13 April 2026

Der andere Blick - Er moderiert, wo er entscheiden müsste, und lässt geschehen, wo er führen sollte – Merz erinnert an Merkel (NZZ)

Merz ist alles egal - Hauptsache Kanzler
Der andere Blick - Der kapulierende Kanzler. Erschöpft und müde
Er moderiert, wo er entscheiden müsste, und lässt geschehen, wo er führen sollte – Merz erinnert an Merkel (NZZ)
Die grossen Ambitionen seiner Wahlkampfzeit hat der Kanzler hinter sich gelassen. Regiert wird inzwischen mit angezogener Handbremse – aus falsch verstandener Rücksicht auf den Koalitionspartner.
von Beatrice Achterberg, 13.04.2026, 3 Min
Erinnern Sie sich noch an Friedrich Merz im Bundestagswahlkampf? Der damalige Kanzlerkandidat der Union gab sich stets selbstsicher, wenn er seinen Umgang mit dem künftigen Koalitionspartner skizzierte: «Was meinen Sie, wie flexibel und freundlich die werden, wenn wir denen die Schlüssel vorhalten für ihre Autos?» – als Anspielung auf die Dienstwagen von Grünen oder SPD, die sie ohne Regierungsbeteiligung verpassen würden.
«Ich möchte, dass wir so stark werden, dass andere sich nach uns richten müssen und wir uns nicht nach anderen», liess der CDU-Parteichef das begierige Publikum damals wissen. Nun ist Wahlkampf ungleich Regierungsbank. Doch wenigstens einen Rest Kampfgeist hätte Merz sich für das Kanzleramt bewahren sollen. Immerhin hat er drei Anläufe gebraucht, um CDU-Chef zu werden, und ohne diesen Posten wäre er heute nicht der Kanzler der Deutschen.
Im Umgang mit dem Koalitionspartner SPD gilt inzwischen eher das Gegenteil: Man achtet peinlich genau darauf, diesem ja kein Unrecht zu tun und auf seine Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen – aus Angst, dass er sich sonst ganz verweigern könnte. Merz’ Parteifreundin Katherina Reiche durfte das in der vergangenen Woche am eigenen Leib erfahren.
Merz geht auf Reiche los
Denn der Kanzler hatte der Wirtschaftsministerin Reiche und dem SPD-Finanzminister Lars Klingbeil den Auftrag gegeben, in der Frage der stark gestiegenen Kraftstoffpreise auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen.
Naturgemäss warben die SPD-Funktionäre für eine «Übergewinnsteuer», da es bei zu viel Gewinn aus Sicht der heutigen Sozialdemokratie grundsätzlich nicht mit rechten Dingen zugehen kann. Der Wahlkampf-Merz hätte sich über diese Einfallslosigkeit vermutlich lustig gemacht.
Nun war es Reiche, die die Vorschläge als «teuer, wirkungsschwach und verfassungsrechtlich fragwürdig» zurückwies – das hätte dem ehemaligen Wirtschaftslobbyisten Merz eigentlich imponieren müssen. Stattdessen soll er «befremdet» gewesen sein. Merz ging wutentbrannt auf die Ministerin aus den eigenen Reihen los, nicht auf den Vizekanzler.
Vom «Herbst der Reformen» zum «Reformfenster»
Das ist kein Einzelfall. Merz gibt alles, um keinen Konflikt eskalieren zu lassen, egal, wie närrisch sich die SPD-Spitze verhält.

So ist der «Herbst der Reformen» ausgeblieben. Inzwischen wagt man gerade noch vom vermeintlichen «Reformfenster» zu träumen – das natürlich nur bis zu den nächsten Landtagswahlen offen steht.

Der Befund ist erschreckend: Merz wirkt, als habe er sich mit dem Stillstand abgefunden, der entsteht, wenn eine zerrüttete Sozialdemokratie zum einzig denkbaren Koalitionspartner wird und die Union in der Rolle des Verhinderers verharrt: gegen noch höhere Steuern, noch mehr Subventionen, noch mehr staatliche Eingriffe. Der Deindustrialisierung wird wie vom Fernsehsessel aus zugeschaut. Für das Umsetzen der eigenen grossen Ideen fehlt es dann an Kraft.

Bittere Pointe

Das zeigte sich auch im Koalitionsausschuss am Sonntag in der Villa Borsig am Tegeler See. Dort kamen die Parteispitzen zusammen, um über die drängenden Themen zu beraten. Es wäre fast schon ein Wunder, wenn das Zusammenspiel der Koalitionspartner nach dem Treffen plötzlich funktionieren würde. Die Risse in dieser Kanzlerschaft sind längst unübersehbar: Merz moderiert, wo er entscheiden müsste. Er lässt geschehen, wo er führen sollte.

Damit erinnert der Bundeskanzler nicht an seinen Vorgänger Olaf Scholz, der Streitigkeiten in seiner linksliberalen Ampelkoalition mit Aktionismus («Doppel-Wumms») und «Unterhaken»-Rhetorik vergeblich zu übertünchen versuchte, sondern ausgerechnet an seine ewige Antagonistin Angela Merkel.

Diese hatte gegen Ende ihrer Kanzlerschaft das Aussitzen von Problemen perfektioniert. Es wäre eine bittere Pointe der Geschichte, sollte der einstige «Mann der Wirtschaft» Friedrich Merz als Kanzler in Erinnerung bleiben, der noch im ersten Jahr seiner Amtszeit vor seinen eigenen Ansprüchen kapituliert hat.

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