VON FERDINAND KNAUSS am 11. März 2026 5 min
Es war nicht nur ein Iftar-Fest, das am Dienstagabend in der
Staatskanzlei des Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen in
Düsseldorf gefeiert wurde. Man könnte es auch als eine Feier der
Wunschvorstellung von „Vielfalt“ gegen deren vielerorts vorfindbare
Wirklichkeit bezeichnen. Wenn von Vielfalt die Rede ist, ahnt man: Es
geht um Muslime in der deutschen Gesellschaft.
Nathanael Liminski,
Chef der Staatskanzlei und als Minister unter anderem für
Religionsgemeinschaften zuständig, schwärmte in seiner Rede vor den
geladenen islamischen Vertretern und solchen der christlichen Kirchen
und der jüdischen Gemeinschaft vom Fastenbrechen als „Zeichen für das
Miteinander und den Zusammenhalt“. Doch gleichzeitig wird nicht nur
Nordrhein-Westfalen durch einen Vorfall an einer Schule in Kleve
aufgewühlt, der belegt, dass durchaus auch das Gegenteil mit jener
muslimisch geprägten Vielfalt verbunden sein kann.
„Wir haben Ramadan, du musst jetzt fasten“
Eltern eines nichtmuslimischen Kindes der Joseph-Beuys-Gesamtschule hatten der Bild-Zeitung
vor einigen Tagen berichtet, ihre Tochter gehe mit Angst in die Schule,
denn fastende Schüler hätten ihr gesagt: „Wir haben Ramadan, du musst
jetzt fasten und dein Brot in die Tonne werfen!“ Derartiges Mobbing sei
schon oft vorgekommen: „Es ist nicht der erste Vorfall, wir können es
gar nicht mehr aufzählen.“ Die Klassenlehrerin habe auf eine Beschwerde
hin gesagt, man habe „gemeinsam darüber gesprochen, dass Trinken und
Essen in den Pausen weiterhin vollkommen in Ordnung ist, aber dass die
Kinder, die nicht fasten, nicht mit ihrem Essen o.Ä. provozieren
sollen“.
Nach zahlreichen Presseberichten nahmen sowohl die Schulleitung als
auch die Bezirksregierung und das Schulministerium öffentlich Stellung –
ohne die Wörter „Ramadan“, „Islam“ oder „Muslime“ zu gebrauchen. Das
Ministerium schreibt von „respektvollem Miteinander“ und dass man die
Vorfälle ernst nehme. Die Bezirksregierung schreibt in einer Mail von
„Unstimmigkeiten, die für das Alter der Kinder nicht untypisch sind“,
und: „Selbstverständlich müssen sich Kinder, die essen und trinken,
nicht wegdrehen ... Leider hat die Kommunikation mit einer Mutter
zunächst zu Irritationen geführt.“
Alles nur ein Kommunikationsproblem? Vor
allem die öffentliche Verlautbarung der Schule macht gerade nicht den
Eindruck, als ob man dort möglicherweise radikalisierten muslimischen
Schülern besonders konsequent entgegentritt. Man beschwört „Respekt,
Toleranz und Vielfalt“ und behautet, diese Werte würden „von
verschiedenen Seiten in Frage gestellt“. Die Ursache dafür liege nur an
einer „teilweise nicht ganz eindeutigen Kommunikation“. Das ist letztlich ein indirekter Vorwurf an die Eltern, die den Vorfall öffentlich machten. Die
Botschaft: Alles nur ein Missverständnis, gehen Sie weiter, es gibt
nichts zu sehen. Die Tochter bildet sich ihre Angst wohl nur ein, und
die Eltern stellen mit ihrem Gang an die Öffentlichkeit die Werte
„Respekt, Toleranz und Vielfalt“ in Frage.
Mag sein, dass eine Lehrerin von Eltern missverstanden wurde. Aber
das ändert nichts am Offenkundigen: Im Fastenmonat Ramadan liegen auf
deutschen Schulhöfen die Nerven blank. Konflikte zwischen sehr
selbstbewusst auftretenden muslimischen Schülern und nichtmuslimischen
sind sicher kein Klever Sonderfall, sondern auch in zahlreichen anderen
Schulen längst gang und gäbe. Schon in Grundschulen mit muslimischer
Schülermehrheit, so berichten beispielsweise Lehrerinnen aus Düsseldorf,
werden nichtmuslimische Schüler als „Weihnachtskinder“ verspottet.
Anderen muslimischen Kindern wird vorgeworfen, nicht gläubig genug zu
sein: „Ihr betet zuhause ja gar nicht richtig.“ Gleichzeitig eifern
schon Viertklässler ihren fastenden Eltern nach und haben dann
naheliegenderweise manchmal Schwierigkeiten, dem Unterricht zu folgen.
Phrasenhafte Bekenntnisse statt Forderungen an Muslime
Die
zuständigen staatlichen Ebenen, im konkreten Fall die Klever Schule
selbst und die Bezirksregierung, können sich aber offenkundig nicht zu
einer eindeutigen Benennung des Konfliktstoffes Islam durchringen. Man
kann ihre Befangenheit und Furcht vor falschen Worten zwischen den
Zeilen der Verlautbarungen lesen. So verstecken sie sich hinter
vermeintlichen Missverständnissen und phrasenhaften Bekenntnissen zu
Werten, statt deren Einhaltung auch explizit von Muslimen zu verlangen.
Ganz ähnlich auch Minister Liminski in seiner Rede zum gemeinsamen
Fastenbrechen. Er verkündet im Namen der Landesregierung, „dass gerade
in Zeiten von Krisen und Kriegen in dieser Welt, die ganz viele Menschen
in Nordrhein-Westfalen auch sehr persönlich betreffen, dass es wichtig
ist, dass wir dieses wichtige Signal auch in diesem Jahr gemeinsam
begehen“. Noch sehr viel direkter persönlich betroffen als von fernen
Kriegen sind aber Bürger, vor allem Schülerinnen und Schüler und ihre
Eltern, von den alltäglichen Krisen an ihren Schulen, die unmittelbar
aus muslimischer Religionspraxis im Fastenmonat Ramadan entstehen.
Der
Ramadan sei eine Zeit, „sich auf den Glauben und seine Werte zu
besinnen, Werte wie Solidarität mit Benachteiligten, die Achtung der
Menschenwürde oder eben auch ganz einfach die Nächstenliebe“. Da hätte
Liminski durchaus den Mut zu einer Anspielung aufbringen können, dass
die behaupteten Werte und Nächstenliebe nicht damit vereinbar sind,
Nichtmuslime oder nichtfastende Muslime unter Druck zu setzen und zu
stigmatisieren.
Vielleicht hat Liminski das in persönlichen
Gesprächen getan. In seiner öffentlichen Rede tat er es jedenfalls
nicht. Da bekamen nur die üblichen Verdächtigen ihr Fett weg, also die
„politischen Kräfte, … die polarisieren, die spalten, die hetzen, die
Hass verbreiten, die Rassismus, Islamophobie und Antisemitismus
verbreiten“ – das ist der Code für die AfD. Dass die anwesenden
Journalisten unmittelbar nach seiner Rede und vor der Iftar-Zeremonie
den festlichen Raum in der Staatskanzlei verlassen mussten, zeigt
übrigens, dass nicht nur Klever Lehrerinnen manchmal sehr
missverständlich kommunizieren, sondern auch ihre obersten
Dienstherren.
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