16 März 2026

Der andere Blick - Die neuen deutschen Helden: Belohnt werden die Faulen, die Abzocker und die Duckmäuser (NZZ)

Der andere Blick
Die neuen deutschen Helden: Belohnt werden die Faulen, die Abzocker und die Duckmäuser (NZZ)
Damit es in Deutschland wieder aufwärts geht, genügen nicht nur Strukturreformen. Es braucht eine andere Mentalität. Drei konkrete Beispiele.
Eric Gujer, 13.03.2026, 5 Min.
Wer Kritik an der real existierenden Bundesrepublik übt, hört schnell, das sei Deutschland-Bashing. Das meist in beleidigtem Tonfall vorgetragene Argument lautet stets: «So schlimm ist es doch gar nicht!»
Dem kann man kaum widersprechen. Mindestens 90 Prozent der Weltbevölkerung würden sich glücklich schätzen, könnten sie am deutschen Wohlstand teilhaben – weshalb so viele ja auch versuchen, Asyl in der Bundesrepublik zu erhalten. Doch dazu später.
Das Leben spielt sich in Relationen ab. Entscheidend für die Wahrnehmung sind daher nicht die absoluten Zahlen, sondern die relativen Veränderungen.
Das gilt für die Migranten, deren Lebensstandard sich in Deutschland verbessert. Das gilt aber auch für die Deutschen, die registrieren, wie sich ihr Land zum Schlechteren verändert. Drei Beispiele, die kürzlich Schlagzeilen machten, sollen das verdeutlichen.
Der rheinische Sozialschmarotzer: Seit 23 Jahren lebt ein Bosnier in Köln. Sein Asylantrag wurde kurz nach der Einreise im Jahr 2003 ein erstes Mal abgelehnt und dann 2007 ein zweites Mal. In der Zwischenzeit beging er kleinere Straftaten, doch es geschah: nichts.
Das ist an sich schon ein Skandal. Mit seiner Frau hat er acht Kinder, was dem Paar eine jährliche Sozialhilfe von 87 000 Euro beschert. Bei solch einem Einkommen müsste er den Spitzensteuersatz zahlen. Weil die Familie schon so lange in Deutschland lebt, erhält sie nicht nur Grundleistungen, sondern einen angehobenen Satz.
Die Stadt Köln findet, dass hier alles seine Richtigkeit hat. Wegen der in Deutschland geborenen Kinder sei eine Abschiebung nicht zumutbar.
Die bayrischen Schlafmützen: Weil es, was im Winter immer wieder vorkommen soll, schneite, mussten 600 Menschen auf dem Flughafen München eine ganze Nacht in den Flugzeugen ausharren. In der Kälte, ohne ausreichende Verpflegung, ohne Hilfe.
Die sechs Maschinen erhielten zwar eine Ausnahmegenehmigung für einen nächtlichen Start, doch erst verzögerte sich die Enteisung, dann musste Schnee geräumt werden. Die Flugzeuge blieben auf dem Rollfeld.
Mit Bussen hätte man die Passagiere und Crews aus ihrer misslichen Lage befreien können, doch die Fahrer waren bereits nach Hause gegangen. Das galt auch für die übrigen Schlafmützen des Münchner Airports, wie die Führungscrew nach ausgiebiger Nachtruhe zerknirscht eingestand. Einen Bereitschaftsdienst für Notfälle gibt es auf dem «besten Flughafen in Zentraleuropa» (Eigenwerbung) nicht. Die Flughafenfeuerwehr leistete zwar die ganze Nacht Dienst, aber es war niemand mehr da, um sie zu alarmieren.

Die schwäbischen Sheriffs: In Heilbronn ist die Polizei besonders genau. Sie entdeckte auf Facebook den Eintrag eines Rentners, der Friedrich Merz «Pinocchio» nannte. Ein Emoji mit langer Nase rundete den Post ab.

Der Colt sitzt bei den Heilbronner Sheriffs locker. Umgehend ermittelten sie gegen den Rentner wegen Beleidigung eines Politikers.
Die Polizei verteidigte sich mit dem Hinweis, sie müsse bei Straftaten tätig werden. Von Verhältnismässigkeit oder auch nur gesundem Menschenverstand haben die wackeren Schwaben offenkundig noch nichts gehört. Erst die Staatsanwaltschaft machte dem Spuk ein Ende und stellte das Verfahren ein.

Die Ansprüche wachsen ins Uferlose
Alle drei Beispiele haben eines gemeinsam. Sie zeigen, wie Selbstbild und Wirklichkeit auseinanderklaffen. Wer sich nicht gerade in einer rot-grünen Subkultur bewegt, erwartet von Deutschland, dass es sich um einen demokratischen Rechtsstaat mit Weltklasse-Infrastruktur handelt, in dem sich Leistung und nicht Faulheit lohnt.

Was sich so selbstverständlich anhört, ist es jedoch längst nicht mehr. Jahrzehntelang gültige Gewissheiten haben sich schleichend aufgelöst.

Ein früher funktionierendes System ist inzwischen dysfunktional. Niemand hat es willentlich ruiniert, aber zugleich ist niemand den ins Uferlose gewachsenen Ansprüchen entgegengetreten. Die Massstäbe, was angemessen und anständig ist, sind erodiert.
Der Sozialstaat präsentiert sich als Selbstbedienungsladen, den die Dreisten und die Frechen wie der clevere Vater von acht Kindern fast nach Belieben austricksen können.

Letzte Woche gestaltete der Bundestag die Sozialhilfe um. Das Arbeitsministerium sprach im Vorfeld von einem «radikalen Umbau des Sozialstaats». Die «Zeit» fragte atemlos: «Wird das die grösste Sozialstaatsreform seit der Agenda 2010?»

Besser könnte KI nicht halluzinieren. Das neue Gesetz erschöpft sich im Klein-Klein. Das Bürgergeld heisst künftig Grundsicherung. Das ist schon das Wichtigste. Auch die laschen Regeln für den Umgang mit renitenten Empfängern werden ein bisschen verschärft.

Doch die Wähler und Steuerzahler, die den Abzocker von Köln durchfüttern müssen, protestieren nicht. Wie auch? Die Allgemeinheit auszunehmen, gilt als normal. Der Ruf nach Sanktionen wird als soziale Kälte gebrandmarkt.

Das Anspruchsdenken verhindert, dass sich jemand über das Kleingedruckte in seinem Arbeitsvertrag hinaus verantwortlich fühlt. Auf dem Rollfeld warten 600 gestrandete Menschen auf Hilfe? Egal, jetzt ist Feierabend!

Die Linke pflegt die Wiedervereinigung als «Anschluss» zu denunzieren, bei dem sich der Westen rücksichtslos über den Osten hinweggesetzt habe. Das Gegenteil ist richtig. Die gesamtdeutsche Arbeitsmoral nähert sich der DDR an. «Privat geht vor Katastrophe», hiess es dort, wenn es zu begründen galt, warum man nachts um eins keine Busfahrer fand.

Die Verantwortungslosigkeit beschränkt sich nicht auf die Generation Z, Lifestyle-Teilzeitarbeiter, den öffentlichen Dienst und wer sonst noch zu den üblichen Verdächtigen der Produktivitätsmisere zählt.

Es fängt ganz oben an und pflanzt sich bis nach unten fort. Das schlechte Beispiel wird zur Rechtfertigung für den kollektiven Dienst nach Vorschrift. Ausnahmeleistungen sind beinahe verdächtig. Sie werden nicht mehr gefordert und eher selten erbracht. Sonst gerät die Work-Life-Balance ins Wanken.
Alles nur Deutschland-Bashing? Damit macht man es sich zu leicht
Der CEO des «besten Flughafens in Zentraleuropa» heisst Jost Lammers. Sein Gehalt lässt sich im Beteiligungsbericht der Stadt München nachlesen: 827 000 Euro, inklusive 286 000 Euro Bonus. Seine Leistungen sind für die Öffentlichkeit weniger offensichtlich.

Nachdem am 3. Oktober 2024 am Flughafen das Chaos mit einer zwei Kilometer langen Warteschlange bei der Abfertigung ausgebrochen war, musste Lammers das Versagen vor dem Münchner Stadtparlament erklären. Die «Süddeutsche Zeitung» berichtete, der «kühle Routine-Ton» habe einen «fast schon schaudern» lassen.

Im selben Ton waren die ersten Statements des Flughafens zum jüngsten Debakel gehalten. So klang es auch, als die Bahn wieder einmal die Fertigstellung des Stuttgarter Bahnhofs verschob – vorsichtshalber ohne Nennung eines neuen Termins.

Wenn bei Staatsunternehmen Schlendrian und Wurstigkeit um sich greifen, dann löst das ein mildes Schulterzucken aus. Wenn aber ein Rentner den Kanzler mit der trotz allem liebenswerten Hauptfigur aus einem literarischen Klassiker vergleicht, gerät die Staatsmacht in Erregung.

Die Kleinen hängt man, die Grossen lässt man laufen. Dass der Staatsanwalt diesmal ein Einsehen hatte, ändert daran nichts, zumal beständig neue Fälle von Einschüchterungsversuchen durch Polizei und Justiz hinzukommen.

Perception is reality. Dass die Wahrnehmung nur der AfD nütze, ist ziemlich abgedroschen. Wahr bleibt es trotzdem.

Nicht nur die Wähler dieser Partei fragen sich, was aus ihrem Land geworden ist. Dazu gehört auch, dass der Chef des zusammen mit Frankfurt wichtigsten Flughafens ein Grundgehalt bezieht, das nur sechsmal so hoch ist wie die Sozialhilfe des Abzockers in Köln. Der CEO muss ein Unternehmen führen, Steuern bezahlen und sich vor der Öffentlichkeit rechtfertigen – das ist nicht wenig. Der Abzocker muss das alles nicht.

Köln, Heilbronn, München: drei Einzelfälle, die man als Deutschland-Bashing abtun kann. Im Besonderen steckt aber immer das Allgemeine. Die Fälle bilden ein Muster, das zu der Erklärung beiträgt, warum Deutschland seit 2019 stagniert und in der Industrie im letzten Jahr 124 000 Arbeitsplätze verlorengingen.

Was braucht es, damit es wieder aufwärtsgeht? Strukturreformen und mehr Exporte, das auch. Aber vor allem: ein anderes geistiges Klima und eine Mentalität, die nicht die Faulen, die Bürokraten und die Duckmäuser zu deutschen Helden erklärt.

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