Business Class Edition
Die Lehren des AfD-Erfolges
Gabor Steingart, 24.0.2024
Guten Morgen,
der Tag nach einer Wahl ist der grausamste, denn dann rollen die Köpfe. Der von FDP-Chef Christian Dürr ist gestern Mittag gefallen, die von Lars Klingbeil und Bärbel Bas wackeln noch. Derweil sich heute alle Medien mit den Verlierern befassen, lohnt ein
Blick in das Playbook der AfD, die bei den Landtagswahlen relativ am
besten abschloss. Sie konnte in Rheinland-Pfalz ihre Stimmen von 8,3 auf
19,5 Prozent mehr als verdoppeln und in Baden-Württemberg von 9,7 auf 18,8 Prozent fast verdoppeln.
Die Frage ist also nicht nur zulässig, sondern geboten:
Was gibt es bei den Rechtspopulisten, jenseits von Ideologie und
Denkungsart, zu lernen? Was sind die Zutaten ihres Erfolges, die zur
Nachahmung taugen, ohne dass man gleich das ganze Rezept nachkochen
muss?
Lernerfahrung #1: Kulturelle Identität bleibt Thema
Die
AfD spricht die Wählerinnen und Wähler nicht zuerst als
Wirtschaftssubjekte (CDU) und Sozialstaatskunden (SPD) an, sondern als
Mitglieder des abendländisch-christlichen Kulturkreises. Hier darf man
ohne schlechtes Gewissen deutsch, weiß und christlich sein, was
erkennbar auf viele Bürger nicht altmodisch, sondern heimelig wirkt.
Selbst
wenn dieselben Bürger in ihren Firmen (Global Player), in ihren
Essgewohnheiten (McDonald’s) oder auch in ihren Modepräferenzen (Zara,
H&M) durchaus als Globalisten erscheinen, wollen sie sich ihre Idee von Heimat nicht ausreden lassen.
Ihre Identität ist ihnen nicht weniger wichtig als den Neuankömmlingen
aus Syrien, Afghanistan und der Ukraine, die ihre ist. Sie würden die
Migration akzeptieren, aber wollen sie nicht feiern. An dem, was Dieter Nuhr „die Eucharistie der moralischen Überlegenheit“ nennt, nehmen sie nicht teil.
Viele dieser Wähler glauben zwar nicht an den von der AfD behaupteten
„Bevölkerungsaustausch“, aber sehen an Bahnhöfen, Marktplätzen und im
Klassenzimmer ihre kulturelle Dominanz in Gefahr. Politiker, die der
multikulturellen Gesellschaft das Wort reden, sind ihnen suspekt. Sie
nutzen den Wahltag zu einer kleinen Manifestation in eigener Sache: Bis hierher und nicht weiter.
Lernerfahrung #2: Wider die Kunstsprache der etablierten Politik