Stigmatisierung
Ich will nicht „unsere Demokratie“, ich möchte das Original aus meinen alten Schulbüchern (WELT)
Von Harald Martenstein
Ich will nicht „unsere Demokratie“, ich möchte das Original aus meinen alten Schulbüchern (WELT)
Von Harald Martenstein
Statt sich mit den Ursachen des immer spektakuläreren AfD-Aufstiegs
ernsthaft auseinanderzusetzen, setzt man unverdrossen auf deren
Stigmatisierung – obwohl das nachweislich wirkungslos ist.
Die politische Linke kommt mir zurzeit vor wie ein Nichtschwimmer, der ins tiefe Wasser gefallen ist. Statt zu schwimmen, schlägt er wild um sich. So ertrinkt man. Statt sich mit den Ursachen des immer spektakuläreren AfD-Aufstiegs ernsthaft auseinanderzusetzen, setzt man unverdrossen auf deren Stigmatisierung, obwohl das nachweislich wirkungslos ist. Es wirkt nur noch hilflos.
Stigmatisiert wird trotzdem flächendeckend. Erstaunlich ist, was mit Alice Schwarzer geschieht, einer Frau, deren Lebensleistung halb Deutschland bewundert. Im „Spiegel“ wird sie von der Gestalt von historischem Rang, die sie ist, zur „umstrittenen Feministin“ heruntergestuft. Als sie kürzlich im Hamburger Staatstheater aus ihrem neuen Buch „Feminismus pur“ lesen wollte, forderten 340 Theaterbeschäftigte, sie auszuladen, unter der Parole „Keine Bühne für Hetze“. Die Veranstaltung konnte, unter Störungen, mit Müh und Not stattfinden.
Die Queerbeauftragte der Bundesregierung veröffentlichte – unter ihrem Amtslogo, also quasi regierungsoffiziell – eine Montage, die Schwarzer neben Donald Trump zeigt. Der Hauptvorwurf gegen Alice Schwarzer besteht darin, dass sie darauf beharrt, es gebe biologisch nur zwei Geschlechter. Das ist in der Biologie unumstritten. Der Satz „Hört auf die Wissenschaft!“ gehört zwar zum Standardrepertoire der woken Linken, aber sobald die Wissenschaft nicht die erwünschten Ergebnisse liefert, hört man diesen Ruf nicht mehr.
Wenn die Gesetze der Naturwissenschaften offen geleugnet werden, ist man
im Märchenwald angelangt. Könnte es nicht auch sein, dass die Sonne um
die Erde kreist? Gibt es Frau Holle wirklich? Falls es der Linken nützt,
dann gibt es sie.
Auch Alice Schwarzer hat nichts gegen sexuelle Vielfalt und sie will auch niemandem verbieten, in die Rolle eines Geschlechts zu schlüpfen, das dieser Person nicht in die Wiege gelegt wurde. Ihre „Transfeindlichkeit“ besteht zum Beispiel darin, dass sie keine biologischen Männer in jeder Frauensauna sehen will. Wieso toleriert man auf LSBTIQ-Seite diesen Wunsch nicht? Kann man nicht auch von Minderheiten manchmal ein gewisses Maß an Toleranz für die Mehrheit verlangen? Die Basis allen Miteinanders ist gegenseitiger Respekt. Nicht der Respekt nur für einige.
Saskia Esken und Erich Mielke








