Die Lehren des AfD-Erfolges
Gabor Steingart, 24.0.2024
Guten Morgen,
der Tag nach einer Wahl ist der grausamste, denn dann rollen die Köpfe. Der von FDP-Chef Christian Dürr ist gestern Mittag gefallen, die von Lars Klingbeil und Bärbel Bas wackeln noch.
Sprache aus dem Labor: Die AfD liefert das sprachliche
Gegenmodell zur Sprachsensibilität der anderen Parteien, die den
Indianer nur noch „Native American“, den Eskimo „Inuit“ und den
Ausländer „Migranten“ nennen. Wo die anderen das politisch korrekte
Sprechen üben, pflegen die Wahlkämpfer der AfD das Derbe, wie es früher
bei Franz Josef Strauß („Lieber ein kalter Krieger als ein warmer Bruder“) oder Helmut Kohl („Freiheit statt Sozialismus“) oder Heiner Geißler (der die SPD als „rot lackierte Nazis“ titulierte) in konservativen Kreisen üblich war.
Diesen „Endlich sagt’s mal einer“-Moment erzeugt heute in
Serienfertigung nur noch die AfD, wenn sie mit Worten wie
„Kopftuchmädchen“, „Messermänner“ und der Umbenennung des Bürgergelds in
„Migrantengeld“ bewusst für Provokation sorgt. Diese Sprache ist nicht schön, aber effektiv. Luthers Diktum, man müsse „dem Volk aufs Maul“ schauen, findet hier seine neuzeitliche Entsprechung.
Lernerfahrung #3: Soziale Medien wichtiger als Spiegel, FAZ und ARD
Die etablierten Politiker besuchen in Wahlkampfzeiten fleißig die Redaktionen von Zeit, Spiegel und t-online, die AfD ist derweil im Alleingang bei Instagram und TikTok unterwegs. Dort hat die AfD-Bundespartei viermal so viele Follower wie die SPD.
Kurze,
kernige Botschaften, verpackt in schnell geschnittenen Videos,
produziert unter Berücksichtigung der heute verkürzten
Aufmerksamkeitsspannen, sind für jüngere Zielgruppen designt. Man will nicht zuerst informieren, sondern emotionalisieren.
Bei den 18-34-Jährigen war die AfD in Rheinland-Pfalz die stärkste
Kraft und in Baden-Württemberg bei den 25-34-Jährigen vor der CDU auf
Platz zwei. Die AfD sendet auf der Frequenz, auf der jüngere
Zielgruppen empfangen.
Lernerfahrung #4: Arbeiter und Angestellte beharren auf Diskursdominanz
Arbeiter und Angestellte wenden sich auch deshalb von der einstigen Arbeiterpartei ab, weil die SPD es nicht gut mit ihnen meint. Das beginnt schon damit, dass alle finanziellen Vorteile der vergangenen Jahre nicht für die „arbeitende Mitte“ (Klingbeil) gewährt wurden, sondern für die Bezieher von Transferleistungen. Zeit-Autor und SPD-Experte Robert Pausch bezeichnet die SPD als „Hausmeister des Staates“.
Politik ohne Volk: Auch die Klimapolitik von CDU und SPD (CO₂-Abgabe, Kernkraft-Abschaltung, Netzentgelte) war durch die gezielte Verteuerung von Energie nicht angetan, dem Industriearbeiter nützlich zu sein.
Im Gegenteil: Im Bereich der Industrie – wo fossile Brennstoffe nicht ohne Weiteres durch Sonne und Wind ersetzt werden können – sind die Worte „Energiewende“ und „De-Industrialisierung“ mittlerweile synonym zu benutzen.
Die AfD mit ihrer Kohle-zuerst- und Kernkraft-ja-bitte-Politik, sowie dem Festhalten am Verbrennungsmotor hat die Mehrheit mühelos hinter sich. Es gibt keinen Arbeiter, der nach Verteuerung von Energie verlangt. Es gibt nur wenige Angestellte, die sich aus den Limousinen der Regierung (in der Regel große Verbrenner von BMW und Audi) das Fahren eines E-Mobils vorschreiben lassen möchten.
Zur Erinnerung: Mehr als 90 Prozent aller Fahrzeuge auf Deutschlands Straßen sind Verbrennermodelle.„Deutschland. Aber normal.“ – das war der AfD-Slogan zur Bundestagswahl.
Fazit: Es muss nicht alles falsch sein, nur weil es von den vermeintlich Falschen kommt. Die etablierten Politiker sollten das Playbook der AfD vielleicht nicht nachspielen, aber kennen sollten sie es schon.

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