Merz: Wirtschaftselite verliert die Geduld
Gabor Steingart, 20.04.2026
"Alles Leben ist auf Distanzen angelegt, das Haus, in dem er seinen Besitz und sich verschließt, die Stellung, die er bekleidet, der Rang, nach dem er strebt – alle dienen dazu, Abstände zu schaffen, zu festigen und zu vergrößern."
"Der wichtigste Vorgang, der sich innerhalb der Masse abspielt, ist die Entladung. Sie ist der Augenblick, in dem alle ihre Verschiedenheiten loswerden und sich als gleiche fühlen."
"Sich hinter Kommissionen zu verstecken, ist keine Führung."
Der Direktor des Düsseldorf Institute for Competition Economics (DICE) und Berater von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche, Prof. Justus Haucap, sagt in dem gemeinsam mit Prof. Lars Feld produzierten Pioneer-Ökonomie-Briefing:
"Man fängt an, einen Galgenhumor zu entwickeln. Man denkt immer, es kann nicht schlimmer kommen und dann sieht man, man hat sich doch getäuscht. Es ist eine Tragikomödie, die sich da entfaltet."
Joe Kaeser, Aufsichtsratschef bei Siemens Energy und Daimler Truck, führt heute Morgen im Pioneer-Podcast aus, was ihn an den neuen schwarz-roten Entlastungsmaßnahmen stört:
"Im Augenblick sind wir auf dem Weg in eine Art Sackgasse. Wenn die taktischen Maßnahmen sich erschöpfen, der Grenznutzen der taktischen Maßnahmen negativ wird, geht es irgendwann nicht mehr weiter. Dann wird die Frage sein: Hat man den Mut, mit einer Minderheitsregierung das Land durchzuschütteln?"
Und auch der Chef des Industriedienstleisters Bilfinger SE, Thomas Schulz, mit dem ich gestern Nachmittag sprach, sagt:
"Das kann man nicht mehr Stagnation nennen. Das ist eine De-Industrialisierung. Wenn wir die staatlichen Investitionen abziehen, ist die Wirtschaft am Schrumpfen."
In der eigenen Partei gibt es für Friedrich Merz zwar noch pflichtgemäße Unterstützung, aber keine echte Loyalität mehr. Wer es sich leisten kann, wie der ehemalige CDU-Generalsekretär und heutige Unternehmer Peter Tauber, der spricht aus, was die Mitglieder denken. Auf LinkedIn postete er:
"1.000-Euro-Prämie, liebe Bundesregierung, seid ihr noch bei Trost? Unternehmen stehen mit dem Rücken zur Wand. Rücklagen weg. Margen weg. Spielraum weg. Und die Antwort aus Berlin? Noch eine Rechnung. 1.000 Euro. Bestellt von einer Regierung, die nicht zahlt. Bezahlt von Unternehmen, die es nicht können. Das ist nicht mutig. Das ist dreist! Deutschland verliert keine Unternehmen wegen schlechter Konjunktur. Es verliert sie wegen schlecht gemachter Politik!"
Fazit: Das Vertrauenskapital, das die Wirtschaft Merz einst gewährte, scheint weitgehend aufgezehrt. Und in der breiten Bevölkerung halten laut Forsa 80 Prozent den Kanzler für eine Fehlbesetzung. Zumindest das ist Weltrekord: Damit unterbietet Merz noch die Unbeliebtheit von Trump in Amerika.
Bedeutet: Merz ist noch im Amt, aber die Hoffnungsenergie der Massen hat ihn verlassen. Wir sehen ihn stehend, aber stehend k. o. Der so hoffnungsfroh gestartete neue Kanzler ist mittlerweile der große Untote der deutschen Politik. Auch die, die ihn mit heißem Herzen gewollt und persönlich wie fachlich unterstützt haben, fragen sich: Wie lange noch?


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