09 April 2026

Enthüllungsbuch zum Nord-Stream-Anschlag - "Die Drahtzieher sind Kinder der CIA" (t-online)

Enthüllungsbuch zum Nord-Stream-Anschlag
"Die Drahtzieher sind Kinder der CIA" (t-Online)
Interview - Ein Interview von Carsten Janz, 09.04.2026, 8 Min
Drei Jahre nach dem Anschlag hat Deutschland noch immer keine Antwort auf die Frage, wer die Nord-Stream-Pipelines gesprengt hat. Zwei Investigativjournalisten glauben, sie gefunden zu haben – und sie ist politisch brisant.
Es war einer der spektakulärsten Sabotageakte überhaupt und er ist bis heute nicht vollständig aufgeklärt. In der Nacht vom 26. auf den 27. September 2022 explodierten die Nord-Stream-Pipelines in der Ostsee. Drei der vier Röhren wurden zerstört. Russland beschuldigte den Westen. Der Westen beschuldigte Russland. Der Journalist Seymour Hersh, einst Pulitzer-Preisträger, behauptete, die USA hätten den Befehl gegeben. Schweden und Dänemark ermittelten jahrelang und stellten die Verfahren dann sang- und klanglos ein. Deutschland ermittelt noch immer.
Was bisher öffentlich bekannt war, könnte nur ein Teil der Wahrheit sein. Das legt zumindest ein neues Buch nahe, das bereits jetzt politischen Sprengstoff birgt: "Die Sprengung – Der Nord-Stream-Anschlag, die Jagd nach den Tätern und Deutschlands Verrat an der Ukraine". Die Autoren Oliver Schröm und Ulrich Thiele nennen erstmals konkret Täter, beschreiben den Ablauf des Anschlags und enthüllen, wie die Bundesregierung unter Olaf Scholz die Erkenntnisse darüber politisch instrumentalisiert haben soll, um die eigene Waffenlieferungspolitik zu schützen.
Für "Die Sprengung" reisten die beiden Autoren nach Kiew, sprachen mit zentralen Drahtziehern des Anschlags und werteten mehrere Tausend Seiten Dokumente, E-Mails und Geheimdienstberichte aus. Was sie herausfanden, ist mehr als ein Krimi über Taucher und Sprengstoff. Es ist auch eine Geschichte über Machtmissbrauch in Berlin.
t-online: Fangen wir mit der zentralen Frage an: Wer hat die Pipelines denn Ihren Recherchen nach gesprengt?
Ulrich Thiele: Wir waren in Kiew und haben mit zentralen Akteuren gesprochen – mit Tatbeteiligten und Hintermännern. Wen genau wir getroffen haben, dürfen wir nicht sagen. Aber wir können sagen, wer die Drahtzieher waren: zwei ehemalige ukrainische Geheimdienstagenten, die ab 2015 von der CIA ausgebildet wurden.Oliver Schröm: Diese beiden haben ab 2014, nach der Krim-Annexion, waghalsige Sabotageoperationen und Mordanschläge auf pro-russische Kommandanten in der Ostukraine verübt. Als Selenskyj 2019 Präsident wurde und eine weniger konfrontative Russlandpolitik betreiben wollte, waren diese Männer plötzlich nicht mehr gefragt und wurden gefeuert. Der eine ist sogar im Gefängnis gelandet, lief anschließend mit Fußfessel herum. Er ist überzeugt, dass Selenskyjs Präsidentenbüro dahintersteckt, um ihn aus dem Weg zu räumen.

Das klingt nach einem persönlichen Rachefeldzug.

Thiele: Diese Männer hassen Selenskyj. Das kann man wirklich so sagen. Sie werfen ihm vor, eigene Operationen gegen Russland sabotiert zu haben. Und sie werfen seinem damaligen Berater und engsten Vertrauten Andrij Jermak vor, ein pro-russischer Agent zu sein. Deshalb wollten sie auch nicht, dass Selenskyj oder das Präsidentenbüro von der geplanten Sprengung erfährt – sie hatten Sorge, er würde sie wieder verhindern.

Aber reicht Hass wirklich als Motiv für solch einen Anschlag aus? Das hört sich zu einfach an.

Thiele: Bei der Sabotage ging es um Patriotismus und den Wunsch, dem Kreml eines der wichtigsten Druckmittel im Krieg zu nehmen. Nord Stream hat in der Ukraine von Anbeginn an für Empörung gesorgt, weil Gazprom, der russische Staatskonzern, damit explizit seinen Nachbarn als Transitland umgehen wollte. Die Transitfunktion für russische Gaslieferungen nach Deutschland war für die Ukraine eine geopolitische Sicherheitsgarantie, man sah darin einen Schutzschild vor russischen Angriffen. Nord Stream hat diesen Schutzschild geschwächt. Und als die Planung für die Sprengung begann, hat Nord Stream 1 immer noch Milliarden in Putins Kriegskassen gespült. Das sind starke Motive für die Sprengung.

Zu zweit konnten sie das ja sicher nicht regeln. Welche Helfer hatten sie?

Schröm: Die Strippenzieher sind eine relativ kleine Gruppe von ehemaligen Geheimdienstagenten und Militärs. Hinzu kommt eine Handvoll Zivilisten, die für die Tauchgänge rekrutiert wurden. Es war, nach allem, was wir wissen, ein mit recht wenig Geld und ohne großen Apparat durchgeführtes Husarenstück. Allerdings ist bis heute nicht geklärt, ob – und wenn ja, welche – ausländischen Geheimdienste im Schatten mitgewirkt haben könnten. Die Strippenzieher wollten uns zum Beispiel nicht sagen, woher sie den Militärsprengstoff bekommen haben, den die Saboteure an den Pipelines befestigt haben. Er kam jedenfalls nicht aus der Ukraine.

Ihren Recherchen nach war aber auch die CIA involviert. Wie genau?

Schröm: Das ist eine der zentralen Enthüllungen des Buches. Die Drahtzieher sind Kinder der CIA – von ihr ausgebildet, hochgerüstet, finanziert. Nach 2014 hat die CIA den ukrainischen Militärgeheimdienst komplett reorganisiert. Das sind alles ihre Leute. Der Oberdrahtzieher des Anschlags, der frühere Chef des Militärgeheimdienstes, fährt heute noch mit dem gepanzerten Wagen durch die Ukraine, den ihm die CIA zur Verfügung gestellt hat.

Thiele: Und die CIA war Ende April 2022 sogar bereit, die Operation mit 200.000 Dollar zu unterstützen. Zumindest hat ein CIA-Verbindungsmann das in Aussicht gestellt. Das war fünf Monate vor der Sprengung. Dann passierte etwas Entscheidendes: Der niederländische Militärgeheimdienst bekam Wind von dem Plan und informierte die CIA. Plötzlich hatte die CIA ein Problem: Ein europäischer Partner wusste davon. Also trat sie im Juni 2022 die Flucht nach vorn an und warnte alle Verbündeten. Unter anderem auch Deutschland. Und auch Selenskyj selbst.

Das heißt: Selenskyj wurde gewarnt und wusste vorher nichts?

Thiele: Mutmaßlich. Walerij Saluschnyj, der damalige Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, hatte den Saboteuren ausdrücklich zugesichert, Selenskyj nicht einzuweihen. Die Saboteure trauten dem Präsidenten nicht. Sie befürchteten, er würde die Operation stoppen. Auch Saluschnyj hat Selenskyj nicht getraut, ist sein innenpolitischer Gegenspieler und will wohl selbst Präsident werden. Ob er wirklich geschwiegen oder doch ein doppeltes Spiel gespielt hat, wissen wir nicht mit Sicherheit. Aber es erscheint uns nicht sehr wahrscheinlich, dass Selenskyj eingeweiht war – schon wegen der tiefen Rivalität zwischen den beiden und auch wegen Selenskyjs Fehde mit den Ex-Geheimdienstlern.

Aber wenn Selenskyj durch die CIA-Warnung von der geplanten Sabotage wusste, warum hat er sie nicht verhindert?

Thiele: Laut den Hintermännern wusste Selenskyj nur, dass etwas geplant war, aber nicht, wer dahintersteckt. Weil Saluschnyj ihn nicht eingeweiht habe, sagen die Hintermänner, habe Selenskyj im Dunkeln gestochert.

Haben Sie dafür weitere Belege?

Schröm: Die Rolle der CIA haben uns zwei ranghohe Quellen in der Ukraine und eine sehr ranghohe Quelle in den USA unabhängig voneinander bestätigt.

Sie legen das Augenmerk im Buch aber noch auf andere Akteure: die Rolle von Wolfgang Schmidt und Olaf Scholz. Was haben die beiden gewusst und was haben sie daraus gemacht?

Thiele: Die Warnung des niederländischen Geheimdienstes lag Wolfgang Schmidt, dem langjährigen Vertrauten von Scholz und damaligen Kanzleramtschef, sehr detailliert vor: sechs mutmaßliche Attentäter, ein Schiff, Taucher, ein Datum. Und Saluschnyj, der militärische Oberbefehlshaber, wurde sogar namentlich erwähnt. Und trotzdem hat das Kanzleramt nichts unternommen. Keine Marine. Keine Bundespolizei. Man hat den Hinweis einfach als Desinformation abgehakt.
Schröm: Und hinterher hat das Kanzleramt Nebelkerzen geworfen. Man hat zugegeben, es habe eine "allgemeine Warnung" der CIA gegeben, aber wissentlich verschwiegen, dass der niederländische Hinweis hoch detailliert war.

Und nach dem Anschlag? Schmidt hat den Fall dann zur "Chefsache" gemacht.

Thiele: Schmidt war als Kanzleramtschef für die Nachrichtendienste zuständig und hatte großes Interesse an dem Fall. Ein "Spiegel"-Journalist sagte in einer TV-Dokumentation, Schmidt sei "wahrscheinlich derjenige in Deutschland, der das meiste Detailwissen über diese Ermittlungen hat". Er ließ sich vom BND briefen, stand in intensivem Kontakt mit den Ermittlern, hat sogar vertrauliche CIA-Informationen an die Strafverfolgung weitergegeben, was er eigentlich nicht darf. Das nennt sich "Third Party Rule": Informationen ausländischer Geheimdienste dürfen aus Quellenschutzgründen nicht einfach weitergereicht werden.

Schröm: Und gleichzeitig hat er parlamentarische Anfragen mit genau dieser Regel abgeblockt. Er hat die "Third Party Rule" als Schutzschild benutzt – gegen andere.

Das hört sich ein wenig nach Verschwörung an. Was soll das Ziel gewesen sein?

Schröm: Eine Erklärung ist womöglich ein Satz von Schmidt. In einem vertraulichen Gespräch mit einem Bundestagsabgeordneten, der Waffenlieferungen forderte, sagte er: "Du weißt doch, wir können der Ukraine nicht trauen." Das ist der Kern. Scholz und Schmidt haben der Ukraine immer misstraut, sie haben Selenskyj immer misstraut. Dass die Sabotage von Ukrainern durchgeführt wurde, war für sie Bestätigung und Entlastung zugleich. Man darf nicht vergessen, wie sehr Scholz damals in der Debatte um schwere Waffen unter Druck stand.
Thiele: Es ist ein klassischer Schmidt-Spin. Er nimmt etwas, das stimmt – es waren Ukrainer. Und setzt daraus einen Spin, der nicht unbedingt stimmt: Es war die Ukraine. Es war Selenskyj. Und deshalb dürfen wir nicht schwere Waffen liefern

Und dafür soll Schmidt dann die Presse gebraucht haben?

Thiele: Schmidts Pressenetzwerk ist im politischen Berlin berüchtigt. Er hat es sich über Jahrzehnte aufgebaut. Das fing in den 2000ern an, als er in der Berliner Landesvertretung Hamburgs Hauptstadtjournalisten zum Champions-League-Gucken eingeladen hat. Er ist per Du mit sehr vielen einflussreichen Journalisten. Er spielt mit ihnen am Wochenende Fußball, trinkt mit ihnen Bier, pflegt eine vermeintliche Freundschaft. Aber es ist eine Nähe, die er für sich zu nutzen weiß. Und Nähe korrumpiert.

Sie nennen im Buch auch konkrete Namen, unter anderem Holger Stark von der "Zeit". Wie eng ist der ihren Recherchen nach mit Schmidt?

Thiele: Holger Stark ist im Buch prominent vertreten, weil er viele Details über die Ermittlungen enthüllt hat, was ja die Aufgabe eines Investigativjournalisten ist. Kritikwürdig ist aus meiner Sicht nur, bei allem Respekt vor seiner Arbeit, dass er sehr früh den Spin gesetzt hat, die Ukraine-Unterstützung der Bundesregierung müsse wegen der Sabotage überdacht werden. Das erscheint mir angesichts der Unklarheit, inwiefern der ukrainische Staat und Selenskyj involviert waren und auch angesichts der Rolle, die der Bau von Nord Stream bei der Kriegseskalation gespielt hat, fragwürdig. Was Schmidt angeht: Die Nähe zu ihm haben, wie gesagt, viele Journalisten in Berlin. Und das ist ein Problem.

Aber lebt der Journalismus nicht auch von Nähe zu guten Quellen?

Schröm: Ich mache diesen Job seit 40 Jahren. Und ich ertappe mich immer wieder, wie naiv ich bezüglich des Verhaltens von Kollegen bin. Diese Nähe zu Regierenden – so etwas kenne ich aus internationalen Kooperationen nicht. In Amerika kann ich mir nicht vorstellen, dass Investigativjournalisten eine solche Nähe kultivieren. Wenn ich mit jemandem Fußball spiele, über den ich auch berichte, laufe ich Gefahr, mich unter dem Deckmantel des Journalismus zum PR-Mann für Regierungspolitik zu machen.

Und das "Wall Street Journal" hat dann einen weiteren Artikel veröffentlicht. Mit der Behauptung, Selenskyj selbst habe den Anschlag genehmigt. Darin sehen sie eine Strategie des Kanzleramtes?

Schröm: Es ist zumindest eine Stoßrichtung, die dem Kanzleramt damals gelegen kam. Der Korrespondent des "Wall Street Journal" (WSJ), Bojan Pancevski, schreibt eine Weltgeschichte: Selenskyj soll den Anschlag gebilligt haben. Und wenige Tage vorher schreibt Wolfgang Schmidt in einer privaten Nachricht an einen Vertrauten: "Ich telefoniere nachher mit Bojan – bin auch gespannt." Warum Schmidt sich mit dem "WSJ"-Reporter verabredet hat, erklärt er nicht. Jedenfalls passt der Spin der Geschichte perfekt in das Kanzleramt-Narrativ: Es war die Ukraine. Es war Selenskyj. Also müssen wir nicht liefern.

Wenn man alles zusammenträgt: Hat Deutschland auf mehreren Ebenen versagt?

Thiele: Deutschland hat Russlands Angriff auf die Ukraine mindestens mit begünstigt – durch Nord Stream 1 und 2. Und Olaf Scholz' Kanzlerschaft ist durchzogen von Fehleinschätzungen: Er wollte die Betriebsgenehmigung für Nord Stream 2 noch im Oktober 2021 heimlich durchboxen, wie wir im Buch enthüllen. Er hat die Warnungen der Amerikaner vor dem Krieg nicht nur ignoriert, sondern aktiv hintertrieben. Er hat Selenskyj sogar angerufen und ihm gesagt, er solle den Amerikanern nicht glauben, weil Putin ihm persönlich versichert habe, er werde die Ukraine nicht überfallen. Und nach Kriegsbeginn hat er Selenskyj zur Kapitulation aufgefordert.
Schröm: Das dementiert Scholz uns gegenüber. Aber wir haben dafür zuverlässige Quellen – darunter ausländische Staatschefs. Und ich wüsste nicht, warum ich einem ausländischen Staatschef weniger glauben sollte als Olaf Scholz.
Vielen Dank für das Gespräch.

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