Für die CDU ist alles zu spät (NZZ)
Lange
hatte die Volkspartei die Möglichkeit, die AfD zu integrieren – doch
sie liess Chance um Chance verstreichen. Nun hat sie nur noch schlechte
Optionen.
Auf
dem Gut Oblomowka lebt es sich fein. Tee trinken, Haselhuhn essen und
so viel schlafen, wie man will. So verbringt Ilja Iljitsch Oblomow seine
Kindheit als Adelsspross im zaristischen Russland. Veränderungen sind
ihm lästig. Briefe lässt er ungeöffnet. Schliesslich lebt er gut genug
von den Erträgen seines geerbten Landguts.
Dass
Friedrich Merz seine Post ignoriert, ist schwer vorstellbar. Doch die
Trägheit, an der seine Partei unter ihm krankt, steht jener des
russischen Titelhelden in nichts nach. Müde schlittert die CDU unter
Merz ihrem Untergang entgegen. Die Union von Helmut Kohl, Konrad
Adenauer und Ludwig Erhard steuert auf Bundesebene auf die
20-Prozent-Marke zu. Während ihre Konkurrenz von rechts, die AfD, die
30-Prozent-Zielmarke zu durchbrechen droht.
Böse Aussichten im Osten
Besonders
bitter ist die Lage im Osten. Sachsen-Anhalt wählt im September einen
neuen Landtag. Noch stellt die CDU dort den Ministerpräsidenten. Doch
die AfD liegt weit vor ihr. Sollte sich daran nichts ändern, bleiben der
CDU nach der Wahl nur trübe Aussichten: Entweder die AfD schafft den
Sprung in die Regierungsverantwortung – oder der Amtsinhaber Sven
Schulze müsste sich mit einer Minderheitsregierung abmühen, die sich von
der aus der SED-Nachfolgepartei PDS hervorgegangenen Linken
unterstützen lassen muss.
Die
schmerzhafte Wahrheit lautet: Für die CDU gibt es keine guten Optionen
mehr. Dafür sind nicht allein multiple Krisen verantwortlich, nicht
nur das fragmentierte Parteiensystem, sondern auch die Führung der
Partei selbst. Sie hat sich über Jahre auf eine Strategie gegenüber der
AfD festgelegt, ohne einen Plan B zu entwickeln, sollte das Ziel, sie
durch Ausgrenzung zu minimieren, verfehlt werden. Aber genau das ist
geschehen.
Wenn die
frühere CDU-Familienministerin Kristina Schröder nun fordert, sich
anzunähern, indem man «Bedingungen formuliert», um «überhaupt ins
Gespräch zu kommen», und sich an die «Moderaten» in der AfD wenden will,
dann muss man festhalten: Dafür ist es zu spät.
Denn
in der AfD wartet längst niemand mehr auf Angebote von den
Christlichdemokraten. Die Moderaten haben ohnehin nicht das Sagen. Das
Motto ist stattdessen: wir oder die. So stark werden, dass es auf die
CDU nicht mehr ankommt. «Organisches Wachstum» nennt das der Thüringer
Landeschef Björn Höcke. In Ostdeutschland fruchtet das bereits, wie sich in Sachsen-Anhalt zeigt.
Hinzu
kommt noch ein weiterer Hemmschuh: Nach Jahren maximaler Abgrenzung
müsste die CDU erklären, weshalb eine Zusammenarbeit plötzlich
vertretbar sein soll. Es wäre ein Drahtseilakt in tausend Kilometern
Höhe.
Schon Gedankenspiele werden bestraft







