Der
Kontrollverlust prägt das Grundgefühl westlicher Demokratien. Vieles
entzieht sich politischer Steuerung – von Migration bis Geopolitik. Umso
wichtiger ist, dass die deutsche Bundesregierung dort liefert, wo sie
noch volle Hoheit hat.
von Florian Eder, Berlin, 30.06.2026, 4 Min
Seit
Wochen verweisen Mitglieder der deutschen Regierung und der
Koalitionsfraktionen auf den 1. Juli. Nach Monaten des Stolperns,
Abwartens und Streits ist der Erwartungsdruck hoch, auch an sich selbst:
Das Land wartet auf Ergebnisse, wenigstens Signale, und der Koalitionsausschuss soll sie zeitigen.
An diesem Mittwoch geht es aber nicht nur um Fragen von Rente,
Arbeitsmarkt und Steuern. Hinter den Erwartungen an die Regierung
steckt eine grössere Frage: Worüber hat die Politik überhaupt noch
Entscheidungshoheit? Das Wort vom Kontrollverlust prägt inzwischen das
Grundgefühl westlicher Demokratien – und führt paradoxerweise zu
erhöhten Ansprüchen an die Regierenden, Erwartungen, die diese oft nicht
einlösen können.
Denn
der Verlust von Handlungsspielraum ist nicht in jedem Fall selbst
gewählt. Die Politik in Deutschland kann einiges tatsächlich nicht mehr
allein steuern. Sie sollte nicht grossspurig das Gegenteil vermitteln –
und gleichzeitig dort liefern, wo sie es in der Hand hat.
Da
ist zunächst die verflochtene Weltwirtschaft. Eine Plattformökonomie,
die sich der Regulierung in einzelnen Märkten erfolgreich entzieht,
globale Lieferketten, die, einmal unterbrochen, nicht rasch wieder auf
heimische Resilienz zurückgedreht werden können: Selbst grosse Staaten
können nur begrenzt regulieren, und erst recht eine Mittelmacht wie
Deutschland.
Einflussnahme geht auch mittelbar
Der
zweite Aspekt ist das Recht. Die Rechtsbindung liberaler Demokratien
ist kein unerwünschter Nebeneffekt, sondern ihr Wesenskern. Dennoch
begrenzt sie politische Handlungsspielräume; besonders sichtbar bei
einem der grossen Themen unserer Zeit: Migration.


