Warum die AfD in den Industrieregionen Baden-Württembergs so stark ist (NZZ)
Im Stadtzentrum dagegen dominieren CDU und Grüne. Dort gewann die Kandidatin der Grünen das Direktmandat klar, der CDU-Kandidat folgte mit 23,9 Prozent.
Doch
das ist nicht überall in Baden-Württemberg so. In den Industriestädten
Neckarsulm und Rastatt etwa fehlt eine solche territoriale Trennung.
Dort verzeichnet die AfD nicht bloss im Zentrum, sondern in jedem
Ortsteil und Wahlbezirk überdurchschnittlich hohe Wahlergebnisse.
In Neckarsulm produziert das Automobilunternehmen Audi, das Stellenkürzungen in Höhe von mehreren tausend Arbeitsplätzen angekündigt hat. In Rastatt produziert Mercedes, etliche mittelständische Zulieferer haben dort ebenfalls ihren Standort.
Rastatt
und Neckarsulm sind keine traditionellen SPD-Hochburgen. Doch auch hier
zeigt sich ein Muster: Die AfD hat Wähler hinzugewonnen, die SPD hat
Wähler verloren.
Allein in Neckarsulm, wo die AfD nach CDU und Grünen drittstärkste Kraft wurde, legte die AfD um 11 Prozentpunkte auf 24,4 Prozent zu. Die SPD schrumpfte derweil von 19,2 auf 7,4 Prozent. In Rastatt wurde die AfD mit 29,7 Prozent der Stimmen sogar stärkste Kraft. Die SPD kam nur auf 6,9 Prozent der Stimmen.
Mit der Krise der Automobilindustrie sind in Rastatt auch die Gewerbesteuern jüngst von 90 auf 20 Millionen Euro eingebrochen. Der Rückgang könnte die wirtschaftliche Verunsicherung in der Stadt verstärkt haben. Ein direkter Zusammenhang mit dem Wahlergebnis lässt sich jedoch nicht belegen.
In der Arbeiterstadt Tuttlingen knackt die AfD die 20-Prozent-Marke
Besonders
deutlich zeigt sich dieses Muster im Landkreis Tuttlingen. Dort gehört
der Anteil der Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe zu den höchsten
bundesweit. Zugleich kam die AfD im Kreis auf 24,5 Prozent der Stimmen.
In der Stadt selbst sind Unternehmen aus der Medizintechnik, dem Maschinenbau und der Lebensmittelindustrie aktiv. Viele von ihnen sind kleinere mittelständische Unternehmen. Anders als beispielsweise in Mannheim hat sich in Tuttlingen kein traditionell sozialdemokratisches Wählermilieu herausgebildet, weil sich dort die CDU als Interessenvertretung des Mittelstandes versteht. Nun macht ihr die AfD diesen Status streitig.
Zwar gilt die Gegend als vergleichsweise wohlhabend, doch auch in Tuttlingen schlägt die Krise in den Industrieunternehmen durch. Viele klagen über hohe Energiepreise, Bürokratie und steigende Arbeitskosten. Dabei ist es die AfD, die diese Ängste offenbar besonders gekonnt adressiert. Im Vergleich zur Landtagswahl 2021 steigerte sie sich um fast 12 Prozentpunkte und wurde dicht nach CDU und Grünen drittstärkste Kraft.
In
Pforzheim zum Beispiel hat die AfD in den meisten Stadtteilen
überdurchschnittlich hohe Wahlergebnisse, obwohl der Anteil der
Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe dort nicht viel höher ist als
anderswo.
Der AfD-Wähleranteil liegt dennoch über dem Niveau von Industrieregionen mit einem vergleichbaren Arbeiteranteil. Ein möglicher zusätzlicher Faktor ist der hohe Anteil russlanddeutscher Spätaussiedler in Teilen der Stadt.
In Vierteln mit vielen Spätaussiedlern ist die AfD besonders stark
Viele Spätaussiedler sind seit den neunziger Jahren aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland eingewandert. In einigen Urnenwahlbezirken mit einem hohen Anteil an Spätaussiedlern erzielte die AfD Ergebnisse, die 30 bis 40 Prozentpunkte über dem städtischen Gesamtergebnis lagen. Zwar handelt es sich nur um kleine Gebiete mit jeweils einigen hundert Wählern. Die Ausschläge sind dennoch bemerkenswert.
In
einem Urnenwahlbezirk in Pforzheim-Buckenberg erzielte die AfD ihr
stärkstes Ergebnis in der Stadt. Die AfD kam dort auf einen Rekordwert
von 69,8 Prozent der Stimmen, womit sie 43 Prozentpunkte über dem
Stadtergebnis liegt.
Dieses Muster zeigt sich auch in anderen Städten. In einem Stimmbezirk in Mannheim Vogelstang erzielte die AfD einen Stimmenanteil von 47,3 Prozent. In einem weiteren Bezirk im Neckarsulmer Teilort Amorbach, einem Ort mit vielen russlanddeutschen Spätaussiedlern, wählten 52 Prozent die AfD.
Der Politikwissenschafter Marc Debus wertet momentan das Wahlverhalten unterschiedlicher Migrantengruppen für eine Studie aus. «Spätaussiedler sind im Durchschnitt generell konservativer eingestellt als die Gesamtbevölkerung», sagt er.
«Die AfD kann bei ihnen nicht zuletzt damit punkten, dass sie gute Beziehungen zu Russland befürwortet und ungesteuerte Migration sowie progressive Gesellschaftspolitik ablehnt», so Debus. Im Vergleich zu anderen Parteien sei auch der Anteil von AfD-Kandidaten mit russlanddeutschem Hintergrund hoch. «Dadurch hat die AfD Zugang zu einer Wählergruppe, die für andere Parteien nur eingeschränkt erreichbar ist.»
Die AfD ist heute eine Partei des Arbeitermilieus
Jeder Ort, an dem die AfD in Baden-Württemberg stark ist, ist auf seine Weise anders. Und doch zeigt die Auswertung der NZZ ein gemeinsames Muster: Nicht nur die Stimmenanteile der AfD liegen in industriell geprägten Kreisen höher, auch ihre Zugewinne fallen dort besonders stark aus.
Der politische Umschwung zeigt sich somit besonders stark in industriell geprägten Kreisen. Das fällt vor allem an Orten ohne bürgerlich-akademisch geprägten Stadtkern auf.
In Teilen ihres früheren Arbeitermilieus hat die SPD stark an die AfD verloren. Auch die CDU gerät zunehmend unter Druck: Die AfD macht ihr den Status als Mittelstandspartei streitig. Russlanddeutsche Milieus dürften der AfD in manchen Regionen zusätzliches Potenzial erschlossen haben. Besonders stark mobilisiert sie dort, wo wirtschaftliche Verunsicherung auf kulturelle und migrationspolitische Konflikte trifft.
Mit ihrem Wahlergebnis von 18,8 Prozent blieb die AfD in Baden-Württemberg zwar unter den Erwartungen der Parteispitze, die ein Ergebnis von über 20 Prozent angestrebt hatte. Im Arbeitermilieu Baden-Württembergs ist sie dennoch zu einer Kraft geworden, mit der zu rechnen ist.


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