Ich gebe zu, als Hochschullehrer in einem geisteswissenschaftlichen
Institut überblicke ich nur ein Segment der großen, unübersichtlichen
Bildungslandschaft. Der weit überwiegende Teil meiner Studenten hat ein
Abitur in der Tasche. Ich kann nicht beurteilen, wie gut ihre Leistungen
in Mathematik und Naturwissenschaften sind, traue mir aber ein Urteil
über ihre Allgemeinbildung zu und nehme wahr, wie gut sie lesen und
schreiben können. Mehr tun als aus meiner subjektiven Sicht zu
versuchen, Antworten auf die Frage nach den Ursachen zu geben, kann ich
nicht. Aber egal wie subjektiv: Die Antworten fallen nicht so aus, wie
Bildungsforscher und PISA-Astrologen es gerne hätten.
Die Universitäten spielen im Bildungssystem eine Doppelrolle: Sie sind
Abnehmer des Materials, das die Schulen liefern. Zugleich sind sie Teil
der Lehrerbildung. Viele, die meisten, meiner Absolventen werden erst
Referendare und schließlich Lehrer. Was ich im Hörsaal beobachte, stimmt
mich nicht besorgt, sondern zutiefst pessimistisch. Um die
Studierfähigkeit vieler, die ich dort treffe, ist es schlecht bestellt.
Und das Schlimmste ist: Die Kurve zeigt steil nach unten. Etwas ist ins
Rutschen geraten in der Bildungsrepublik Deutschland, und es könnte
schon zu spät sein, um noch gegenzusteuern.
Talente und Begabungen verteilen sich in den Hochschulen, wie überall, entlang einer Gauß‘schen Glockenkurve. Rund 20 Prozent bilden die Spitze. Sie kommen an die Universität, finden sich spielend zurecht und bewältigen ohne Schwierigkeiten alle Aufgaben, die man ihnen stellt. In meinem Fach, der Alten Geschichte, bedeutet das: Sie lesen Texte, die sperrig zu nennen eine Untertreibung ist, finden rasch einen kritischen Zugang zu Thukydides oder Tacitus und können das Gelernte zu eigenen Gedanken synthetisieren, die sinnhaft und strukturiert sind. Sie erlernen, sofern sie sie nicht aus der Schule mitbringen, Latein und Altgriechisch. Diese vermeintlich toten, tatsächlich aber quicklebendigen Sprachen stellen höchste Anforderungen an Disziplin und logisches Denken.
Kurz: Nach wenigen Semestern zeigt sich, dass die 20-Prozent-Elite dazu befähigt ist, die Wissenschaft in die nächste Generation weiterzugeben. Viele von ihnen werden an der Universität Karriere machen. Andere entsprechen später vielleicht dem Typus des wissenschaftlich versierten Studienrats, an den sich womöglich manche Leser aus ihrer eigenen Schulzeit noch gern erinnern.
20 Prozent haben an keiner Hochschule etwas zu suchen
Der Spitzengruppe, die in jedem System reüssieren würde, entsprechen spiegelbildlich rund 20 Prozent, die so schwach sind, dass man sich fragt, wie sie überhaupt zum Abitur zugelassen werden konnten. Sie haben an keiner Hochschule etwas zu suchen und verschwinden meist auch rasch auf Nimmerwiedersehen. Die Schlussgruppe der Gauß‘schen Kurve stört eigentlich niemanden. Allenfalls ruiniert sie ehrgeizigen Hochschulleitungen die Statistik.
Das Problem ist die Mitte der 60 Prozent. Auch sie gab es schon immer. Allerdings ist sie jetzt eine gänzlich andere als vor zwanzig, dreißig Jahren. Damals war die Mitte grundsolide. Keine Überflieger, aber Leute, die man problemlos in sechs oder acht Jahren Studium dorthin bringen konnte, wo sie später in der Gesellschaft zu funktionieren hatten. Im Lehramt oder auch in anderen Rollen, in denen ein Geschichtsstudium irgendwie nützlich sein konnte.
Die Mitte brachte früher das mit, was man brauchte, um studierfähig zu sein. Sie konnte lesen, schreiben, halbwegs anspruchsvolle Texte verstehen und solche verfassen, die vielleicht nicht höchsten literarischen Ansprüchen genügten, aber doch Hand und Fuß hatten. Diese Leute brachten in der Regel ausreichende Kenntnisse in mehr als einer Fremdsprache mit, oft das Latinum, das ihnen nicht nur den Einstieg in neue Sprachen, sondern auch den Umgang mit ihrer Muttersprache erleichterte.
Die Mitte war auch in Geschichts- und Gesellschaftsdingen einigermaßen
sattelfest. Anstatt hirnlose Parolen wie „From the River to the Sea“ zu
skandieren, wusste sie, zwischen welchem Fluss und welchem Meer sich der
Nahostkonflikt abspielt. Sie hatte eine Ahnung davon, wie das
politische System der Bundesrepublik funktioniert und worauf die
Europäische Union gründet. Mit wichtigen historischen Gestalten wusste
sie etwas anzufangen, ob sie Caesar, Kolumbus oder Bismarck hießen. Auch
das ein oder andere Geschichtsdatum war abrufbereit im Gehirn
abgespeichert.
Die neue Mitte
Diese Mitte gab es, aber es gibt sie nicht mehr. Die neue Mitte ist eine andere. Es beginnt beim Elementaren. In Klausuren schreiben Studenten „warnehmen“ und „erklähren“. Du kriegst die Kriese, denke ich mir beim Korrigieren. Sind denn alle Opfer von „Schreiben nach Gehör“? Die neue Mitte kapituliert vor mittelschweren Texten. Schon so mancher hier veröffentlichte Artikel würde ihre Aufmerksamkeitsspanne überfordern. Dass sie den Zugang zu ideengeschichtlicher oder wissenschaftlicher Literatur finden, ist von diesen Studenten nicht zu erwarten. „Wir mussten ein ganzes Buch lesen“, drei Ausrufezeichen, hat vor drei Semestern ein Namenloser empört in die Kommentarspalte zu meiner Vorlesung geschrieben. Es handelte sich, wohlgemerkt, um eine Einführung ins Studium der Alten Geschichte auf Oberstufenniveau.
Wer wenig oder nicht liest, dessen Sprache verarmt – oder besser: Dessen
Sprache ist ein Armutszeugnis, denn sie war ja nie reich.
Allerweltswörter wie „allenthalben“ oder „ehedem“ kennen von zwanzig
Studenten in einem Seminar vielleicht drei. Dafür kommt ihnen der
gendersensible Glottisschlag unfallfrei über die Lippen. Die Sprache von
Hausarbeiten ist normalerweise hölzern, bürokratisch, unidiomatisch.
Eigentlich wünscht man sich, die Verfasser würden sich bei Gemini oder
ChatGPT Hilfe holen. Dafür bräuchte es aber erst einmal das Bewusstsein,
dass man sprachlich defizitär unterwegs ist.
Wohlgemerkt: Wir sprechen hier nicht über die 20 Prozent Schwächsten, sondern über die neue Mitte. Weil Texte sie überfordern, drückt sie sich um Lektürearbeit, wo immer möglich. Texte werden selbst dann nicht gelesen, wenn sie auf der unieigenen Online-Plattform zum Download angeboten werden. Wenn im Seminar der peinliche Moment kommt, wird die aus dem Nichtlesen erwachsende Ahnungslosigkeit mit einem Achselzucken quittiert. Drei, vier Fleißige tragen die Diskussion, der Rest schweigt. Beschämt? Oder nur gleichgültig?
Um der unangenehmen Schweigespirale im Hörsaal zu entrinnen, gehen die Profs auf Nummer sicher. Sie lassen Quellen und Literatur gemeinsam im Seminar lesen. Reihum wird vorgelesen. Oft ist die Lektüre stockend, weil der Vorleser über Wörter stolpert, die er zum ersten Mal liest: „allenthalben“ zum Beispiel. Seminare werden zu zähen Veranstaltungen. Überflüssig zu erwähnen, dass das Lektürepensum heute nur noch ein Bruchteil von dem beträgt, was 1990 selbstverständlich erwartet worden wäre.
Natürlich gibt es nicht nur die neue Mitte. Es gibt auch die starken, ehrgeizigen, leistungsbereiten Studenten. Und sie tun mir leid, denn diese jungen Leute werden an der Universität um das betrogen, was ein geisteswissenschaftliches Studium verspricht: Ausbildung kritischen Denkens, komplexer Analysefähigkeit und kultureller Kompetenz. Diese Studenten werden an geisteswissenschaftlichen Fakultäten systematisch unterfordert, weil die breite Masse völlig überfordert ist.
Und warum ist das so? Weil in der deutschen Bildungslandschaft flächendeckend eine Kultur der Leistungsaversion herrscht. Weil Underperformer als Vorbilder und Gewissenhafte als Streber gelten. Weil wir uns abgewöhnt haben, Nichtleistung als solche zu benennen und mit der Note „ungenügend“ zu sanktionieren. Wenn wir in der Leistungsfrage keine 180-Grad-Wende hinbekommen, taumelt die Bildungsrepublik in eine Abwärtsspirale, aus der es kein Entrinnen mehr gibt.
Wer soll den Reset-Knopf drücken? Ein Ministerpräsident, dem wegen
nachgewiesener Plagiate der Doktorgrad entzogen worden ist? Eine
Kultusministerin, die ohne Abschluss Politikwissenschaft, Deutsch und
Philosophie studiert hat? Oder ein Kulturstaatsminister, dem der
Verdacht nachhängt, er lasse sich den Zugang zu politischen
Schwergewichten bezahlen? In einer Gesellschaft, in der das Plagiat den
Doktorgrad und der Abbruch die Karriere ersetzt, ist das „Ungenügend“
der Schüler und Studenten nur noch das folgerichtige Echo auf die
Nichtleistung der Entscheidungsträger.
Michael Sommer lehrt Alte Geschichte an der Universität Oldenburg. Zuletzt ist von ihm im Verlag C.H. Beck erschienen „Mordsache Caesar“ (2024) und „Die verdammt blutige Geschichte der Antike ohne den ganzen langweiligen Kram“ (mit Stefan von der Lahr, 2025).

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