„Timmy“, der Wolf – und der Kitsch der Großstädter (WELT+)
Danach sieht es bei „Timmy“ nicht mehr aus. Die „Bild“-Zeitung bat kürzlich bei Greenpeace um fachmännische Schätzung: „Wie lange dauert Timmys Todeskampf?“. Die Antwort war wenig eindeutig und kam im Duktus echter Experten: „Es kann einige Tage, aber es kann auch noch länger dauern. Es ist ganz, ganz schwer abzuschätzen.“
Sollten Wölfe gejagt werden?
Was aber nach all den Rettungsversuchen und Wasserstandsmeldungen der Ostsee deutlich wird: Der Tod oder Todeswunsch eines Lebewesens wird kaum noch als natürlicher Bestandteil des Lebens akzeptiert.
Auch der Wolf wird romantisch verklärt und dabei geradezu verharmlost. Die Hamburger Behörde sprach mit beachtlicher Gewissheit davon, dass Wölfe den Kontakt zu Menschen und Hunden „grundsätzlich“ meiden. Wer jedoch unvermittelt auf den Wolf treffe, solle stehen bleiben, durch Klatschen auf sich aufmerksam machen und dem Tier die Möglichkeit geben, sich zurückzuziehen.
Diese Verharmlosung lässt sich auch in politischen Entscheidungen
erkennen. SPD und Grüne hatten neulich in der Hamburger Bürgerschaft
einen CDU-Antrag abgelehnt, den Wolf in das Hamburger Jagdrecht
aufzunehmen. Bei der Abstimmung im Bundesrat, wenige Tage vor dem
Vorfall in der Hansestadt, hat ausgerechnet Hamburg die Aufnahme des
Wolfs in das Bundesjagdgesetz blockiert.
Während die Stadt noch klatscht, hat das Land längst gelernt. Die Rückkehr der Wildnis im Allgemeinen und des Wolfes im Speziellen hat wenig Idyllisches an sich, sondern ist eine Frage der Ordnung. Unter Jägern und Landwirten gilt es als allgemein vertretbar, den Wolf zu „bejagen“. Also auf ihn schießen zu dürfen, um Schafe und andere Weidetiere zu schützen. Dabei geht es nicht um Ausrottung, sondern um sogenanntes „Bestandsmanagement“.
Die urbane Begeisterung für Tierschutz ist oft ein ästhetisches Projekt. In Altbauwohnungen in München-Haidhausen oder Hamburg-Winterhude lassen sich leicht Petitionen des Nabu gegen die kontrollierte Wolfsjagd unterschreiben und poetisch klingende Sätze veröffentlichen, wie das der Verein „Unsere Hände für viele Pfoten“ kürzlich tat: „Der Wolf tötet, um zu leben. Der Mensch dagegen tötet häufig, obwohl er es nicht müsste.“ Doch wer einmal ein gerissenes Schaf gesehen hat, der begreift Natur nicht als Zoo oder Safaripark, sondern als Austragungsort von Grausamkeiten, an dem keine Regeln aus Anti-Aggressions-Seminaren gelten.
Über die Zukunft des Wolfes ohne Namen entscheiden nun Menschen, über
„Timmys“ Schicksal wird Gott richten. Oder wie es Minister Backhaus
sagte: „Ich bin evangelisch erzogen. Sie wissen, was Ostern ist. Da ist
man in Gottes Hand.“ Free „Timmy“!

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen