Dieser Sinneswandel ist kaum verwunderlich. Deutschland wollte mit seiner Energiewende ein leuchtendes Beispiel für die Welt sein. Daraus ist ein abschreckendes geworden. Das Land hat die erneuerbaren Energien seit der Jahrtausendwende mit mehr als 200 Milliarden Euro gefördert und hat doch einen der
Dabei stehen die eigentlichen Herausforderungen erst bevor. Netze müssen ausgebaut, Speicher und Gaskraftwerke errichtet und bezuschusst werden. Es braucht Lückenfüller, die einspringen können, wenn Flaute und Dunkelheit herrschen. All das treibt die Preise. Früher war Strom rund um die Uhr erschwinglich. Nun zwingen Politiker dem Land den Rhythmus der Naturgewalten auf.
Nun könnte man das für ein rein deutsches Problem halten. Kein Land der Erde wird schliesslich so weit gehen, seine bestens ausgestattete und ausgebaute nukleare Kraftwerksflotte stillzulegen und dann auch noch sofort mit ihrer Zerstörung zu beginnen. Aber damit macht man es sich zu einfach. Die Lebenslüge des Atomausstiegs ist vielmehr tief im Westen verankert.
Spaniens linke Regierung will dem vermeintlichen Vorbild Angela Merkels folgen und bis 2035 schrittweise aus der Atomkraft aussteigen. Dabei hat ein grossflächiger Stromausfall erst vor kurzem gezeigt, welchen Wert Kraftwerke haben, die rund um die Uhr laufen und für Stabilität im Netz sorgen. Die Schweizer Grünen und Sozialdemokraten wollen die eidgenössischen Meiler stilllegen. Dabei muss sich das Land laut einer Studie entscheiden, ob es mehrere grosse Gaskraftwerke oder zwei neue Reaktoren bauen will, um seinen künftigen Strombedarf zu decken. Nur eines von beiden schont das Klima.
Selbst Frankreich war eine Zeitlang von diesem Virus befallen. Der vormalige Präsident François Hollande wollte den Anteil des Atomstroms auf 50 Prozent verringern, um Platz zu schaffen für die Erneuerbaren im Stromsystem. Umweltaktivisten stören sich schon lange an den vielen Reaktoren im Land, trotz ihrer hervorragenden Klimabilanz. Aber wenn es gegen die verhassten Meiler geht, ist sogar der Klimaschutz zweitrangig.
Das zeigt, worum es in Wahrheit geht: um Ideologie. In Teilen der europäischen Öffentlichkeit hat sich eine merkwürdige Reinheitsvorstellung etabliert, die bis ins bürgerliche Lager vordringen konnte. Als sei es ein Skandal, Energie mit Kraftwerken zu erzeugen, die Müll hinterlassen. Als seien die Erneuerbaren der Inbegriff der Nachhaltigkeit. Das Gegenteil ist wahr.
In der Tat sind die abgebrannten Brennstäbe eine Herausforderung. Aber man muss den Müll ins Verhältnis setzen zur Menge an Energie, die Uran bestenfalls erzeugen kann. In einer Tonne Uran-235 steckt etwa so viel Energie wie in 3 Millionen Tonnen Kohle. Zudem können Atommeiler bis zu achtzig Jahre lang laufen. Wenn das nicht nachhaltig ist, was dann?
Kein Wunder, dass der Schweizer Solarexpress lahmt
Windräder und Solardächer hingegen sind nicht halb so umweltschonend, wie ihre Befürworter erzählen. In einem einzigen Windrad stecken mehrere Tonnen Kupfer und Hunderte Kilogramm der seltenen Erde Neodym. Gemessen daran liefern sie erstaunlich wenig Strom. Wer ganze Staaten mit Erneuerbaren versorgen will, dem steht eine gewaltige Materialschlacht bevor. Viele Wiesen müssen durchschnitten werden von Solardächern. In viele Waldstücke müssen Windräder gestellt werden. Das spricht nicht grundsätzlich gegen Erneuerbare. Doch von der Unberührtheit der Landschaft, die Umweltschützern früher so wichtig war, wird dann kaum etwas bleiben.
Kein Wunder, dass der eidgenössische Solarexpress lahmt und der Ausbau kaum vorankommt. Folgt die Schweiz dem deutschen Pfad, glitzert bald nicht mehr der Schnee auf den Berghängen. Es blinken die Solarpaneele.
Nicht einmal das Argument, dass Atomkraftwerke zu teuer sind, kann überzeugen. Reaktoren zu bauen, ist teuer, so viel ist richtig. Bei manchen Neubauten wie im französischen Flamanville oder britischen Hinkley Point sind die Kosten explodiert. Doch sagt das mehr über die Unfähigkeit des Westens aus, Grossprojekte zu stemmen, als über die Atomkraft. China baut seine Reaktoren in Serie und bezahlt dafür weit weniger als der Westen.
Am Ende wird es darauf ankommen, wie teuer das Gesamtsystem ist. Viel spricht dafür, dass Länder im Vorteil sind, die auf eine Mischung setzen. Atomkraftwerke können die Schwächen der Erneuerbaren abfedern. Sie liefern auch dann klimaschonenden Strom, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint. Sie verringern die Notwendigkeit, die Netze auszubauen. Wer sie hat, muss nicht das ganze System auf den Kopf stellen.
Es ist höchste Zeit, den Lebenslügen alternder Umweltschützer zu entsagen. Den Kampf gegen die Kernkraft muss man sich leisten können. Europa kann ihn sich nicht mehr leisten. Schon gar nicht, wenn dem Kontinent an seiner Schwerindustrie gelegen ist. Irgendwer wird am Ende die Panzer herstellen müssen, mit denen die Nato ihre Gegner von militärischen Abenteuern abschreckt. Irgendwo muss der Stahl herkommen. Davon hängt die geopolitische Handlungsfähigkeit des Kontinents ab.
Die industrielle Selbstverstümmelung Deutschlands
Hinzu kommt der wachsende Energiehunger moderner Gesellschaften. Künftig werden alle viel mehr Strom verbrauchen. Autos werden damit geladen werden, Häuser geheizt. Künstliche Intelligenz benötigt Strom, die Herstellung von Wasserstoff ebenso. Für all das werden Erneuerbare nicht ausreichen, Deutschland führt es der Welt gerade vor.
Die europäischen Länder sollten aus diesem Experiment in Echtzeit die richtigen Schlüsse ziehen und entschlossen handeln. Sie sollten Kapital mobilisieren, notfalls auch staatliches, um die oft beschworene Renaissance der Kernenergie zu ermöglichen. Das ist kein Bruch mit ordnungspolitischen Prinzipien. Einmalige Unterstützungen für den Bau von Kraftwerken sind etwas anderes als Subventionen im laufenden Betrieb wie bei den Erneuerbaren. Im Gegensatz zu diesen liefern die Meiler günstig und verlässlich Strom, wenn sie erst einmal am Netz sind.
Es ist Europas Interesse, sich zudem viel stärker an der Kernforschung zu beteiligen. Sollte der Bau von Reaktoren der vierten Generation irgendwann Erfolg haben, könnten sie das Müllproblem jetziger Kraftwerke verringern. Die bislang abgebrannten Brennstäbe, über die Deutschland seit Jahren eine ermüdende und festgefahrene Diskussion führt, wären dann kein Abfall mehr, den man für Millionen von Jahren in der Erde verwahren muss. Sie wären ein Rohstoff. Vielversprechend ist auch die Forschung an kleinen modularen Reaktoren.
All das wird nur mit einem Mentalitätswandel gelingen. Politiker und Aktivisten müssen wieder lernen, Risiken gegeneinander abzuwägen. Wer ein Atomkraftwerk betreibt, kann einen Störfall verursachen. Das ist gefährlich, aber unwahrscheinlich. Wer Energie künstlich verknappt, gefährdet Wohlstand. Das ist sicher.

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