Business Class Edition
Der stille Tod des Industriearbeiters
Gabor Steingart, 31.03.2026
Das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln kommt in seiner jüngsten Depesche vom März 2026 zu folgendem Schluss:
„Deutschland ist das Risikokind der G7.
Kein anderes hochentwickeltes Land hat so viel ‚echte‘ Produktion, die
gleichzeitig so schutzlos den Preisschwankungen am Persischen Golf
ausgeliefert ist. Wir sehen derzeit, dass dadurch die
Investitionsbereitschaft im Inland auf ein Rekordtief gedrückt wird.“
Todesursache #3: Die Inflationsdynamik
Die Inflation verringert kontinuierlich die Kaufkraft der Industriearbeiter und macht ihnen das Leben immer weniger lebenswert. Im März stieg die deutsche Inflationsrate auf 2,7 Prozent. Im Februar waren es noch 1,9 Prozent. Das spiegelt vor allem den Anstieg der Energiepreise um 7,2 Prozent wider.
Sollte der Irankrieg nicht zügig beendet werden – wovon nicht auszugehen ist –, dürfte der Anstieg der März-Inflation
erst der Anfang sein. Die Geldentwertung frisst den bescheidenen
Wohlstand der Werktätigen auf. Sie verleidet dem Arbeiter das
Arbeitersein und stärkt seinen steuerbefreiten Gegenspieler: den
Schwarzarbeiter.
Todesursache #4: Sozialstaatsexpansion
Der
deutsche Sozialstaat mit seinen auf die Lohnarbeit erhobenen Beiträgen
stammt aus der Frühzeit der Industriegesellschaft. Der Sozialstaat
expandierte, auch deshalb, weil die Produktivitätsfortschritte des
Industriearbeiters zu Lohnsteigerungen und diese wiederum zur Erhöhung der Sozialabgaben führten.
Das Geschäftsmodell funktionierte, solange der Industriearbeiter nicht nur teurer war als die Konkurrenz, sondern auch produktiver. Aber der Aufstieg der Schwellenländer, insbesondere der Volksrepublik China, hat ihm einen Konkurrenten beschert, der Innovations- und Lohndruck ausübt. Die Sozialabgaben, die mit Arbeitgeberanteil derzeit knapp 40 Prozent des Bruttolohns ausmachen, hängen heute wie ein Mühlstein um seinen Hals.
Todesursache #5: Der Aufmarsch der Roboter
Das Zusammenspiel der künstlichen Intelligenz
mit der klassischen Automatisierungstechnik kann der Industriearbeiter
unmöglich gewinnen. Dieser Kraft, die nie schläft und keine
Lohnforderungen stellt, hat er nichts entgegenzusetzen.
Die Ökonomen Daron Acemoglu und Pascual Restrepo vom Massachusetts Institute of Technology zeigen in ihrer Studie „Robots and Jobs: Evidence from U.S. Labor Markets“, dass jeder Industrieroboter im Durchschnitt etwa 3,3 menschliche Arbeitsplätze ersetzt. Das bedeutet im Umkehrschluss rein rechnerisch: Der deutsche Industriearbeiter wäre nur konkurrenzfähig, wenn er auf zwei Drittel seines Gehalts verzichten würde.
Fazit: Wir erleben das Ende einer Ära. Der Industriearbeiter folgt dem Landwirt, dem Bergmann, dem Textilarbeiter und dem Heizer auf der Dampflok in das große Gemeinschaftsgrab absterbender Berufe. Karl Marx und Friedrich Engels haben es im Kommunistischen Manifest präzise beschrieben, dass alle Geschichte auch eine Geschichte der Vergänglichkeit ist:
"Alles Ständische und Stehende verdampft."


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