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SPD: Nacht der Niederlage
Gabor Steingart, 23.03.2026,
die Albträume von Lars Klingbeil wurden gestern in Rheinland-Pfalz wahr: Die SPD hat verloren. Wieder verloren. Nach Rudolf Scharping, Kurt Beck, Malu Dreyer und Alexander Schweitzer gibt die SPD nach 35 Jahren als regierende Kraft die Staatskanzlei in Mainz an die CDU ab.
Die Politik der Bundes-SPD hat geholfen – aber den Konservativen. Klingbeil und seine Co-Chefin Bärbel Bas sitzen vor den Trümmern ihrer gemeinsamen Arbeit. Die SPD arbeitet unter ihrer Führung offenbar an der Selbstauflösung. Die bittere Bilanz des Wahlabends:
Mit 25,9 Prozent (minus 9,8 Prozentpunkte zur vorherigen Wahl) erreichte man das schlechteste Ergebnis in Rheinland-Pfalz.
Vor allem bei seiner einstigen Kernwählerschaft musste man einstecken. Arbeiter minus 15 Prozent; Angestellte minus 13 Prozent.
Knapp 40 Prozent der Arbeiter wählten die AfD. Für die SPD, die sich selbst als Arbeiterpartei bezeichnet, stimmten knapp 20 Prozent. Das liegt auch daran, dass über 70 Prozent sagen, die SPD „steht heute nicht mehr eindeutig auf der Seite der Arbeitnehmer“.
Spitzenkandidat Alexander Schweitzer konnte als Persönlichkeit überzeugen, die Inhalte nicht, vor allem die der Bundespartei nicht. Ein Wunder, dass der Mann bei diesem Gegenwind überhaupt stehenblieb.
Der ehemalige SPD-Kanzleramtsminister unter Gerhard Schröder, Prof. Bodo Hombach, hat das gestrige Wahlergebnis für The Pioneer eingeordnet – wortgewaltig, präzise, dem freien Denken verpflichtet, nicht dem Parteibuch. Hier die Kurzfassung:
Am Morgen nach der Rheinland-Pfalz-Wahl fällt es mir schwer, cool zu bleiben. Analyse braucht Wahrheit über den Verlust. Wer jede Niederlage gegen rechts mit mehr links beantwortet, lernt nichts – und verliert erneut.Der Sozialdemokrat, auf den ich Hoffnung richtete, verlor Stimmen. Mit seiner Partei und wegen seiner Partei. Nicht wegen seiner Person. Sondern trotz seiner Person.
Keine Persönlichkeit ist stärker als ein strukturelles Problem. Alexander Schweitzer ruderte kräftig. Das Boot hatte ein Loch.
Die klassische Sozialdemokratie entstand aus einer besonderen historischen Lage.
Industriegesellschaft.
Organisierte Arbeit.
Wirtschaftswachstum.
Sie versprach Aufstieg.
Sicherheit.
Respekt.
Und sie konnte liefern.
Diese Konstellation ist Geschichte. Verlorene Wirklichkeit kehrt nicht zurück. Die gesellschaftliche Basis der SPD zerfällt:
Arbeiter zur AfD.
Akademische Milieus zu den Grünen.
Junge zu linken Projekten.
Die Mitte zur Union oder in die Resignation.
Wo andere Parteien Schwerpunkte setzen, sagt die SPD:
Solidarität.
Mindestlöhne.
Gegen Reichtum.
Renten.
Absicherung.
Diversität.
Teilhabe.
Zusammenhalt.
Respekt.
Klima.
Fortschritt.
Gerechtigkeit.
Und, und …
Bitte alles zugleich. Nichts zuerst. Wer alles zugleich sein will, ist am Ende nichts Bestimmtes.
In den Tagen nach der Wahl wird die SPD wieder sagen, sie habe verstanden. Sie sagt das seit zwanzig Jahren. Das ist das Problem.
Sie versteht,
ohne zu verändern.
Sie analysiert,
ohne zu entscheiden.
Sie verspricht Erneuerung,
ohne Konsequenz.
Sie verwaltet ihren Bedeutungsverlust.
Die entscheidende Zukunftsfrage lautet: Ist die SPD-Führung bereit, innerparteilich zu kämpfen? Nicht um Ruhe. Sondern um Richtung.
1959. Bad Godesberg. Der Schritt zur Volkspartei. Kein gewöhnlicher Parteitag. Ein Einschnitt. Die SPD wollte mehr sein. Nicht für einige. Für alle.
Sie hat die Vielfalt der Interessen gesehen. Und sie nicht gegeneinander gestellt. Sondern zusammengeführt. Zu einem marktwirtschaftlichen Konzept, das trägt.
Es ging um Richtung.
Um Wirklichkeit.
Um die Fähigkeit zu gewinnen.
Die damalige SPD hat sich eindeutig entschieden. Gegen einen Irrweg. Für die Wirklichkeit. Heute fehlt genau das.
Viele Worte.
Wenig Richtung.
Viel Rücksicht.
Wenig Entscheidung.
Eine Partei verliert nicht, wenn sie eine Wahl verliert. Sie verliert, wenn sie die Wirklichkeit nicht mehr sieht.
Den gesamten Text von Prof. Bodo Hombach, der insbesondere die historischen Unterschiede in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz für die SPD herausarbeitet, gibt es hier.

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