Wertloser Solarstrom überflutet das Land – jetzt droht der „Brownout“ (WELT+)
„Aus Perspektive der gesamten Volkswirtschaft ist das nicht klasse“,
dämpfte allerdings der Experte für Energiesysteme und Gründer des
Instituts Consentec,
Christoph Maurer die Euphorie. Der negative Strompreis auf Rekordniveau
bedeute, „dass wertvolle Ressourcen aufgewendet werden müssen, um ein
in diesem Moment wertloses Gut beziehungsweise Übel zu entsorgen. Der
Steuerzahler muss außerdem den Verlust bei der Vermarktung ausgleichen.“
Der Grenznutzen jeder weiteren produzierten Kilowattstunde am Sonntag war zwar negativ. Dennoch mussten die Besitzer älterer Solaranlagen
für den wertlosen Grünstrom aus dem Bundeshaushalt so entschädigt
werden, als sei er wertvoll. Den Besitzern neuer Solaranlagen hatte
schon der frühere Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) die
Entschädigung gestrichen, sobald der Großhandelspreis ins Negative
fällt. Damit wollte Habeck die Solarstromer zu einer systemdienlichen
Einspeisung anregen. Bislang mit begrenztem Erfolg.
Überschlägig geschätzt könnte die Ausgleichszahlung für wertlosen
Solarstrom am vergangenen Sonntag die Steuerzahler schon einen mittleren
zweistelligen bis niedrigen dreistelligen Millionenbetrag gekostet
haben. Am kommenden, nachfrageschwachen 1.-Mai-Wochenende dürfte sich
das wiederholen.
Der Solarstrom-Überschuss fällt größer aus als sonst, da allein im vergangenen Jahr die enorme Menge von 17 Gigawatt Solarleistung in Deutschland zugebaut worden war – eine installierte Leistung, die der von 17 Atomkraftwerken entspricht. Damit liegt die in Deutschland installierte Solarleistung nun bei rund 120 Gigawatt, obwohl das Stromnetz bislang nur auf eine Spitzenlast von rund 80 Gigawatt ausgelegt war.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) versucht zwar, den davongaloppierenden Ökostrom-Ausbau wieder mit Netz- und Batteriekapazitäten zu synchronisieren. Allerdings wird sie für diese Korrektur sogar von Teilen der Medien als „fossile“ Lobbyistin bezeichnet. Die SPD blockiert innerhalb der Bundesregierung sogar die von Reiche geplanten Einschnitte bei der Förderung solcher Anlagen, die sich ohne Subventionen rechnen würden.
„Jetzt passiert es schon an jedem normalen Sonntag“
Die Besonderheit am vergangenen Sonntag war auch, dass den meisten deutschen Nachbarn der Solarstrom ebenfalls, bildlich gesprochen, zu den Ohren herauskam. Eine europaweite Verteilung der deutschen Überschussproduktion fand nicht statt. Bereits Habeck hatte Anfang 2025 eilig ein „PV-Spitzengesetz“ erlassen müssen, weil schon damals wegen der zu Ostern drohenden Solarstrom-Schwemme eine Netzüberlastung drohte.
Was bei Habeck noch ein Problem von längeren Feiertagswochenenden war, passiert jetzt offenbar schon an normalen Sonntagen im Frühling. Ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode: An der Strombörse ist der negative Strompreis im Day-ahead-Markt auf maximal minus 500 Euro pro Megawattstunde begrenzt. Das soll Kosten begrenzen. Unter diesem Wert findet keine „Markträumung“ durch den Preis mehr statt. Das Spiel von Angebot und Nachfrage ist dann zu Ende. Am Sonntag war mit minus 480 Euro die Grenze fast erreicht. Consentec-Chef Maurer beschreibt die Folgen, wenn sie unterschritten worden wäre.
Demnach stehen den Netzbetreibern mehrere Maßnahmen zur Verfügung, um das Stromnetz stabil zu halten, wenn der Markt keinen Ausgleich von Angebot und Nachfrage mehr leistet: erstens Einsatz von Regelenergie, dann Abregelung von Stromerzeugern („Redispach 2.0“) oder die zwangsweise Abschaltung von Stromanlagen nach Paragraf 13.2 Energiewirtschaftsgesetz und drittens, als ultima ratio, die kontrollierte Stromabschaltung ganzer Regionen – genannt „Brownout“.
Die Lage am Sonntag konnte allein mit dem Einsatz von Regelenergie unter
Kontrolle gehalten werden, teilten die Übertragungsnetzbetreiber Tennet
und Amprion auf WELT-Nachfrage mit. Geliefert wurde diese Regelenergie
von Anlagen mit einer Gesamtleistung von 2,5 Gigawatt, die nur dafür
vorgehalten werden, um das Netz stabil zu halten. Das „Bayernwerk“
veranlasste in den Solar-Regionen Niederbayern und in der Oberpfalz als
entschädigungspflichtige Redispatch-Maßnahme das Herunterfahren von 400
Megawatt Kraftwerksleistung.
Zur nächsten Stufe, Zwangsabschaltungen von Stromerzeugern, kam es nicht. Sie sind nach Paragraf 13.2 nur erlaubt, wenn „die Sicherheit oder Zuverlässigkeit des Elektrizitätsversorgungssystems gefährdet oder gestört ist“. Dies war am vergangenen Sonntag nicht der Fall. Insofern war der Weg zum drohenden „Brownout“ noch weit – allerdings geriet der Negativpreis sehr nah an die Preisgrenze von minus 500 Euro, was weiterreichende Folgen ausgelöst hätte.
Zwar behaupten Vertreter der Solarbranche regelmäßig, dass sich die PV-Anlagen bei Überfrequenz ohnehin von selbst abregeln würden. Ein Brownout sei schon deshalb nicht zu befürchten. Aber stimmt das?
Richtig ist, dass die Anlagen ihre Wirkleistung reduzieren müssen, wenn
die Netzfrequenz aus dem Takt gerät. Allerdings sei dies nur „eine
Notmaßnahme, um einen Frequenzanstieg zu begrenzen, keine
Regelmaßnahme“, betont Energieexperte Maurer: „Insbesondere ist das eine
reine Proportionalregelung, mit diesem Mechanismus kann man die
Frequenz nicht auf den Sollwert von 50 Hertz zurückführen.“ Es handele
sich deshalb nicht um einen Mechanismus, „mit dem man das Problem von
Systembilanzabweichungen durch nicht regelbare Erzeugung managen kann“.
Um es ohnehin nicht so weit kommen zu lassen, fordern Energiewende-Protagonisten den schnellen Zubau weiterer Batteriespeicher. Die sollen Solar-Überschüsse für die Nacht einlagern. Allerdings wurden in Deutschland schon so große Speicher gebaut, dass von einem regelrechten „Batterie-Tsunami“ die Rede ist. Die Kapazitäten reichten aber am vergangenen Sonntag immer noch nicht aus, um über den Tag hinweg die Preise von minus 480 Euro pro MWh in Richtung Null Euro anzuheben.
„Wenn insbesondere die Eigentümer von Heimspeichern keinen dynamischen Stromtarif haben, was für die Mehrzahl gelten dürfte, haben sie keinen Anreiz, die Einspeicherung in die Mittagsstunden zu verlagern und gegebenenfalls sogar die PV-Anlage abzuschalten“, erklärt Maurer den begrenzten Nutzen der Batterien am vergangenen Sonntag. Stattdessen dürfte für die Mehrzahl der Heimspeicher gelten, dass sie im Laufe des Vormittags nach zwei bis vier Stunden Ladezeit voll sind und dann nichts mehr zur Netzstabilität beitragen.
Vorbild Kalifornien? Vielleicht besser nicht
Hoffnungsvoll verweisen Energiewende-Planer und Fans auf den US-Bundesstaat Kalifornien, wo außergewöhnlich große Batteriespeicher-Kapazitäten bereits einen substanziellen Beitrag zur Stromversorgung leisten.
Nach einem Bericht des „California Independent System Operator“ (CAISO) deckte 2024 der gespeicherte Sonnenstrom aus Batterien in den Abendstunden zwischen 17 und 21 Uhr bereits 8,6 Prozent der Stromnachfrage. Tagsüber zwischen 10 und 13 Uhr machten Batterien schon 14,7 Prozent der gesamten Stromnachfrage aus. Die Batterien helfen hier, den bislang steilen Fall der Strompreise am Mittag und das steile Ansteigen in den Abendstunden ein Stück weit zu dämpfen.
Der Einsatz von Gaskraftwerken ist allerdings auch in Kalifornien weiterhin nötig. Und billig wird das Stromsystem trotz all der Batterien offenbar nicht: Der Solarstaat Kalifornien hat den höchsten Strompreis aller US-Staaten auf dem Festland.
Systemexperte Maurer weist darauf hin, dass die Batteriebetreiber ihre
Fixkosten aus der Preisdifferenz zwischen Einspeise- und
Ausspeise-Stunden finanzieren müssen. Je mehr Batterien, desto mehr
nähern sich die Preise einem Ausgleich. „In diesem Gleichgewicht wird
aber weder die Notwendigkeit für Abregelungen völlig verschwinden, noch
wird damit ein vollständiger Verzicht auf gasbasierte Erzeugung
einhergehen.“
Es sei schwierig, genau vorherzusagen, wo genau der Punkt liegt, an dem sich weiterer Batteriezubau nicht mehr lohnt, so der Consentec-Chef: „Mit Blick auf Deutschland bin ich allerdings sicher, dass dieser Punkt weit vor den utopisch hohen Zahlen der Netzanschlussbegehren von Batterien im Umfang von mehreren 100 Gigawatt Anschlussleistung erreicht ist.“ Er würde auch „stark vermuten, dass bereits die zugesagten Netzanschlüsse mehr Batteriekapazität bedeuten, als sich tatsächlich im Markt refinanzieren kann.“
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ geschrieben.
Daniel Wetzel ist Wirtschaftsredakteur in Berlin. Er berichtet über Energiewirtschaft und Klimapolitik. Er wurde 2007 vom Verein Deutscher Ingenieure (VDI) mit dem Robert-Mayer-Preis ausgezeichnet und vom Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität Köln 2009 mit dem Theodor-Wessels-Preis.

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