31 März 2026

The Pioneer - Der stille Tod des Industriearbeiters

Studie: Ein Industrieroboter ersetzt 3,3 menschliche Arbeitskräfte
Business Class Edition
Der stille Tod des Industriearbeiters
Gabor Steingart, 31.03.2026
Guten Morgen,
die neue Zeit meint es nicht gut mit dem deutschen Industriearbeiter. Er war der Held des 19. und 20. Jahrhunderts. Eine ganze Gesellschaftsformation – die Industriegesellschaft – und eine eigene soziologische Kategorie – die Arbeiterklasse – wurden nach ihm benannt. Wacht auf, Verdammte dieser Erde!
„Schluss mit diesem System“, stand auf dem Wahlplakat der KPD von 1932. Und jetzt? Macht nicht der Arbeiter Schluss mit dem Kapitalismus. Sondern der Kapitalismus macht Schluss mit dem Arbeiter.
Dieser nunmehr tragische Held ist in eine gefährliche Zangenbewegung geraten. Die Verteuerung der fossilen Energie, der Vormarsch der Industrieroboter und die Unfähigkeit der deutschen Politik, den Sozialstaat von der Lohnarbeit zu entkoppeln, nehmen ihm die Luft zum Atmen. Wer sich ein feines Gehör bewahrt hat, hört, wie im Hintergrund bereits das Requiem angestimmt wird.
Todesursache #1: Der Ölpreisschock
Das Wort Energiewende ist mit dem Wort Deindustrialisierung synonym zu setzen. Die Gleichzeitigkeit von Kohleausstieg, Kernenergieausstieg, Frackingverbot und der Beendigung der deutsch-russischen Energiepartnerschaft drückt dem klassischen Industriearbeiter in Deutschland die Luft ab.
Die politisch erhöhten Energiekosten werden durch den Krieg im Nahen Osten in immer neue Höhen getrieben. Wichtig zu wissen: 80 Prozent der deutschen Energieversorgung hängen von fossilen Energien ab, von denen Deutschland wiederum 90 Prozent importieren muss.
Jeder blockierte Öl-Container in der Straße von Hormus und jede gesprengte Gasförderanlage in den Golfstaaten ist ein Anschlag auf den Industriearbeiter in Deutschland. Er kann diesen Preisschock durch Produktivitätssteigerungen und selbst durch Lohnverzicht nicht absorbieren.
Nicht unser Krieg, sagt Kanzler Merz. Wenn der wüsste: Der Krieg mit seinen Preiseffekten reißt dem Industriearbeiter den Boden unter den Füßen weg.
Todesursache #2: Der Investorenstreik
Viele Investoren machen einen großen Bogen um das alt gewordene Industrieland Deutschland. Die angestammten DAX-Konzerne und auch der industrielle Mittelstand investieren ihr Geld lieber im Ausland – da, wo die Arbeitskraft billiger, die Energie günstiger und die Bürokratie weniger starrköpfig ist.

Das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln kommt in seiner jüngsten Depesche vom März 2026 zu folgendem Schluss:

Deutschland ist das Risikokind der G7. Kein anderes hochentwickeltes Land hat so viel ‚echte‘ Produktion, die gleichzeitig so schutzlos den Preisschwankungen am Persischen Golf ausgeliefert ist. Wir sehen derzeit, dass dadurch die Investitionsbereitschaft im Inland auf ein Rekordtief gedrückt wird.“

Todesursache #3: Die Inflationsdynamik

Die Inflation verringert kontinuierlich die Kaufkraft der Industriearbeiter und macht ihnen das Leben immer weniger lebenswert. Im März stieg die deutsche Inflationsrate auf 2,7 Prozent. Im Februar waren es noch 1,9 Prozent. Das spiegelt vor allem den Anstieg der Energiepreise um 7,2 Prozent wider.

Sollte der Irankrieg nicht zügig beendet werden – wovon nicht auszugehen ist –, dürfte der Anstieg der März-Inflation erst der Anfang sein. Die Geldentwertung frisst den bescheidenen Wohlstand der Werktätigen auf. Sie verleidet dem Arbeiter das Arbeitersein und stärkt seinen steuerbefreiten Gegenspieler: den Schwarzarbeiter.

Todesursache #4: Sozialstaatsexpansion

Der deutsche Sozialstaat mit seinen auf die Lohnarbeit erhobenen Beiträgen stammt aus der Frühzeit der Industriegesellschaft. Der Sozialstaat expandierte, auch deshalb, weil die Produktivitätsfortschritte des Industriearbeiters zu Lohnsteigerungen und diese wiederum zur Erhöhung der Sozialabgaben führten.

Das Geschäftsmodell funktionierte, solange der Industriearbeiter nicht nur teurer war als die Konkurrenz, sondern auch produktiver. Aber der Aufstieg der Schwellenländer, insbesondere der Volksrepublik China, hat ihm einen Konkurrenten beschert, der Innovations- und Lohndruck ausübt. Die Sozialabgaben, die mit Arbeitgeberanteil derzeit knapp 40 Prozent des Bruttolohns ausmachen, hängen heute wie ein Mühlstein um seinen Hals.

Todesursache #5: Der Aufmarsch der Roboter

Das Zusammenspiel der künstlichen Intelligenz mit der klassischen Automatisierungstechnik kann der Industriearbeiter unmöglich gewinnen. Dieser Kraft, die nie schläft und keine Lohnforderungen stellt, hat er nichts entgegenzusetzen.

Die Ökonomen Daron Acemoglu und Pascual Restrepo vom Massachusetts Institute of Technology zeigen in ihrer Studie „Robots and Jobs: Evidence from U.S. Labor Markets“, dass jeder Industrieroboter im Durchschnitt etwa 3,3 menschliche Arbeitsplätze ersetzt. Das bedeutet im Umkehrschluss rein rechnerisch: Der deutsche Industriearbeiter wäre nur konkurrenzfähig, wenn er auf zwei Drittel seines Gehalts verzichten würde.

Fazit: Wir erleben das Ende einer Ära. Der Industriearbeiter folgt dem Landwirt, dem Bergmann, dem Textilarbeiter und dem Heizer auf der Dampflok in das große Gemeinschaftsgrab absterbender Berufe. Karl Marx und Friedrich Engels haben es im Kommunistischen Manifest präzise beschrieben, dass alle Geschichte auch eine Geschichte der Vergänglichkeit ist:

"Alles Ständische und Stehende verdampft."

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