12 April 2026

Streit um Reiche - Der unüberbrückbare Zwist (WELT+)

Streit um Reiche
Der unüberbrückbare Zwist (WELT+)
Von Axel Bojanowski Chefreporter Wissenschaft, 11.04.2026, 3 Minuten
Ruiniert die deutsche Energiewende das Land? Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) plädiert für eine realistische Kurskorrektur. Die Gegenargumente aus der SPD zeigen, warum der Konflikt in der Koalition unlösbar ist.
Nachdem Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) in der „Frankfurter Allgemeinen“ Kurskorrekturen bei der Energiewende begründet hat, konterte die SPD-Politikerin Nina Scheer (SPD) in der gleichen Zeitung. Der Zwist der Regierungspartner verrät den unüberbrückbaren Grundkonflikt deutscher Energiepolitik.
Diplom-Chemikerin Reiche, jahrelang tätig in der Energiewirtschaft, denkt technisch-ökonomisch; die promovierte Politologin Scheer, jahrelang tätig als Musikerin und in grünen Lobbyverbänden, argumentiert weltanschaulich.
Reiches Hauptpunkt ist: Die Energiewende kranke an mangelndem Realismus. Die Ministerin hält an der Energiewende fest, will sie aber technologieoffener, industrieorientierter und bezahlbarer machen.
Der Ausbau von Wind und Solar müsse an den Kosten des Gesamtsystems ausgerichtet werden, also an Netzausbau, Reservekraftwerken, Subventionen und Ausgleichsmechanismen. Reiche beziffert die Systemkosten auf über 36 Milliarden Euro jährlich und warnt vor 90 Milliarden bis 2035.
Wer in überlasteten Netzgebieten neue Wind- und Solaranlagen bauen will, solle stärker selbst Kosten tragen, die bislang von der Allgemeinheit bezahlt werden – eine alte Forderung vieler Ökonomen. Eine Energiewende, die Systemkosten, Versorgungssicherheit und industrielle Realität verdränge, gefährde Wohlstand und Industrie, meint Reiche. SPD-Politikerin Scheer kontert mit dem Verweis auf sinkende Erzeugungskosten von Wind- und Solarstrom, weicht aber der eigentlichen Streitfrage aus: den hohen Systemkosten des wetterabhängigen deutschen Stromsystems.
Aus sinkenden Erzeugungskosten folgt nicht, dass das gesamte Stromsystem billiger wird, weil Kosten für Back-up-Kraftwerke, Netze, Speicher und Flexibilität dominanter werden. Scheer schreibt, Reiche rücke die Klimaziele in schlechtes Licht, aber eigentliche Kritik der Ministerin ist, dass Ziele ohne realistische Umsetzungsarchitektur nicht erreichbar sind.
Scheer zählt gewünschte Gesetze auf, aber beantwortet nicht die Kernfrage, ob das aktuelle Ausbautempo bei Netzen, Speichern, steuerbaren Kraftwerken und Wasserstoffinfrastruktur ausreicht, um das wetterabhängige System stabil, wirtschaftsfreundlich und bezahlbar zu machen. Die SPD-Politikerin besteht auf Subventionen: Ohne Entschädigungszahlungen „würde ein beträchtlicher Teil erneuerbarer Stromgewinnung nicht entstehen“.
Die Abkehr Europas von der Hochtechnologie
Scheers Beklagen eines verschleppten Ausbaus mag berechtigt sein, widerlegt allerdings nicht Reiche, sondern wirkt eher wie ein Eingeständnis, dass das Gesamtsystem bisher nicht sauber orchestriert ist.
Der Konflikt offenbart: Nina Scheer verteidigt das Erbe ihres verstorbenen Vaters, Hermann Scheer (SPD), der die Energiewende als weltanschauliches Gesellschaftsprojekt verstand – was die Begeisterung in linken Kreisen für die deutsche Energiewende erklärt.

„Es geht um viel mehr, viel mehr, als nur um den Tausch von Technologie“, sagte der Energiewende-Vordenker noch 2008. Die Energiewende erschien ihm als Hebel für eine gerechtere, demokratischere, nachhaltigere Ordnung. Nur „natürliche“ Solarenergie erlaube das Überleben der Menschheit, behauptete Scheer, der in den 1980ern die Abkehr Europas vom Westen und von Hochtechnologie gefordert hatte.

Während Ministerin Reiche nach einer effektiven Kombination aus Technologien, Organisation und Kosten fragt, ist bei den Scheers der Vorrang für Wind und Solar normative Vorentscheidung. Kompromisse sind nicht vorgesehen: Nicht ihr Ziel sei das Problem, schrieb Nina Scheer 2024, sondern mangelnde „Bereitschaft zur Beseitigung von Hemmnissen“.

Axel Bojanowski ist Chefreporter Wissenschaft bei WELT. Er ist Mit-Herausgeber des soeben erschienenen Bandes „Das andere Klimabuch: 25 Experten. Überraschende Fakten. Rationale Alternativen zur Klima-Angst“ (Verlag Königshausen u. Neumann).

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