VON ULRICH THIELE am 23. April 2026, 20 min
Die Ferienanlage liegt in Stille, als die Carabinieri im Morgengrauen
anrücken. Schnell ist das Areal umstellt. Schatten zwischen den
Bungalows, Schritte auf Kies. Ein SUV mit ukrainischem Kennzeichen vor
der Tür. Hier sind sie richtig. Ein Schlag gegen die Tür, kurz, hart.
Rufe. Sekunden später flackert Licht auf. Ein Mann taucht im Türrahmen
auf, nur in Unterhose, halb verschlafen. Serhii Kuznetsov.
Er ist
nicht auf der Flucht. Er ist im Urlaub, mit Frau und Kindern. August
2025, San Clemente bei Rimini, wenige Kilometer von der italienischen
Adriaküste entfernt. Hier wollte der 49-Jährige ein paar Tage
abschalten.
Bis das Berufungsgericht in Rimini den
europäischen Haftbefehl geprüft hat, landet er im Hochsicherheitstrakt.
Die Zelle teilt er sich mit Islamisten. Sie rauchen Kette, beten
lautstark, gucken italienisches Fernsehen. Und mittendrin Kuznetsov,
Nichtraucher, Gesundheitsfanatiker, tiefgläubiger Christ. Die Wärter
nennen ihn den „ukrainischen James Bond“. Aus der ukrainischen Diaspora
in Italien bekommt er Solidaritätsbriefe, Kinder schicken ihm
selbstgemalte Bilder. Seinem Rechtsanwalt sagt er: „Ich kann Ihnen nicht
sagen, was ich getan habe – aber was ich getan habe, habe ich auf
Befehl getan.“
Acht Monate später sitzt Serhii Kuznetsov in
Hamburg in Untersuchungshaft. In wenigen Wochen soll Anklage erhoben
werden. Dann beginnt vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht ein
Prozess, der weit über strafrechtliche Fragen hinausgeht. Die
Bundesanwaltschaft wirft ihm vor, den wohl spektakulärsten Sabotageakt
der jüngeren europäischen Geschichte koordiniert zu haben.
Sabotage geschieht „höchstwahrscheinlich in fremdstaatlichem Auftrag“ Am 26. September 2022 explodierten bei Bornholm drei von vier Röhren der umstrittenen Nord-Stream-Pipelines, durch die jahrelang russisches Gas nach Deutschland floss. Die Bilder der Methangasblasen an der Meeresoberfläche gingen um die Welt. Russland beschuldigte den Westen. Der Westen beschuldigte Russland. Die Journalistenlegende Seymour Hersh behauptete, die USA hätten den Befehl gegeben. Inzwischen ist klar: Die Täter sind Ukrainer. Fünf Männer und eine Frau charterten in Rostock-Warnemünde
eine Segeljacht, um in 80 Metern Tiefe Sprengladungen an den
Ostseepipelines zu befestigen. Einer von ihnen, der Koordinator des
Kommandos, war Serhii Kuznetsov: geboren im russischen Omsk,
ukrainischer Staatsbürger und Patriot.
In Hamburg wird mehr verhandelt als die Schuld eines Angeklagten. Im
Januar 2026 veröffentlichte der Bundesgerichtshof einen Beschluss, in
dem die Sabotage als „höchstwahrscheinlich in fremdstaatlichem Auftrag“
eingeordnet wird. Welcher Staat gemeint ist, steht dort nicht
ausdrücklich. Doch aus dem Zusammenhang ist alles klar: die Ukraine.
Wenn der Prozess beginnt, sitzt Kuznetsov nicht allein auf der
Anklagebank. Mit angeklagt ist, zumindest politisch, ein Land, das seit
Jahren um sein Überleben kämpft. Futter für all jene, die von einer
unzuverlässigen Ukraine sprechen, die Gebietsabtretungen an Russland
fordern und die deutsche Unterstützung am liebsten auf ein Minimum
begrenzen würden.
Wer verstehen will, wie es so weit kam, muss zurück auf die Ostsee.
September
2022. Ein ukrainischer Skipper lenkt die Andromeda aus dem Hafen Hohe
Düne. Die Segeljacht vom Typ Bavaria Cruiser 50 hat ihre besten Jahre
hinter sich. Der Lack ist stumpf, der Motor rattert träge. Erster
Zwischenstopp ist Wiek auf Rügen. Dorthin bringt ein Fahrer eines
polnischen Transportdiensts den Rest der Crew in einem weißen
Citroën-Transporter, darunter Kuznetsov. In Lietzow wird der Wagen
geblitzt. Das Foto werden deutsche Ermittler später sichern. Auf dem
Beifahrersitz: einer der Taucher.
Der Hafen in Wiek ist klein,
Zeugen gibt es kaum. Der Transporter kann nah an den Liegeplatz der
Andromeda fahren. An Bord kommen Taschen, Ausrüstung, Verpflegung – und
die als Druckflaschen getarnten Bomben, die die Gruppe „Geschenke“
nennt. Kuznetsov hat Prepaid-Handys dabei. Nach fast jedem Telefonat
wechselt er das Gerät. So hält er Kontakt zu dem Mann in der Ukraine,
der die Operation aus dem Hintergrund führt.
Unter Hochdruck in der Tiefe
Dann
sticht die Andromeda in See. Kuznetsov, der Skipper, ein Sprengmeister
mit militärischem Hintergrund, zwei zivile Taucher und eine Taucherin
aus dem Umfeld einer Kiewer Tauchschule. Keine Uniformen, keine
Rangabzeichen, keine martialische Pose.
Die Hauptsaison ist
vorbei, auf der Ostsee sind nur wenige Schiffe unterwegs. Tagelang sucht
die Crew mit einem Sonar nach den Röhren der beiden Doppel-Pipelines. Die Ladungen sollen in einer Tiefe angebracht werden, in der eine Reparatur besonders schwierig wäre.
Das klingt in der Theorie nüchtern. In der Praxis bedeutet es: 80 Meter
Tiefe, Dunkelheit, Kälte, Druck, schlechte Sicht, wenig Zeit.
Doch die Ostsee spielt nicht mit. Der Seegang nimmt zu, die Crew wird seekrank. Am 13. September
zwingt ein Sturm die Jacht in den schwedischen Hafen Sandhamn. Die
Stimmung kippt. Einige wollen abbrechen. Nur die Frau an Bord drängt weiter. Später wird einer der Beteiligten über sie sagen: „Am Ende hatte das Mädchen die dicksten Eier von allen.“
Nach
einem weiteren Zwischenhalt auf Christiansø, einer kleinen dänischen
Insel nordöstlich von Bornholm, findet die Crew einen geeigneten Punkt.
Weit und breit nur trübes Wasser. 80 Meter darunter: die Röhren. Sie
werfen ein Gewicht über Bord, befestigen daran ein Seil, ein in
Mülltüten gewickelter Kanister dient als Boje. Das Seil soll den
Tauchern Orientierung geben. Dann aktiviert der Sprengmeister die
Zeitzünder.
Über eine Plattform am Heck steigen die Taucher ins
Wasser, die Ladungen an Leinen mit Karabinern gesichert. Unten bleiben
ihnen jeweils nur wenige Minuten, um die Naht zwischen zwei Röhrenteilen
zu finden und die Sprengladung zu befestigen. Zwischen Stahl und Bombe
legen sie ein Silikonkissen, um die Wirkung zu verstärken.
Sie
brauchen 40 Minuten, um wieder an die Oberfläche zu kommen. Die
Andromeda fährt währenddessen Achten. Wenn die Taucher die Oberfläche
erreichen, wartet die Jacht in der Nähe der provisorischen Boje. Jeder
Tauchgang ist ein Wettlauf gegen Zeit und Körper. Manchmal finden sie
die Röhre nicht wegen der schlechten Sicht.
Drei Sprengladungen werden an zwei Strängen von Nord Stream 1 und an
einem Strang von Nord Stream 2 angebracht. Eine Bombe verlieren sie, die
Druckflasche mit dem Sprengstoff sinkt in die Tiefe. Wieder
Zeitverlust. Wieder neue Unsicherheit. Die Jacht muss bald zurückgegeben
werden, das Wetter wird nicht besser, die Nerven liegen blank.
Am 19. September läuft die Crew im polnischen Kołobrzeg ein. Ein Freund aus dem Umfeld der Taucher stößt dazu. Plötzlich kommen Grenzschützer, kontrollieren die Besatzung. Serhii Kuznetsov und seine Leute zeigen gefälschte EU-Pässe vor. Später wird die Welt am Sonntag
unter Berufung auf „Sicherheitskreise“ berichten, die polnischen
Behörden hätten die Crew nach einem Geheimdiensttipp unter die Lupe
genommen. „Unsere amerikanischen Freunde waren mit vor Ort“, wird die
Zeitung eine anonyme Quelle zitieren.
Kontrollen, Zweifel und der letzte Schritt
Die
Grenzschutzbeamten notieren die Passnummern der Crew. Eine
Überwachungskamera zeichnet die Passkontrolle auf. Dann verschwinden die
Beamten wieder, lassen die Crew unbehelligt. Die polnischen Behörden
werden sich später weigern, deutschen Ermittlern die Videoaufnahmen zu
übermitteln.
Die letzte Sprengladung ist kleiner, kann dafür aber leichter auf den
Meeresgrund transportiert werden. Die Zeit drängt, in ein paar Tagen
müssen sie die gemietete Segeljacht zurückgeben. Südlich von Bornholm
werden sie fündig, auf der Rückroute nach Rostock-Warnemünde gelegen. Da
versetzt eine Meldung, die Serhii Kuznetsov erhält, die Crew in Angst.
Eine russische Flotte ist gleichzeitig in der Nähe von Bornholm
unterwegs. Zu ihr gehören Spezialschiffe zur Unterwassersabotage und
Kampfschwimmer. Zufall? Oder hat der Kreml Wind von dem Plan bekommen?
Und lässt auf der Ostsee patrouillieren? Die Russen entdecken sie nicht.
Und wieder: durchatmen. Doch sie machen einen Fehler. Sie befestigen
die Bombe an Strang A von Nord Stream 2. Derselbe Strang, an dem sie
bereits nordöstlich von Christiansø eine Sprengladung befestigt haben.
An Strang B ist keine Bombe.
Am 23. September läuft die Crew der Andromeda in den Hafen auf Rügen ein, verlädt am Vormittag ihre Ausrüstung und Verpflegung. Kuznetsov geht von Bord, fährt mit einem Teil der Crew zurück Richtung Polen, während der Skipper die Andromeda zurück zum Hafen in Rostock-Warnemünde lenkt.
Auf
dem Rückweg ruft Kuznetsov seinen Vorgesetzten an, den Strippenzieher
in der Ukraine. Der Name des Mannes: Roman Cherwinsky. Kein Jubel.
Arbeitsmodus. Job erledigt. Die Zeitzünder sind auf den 26. September eingestellt.
Ein
paar Tage nach den Explosionen, als die Welt noch rätselt, wer
dahintersteckt, hat einer längst seinen Schluss gezogen. Radosław
Sikorski, polnischer Europaabgeordneter, Nord-Stream-Gegner der ersten
Stunde, postet ein Luftbild der Schadstelle und schreibt dazu nur drei
Worte: „Thank you, USA.“
Geheimdienste, Machtkämpfe und alte Netzwerke
Ganz
falsch ist der Reflex nicht. Denn hinter der Operation stehen Männer,
deren Karrieren ohne die CIA kaum denkbar wären. Ihre Namen: Roman
Cherwinsky und Wassyl Burba. Cherwinsky, einst Offizier des ukrainischen
Inlandsgeheimdiensts SBU, galt früh als fanatischer Patriot und
kompromissloser Operateur. Burba stieg später zum Leiter des
Militärnachrichtendiensts GUR auf. Beide wurden ab 2015 Teil eines
geheimdienstlichen Milieus, das nach Kriegsbeginn im Donbass mithilfe
der Amerikaner aufgebaut wurde.
Damals stand die CIA vor einem
Problem. Der SBU war tief von russischen Agenten infiltriert, man
verfügte kaum über verlässliche Quellen. In manchen Bezirken, so
schätzte man, arbeiteten bis zu 60 Prozent der Geheimdienstoffiziere
weiter für Moskau.
Anfang 2015 baute die CIA eine Sondereinheit aus ukrainischen Agenten
auf, das „Fünfte Direktorat“: formal im ukrainischen Dienst verankert,
praktisch aber eng von Amerikanern geschult, finanziert und ausgerüstet.
Das „Fünfte Direktorat“ war ein amerikanischer Geheimdienst im
ukrainischen Geheimdienst. Cherwinsky wurde Leiter der Sondereinheit –
und für die Amerikaner eine Schlüsselfigur. Cherwinsky lieferte
Quellcodes zu russischen Cyberangriffen, rekrutierte Informanten in den
von Russland besetzten Gebieten. Durch ihn verdoppelte sich das
Nachrichtenaufkommen über Russland.
Er verfügte über ein erprobtes
Agentennetzwerk. Und er zeigte keine Skrupel. Gewalt, Erpressung,
Bestechung gehörten zu seinem Instrumentarium. Gefährliche
Sabotageoperationen und Mordanschläge waren für ihn kein Problem. Autos
prorussischer Kommandanten wurden mit Bomben präpariert, Prostituierte
eingeschleust, um Sprengstoff unter Betten zu befestigen. Per Fernzünder
wurden die Kommandanten dann liquidiert. Den Amerikanern waren solche
Aktionen untersagt. Doch hinter vorgehaltener Hand hieß es: „good job“,
gute Arbeit.
Parallel baute Wassyl Burba den GUR aus. Anders als
der SBU durfte der Militärnachrichtendienst auch jenseits der
Landesgrenzen operieren. Unter Burba intensivierte sich die
Zusammenarbeit mit der CIA weiter. Informanten wurden im russischen
Sicherheitsapparat angeworben, Cyberangriffe dem Kreml zugeordnet,
operative Fähigkeiten ausgebaut.
Dann kam Wolodymyr Selenskyj. Mit seinem Amtsantritt 2019 verlor das
alte sicherheitspolitische Lager in Kiew an Einfluss. Selenskyj trat mit
dem Versprechen an, den Krieg im Donbass diplomatisch einzudämmen.
Burbas und Cherwinskys Methoden waren plötzlich nicht mehr gefragt. Nach
dem Debakel der sogenannten Wagner-Operation, einer gescheiterten
Geheimdienstfalle gegen russische Söldner, eskalierte der Konflikt.
Beide wurden entlassen. Burba und Cherwinsky warfen dem Präsidentenbüro
vor, die Operation sabotiert zu haben. Andrij Jermak, Selenskyjs engster
Berater, sei ein prorussischer Einflussagent, behaupteten sie
öffentlich, in Fernsehtalkshows, vor einem Millionenpublikum.
Ein Plan gegen alle Warnungen
Als
Russland im Februar 2022 die Vollinvasion beginnt, kehren sie faktisch
zurück. Cherwinsky schließt sich einer Spezialeinheit der ukrainischen
Streitkräfte an, Burba hält im Hintergrund die Fäden zusammen. In seine
Einheit holt Cherwinsky einen alten Freund: Serhii Kuznetsov. Die beiden
kennen sich seit Jugendtagen, haben in den 1990er Jahren gemeinsam die
Ausbildung beim SBU absolviert. Während Cherwinsky Geheimdienstmann
blieb, ging Kuznetsov zunächst in die Wirtschaft, arbeitete im
Energiesektor, pflegte seinen kranken Vater. Nach dessen Tod wurde er
zum Gesundheitsfanatiker, vegan, asketisch, trainingsversessen. Erst der
Krieg holte ihn zurück.
Im Frühjahr 2022 treffen sich Cherwinsky, Kuznetsov und Burba mit Verbündeten in Cafés und angemieteten Büroräumen. Man sucht nach einem Ziel, das Russland wirklich schaden würde.
Auf den Tisch kommt eine alte Idee: Nord Stream. Für die Ukraine war
die Pipeline seit je ein Symbol deutscher Naivität und russischer
Erpressung. Gazprom, der russische Staatskonzern, wollte die Ukraine
explizit als Transitland umgehen. Die Transitfunktion für russische
Gaslieferungen nach Deutschland war für die Ukraine eine geopolitische
Sicherheitsgarantie, man sah darin einen Schutzschild vor russischen
Angriffen. Nord Stream entzog Kiew Transitgebühren, schwächte die
geostrategische Rolle des Landes. Und im April 2022 spült Nord Stream 1
immer noch Milliarden in Putins Kriegskasse. In den Augen der Gruppe ist
Nord Stream eine Waffe – gegen die Ukraine, aber auch gegen Europa. Wer
sie zerstöre, greife ein legitimes militärisches Ziel an, glauben sie.
Sie wenden sich an Walerij Saluschnyj, Oberkommandant der
ukrainischen Streitkräfte. Der hat keine Einwände. Er hat nur eine
Einschränkung: Er kann keine Leute zur Verfügung stellen. Er sichert zu,
die Idee vor Präsident Selenskyj geheim zu halten. Cherwinsky und Burba
sind sicher, dass der Präsident ihren Plan durchkreuzen würde. Auch
Saluschnyj misstraut dem Präsidenten. Der General ist sein
innenpolitischer Gegenspieler, hat politische Ambitionen, will selbst
Präsident werden.
Ende April 2022 stellt ein CIA-Verbindungsmann in Aussicht, 200.000 Dollar für das Unternehmen zu organisieren. Doch das Geld kommt nicht. Der Beamte zieht seine Zusage zurück.
Anfang Juni treffen sich Roman Cherwinsky und Wassyl Burba mit ihren
Verbindungsleuten der CIA in Kiew. Sie unterhalten sich auf Russisch.
Fragen, Antworten, Andeutungen. Wie früher. Burba und
Cherwinsky berichten. Die beiden Ukrainer fragen noch einmal nach dem
versprochenen Geld. Die CIA-Agenten bleiben stumm. Ein Verbot sprechen
sie nicht aus.
Wenige Tage später erreicht die CIA-Zentrale in
Langley eine Nachricht vom MIVD, dem niederländischen
Militärgeheimdienst. Die Niederländer schreiben, sie wüssten von einem
Plan der Ukrainer. Die Depesche listet Details auf. Sechs Personen,
falsche Identitäten. Ein gechartertes Segelschiff. Der MIVD nennt sogar
ein Datum: zwei Tage nach dem Ende von BALTOPS22, einem Ostseemanöver
der Nato, am 19. Juni
2022. Ein Absatz ist besonders brisant. Bislang wusste die CIA von
Burba und Cherwinsky. Doch nun steht dort, das Team unterstehe dem
Befehl von Walerij Saluschnyj, Oberbefehlshaber der ukrainischen
Streitkräfte.
Die Depesche zwingt zum Handeln. Wenn die Operation
gelingt, wird man fragen, wer wann was wusste. Und wer geschwiegen hat.
Nicht nur Langley stünde im Feuer, sondern auch das Weiße Haus. Die
Entscheidung fällt schnell: Man muss in Kiew intervenieren. Und zwar
unmissverständlich. Die Operation muss gestoppt werden. Man interveniert
auf allen Ebenen. Im Präsidentenpalast. Beim Militär. Bei Burba.
Parallel informiert man den Bundesnachrichtendienst und weitere
europäische Dienste. Auch die Niederländer ziehen ihre Kreise. Burba
meldet sich zurück. Er werde die Nachricht an Cherwinsky weiterleiten,
antwortet er. Kurz darauf meldet sich Saluschnyj bei der Gruppe: Sollte
das Team die Operation durchführen, könne es im Gefängnis enden. Alle
verstehen die Botschaft. Ein ausdrücklicher Befehl zum Abbruch ist es
nicht.
Roman Cherwinsky sucht nach neuem Geld. Ein ukrainischer Geschäftsmann springt ein.
Ignorierte Hinweise im Kanzleramt
Was in Berlin mit der Warnung geschieht, ist eine eigene Geschichte. Und sie führt direkt ins Kanzleramt.
Dort
sitzt Wolfgang Schmidt, Olaf Scholz’ engster Vertrauter, damals
Kanzleramtschef und Aufseher über die deutschen Nachrichtendienste. Auch
auf seinem Tisch landet der niederländische Hinweis. Doch zu diesem
Zeitpunkt ist der genannte Termin bereits verstrichen, ohne dass etwas
passiert ist. Schmidt tut die Info als Räuberpistole ab, trifft keine
Vorsorgemaßnahmen. Keine verstärkte Überwachung, keine
Marinepatrouillen.
Nach der Sprengung wird er aktiv. Er lässt sich regelmäßig vom BND
briefen, steht in intensivem Kontakt mit den Ermittlern. „Wolfgang
Schmidt hat sich den Fall zur Chefsache gemacht und ist sehr gut
informiert über alle Details des Verfahrens“, wird ein Journalist des Spiegel später in einer TV-Dokumentation zu Protokoll geben.
Schmidt
treibt die Untersuchungen sogar selbst voran: Er versorgt die Ermittler
mit vertraulichen CIA-Informationen, die die Amerikaner mit dem BND
geteilt haben. Eigentlich dürfen solche Informationen nicht ohne
Einverständnis weitergegeben werden. Die „Third Party Rule“ soll dem
Quellenschutz dienen.
Schmidt ist in Berlin berüchtigt für sein
informelles Netzwerk in der Presselandschaft. Er ist per Du mit vielen
einflussreichen Journalisten, spielt mit ihnen am Wochenende Fußball,
trinkt mit ihnen Bier. Es ist eine Nähe, die er für sich zu nutzen weiß.
Schmidt weiß, welche Journalisten sich für eine exklusive Information
biegen lassen und bei wem eine gezielte Indiskretion ganze Redaktionen
in Bewegung setzt.
Wie Schmidt die Nord-Stream-Sprengung politisch liest, zeigt sich am 27. Juni 2024. Auf einem Empfang im Auswärtigen
Amt diskutiert er mit Roderich Kiesewetter. Der
CDU-Bundestagsabgeordnete drängt auf die Lieferung von
Taurus-Marschflugkörpern, mit denen die Ukrainer Ziele tief in
russischem Gebiet treffen könnten. Scholz blockt seit Monaten. Im
Auswärtigen Amt werden Schmidt und Kiesewetter sich nicht einig. Dann
kommt Schmidt auf die Sabotage zu sprechen. Der Generalbundesanwalt
werde bald bekannt geben, dass die Ukraine dahinterstecke, sagt er.
Kiesewetter glaubt an eine False-Flag-Operation. Russland als
Drahtzieher. Schmidt wirkt genervt. Immer diese Russland-These. Immer
diese Forderungen nach mehr Unterstützung, nach Taurus. Dann sagt er den
Satz, den man im Kanzleramt hinter vorgehaltener Hand seit Monaten
hört. „Roderich, du weißt doch: Wir können der Ukraine nicht trauen.“
Kontrolle, Verdacht, Schweigen
Neun Tage später tauschen sich Schmidt und Kiesewetter per SMS aus. Es geht um einen Artikel im Wall Street Journal,
der bald erscheinen soll. Der WSJ-Autor behauptet, Selenskyj habe die
Sprengung genehmigt. Schmidt antwortet: „Ich telefoniere nachher mit
Bojan – bin auch gespannt …“ Gemeint ist Bojan Pancevski, Europakorrespondent des Wall Street Journal.
Im August 2024 landen zentrale Details aus den Ermittlungen in der Presse, im Wall Street Journal und in der Zeit.
Die Namen der Taucher. Ein Europäischer Haftbefehl des
Generalbundesanwalts gegen einen der Taucher, der in der Nähe von
Warschau lebt. „Wie würde man umgehen mit einem Land, das die
Infrastruktur zerstört hat, über die sich Deutschland maßgeblich mit Gas
versorgen wollte? Würden die Waffenlieferungen gestoppt? Diese Fragen
stellen sich nun, nach Bekanntwerden des Haftbefehls gegen einen
ukrainischen Staatsbürger, mehr denn je“, heißt es im Artikel der Zeit.
Ganz sicher sei, ergänzt einer der Autoren in einem Radiointerview,
dass „für die Bundesregierung in Berlin nun die Frage im Raume steht,
mit welchem Verbündeten sie es da eigentlich zu tun hat“.
Bei Generalbundesanwalt Jens Rommel lösen die Veröffentlichungen Ärger aus. Am 9. Oktober 2024 muss er dem Parlamentarischen Kontrollgremium, zuständig für die Geheimdienste, Rede und Antwort stehen. Raum U1 215, Stahltür, abhörsicherer Raum. An Rommels Seite ist Bruno Kahl, Chef des BND. Die Namen der beteiligten Taucher hätte der BND von einem ausländischen
Partnerdienst erhalten. Die Abgeordneten des Kontrollgremiums
verstehen: Der deutsche Auslandsnachrichtendienst steht nun da, als wäre
er nicht in der Lage, sensible Informationen seiner Partnerdienste zu
schützen.
Dann meldet sich Jens Rommel zu Wort. Er schildert, mit
welcher Vorsicht er vorgegangen sei, um den politisch aufgeladenen Fall
unterhalb der öffentlichen Erregungslinie zu halten. Der Kreis der
Informierten sei klein gewesen. Bundesanwaltschaft. Bundesgerichtshof.
BKA. Bundespolizei. Kanzleramt. Nur eine Handvoll Personen. Rommel nennt
es beim Namen. Geheimnisverrat. Straftat.
Ein Abgeordneter
stellt die unausweichliche Frage: Wird er Ermittlungen wegen
Geheimnisverrats einleiten? Er habe darüber nachgedacht, sagt Rommel.
Sehr ernsthaft. Und sich dagegen entschieden.
Warum?
Weil er wisse, wo das Leck sitzt.
Ein Abgeordneter bittet um Präzisierung. Rommel hebt den Blick. „Über mir“, sagt er. Dann: „Andere Ebene.“
Im
Raum wird es still. Rommel muss nichts weiter erklären. Seit Monaten
kursiert im Kontrollgremium der Verdacht, dass Informationen aus dem
Machtzentrum der Regierung gezielt an die Presse gespielt würden. Ziel:
Zweifel säen. Die Ukraine beschädigen. Das Narrativ etablieren, man
könne diesem Partner nicht trauen.
Ein Verfahren, das Europa spaltet
Als
Serhii Kuznetsov im Herbst 2025 in Italien verhaftet wird, ist
Deutschland mit seinen Ermittlungen weitgehend isoliert. Schweden und
Dänemark haben ihre Verfahren eingestellt. Polen behindert die deutschen Bemühungen.
Als der Taucher Volodymyr Zhuravlov in Warschau festgenommen wird,
verweigert ein polnisches Gericht seine Auslieferung – unter Verweis auf
„funktionelle Immunität“ für Handlungen im Dienst des ukrainischen
Staates. Es ist ein Novum, ein Affront gegen Deutschland: Ein EU-Partner
widersetzt sich einem europäischen Haftbefehl. Premierminister Donald
Tusk jubelt. „Das Problem mit Nord Stream 2 ist nicht, dass es gesprengt
wurde. Das Problem ist, dass es gebaut wurde“, schreibt er beim
Kurznachrichtendienst X. Der Post erntet 50.000 Likes.
Eine
Demütigung für die deutschen Behörden. Hinter den Kulissen kochen die
Ermittler vor Wut, werfen dem polnischen Richter eine Straftat vor,
Rechtsbruch. Die Angst vor einem Gesichtsverlust wächst. Man braucht
wenigstens einen Beschuldigten, einen Erfolg, einen Prozess.
Italien liefert. Nach wochenlangem juristischen Tauziehen wird Serhii Kuznetsov am 27. November 2025 den deutschen Beamten übergeben. Deren Auftritt sorgt für Stirnrunzeln bei den Italienern. Sie haben den Eindruck, dass die Deutschen eine große Show abziehen wollen. Mit einem Hubschrauber der Bundespolizei wird Kuznetsov nach Karlsruhe gebracht. Polizeiliche Spezialkräfte für Hochrisikotransporte führen ihn ab. Kuznetsov trägt einen dunkelblauen Trainingsanzug, Mütze, Lärmschutzkopfhörer,
Handschellen. Zwei Beamte links und rechts von ihm, jeder einen Arm
fest im Griff, ein weiterer Beamter mit erhobenem Maschinengewehr hinter
ihm.
Kuznetsov selbst fühlt sich längst als Bauernopfer. Die
offizielle Ukraine hält Distanz, verweigert ihm konsularische
Unterstützung. Im Hintergrund mischt Roman Cherwinsky weiter mit, gibt
Kuznetsovs Anwälten offenbar Anweisungen, die eher schaden als nützen.
Wohl deswegen reichen Kuznetsovs Berliner Anwälte Haftbeschwerde beim
Bundesgerichtshof ein. Haftbeschwerden gelten in Deutschland fast immer
als aussichtslose Angelegenheit. In seinem Beschluss aus dem Januar 2026
fegt der BGH das Argument der „funktionellen Immunität“ vom Tisch.
Selbst wenn Kuznetsov im Rahmen militärischer oder geheimdienstlicher
Strukturen gehandelt habe, greife kein völkerrechtlicher Schutz. Die
Pipelines seien zivile Energieinfrastruktur, kein legitimes
militärisches Ziel.
Genau darin liegt die politische Sprengkraft
des Verfahrens. Denn in Osteuropa galt Nord Stream nie als bloß ziviles
Projekt. Für Polen, die baltischen Staaten und die Ukraine war die
Pipeline von Anfang an ein geopolitisches Instrument Russlands – und ein
Symbol für einen deutschen Sonderweg zulasten Osteuropas. Der Prozess
gegen Serhii Kuznetsov wird deshalb auch die alten Konflikte freilegen:
zwischen Deutschland und der Ukraine, zwischen Berlin und Osteuropa,
zwischen Kanzleramt, Diensten und Justiz – und die Frage, welche Rolle
die CIA in diesem Spiel wirklich spielte.
Bis zur Anklage sitzt
Kuznetsov weiter in Untersuchungshaft. Er liest unentwegt. Zeitungen,
Romane, Gesetzbücher, die Solidaritätsbriefe seiner Landsleute und der
ukrainischen Kinder, die ihm Bilder gemalt haben. Er sei ein Held,
schreiben sie. Sie verstünden nicht, warum er im Gefängnis sitzt.
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