Sagen, wer Syrer ist (WELT+)
Dankenswerterweise verhehlt der Pressekodex gar nicht, worum es ihm geht – nämlich nicht etwa um die Interessen schutzbedürftiger Tatverdächtiger, sondern um gesellschaftspolitische Ziele. Journalisten sollen sich durch die verlangte Nicht-Nennung ausdrücklich mit der hehren Sache gemeinmachen, „einer diskriminierenden Verallgemeinerung individuellen Fehlverhaltens“ entgegenzuwirken, wie es wörtlich heißt: „Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.“ Regulierungsverliebt hat der Presserat jede Sachverhalts-Variante zu antizipieren versucht und dafür Handlungsanweisungen entwickelt, die sich „Praxis-Leitsätze“ nennen.
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Nach einem knappen Jahrzehnt sollte es selbstverständlich sein, zu hinterfragen, ob sich die Regeln in der Praxis als dienlich für die politischen Ziele erwiesen haben. Das Mindeste, was sich sagen lässt: Das Verschweige-Gelübde hat nicht verhindert, dass sich skeptische und feindliche Einstellungen gegenüber ethnischen und nationalen Minderheiten erheblich ausgebreitet haben. Und die Politik der Nicht-Nennung hat auch nicht verhindert, dass sich ein Eindruck verfestigt hat: Bestimmte Straftaten kommen deutlich häufiger vor als in der Vergangenheit, und das hat wesentlich damit zu tun, dass die Zahl der Migranten aus dem arabischen Raum in einem kurzen Zeitraum stark zugenommen hat. Das gilt eher nicht für Steuerhinterziehung oder Fahrraddiebstahl. Aber sehr wohl für bestimmte Formen der Gewaltkriminalität: neben Messerattacken vor allem Amokläufe und sexuelle Übergriffe.
Dieses Bild hat sich so etabliert, dass sich ihm selbst die glühendsten
Fürsprecher einer multikulturellen Gesellschaft nicht entziehen können:
Auch sie fragen sich bei jedem Messermord, bei jeder Amokfahrt nicht,
wie alt der Tatverdächtige ist oder welches Geschlecht er hat – sondern
woher er kommt. Und die Verweigerungshaltung der Medien hat Teile des
Publikums längst dazu gebracht, sich die fehlenden Informationen aus
Quellen zu besorgen, die sich um berufsethische und andere
Qualitätsstandards traditioneller Medien weniger scheren.
Zwischen den Zeilen lesen
Außerdem hat die Tabuisierung das Publikum gelehrt, zwischen den Zeilen zu lesen. Wenn etwa die dpa über Gewaltausbrüche zwischen „verfeindeten Großfamilien“ in Stade oder über eine „Massenschlägerei zwischen zwei Großfamilien“ im Kreis Mettmann berichtet und dabei die Nationalität der Beteiligten wie so oft verschweigt, wissen die Rezipienten auch so: Hier sind nicht Katholiken gegen Protestanten zu Felde gezogen. Und sie wissen, was sie von dieser Art ethisch hochwertiger Berichterstattung zu halten haben.
Allerdings funktioniert diese zeitgenössische Version der Kremlologie nicht immer, und auch das ist ein Problem: Der Öffentlichkeit steht, wie beabsichtigt, nur ein diffuses Bild von der Wirklichkeit zur Verfügung, und genau das ist ein besonders guter Nährboden für Stereotype. Gerade weil Informationen vorenthalten werden, können Vorurteile entstehen und durch Populisten und Extremisten geschürt werden.
Am Ende droht die Selbstzensur nicht nur wirkungslos zu bleiben, sondern sogar kontraproduktiv zu sein. Sollte Deutschland doch noch große Integrationsfortschritte machen und in der Folge etwa auch die Zahl der Messerattacken stark zurückgehen, so wird sich die Meinungsbildung allenfalls verzögert an die veränderte Realität anpassen. Dann stabilisiert die selbstauferlegte Politik der Nicht-Nennung Ausländerfeindlichkeit, anstatt ihr entgegenzuwirken.
Die Regeln des 2017 verfassten Pressekodex waren gewiss gut gemeint. Es gut zu meinen, heißt neun Jahre später aber, sie als den Irrweg zu erkennen, der sie immer schon waren.

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