"Die Drahtzieher sind Kinder der CIA" (t-Online)
Interview - Ein Interview von Carsten Janz, 09.04.2026, 8 Min
Das klingt nach einem persönlichen Rachefeldzug.
Thiele:
Diese Männer hassen Selenskyj. Das kann man wirklich so sagen. Sie
werfen ihm vor, eigene Operationen gegen Russland sabotiert zu haben.
Und sie werfen seinem damaligen Berater und engsten Vertrauten Andrij
Jermak vor, ein pro-russischer Agent zu sein. Deshalb wollten sie auch
nicht, dass Selenskyj oder das Präsidentenbüro von der geplanten
Sprengung erfährt – sie hatten Sorge, er würde sie wieder verhindern.
Aber reicht Hass wirklich als Motiv für solch einen Anschlag aus? Das hört sich zu einfach an.
Thiele:
Bei der Sabotage ging es um Patriotismus und den Wunsch, dem Kreml
eines der wichtigsten Druckmittel im Krieg zu nehmen. Nord Stream hat in
der Ukraine von Anbeginn an für Empörung gesorgt, weil Gazprom,
der russische Staatskonzern, damit explizit seinen Nachbarn als
Transitland umgehen wollte. Die Transitfunktion für russische
Gaslieferungen nach Deutschland war für die Ukraine eine geopolitische
Sicherheitsgarantie, man sah darin einen Schutzschild vor russischen
Angriffen. Nord Stream hat diesen Schutzschild geschwächt. Und als die
Planung für die Sprengung begann, hat Nord Stream 1 immer noch
Milliarden in Putins Kriegskassen gespült. Das sind starke Motive für
die Sprengung.
Zu zweit konnten sie das ja sicher nicht regeln. Welche Helfer hatten sie?
Schröm: Die Strippenzieher sind eine relativ kleine Gruppe von ehemaligen Geheimdienstagenten und Militärs. Hinzu kommt eine Handvoll Zivilisten, die für die Tauchgänge rekrutiert wurden. Es war, nach allem, was wir wissen, ein mit recht wenig Geld und ohne großen Apparat durchgeführtes Husarenstück. Allerdings ist bis heute nicht geklärt, ob – und wenn ja, welche – ausländischen Geheimdienste im Schatten mitgewirkt haben könnten. Die Strippenzieher wollten uns zum Beispiel nicht sagen, woher sie den Militärsprengstoff bekommen haben, den die Saboteure an den Pipelines befestigt haben. Er kam jedenfalls nicht aus der Ukraine.
Ihren Recherchen nach war aber auch die CIA involviert. Wie genau?
Schröm:
Das ist eine der zentralen Enthüllungen des Buches. Die Drahtzieher
sind Kinder der CIA – von ihr ausgebildet, hochgerüstet, finanziert.
Nach 2014 hat die CIA den ukrainischen Militärgeheimdienst komplett
reorganisiert. Das sind alles ihre Leute. Der Oberdrahtzieher des
Anschlags, der frühere Chef des Militärgeheimdienstes, fährt heute noch
mit dem gepanzerten Wagen durch die Ukraine, den ihm die CIA zur
Verfügung gestellt hat.
Thiele: Und die CIA war Ende April 2022 sogar bereit, die Operation mit 200.000 Dollar zu unterstützen. Zumindest hat ein CIA-Verbindungsmann das in Aussicht gestellt. Das war fünf Monate vor der Sprengung. Dann passierte etwas Entscheidendes: Der niederländische Militärgeheimdienst bekam Wind von dem Plan und informierte die CIA. Plötzlich hatte die CIA ein Problem: Ein europäischer Partner wusste davon. Also trat sie im Juni 2022 die Flucht nach vorn an und warnte alle Verbündeten. Unter anderem auch Deutschland. Und auch Selenskyj selbst.
Das heißt: Selenskyj wurde gewarnt und wusste vorher nichts?
Thiele:
Mutmaßlich. Walerij Saluschnyj, der damalige Oberbefehlshaber der
ukrainischen Streitkräfte, hatte den Saboteuren ausdrücklich
zugesichert, Selenskyj nicht einzuweihen. Die Saboteure trauten dem
Präsidenten nicht. Sie befürchteten, er würde die Operation stoppen.
Auch Saluschnyj hat Selenskyj nicht getraut, ist sein innenpolitischer
Gegenspieler und will wohl selbst Präsident werden. Ob er wirklich
geschwiegen oder doch ein doppeltes Spiel gespielt hat, wissen wir nicht
mit Sicherheit. Aber es erscheint uns nicht sehr wahrscheinlich, dass
Selenskyj eingeweiht war – schon wegen der tiefen Rivalität zwischen den
beiden und auch wegen Selenskyjs Fehde mit den Ex-Geheimdienstlern.
Aber wenn Selenskyj durch die CIA-Warnung von der geplanten Sabotage wusste, warum hat er sie nicht verhindert?
Thiele: Laut den Hintermännern wusste Selenskyj nur, dass etwas geplant war, aber nicht, wer dahintersteckt. Weil Saluschnyj ihn nicht eingeweiht habe, sagen die Hintermänner, habe Selenskyj im Dunkeln gestochert.
Haben Sie dafür weitere Belege?
Schröm: Die Rolle der CIA haben uns zwei ranghohe Quellen in der Ukraine und eine sehr ranghohe Quelle in den USA unabhängig voneinander bestätigt.
Sie legen das Augenmerk im Buch aber noch auf andere Akteure: die Rolle von Wolfgang Schmidt und Olaf Scholz. Was haben die beiden gewusst und was haben sie daraus gemacht?
Thiele:
Die Warnung des niederländischen Geheimdienstes lag Wolfgang Schmidt,
dem langjährigen Vertrauten von Scholz und damaligen Kanzleramtschef,
sehr detailliert vor: sechs mutmaßliche Attentäter, ein Schiff, Taucher,
ein Datum. Und Saluschnyj, der militärische Oberbefehlshaber, wurde
sogar namentlich erwähnt. Und trotzdem hat das Kanzleramt nichts
unternommen. Keine Marine. Keine Bundespolizei. Man hat den Hinweis
einfach als Desinformation abgehakt.
Schröm: Und hinterher hat das
Kanzleramt Nebelkerzen geworfen. Man hat zugegeben, es habe eine
"allgemeine Warnung" der CIA gegeben, aber wissentlich verschwiegen,
dass der niederländische Hinweis hoch detailliert war.
Und nach dem Anschlag? Schmidt hat den Fall dann zur "Chefsache" gemacht.
Thiele: Schmidt war als Kanzleramtschef für die Nachrichtendienste zuständig und hatte großes Interesse an dem Fall. Ein "Spiegel"-Journalist sagte in einer TV-Dokumentation, Schmidt sei "wahrscheinlich derjenige in Deutschland, der das meiste Detailwissen über diese Ermittlungen hat". Er ließ sich vom BND briefen, stand in intensivem Kontakt mit den Ermittlern, hat sogar vertrauliche CIA-Informationen an die Strafverfolgung weitergegeben, was er eigentlich nicht darf. Das nennt sich "Third Party Rule": Informationen ausländischer Geheimdienste dürfen aus Quellenschutzgründen nicht einfach weitergereicht werden.
Schröm: Und gleichzeitig hat er parlamentarische Anfragen mit genau dieser Regel abgeblockt. Er hat die "Third Party Rule" als Schutzschild benutzt – gegen andere.
Das hört sich ein wenig nach Verschwörung an. Was soll das Ziel gewesen sein?
Schröm:
Eine Erklärung ist womöglich ein Satz von Schmidt. In einem
vertraulichen Gespräch mit einem Bundestagsabgeordneten, der
Waffenlieferungen forderte, sagte er: "Du weißt doch, wir können der
Ukraine nicht trauen." Das ist der Kern. Scholz und Schmidt haben der
Ukraine immer misstraut, sie haben Selenskyj immer misstraut. Dass die
Sabotage von Ukrainern durchgeführt wurde, war für sie Bestätigung und
Entlastung zugleich. Man darf nicht vergessen, wie sehr Scholz damals in
der Debatte um schwere Waffen unter Druck stand.
Thiele: Es ist ein klassischer
Schmidt-Spin. Er nimmt etwas, das stimmt – es waren Ukrainer. Und setzt
daraus einen Spin, der nicht unbedingt stimmt: Es war die Ukraine. Es
war Selenskyj. Und deshalb dürfen wir nicht schwere Waffen liefern
Und dafür soll Schmidt dann die Presse gebraucht haben?
Thiele:
Schmidts Pressenetzwerk ist im politischen Berlin berüchtigt. Er hat es
sich über Jahrzehnte aufgebaut. Das fing in den 2000ern an, als er in
der Berliner Landesvertretung Hamburgs Hauptstadtjournalisten zum
Champions-League-Gucken eingeladen hat. Er ist per Du mit sehr vielen
einflussreichen Journalisten. Er spielt mit ihnen am Wochenende Fußball,
trinkt mit ihnen Bier, pflegt eine vermeintliche Freundschaft. Aber es
ist eine Nähe, die er für sich zu nutzen weiß. Und Nähe korrumpiert.
Sie nennen im Buch auch konkrete Namen, unter anderem Holger Stark von der "Zeit". Wie eng ist der ihren Recherchen nach mit Schmidt?
Thiele: Holger Stark ist im Buch prominent vertreten, weil er viele Details über die Ermittlungen enthüllt hat, was ja die Aufgabe eines Investigativjournalisten ist. Kritikwürdig ist aus meiner Sicht nur, bei allem Respekt vor seiner Arbeit, dass er sehr früh den Spin gesetzt hat, die Ukraine-Unterstützung der Bundesregierung müsse wegen der Sabotage überdacht werden. Das erscheint mir angesichts der Unklarheit, inwiefern der ukrainische Staat und Selenskyj involviert waren und auch angesichts der Rolle, die der Bau von Nord Stream bei der Kriegseskalation gespielt hat, fragwürdig. Was Schmidt angeht: Die Nähe zu ihm haben, wie gesagt, viele Journalisten in Berlin. Und das ist ein Problem.
Aber lebt der Journalismus nicht auch von Nähe zu guten Quellen?
Schröm:
Ich mache diesen Job seit 40 Jahren. Und ich ertappe mich immer wieder,
wie naiv ich bezüglich des Verhaltens von Kollegen bin. Diese Nähe zu
Regierenden – so etwas kenne ich aus internationalen Kooperationen
nicht. In Amerika kann ich mir nicht vorstellen, dass
Investigativjournalisten eine solche Nähe kultivieren. Wenn ich mit
jemandem Fußball spiele, über den ich auch berichte, laufe ich Gefahr,
mich unter dem Deckmantel des Journalismus zum PR-Mann für
Regierungspolitik zu machen.
Und das "Wall Street Journal" hat dann einen weiteren Artikel veröffentlicht. Mit der Behauptung, Selenskyj selbst habe den Anschlag genehmigt. Darin sehen sie eine Strategie des Kanzleramtes?
Schröm: Es ist zumindest eine Stoßrichtung, die dem Kanzleramt damals gelegen kam. Der Korrespondent des "Wall Street Journal" (WSJ), Bojan Pancevski, schreibt eine Weltgeschichte: Selenskyj soll den Anschlag gebilligt haben. Und wenige Tage vorher schreibt Wolfgang Schmidt in einer privaten Nachricht an einen Vertrauten: "Ich telefoniere nachher mit Bojan – bin auch gespannt." Warum Schmidt sich mit dem "WSJ"-Reporter verabredet hat, erklärt er nicht. Jedenfalls passt der Spin der Geschichte perfekt in das Kanzleramt-Narrativ: Es war die Ukraine. Es war Selenskyj. Also müssen wir nicht liefern.
Wenn man alles zusammenträgt: Hat Deutschland auf mehreren Ebenen versagt?
Thiele:
Deutschland hat Russlands Angriff auf die Ukraine mindestens mit
begünstigt – durch Nord Stream 1 und 2. Und Olaf Scholz' Kanzlerschaft
ist durchzogen von Fehleinschätzungen: Er wollte die Betriebsgenehmigung
für Nord Stream 2
noch im Oktober 2021 heimlich durchboxen, wie wir im Buch enthüllen. Er
hat die Warnungen der Amerikaner vor dem Krieg nicht nur ignoriert,
sondern aktiv hintertrieben. Er hat Selenskyj sogar angerufen und ihm
gesagt, er solle den Amerikanern nicht glauben, weil Putin ihm
persönlich versichert habe, er werde die Ukraine nicht überfallen. Und
nach Kriegsbeginn hat er Selenskyj zur Kapitulation aufgefordert.
Schröm: Das dementiert Scholz uns
gegenüber. Aber wir haben dafür zuverlässige Quellen – darunter
ausländische Staatschefs. Und ich wüsste nicht, warum ich einem
ausländischen Staatschef weniger glauben sollte als Olaf Scholz.
Vielen Dank für das Gespräch.

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