Was aber bleibt von der „Correctiv“-Geschichte, wenn vom „Masterplan“ nichts zurückbleibt? Eine bis auf die Knochen blamierte Medienlandschaft – und viele offene Fragen, vor allem an die Politik und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Denn sie haben die Steuergelder und Rundfunkbeiträge der Bürger dazu benutzt, eine Kampagne zu befeuern, von der sie leicht hätten feststellen können, dass daran etwas faul ist – und dass die zentrale Aussage nicht mit Beweisen unterfüttert wird.
Die NGO-Armada
Doch die Lust am Schauder über das Unvorstellbare, das doch letztlich nur das eigene Schwarzweiß-Weltbild bestätigte, war zu groß – und erfasste selbst Regierungsmitglieder wie die damalige SPD-Innenministerin. Nancy Faeser fühlte sich durch den Gedankenaustausch einiger neurechter Migrationskritiker, die bis dahin kaum jemand kannte, und ihrer teils eher ahnungslosen Tischgäste an die „Wannseekonferenz“ erinnert – ein abgründiger, ja bodenloser Vergleich, der den Wegfall jeglicher Maßstäbe beim verantwortlichen Personal veranschaulicht. Auch diese perfide Spur hatte „Correctiv“ im Bericht selbst gelegt: „Knapp acht Kilometer entfernt von dem Hotel“, verrät der Bericht andeutungsvoll über den Schauplatz des Postdamer Treffens, „steht das Haus der Wannseekonferenz, auf der die Nazis die systematische Vernichtung der Juden koordinierten.“
Geschmackloser konnte „Correctiv“ die Schwächen und blinden Flecken seiner Recherche nicht übertünchen. Denn ohne das Narrativ einer geplanten „Deportation“ und „Vertreibung“ deutscher Staatsbürger hätte es die Geschichte kaum in die „Tagesschau“ geschafft, und auch die NGO-Armada von „Omas gegen Rechts“ bis „Campact“ hätte ihre Plakate nicht gemalt und eine Stand-by-Demo-Infrastruktur zur Verhinderung der unmittelbar bevorstehenden nationalsozialistischen Machtergreifung geschaffen.
Dieses Protestritual konnte praktischerweise sofort reaktiviert werden, als Friedrich Merz ein Jahr später im Bundestag die Rückkehr zu einer rechtmäßigen Asylpolitik durchsetzen wollte und sich durch die Zustimmung der AfD nicht davon abhalten ließ. Auch die AfD-Verbotsdebatte wäre ohne die Skandalisierung der „Remigration“ kaum so schwungvoll in Gang gekommen – wobei es die Gutachten des Verfassungsschutzes zur Verfassungswidrigkeit der Partei in Sachen Unseriösität und Windigkeit durchaus mit dem „Correctiv“-Dossier aufnehmen können.
Übrigens war der Remigrationsbegriff, bevor „Correctiv“ den
österreichischen Provokateur Martin Sellner über Nacht zum neurechten
Superstar machte, eher als Fachterminus bekannt, den etwa das Bundesamt
für Flüchtlinge noch 2006 in einer Forschungsstudie
für die „freiwillige und zwangsweise Rückkehr von
Drittstaatsangehörigen aus Deutschland“ verwendete – um damit ungefähr
das zu bezeichnen, was Friedrich Merz meinte, als er Ende März die
Rückkehr von „rund 80 Prozent der in Deutschland jetzt sich aufhaltenden
Syrerinnen und Syrer zurück in ihr Heimatland“ nach dem Wegfall der
Fluchtursache ankündigte.
So vergiftete der „Correctiv“-Bericht über den „Masterplan“ nachhaltig die politische Debatte in Deutschland, indem er zum absurden Eindruck beitrug, bei der migrationskritischen Hälfte des Landes (in Umfragen übrigens eine klare Mehrheit) handle es sich um die neuen Nazis, während die linken Antifaschisten die „Weiße Rose“ der Gegenwart darstellten. Gerade die enge Kooperation zwischen NGOs, öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und Bundesregierung wird der AfD etliche Wähler zugetrieben haben.
Unter journalistischen Gesichtspunkten stellt „Correctiv“, das noch nach Bekanntwerden der gravierenden Mängel der Geschichte mit Branchenpreisen und Ehrungen überhäuft wurde, eine umgekehrte „Watergate“-Affäre dar. Denn diesmal haben Journalisten nicht zur Aufklärung beigetragen, sondern im Gegenteil selbst eine irreführende politische Inszenierung geschaffen, an der andere Journalisten völlig kritiklos mitwirkten – allein schon dadurch, dass sie ihren natürlichen Instinkt, alles gründlich und kritisch zu prüfen, vollständig abschalteten. Einige unbestechliche Reporter und Juristen haben – als echtes Korrektiv – diese Konstruktion durch beharrliches Nachfragen entlarvt. Wer verleiht ihnen Preise?

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