Dann begann, das werde ich nie vergessen, die erste Frage. Sie hieß Eva: braune Haare, rehbraune Augen …
Digging for dirt, zu Deutsch: das Graben nach Schmutz. Vertraute des Gegenkandidaten werden gezielt in die Archive und im Falle von Christian und Bettina Wulff sogar gezielt in die Bordelle geschickt, um belastendes Material zu finden. Wenn es der (erfolglos zurückgekehrte) Rechercheur nach seinem Streifzug durch das Rotlichtmilieu von Hannover mir nicht selbst berichtet hätte, würde ich es hier nicht behaupten.
Das Graben nach Schmutz ist in den USA ein professionelles Geschäft, das innerhalb der Wahlkampfteams oft streng abgeschirmt auch vom Kandidaten stattfindet. Es geht noch nicht darum, das Material zu benutzen, sondern zunächst darum, es zu besitzen.
Strategic leaking: Ein belastendes Zitat wird nicht sofort veröffentlicht, wenn man es findet. Es wird „gebunkert“, bis der Gegner in den Umfragen steigt oder die Wahl kurz bevorsteht. In den USA, wo die Präsidentschaftswahlen immer im November stattfinden, nennt man das die „October Surprise“.
Auch
im Fall von Hagel wurde das acht Jahre alte Video erst im Endspurt des
Wahlkampfes (von der Karlsruher grünen Bundestagsabgeordneten Zoe Mayer) auf Instagram und X verbreitet – und den Medien als „Hot Shit“ serviert. Und diese greifen beherzt zu.
Es geht darum, durch Banalisierung und Simplifizierung dem Wahlkampf die faktische Grundlage – Niedergang des Industriestandortes Baden-Württemberg – zu entziehen. Die Medien, oftmals nicht an Erkenntnisgewinn, sondern am schnellen Klick interessiert, haben als Handlanger der grünen Kampagne ihren unrühmlichen Auftritt.
Amplify and repeat, zu Deutsch: Verstärken und Wiederholen. Die Methode besteht darin, die Mücke zum Elefanten zu vergrößern, indem man die Skandalbilder so lange wiederholt, bis sie das eigentliche Thema des Wahlkampfes werden.
Bewusst wird ein Feuerwerk der Nebensächlichkeiten gezündet, das ablenken soll von den Zukunftsthemen. So konnte der zwischenzeitlich auf Position drei abgehängte SPD-Kandidat Olaf Scholz nach dem Lacher von Armin Laschet – der in einer Endlosschleife im Fernsehen und im Internet zu besichtigen war – diesen überholen und mit einem Plus von 1,5 Prozentpunkten über die Ziellinie gehen. Laschet gelang es nicht, die Banalisierungsstrategie seiner Gegner und der Medien zu durchbrechen.
Auch in Baden-Württemberg überlagert die wenige Sekunden dauernde Videosequenz die Schlussphase des Wahlkampfes. Über die schwierige wirtschaftliche Bilanz des grünen Amtsinhabers wird kaum noch gesprochen. Es ist völlig unklar, was von der stolzen Autoindustrie des Landes bleibt. Wahlkämpfe sind eigentlich ein Wettbewerb um den besseren Zukunftsentwurf.
Character assassination, zu Deutsch: das Charakterattentat. Der Gegner wird nicht politisch, sondern im Kern seiner tatsächlichen oder erfundenen Persönlichkeit angegriffen. Dem demokratischen Präsidentschaftskandidaten und Vietnam-Veteranen John Kerry wurde von der republikanischen Tarnorganisation (Swift Boat Veterans for Truth) im Wahlkampfendspurt unterstellt, dass er in Vietnam feige war und seine Einheit im Stich gelassen habe, was sich später als unwahr herausstellte. Kerry verlor 2004 gegen George W. Bush.
Dem späteren republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain wurde
bei den Vorwahlen im Jahr 2000 durch eine sogenannte Flüsterkampagne
unterstellt, er würde ein uneheliches schwarzes Kind besitzen. In
Wahrheit war das schwarze Kind an seiner Seite aus Bangladesch
adoptiert. McCain und seine Frau weigerten sich, gegenüber dem schwarzen
Kind, das sie als das ihre betrachteten, auf Distanz zu gehen. McCain
verlor die Vorwahl gegen George W. Bush und seinen Kampagnenmanager Karl Rove.
Strategic framing: Der Gegenkandidat wird nicht mit erfundenen, sondern mit echten, aber überzeichneten Charakterisierungen diffamiert. Beim Framing geht es darum, den Gegner in einen Wirkungszusammenhang zu stellen, der ihn auf einen Skandal reduziert und damit limitiert.
Sidney Blumenthal, der in der 2008er Wahlauseinandersetzung mit Barack Obama die Gegenkandidatin Hillary Clinton
beraten hat, kam die Aufgabe zu, Obamas Steilflug bei den
demokratischen Vorwahlen zu beenden. Dafür wollte er Obamas Aura, der
sich als Präsident aller Amerikaner empfahl, zerstören. Sein Rezept
beschrieb er mir gegenüber, damals Washington-Korrespondent des Spiegels, so: „We have to paint him black.“
Das Framing kommt auch in Deutschland zum Einsatz, weil die Kandidaten Laschet und Hagel durch die beiden Szenen reduziert und ihre politische Schlagkraft limitiert werden sollen.
Es wird also ein echter Fehler als Symptom für die charakterliche Nicht-Eignung des Politikers verkauft. So diente der Lacher von Laschet als Beleg für die angebliche Unreife und Führungsschwäche des Kandidaten.
Das acht Jahre alte Hagel-Video soll die vermeintlich gesellschaftlich rückständige DNA des Kandidaten freilegen. Er wird, erst recht nach Veröffentlichung der Epstein-Files, atmosphärisch in die Nähe der Pädophilie gerückt. Ein Zitat aus der Vergangenheit erscheint als vermeintliches „Fenster in die wahre Seele“. So jemand, das ist die Subbotschaft, darf in diesem Staat kein Amt übernehmen.
Fazit: Das „Negative Campaigning“ ist in Zeiten der Hyperkomplexität die erfolgreichste Wahlkampfstrategie, weil es Komplexität bis zur Banalität reduziert. Die Medien sind bei dieser zynischen Form der Wahlkampfführung nicht mehr Berichterstatter, sondern zentraler Bestandteil der Negativkampagne. Erst sie verleihen dem bösen Vorsatz Glaubwürdigkeit. Für die Macher in der Kulisse gilt der zynische Satz von Clintons ehemaligem Wahlkampfmanager Dick Morris, den man in Washington nur „Tricky Dicky“ nennt:
In der Politik ist die Wahrheit das, was die Leute bereit sind zu glauben.

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