VON MIA KILIAN am 20. April 2026 10 min
Satire darf ja bekanntlich alles. Aber darf sie auch in einer
bemerkenswerten politischen Einseitigkeit, und das gebührenfinanziert
und zur besten Sendezeit, gegen das altbekannte Täterprofil, „den
Rechten“, schießen? Das ZDF sendete die „Heute Show“ und Jan Böhmermann
am vergangenen Freitag und zeigte damit: Die Antwort des ÖRR auf diese
Frage ist ein eindeutiges „Ja“.
Aber gehen wir Schritt für Schritt
vor. Was ist geschehen, das mir Anlass gibt, erneut dieses Thema der
einseitigen Meinungsäußerung im ÖRR wie einen alten, verstaubten Teppich
auszurollen? Es geht um vergangenen Freitagabend, und wer gedacht
hätte, der Abend des 17. April beschere einen ruhigen, gesitteten Start
in das Wochenende, wurde böse überrascht: Im Doppelpack rollte die Welle
der linken Hasstirade im Satirikerkostüm über uns hinweg. Zunächst die
„Heute Show“ und als aufbäumender Schlussakkord die Late-Night des Jan
Böhmermann.
Die doofen anderen, die doofen Rechten!
Es
ging dabei um nichts anderes als: Wie doof die anderen doch sind. Und
Sie erraten vermutlich bereits, wer mit den anderen gemeint sein könnte:
Die bösen Rechten natürlich! Doch auch hier lohnt eine Dekodierung des
Begriffs, denn rechts, das ist nicht gleich AfD-rechts, das ist längst
schon alles rechts der Mitte, und fragt man die Verantwortlichen
besagter Shows, so sind das wahlweise konservative Journalisten, oder
laut Böhmermann derjenige, der noch rechtsstaatliche Prinzipien wie die
Unschuldsvermutung wahren möchte.
Aber gehen wir zur schrittweisen
Retraumatisierung aller, die das satirische „Hass und
Hetze“-Comedy-Programm über sich ergehen lassen mussten, chronologisch
vor. Oliver Welke stimmte zunächst ganz harmlos, jedoch fraglos stumpf
und vorhersehbar ein: Wer Fett abkriegt, das sind zunächst die
Autofahrer, dann Katherina Reiche, Viktor Orbán und die AfD-Wähler, um
dann in folgendes wummernde Intermezzo zu münden: die Einlage „Irgendwer
mit Medien“ von Friedrich Küppersbusch.
Aber wer gedacht hatte, nach der eindeutigen Zeichnung des
Feindbildes komme etwas Ausgleichendes von Küppersbusch nachgelegt, der
irrte gewaltig: Hier bekommt alles böse Rechte plötzlich ein neues
Gesicht, denn es geht nicht mehr um den Bürger, sondern um Journalisten.
Und aufgepasst, denn hier sind die wirklich bösen Rechten dieser Szene
gemeint: Jan Fleischhauer, Julia Ruhs, Paul Ronzheimer – die man auch
gemeinhin als die Vordenker der völkisch-nationalsozialistischen
Meinungsmache fassen kann! Aufhänger von Friedrich Küppersbuschs Einlage war die Meldung, wonach mehrere Kläger dem Südwestrundfunk vorwerfen,
programmatisch eine zu starke politische Schlagseite nach links
entwickelt zu haben. Wie töricht, wie dumm von ihnen! Das sollte jedem
klar geworden sein – spätestens nach Friedrich Küppersbuschs
anschließender messerscharfer Analyse der tatsächlichen gegenwärtigen
Entwicklung: die Übernahme des öffentlich-rechtlichen durch rechte
Journalisten. Jan Fleischhauer mit seiner Sendung im ZDF, Julia Ruhs mit
ihrer inzwischen eingestellten Sendung „KLAR“, die nun ausgerechnet von
Tanit Koch fortgeführt wird – jener ehemaligen Bild-Chefredakteurin,
die ebenfalls plötzlich als Teil des „rechten Journalistenspektrums“
etikettiert wird. Und um das Bild eines allumfassenden Komplotts zu
vervollständigen: Paul Ronzheimer, bei dem allerdings irgendwie unklar
bleibt, in welchem Verhältnis er überhaupt zum öffentlich-rechtlichen
Rundfunk steht.
Der Angriff rechter Journalisten auf den ÖRR
Die
These am Pranger: die schleichende Einlullung des
öffentlich-rechtlichen Rundfunks von rechts – und dessen vermeintlich
verfehlte Thematisierung „rechter“ Themen, allen voran, man staune, der
Migration. Doch was genau kritisiert Friedrich Küppersbusch eigentlich?
Die falsche Darstellung? Die Darstellung an sich? Oder gar schon die
bloße Auseinandersetzung mit Migration – selbst in kritischer Form –,
die nach gängiger Lesart ja bereits als Verbreitung „rechter Narrative“
gilt?
Dabei sollte es Küppersbusch, wenn er das ist, was er
vorgibt zu sein – ein wahrer Freund der Meinungsfreiheit –, gutheißen,
wenn dies passiert. Meinungsfreiheit lebt vom Streit – und gerade im
öffentlich-rechtlichen Rundfunk sollte dieser offen ausgetragen werden.
Nur so kann der ÖRR zu einer echten Instanz der Meinungsfreiheit werden:
nicht durch das Versprechen einer Neutralität, die es in dieser Form
ohnehin nicht geben kann, sondern durch die konsequente Öffnung für ein
Meinungsspektrum, das nach links wie nach rechts keine Grenzen kennt.
Dann geht es um den inhaltlichen Konflikt – nicht darum, bereits die
bloße Existenz abweichender Positionen im eigenen Haus zu
delegitimieren.
Aber dazu sind er und sein Publikum offenbar kaum noch in der Lage:
Im mit Moral und vermeintlich guten Absichten ausgepolsterten
Elfenbeinturm scheint schon die Vorstellung absurd, dass eine
gegenteilige Position auch denkbar sein, ja zumindest als zulässig
gelten könnte. Und dieser Attitüde lässt Küppersbusch Luft, indem er mit
einem Satz konkludiert, den sogar links-grüne Zuschauer*innen in
Schnappatmung versetzen sollte: „Viele Entscheider bei den Sendern
werden später bei den Nürnberger-Fernsehverbrecherprozessen auf
Mitläufer plädieren: ,Ja, Zeitgeist, Popkultur waren ja rechts und wir
hatten ja sonst nichts, außer kräftig einen an der Waffel!‘“
Und
um diesen Satz überhaupt verstehen zu können – man bemüht sich ja noch
um Empathie und dergleichen –, muss man das dahinterliegende Weltbild
einmal konsequent ausbuchstabieren: Es unterstellt, dass Julia Ruhs, Jan
Fleischhauer, Paul Ronzheimer und andere letztlich auf die Aushöhlung
der Demokratie hinarbeiten – von rechts, versteht sich. In dieser Lesart
werden sie faktisch auf eine Linie mit den Hauptverantwortlichen des
Nationalsozialismus gestellt, die in den Nürnberger Prozessen verurteilt
wurden. Dies, so Küppersbusch, blüht auch Deutschland, nachdem die
Medienlandschaft im ersten Schritt von rechten Journalisten übernommen
und im zweiten Schritt als Propagandawerkzeug der – ja, wessen
eigentlich; der AfD? – instrumentalisiert wurde. Und wer dieses
Denkmuster einmal ernsthaft zu Ende denkt, kommt kaum umhin, sich zu
fragen, wer hier am Ende tatsächlich als Feind der Demokratie begriffen
wird.
Böhmermann plädiert für die „Schuldvermutung“
Aufatmen
und Luft holen ist jedoch nicht erlaubt, denn das öffentlich-rechtliche
Moralkarussell fährt munter weiter: Einsteigen bitte, nächste Runde.
Und die legt sogar noch einmal an Tempo zu und heißt: „Jan Böhmermann“.
Herausgekramt wird ein Thema, das in der rasenden Taktung der
Schlagzeilen beinahe schon wieder verblasst war: der Fall Collien
Ulmen-Fernandes, Christian Ulmen und die Rede von der „digitalen
Vergewaltigung“.
Denn ja: Collien Ulmen-Fernandes sei „digital
vergewaltigt“ worden – was einst eine Wortneuschöpfung von Fernandes
war, scheint nun den allgemeinen Sprachgebrauch von Böhmermann erreicht
zu haben, der den Begriff nicht als Zitat, sondern als
Tatsachendarstellung verwendet. Digitale Vergewaltigung, digitale
Gewalt, Unschuldsvermutung, Schuldvermutung: Es ist bemerkenswert, was
Sprache leisten kann – und was sie transportiert, ohne je ausdrücklich
gesagt zu werden. Mitunter wirkt gerade das stärker, was zwischen den
Zeilen mitschwingt, als das, was offen ausgesprochen wird. Jan
Böhmermann besteht zwar darauf, dass Medien im Fall Ullmen die
Unschuldsvermutung zu wahren hätten, schafft es aber trotz allem im
Laufe seiner Sendung, diese Unschuldsvermutung Schritt für Schritt
auszuhöhlen.
Dafür beherrscht er alle Künste der Rhetorik und des Storytellings:
Als Sinnbild einer von kommerziellen Interessen getriebenen
Verteidigungsstrategie lädt er in seine Sendung „Scherzrichter“ Herrn
Witz ein – einen geldgierigen Anwalt, der ihm zugleich die rechtliche
Legitimation für seine These des Abends liefern soll: Die
Unschuldsvermutung gelte nur vor Gericht; Privatpersonen dürften
hingegen durchaus von vornherein Schuld annehmen – und wann, wenn nicht
in einem Fall, in dem die Fakten angeblich so klar und die Verteidigung
so brüchig ist?
Es ist eine Argumentation, die sich durch die
gesamte Sendung zieht – und dabei geschieht ein klarer Denkfehler: Ein
Rechtsstreit wird zum Aktivismus umgedeutet. Böhmermanns rhetorische
Strategie greift dabei reibungslos. Zunächst wird der Gegner
delegitimiert, denn es sind bekanntlich alles Männer – privilegierte,
primitive, nur Fußball und Bohrmaschinen im Kopf habende Männer! Dann
wird, wie besprochen, der Anwalt Ulmens durch den Dreck gezogen; das
gipfelt in der rhetorischen Frage, auf welcher Seite der Anwalt mit
seiner Kanzlei denn eigentlich stehe, auf der Seite der „Opfer“ oder der
Täter. Auch hier wieder die eklatante Vermischung von Rechtsstreit und
Aktivismus – für Böhmermann geht es in der Causa Fernandes schon längst
nicht mehr um einen fraglos verstörenden Konflikt, der mit den geltenden
Werkzeugen des Rechtsstaats behandelt werden muss, sondern um die
Bekämpfung des Patriarchats. Bei diesem sieht sich Jan Böhmermann wohl
ganz vorne mit dabei: der Kämpfer aller Unterdrückten, die Moralkeule
bereits schwingend in der Hand.
Böhmermann interviewt, falsch, therapiert HateAid
Das
Finale des Abends und den absoluten Höhepunkt bildet das abschließende
Interview mit den Geschäftsführerinnen von HateAid, Josephine Ballon und
Anna-Lena von Hodenberg, dem aufgrund seiner vermeintlichen Relevanz
sogar ein eigenes YouTube-Video gewidmet wird. Wobei „Interview“ hier
fast zu viel gesagt ist, denn die journalistische Distanz bleibt aus.
Jan Böhmermann agiert weniger als kritischer Gesprächspartner, sondern
vielmehr als Sprachrohr – als Werber für eine Organisation, die nach
seiner Darstellung das geltende Recht im Internet durchsetzen will, im
Kampf gegen sexualisierte Gewalt sowie gegen die großen Tech-Konzerne:
David gegen Goliath!
Entsprechend heimspielartig gestaltet sich
die Atmosphäre, in der Ballon und von Hodenberg ihre Sicht der Dinge
darlegen dürfen. Und um auch hier wieder Jan Böhmermann und seiner
Kohorte eine altbewährte demokratische Praxis – das Hineinversetzen in
das Gegenüber – zumindest ein Stück näherzubringen, soll das an dieser
Stelle einmal erprobt werden: Wie lautet die Darstellung der
Geschäftsführerinnen von HateAid?
Im Kern verstehen sie ihre Arbeit als Durchsetzung geltenden Rechts
im digitalen Raum. HateAid engagiert sich gegen digitale Gewalt,
unterstützt Betroffene und meldet als „Trusted Flagger“ problematische
Inhalte bei Plattformen. Zugleich zeichnen sie das Bild eines
politischen Konflikts: Sanktionen aus den USA seien eine Reaktion
darauf, dass man große Plattformen stärker regulieren wolle – gerade im
Bereich von Gewalt gegen Frauen und Kinder. Das koste die Konzerne Geld,
stoße auf Widerstand und sei, so die Lesart, auch politisch motiviert,
etwa durch Akteure wie Donald Trump. Die eigene Rolle ist damit klar
umrissen: die Durchsetzung des Rechtsstaats im Netz – gegen
wirtschaftliche Interessen und politischen Gegenwind.
Es könnte so
einfach sein, dieses böhmermannsche Weltbild. Es ist eines, das er
sonst dem oben umrissenen Feindbild, „den Rechten“, vorwirft: einfache
Antworten auf komplexe Fragen. Das Engagement von Collien
Ulmen-Fernandes? Ein unterstützenswerter Kampf gegen das Patriarchat!
Ulmens Anwalt? Ein geldgetriebener, schmieriger Stratege! Alle, die
skeptisch sind? Wahlweise rechtsextrem oder sexistisch! Über die „bösen
Populisten“ wird derweil nur abfällig gelächelt – und schon entfällt die
Notwendigkeit, sich ernsthaft mit ihren Argumenten auseinanderzusetzen.
Die
Frage nach der Meinungsfreiheit – wer was sagen darf, wie und in
welchem Medium – scheint den öffentlich-rechtlichen Rundfunk durchaus zu
beschäftigen. Und damit sind wir zurück bei der Ausgangsfrage: Darf Jan
Böhmermann das? Darf Friedrich Küppersbusch das? Dürfen sie mit der
beschriebenen Boshaftigkeit über Menschen herziehen, die sie
finanzieren, Journalisten und ihr Weltbild falsch darstellen und ihre
Repräsentanz im ÖRR offen infrage stellen? Wenn sie meine bescheidende
Antwort darauf hören wollen: Ja, denn ich bin eine Freundin der
Meinungsfreiheit – was jedoch fehlt, ist ein Gegengewicht. Dieses sehe
ich erst dann, wenn es ein rechtes, ein konservatives
Böhmermann-Gegenstück geben darf; erst dann, wenn dieser rechte
Böhmermann zur besten Sendezeit seine Thesen ebenso ungebremst vortragen
kann – und erst dann, wenn er dabei von Kollegen inhaltlich, nicht
konzeptionell kritisiert wird.
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