisen.

• Friedrich Merz (seit 2025) — Steht für einen wirtschaftsliberalen Kurs und neue politische Erwartungen.

Dieses Bild wurde mit Hilfe von KI (Künstlicher Intelligenz) erstellt.

31 März 2026

Der Fall Fernandes und die Gefahr der Empörungsgesetzgebung (Cicero+)

"Ich habe in meiner Praxis zu oft erlebt, dass am Anfang ein Vorwurf steht, der die Öffentlichkeit elektrisiert – und am Ende ein Freispruch, den niemand mehr liest. Dass ein Mensch öffentlich vernichtet wird, bevor auch nur eine Beweisaufnahme stattgefunden hat. Dass die Empörung das Urteil ersetzt. Und ich sehe dieses Muster gerade in Echtzeit – nur dass es diesmal nicht nur einen Einzelnen trifft, sondern die Grundrechte aller." (Rechtsanwalt Patrick Baumfalk)
Der Fall Fernandes und die Gefahr der Empörungsgesetzgebung (Cicero+)
Die Empörung im Fall Fernandes scheint zu ermöglichen, dass ein Überwachungsgesetz gemacht wird, obwohl der zentrale Vorwurf, auf dem die gesamte Debatte fußt, laut Verteidigung gar nicht erhoben wird. Die Folgen betreffen die Grundrechte aller Bürger.