24 März 2026

The Pioneer - Die Lehren des AfD-Erfolges

Business Class Edition
Die Lehren des AfD-Erfolges
Gabor Steingart, 24.0.2024
Guten Morgen,
der Tag nach einer Wahl ist der grausamste, denn dann rollen die Köpfe. Der von FDP-Chef Christian Dürr ist gestern Mittag gefallen, die von Lars Klingbeil und Bärbel Bas wackeln noch. 

Derweil sich heute alle Medien mit den Verlierern befassen, lohnt ein Blick in das Playbook der AfD, die bei den Landtagswahlen relativ am besten abschloss. Sie konnte in Rheinland-Pfalz ihre Stimmen von 8,3 auf 19,5 Prozent mehr als verdoppeln und in Baden-Württemberg von 9,7 auf 18,8 Prozent fast verdoppeln.
Die Frage ist also nicht nur zulässig, sondern geboten: Was gibt es bei den Rechtspopulisten, jenseits von Ideologie und Denkungsart, zu lernen? Was sind die Zutaten ihres Erfolges, die zur Nachahmung taugen, ohne dass man gleich das ganze Rezept nachkochen muss?
Lernerfahrung #1: Kulturelle Identität bleibt Thema
Die AfD spricht die Wählerinnen und Wähler nicht zuerst als Wirtschaftssubjekte (CDU) und Sozialstaatskunden (SPD) an, sondern als Mitglieder des abendländisch-christlichen Kulturkreises. Hier darf man ohne schlechtes Gewissen deutsch, weiß und christlich sein, was erkennbar auf viele Bürger nicht altmodisch, sondern heimelig wirkt.
Selbst wenn dieselben Bürger in ihren Firmen (Global Player), in ihren Essgewohnheiten (McDonald’s) oder auch in ihren Modepräferenzen (Zara, H&M) durchaus als Globalisten erscheinen, wollen sie sich ihre Idee von Heimat nicht ausreden lassen. Ihre Identität ist ihnen nicht weniger wichtig als den Neuankömmlingen aus Syrien, Afghanistan und der Ukraine, die ihre ist. Sie würden die Migration akzeptieren, aber wollen sie nicht feiern. An dem, was Dieter Nuhr „die Eucharistie der moralischen Überlegenheit“ nennt, nehmen sie nicht teil.
Viele dieser Wähler glauben zwar nicht an den von der AfD behaupteten „Bevölkerungsaustausch“, aber sehen an Bahnhöfen, Marktplätzen und im Klassenzimmer ihre kulturelle Dominanz in Gefahr. Politiker, die der multikulturellen Gesellschaft das Wort reden, sind ihnen suspekt. Sie nutzen den Wahltag zu einer kleinen Manifestation in eigener Sache: Bis hierher und nicht weiter.
Lernerfahrung #2: Wider die Kunstsprache der etablierten Politik
„Wir müssen unsere Politik besser erklären“ ist einer der liebsten Sätze eines jeden Berufspolitikers, der eine Erklärung dafür sucht, dass seine Politik nicht in den Werkskantinen der Republik verfängt. „Wir müssen die Dinge jetzt neu ordnen“, heißt es vom Kanzler. Vizekanzler Klingbeil weiß: „Wir müssen gemeinsam Verantwortung übernehmen.“

Sprache aus dem Labor: Die AfD liefert das sprachliche Gegenmodell zur Sprachsensibilität der anderen Parteien, die den Indianer nur noch „Native American“, den Eskimo „Inuit“ und den Ausländer „Migranten“ nennen. Wo die anderen das politisch korrekte Sprechen üben, pflegen die Wahlkämpfer der AfD das Derbe, wie es früher bei Franz Josef Strauß („Lieber ein kalter Krieger als ein warmer Bruder“) oder Helmut Kohl („Freiheit statt Sozialismus“) oder Heiner Geißler (der die SPD als „rot lackierte Nazis“ titulierte) in konservativen Kreisen üblich war. 
Diesen „Endlich sagt’s mal einer“-Moment erzeugt heute in Serienfertigung nur noch die AfD, wenn sie mit Worten wie „Kopftuchmädchen“, „Messermänner“ und der Umbenennung des Bürgergelds in „Migrantengeld“ bewusst für Provokation sorgt. Diese Sprache ist nicht schön, aber effektiv. Luthers Diktum, man müsse „dem Volk aufs Maul“ schauen, findet hier seine neuzeitliche Entsprechung. 

Lernerfahrung #3: Soziale Medien wichtiger als Spiegel, FAZ und ARD

Die etablierten Politiker besuchen in Wahlkampfzeiten fleißig die Redaktionen von Zeit, Spiegel und t-online, die AfD ist derweil im Alleingang bei Instagram und TikTok unterwegs. Dort hat die AfD-Bundespartei viermal so viele Follower wie die SPD.

Kurze, kernige Botschaften, verpackt in schnell geschnittenen Videos, produziert unter Berücksichtigung der heute verkürzten Aufmerksamkeitsspannen, sind für jüngere Zielgruppen designt. Man will nicht zuerst informieren, sondern emotionalisieren. Bei den 18-34-Jährigen war die AfD in Rheinland-Pfalz die stärkste Kraft und in Baden-Württemberg bei den 25-34-Jährigen vor der CDU auf Platz zwei. Die AfD sendet auf der Frequenz, auf der jüngere Zielgruppen empfangen.

Lernerfahrung #4: Arbeiter und Angestellte beharren auf Diskursdominanz

Arbeiter und Angestellte wenden sich auch deshalb von der einstigen Arbeiterpartei ab, weil die SPD es nicht gut mit ihnen meint. Das beginnt schon damit, dass alle finanziellen Vorteile der vergangenen Jahre nicht für die „arbeitende Mitte“ (Klingbeil) gewährt wurden, sondern für die Bezieher von Transferleistungen. Zeit-Autor und SPD-Experte Robert Pausch bezeichnet die SPD als „Hausmeister des Staates“.

Politik ohne Volk: Auch die Klimapolitik von CDU und SPD (CO₂-Abgabe, Kernkraft-Abschaltung, Netzentgelte) war durch die gezielte Verteuerung von Energie nicht angetan, dem Industriearbeiter nützlich zu sein.

Im Gegenteil: Im Bereich der Industrie – wo fossile Brennstoffe nicht ohne Weiteres durch Sonne und Wind ersetzt werden können – sind die Worte „Energiewende“ und „De-Industrialisierung“ mittlerweile synonym zu benutzen.

Die AfD mit ihrer Kohle-zuerst- und Kernkraft-ja-bitte-Politik, sowie dem Festhalten am Verbrennungsmotor hat die Mehrheit mühelos hinter sich. Es gibt keinen Arbeiter, der nach Verteuerung von Energie verlangt. Es gibt nur wenige Angestellte, die sich aus den Limousinen der Regierung (in der Regel große Verbrenner von BMW und Audi) das Fahren eines E-Mobils vorschreiben lassen möchten.

Zur Erinnerung: Mehr als 90 Prozent aller Fahrzeuge auf Deutschlands Straßen sind Verbrennermodelle.„Deutschland. Aber normal.“ – das war der AfD-Slogan zur Bundestagswahl.

Fazit: Es muss nicht alles falsch sein, nur weil es von den vermeintlich Falschen kommt. Die etablierten Politiker sollten das Playbook der AfD vielleicht nicht nachspielen, aber kennen sollten sie es schon.

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