VON FELIX NIKLAS BINDER am 28. April 2026, 10 min
81 Prozent der Deutschen finden es ungerecht, wie der Wohlstand im
Land verteilt ist. Das ist die Schlagzeile, die derzeit durch sämtliche
Medien geht. Befragt nach dem Gerechtigkeitsprinzip, das ihnen
persönlich am wichtigsten ist, antwortet eine relative Mehrheit von 42
Prozent mit Leistungsgerechtigkeit. Wer mehr leistet, der soll mehr
verdienen. Nur 32 Prozent priorisieren Verteilungsgerechtigkeit, also
den Wunsch, dass die Abstände nicht zu groß werden sollen. „Das Volk“
will keine Gleichmacherei, es will eine legitimere Ungleichheit.
Dieser
Widerspruch – oder genauer: diese Spannung – ist der Schlüssel zu dem,
was die aktuelle ARD-Umfrage von Infratest Dimap über die Stimmung der
deutschen Gesellschaft verrät. Die Befragung wurde in der zweiten
Aprilwoche 2026 als Teil der ARD-Aktion „Deine Meinung zählt!“ mit 2084
Teilnehmern durchgeführt, repräsentativ für die deutschsprachige
Bevölkerung ab 16 Jahren. Und wer alle ihre Daten in Ruhe liest, statt
sich von der Zahl im Aufmacher der Presselandschaft entweder wahlweise
bestätigen, erregen oder verunsichern zu lassen, der entdeckt ein Bild,
das erheblich nuancierter ist als jede naheliegende politische
Indienstnahme.
Moralische Ökonomie: Ein altes Konzept für eine neue Lage Um
zu verstehen, was die Zahlen aus der Umfrage bedeuten, lohnt ein kurzer
Exkurs über die englische Sozialgeschichte des 18. Jahrhunderts. Der
marxistische Sozialhistoriker E.P. Thompson hat in den 1970er-Jahren den
Begriff der „moralischen Ökonomie“ geprägt, um die
Nahrungsmittelunruhen zu erklären, die in dieser Epoche in englischen
Städten und Dörfern ausbrachen. Diese Aufstände galten nicht dem
kapitalistischen System als solchem, denn die Aufständischen wollten
keine Revolution. Stattdessen protestierten sie gegen die Verletzung
konkreter sozialer Normen: gegen Händler, die in Hungerzeiten Getreide
horteten und die Preise in die Höhe trieben, obwohl die Tradition
vorschrieb, dass elementare Güter für alle zugänglich sein mussten. Der
Aufstand war also ein Akt normativer Empörung, keineswegs ein
ideologischer, so Thompsons Schlussfolgerung.
Die Frage, die
Thompson damit beantwortet, ist das Warum der Empörung. Der
österreichisch-ungarische Ökonom Karl Polanyi beleuchtet in seiner
„Großen Transformation“ (1944) das Wann. Polanyi beschreibt, was er die
„doppelte Bewegung“ nennt: Wenn sich Märkte aus ihren sozialen
Einbettungen herauslösen und anfangen, Arbeit, Boden und Geld als reine
Waren zu behandeln, erzeugt die Gesellschaft zwangsläufig eine
Gegenbewegung des Selbstschutzes. Kein ideologisches Projekt, kein
revolutionäres Programm, sondern ein sozialer Reflex, der einsetzt,
sobald die Marktlogik anfängt, soziale Substanz zu zersetzen. Während
Thompson also die Grammatik der Empörung erklärt, erklärt Polanyi den
Moment, in dem sie ausgelöst wird.
Die strukturellen Parallelen mit dem, was die aktuelle Umfrage zeigt,
sind frappierend. Was die Deutschen beschäftigt, scheint nicht
abstrakte Ungleichheit zu sein. Eher ist es die Verletzung von
Reziprozitätsnormen in einer Zeit, in der Lohnstagnation in der Breite
auf stetig wachsende Vermögen ganz oben trifft, in der Arbeit nicht mehr
zuverlässig vor Abstieg schützt und in der die Spielregeln des
Sozialstaats als zugunsten anderer verändert empfunden werden. Wer trotz
Arbeit kaum über die Runden kommt, während andere durch Erbschaft oder
systemischen Zugang reich oder reicher werden, scheinbar ohne erkennbar
etwas dafür getan zu haben, der empfindet keine abstrakte ökonomische
Schieflage. Stattdessen empfindet er eine moralische Verletzung. Und
moralische Verletzungen erzeugen einen anderen politischen Druck als
bloße Einkommensunzufriedenheit.
Diese Logik durchzieht die
gesamte Umfrage wie ein roter Faden. 86 Prozent der Befragten wollen,
dass auch Beamte, Selbstständige und Politiker in die gesetzliche
Rentenversicherung einzahlen: Wer vom System profitiert, der soll auch
einzahlen. Und 67 Prozent befürworten eine stärkere Orientierung der
Rente an Beitragsjahren: Wer länger eingezahlt hat, soll am Ende mehr
rausbekommen. 66 Prozent wollen, dass Migranten erst nach längerer
Arbeit Sozialleistungen erhalten: Zugehörigkeit wird also erarbeitet,
nicht sofort gewährt. Gleichzeitig befürworten 64 Prozent eine
Vermögenssteuer und 62 Prozent eine höhere Erbschaftssteuer auf große
Nachlässe: Ein „unverdient angehäufter Reichtum“ scheint vielen
illegitim. Das sind keine widersprüchlichen Positionen. Sie folgen ein
und derselben moralischen Logik.
Das Dreieck der Gerechtigkeitsprinzipien – und eine stille Verschiebung
Zurück
zum Gerechtigkeitsprinzip-Dreieck vom Anfang. 42 Prozent sind für
Leistungsgerechtigkeit, 32 Prozent für Verteilungsgerechtigkeit – und 23
Prozent für Bedarfsgerechtigkeit: Das sind jene, denen es am
wichtigsten ist, dass sich die Gesellschaft besonders um die Schwachen
kümmert. Diese dritte Gruppe ist das klassisch christlich-soziale und
sozialdemokratische Erbe der deutschen Wohlfahrtsstaatsgeschichte. Ihr
relatives Schrumpfen gegenüber der Leistungsgerechtigkeitsmehrheit ist
keine dramatische Zahl für sich, aber es ist eine stille Verschiebung im
deutschen Gerechtigkeitsdiskurs, die es festzuhalten lohnt.
Es
ist die Verschiebung von einer solidarischen zu einer reziproken
Grundhaltung. Nicht: „Die Gesellschaft schuldet den Schwachen etwas.“
Sondern: „Wer etwas beiträgt, hat Anspruch, darauf etwas
zurückzubekommen.“ Der Sozialstaat wird nicht als
Umverteilungsinstrument begriffen, sondern als Versicherungsgemeinschaft
mit entsprechend strengeren Vorstellungen davon, wer zu welchen
Bedingungen Mitglied sein darf. Dass dieser Wandel in einer Phase
beschleunigt zu werden scheint, in der Migration und Sozialpolitik im
öffentlichen Diskurs immer wieder eng verknüpft werden, ist kein Zufall.
Der Osten als Sonderfall: Historische Asymmetrie, nicht bloße Armut
Die
regionalen Unterschiede in der Umfrage sind markant. In
Berlin/Brandenburg und in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen
empfinden je 90 Prozent die Wohlstandsverteilung als ungerecht. Aber
auch in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz sind es bereits 75
Prozent. Noch aufschlussreicher ist eine zweite Zahl: 60 Prozent in den
ostdeutschen Kernländern lehnen persönliche Einschnitte zur Sicherung
der Sozialsysteme ab, während in norddeutschen und südwestdeutschen
Bundesländern knappe Mehrheiten dafür Verständnis haben.
Man wäre versucht, das als Armutsproblem zu lesen, aber das greift zu
kurz. Die Unterschiede im Osten lassen sich durch eine eigenständige
Erklärungslogik nachvollziehen: Es fehlen die privaten Vermögenswerte,
die im Westen über Generationen akkumuliert wurden. Wer nach 1990 erst
beginnen musste, privates Eigentum aufzubauen, verfügt heute nicht über
die Erbschaften und Rücklagen, die westdeutsche Mittelschichtsbiografien
absichern. Die ostdeutsche Ungerechtigkeitswahrnehmung ist keine Frage
des laufenden Einkommens allein, sie ist eine Frage aufgestapelter
historischer Asymmetrien. Das macht sie hartnäckiger und politisch
explosiver.
In dieser Kombination aus struktureller
Benachteiligung, fehlender Vermögensbasis und der wahrgenommenen
Konkurrenz um staatliche Ressourcen liegt der Nährboden für eine
spezifisch ostdeutsche Variante des Populismus – eine, die sich nicht
einfach mit Fremdenfeindlichkeit oder Bildungsdefiziten erklären lässt,
sondern eine eigene materielle und biographische Logik hat.
Die AfD als Anomalie: Exklusion statt Redistribution
Besonders
aufschlussreich ist die Aufschlüsselung der Vermögens- und
Erbschaftssteuerfrage nach Parteisympathie. Bei Anhängern der Linken,
der Grünen und der SPD befürworten jeweils zwischen 78 und 88 Prozent
eine Vermögenssteuer. Und selbst bei Unionswählern sind es
überraschenderweise noch 62 Prozent. Eine Zahl, die für sich genommen
politisch explosiv ist: Die Partei, die seit fast dreißig Jahren die
Wiedereinführung der Vermögenssteuer blockiert, wird von einer
Anhängerschaft getragen, von der fast zwei Drittel genau das wollen.
Hier klafft eine Responsivitätslücke, die im nächsten Wahlkampf von
links problemlos bespielt werden kann.
Nur bei AfD-Wählern kippt
das Bild: 52 Prozent sind gegen eine Vermögenssteuer, 62 Prozent gegen
eine Anhebung der Erbschaftssteuer. Das ist analytisch hochrelevant,
weil AfD-Wähler überproportional ökonomisch depriviert sind und dennoch
klassische Instrumente der Umverteilung von oben nach unten ablehnen.
Ihr Gerechtigkeitskonzept ist kein distributives, sondern ein
exklusives: Die Lösung für Ungerechtigkeit liegt nicht darin, das Oben
zu beschneiden, sondern das Unten zu bereinigen – also vermeintlich
Nicht-Zugehörige aus dem Verteilungssystem zu drängen.
Dieser
Befund verweist auf eine tiefe Spaltung im populistischen Lager selbst.
Links und rechts teilen die Diagnose: Die Verhältnisse sind ungerecht.
Aber ihre Therapien sind völlig entgegengesetzt. Während linker
Populismus umverteilen will, will rechter Populismus abgrenzen. Beide
bedienen das Reziprozitätsgefühl, aber auf verschiedenen Achsen: der
eine vertikal (oben gegen unten), der andere horizontal (innen gegen
außen). Dass die Mitte zwischen diesen beiden Vektoren zerrieben wird,
ist der logische politische Mechanismus der Gegenwart.
Die Responsivitätskrise der Mitte
Das
eigentliche Problem der politischen Mitte zeigt sich in den
widersprüchlichen Anforderungen, die die Umfrage sichtbar macht. 47
Prozent können persönliche Einschnitte zur Sicherung der Sozialsysteme
nachvollziehen, aber genauso viele können es nicht. Auf die konkrete
Frage, wo Einschnitte richtig wären, sagen 52 Prozent: in keiner der
Versicherungen. 86 Prozent wollen mehr Einzahler in die
Rentenversicherung, aber 64 Prozent lehnen ein höheres
Renteneintrittsalter ab. 63 Prozent finden, sie müssten nicht mehr
arbeiten, um den Wohlstand zu sichern.
Das klingt nach
klassischem „Not in my backyard“ – und das ist es zum Teil auch. Aber es
ist auch mehr als das. Es ist der Ausdruck einer politischen
Erschöpfung: Man hat genug reformiert, genug „zukunftsfähig“ gemacht,
genug Zumutungen akzeptiert. Das Vertrauen, dass die eigenen Einschnitte
tatsächlich dem System zugutekommen und nicht in Ineffizienz oder
anderweitiger Umverteilung verschwinden, ist aufgebraucht. Jeder zweite
Deutsche ist laut Umfrage bereit, unter bestimmten Umständen Einschnitte
zu akzeptieren – aber nur dann, wenn er die Sinnhaftigkeit sieht. Diese
Bedingung ist weniger Sturheit als ein begründetes Vertrauensproblem.
Für eine Bundesregierung, die sich umfassende Sozialreformen
vorgenommen hat, ist das eine ernste Ausgangsposition. Kanzler Merz hat
zuletzt mit Äußerungen zur gesetzlichen Rente als künftiger
„Basisabsicherung“ in Teilen der Bevölkerung für Irritationen gesorgt.
Dass 69 Prozent der Befragten ein Modell mit mehr Eigenverantwortung und
niedrigeren Pflichtbeiträgen ablehnen, zeigt, wie dünn das Eis ist, auf
dem sich diese Rhetorik bewegt.
Die schwierige Aufgabe der Politik
Was
diese Umfrage beschreibt, ist weder eine linke Welle noch ein rechter
Backlash. Es könnte der Wunsch nach der Wiederkehr einer moralischen
Ökonomie sein, die das Verhältnis von Leistung und Belohnung, von
Beitrag und Teilhabe, von Zugehörigkeit und Solidarität neu verhandeln
will. Dieser Aushandlungsprozess ist so alt wie der Sozialstaat selbst.
Aber die Bedingungen, unter denen er geführt wird, haben sich verändert:
Demografie, die das Rentenversprechen unter Druck setzt. Migration, die
den Sozialstaatsdiskurs mit Zugehörigkeitsfragen auflädt. Und ein
Verlust des Vertrauens in politische Institutionen, der dazu führt, dass
selbst vernünftige Reformschritte als Zumutung erlebt werden.
Die
Frage, die die Daten aufwerfen, ist deshalb nicht: Wie kommuniziert die
Politik ihr Reformprogramm besser? Die Frage ist: Wie antwortet sie
inhaltlich auf eine Gesellschaft, deren Gerechtigkeitsgefühl im Kern
reziprok ist, die aber gleichzeitig, wenn es konkret wird, keine der
verfügbaren politischen Konsequenzen akzeptieren will? Das ist das
eigentliche Dilemma. Wer das Reziprozitätsgefühl bedient, ohne in
ausschließerischen Populismus abzugleiten, muss zeigen, dass das System
den belohnt, der einzahlt – und dass die Regeln für alle gelten. Beamte
in der Rentenversicherung wären ein Signal. Steuerliche Konsequenzen für
unverdiente Vermögenskonzentrationen wären ein anderes. Aber Signale
allein genügen nicht, wenn das Grundvertrauen fehlt, dass sie auch
umgesetzt werden.
Die 81 Prozent, die die Wohlstandsverteilung in
Deutschland für ungerecht halten, sind Ausdruck einer gesellschaftlichen
Realität, auf die die aktuelle Politik entweder inhaltlich antwortet
oder für die andere Antworten finden werden. Welche das bei anhaltender
Responsivitätskrise sein werden, zeigen die Parteienpräferenzen in
dieser Umfrage bereits hinreichend deutlich an.
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