23 März 2026

Fernandes gegen Ulmen Die Demo vor dem Urteil (Cicero+)

Fernandes gegen Ulmen

Die Demo vor dem Urteil (Cicero+)
Die Anschuldigungen von Collien Fernandes gegen Christian Ulmen eröffnen der Politik die Chance, längst geplante Maßnahmen wie die Klarnamenpflicht im Internet voranzutreiben. Der Fall zeigt, wie private Tragödien zum Spielfeld für politische Inszenierungen werden können.
VON GERHARD STRATE am 23. März 2026, 5 min
An die quälende Langsamkeit deutscher Politik haben wir uns längst gewöhnt. Wie jahrelang vergraute Wäsche werden die wirklich großen Probleme unserer Zeit in der trüben Brühe sinnentleerter Regierungsrituale hin- und hergewälzt. Wir sehen stoisch dabei zu. Umso elektrisierender wirkt die scheinbare Geistesgegenwart, mit der politische Akteure ihre Chancen zur Durchsetzung unpopulärer Ziele zu nutzen wissen. Ein solch goldener Moment scheint nun durch den öffentlich ausgetragenen Beziehungskrieg zweier Prominenter gekommen zu sein. Die Beschuldigungen, die Moderatorin Collien Fernandes gegen ihren Ex-Ehemann Christian Ulmen erhebt, kommen auf wundersame Weise gerade rechtzeitig. Die Vorwürfe klingen tatsächlich schwerwiegend. So berichtet die Zeit, der Oberste Gerichtshof der Balearen führe ein Vorverfahren gegen den auf Mallorca lebenden Ulmen, Fernandes’ Anzeige laute auf Identitätsdiebstahl, Geheimnisverrat, öffentliche Verleumdung, wiederholte Misshandlung und schwere Bedrohung.  
Schon 2024 hatte Fernandes maßgeblich bei einer ZDF-Doku zum Thema Deepfake-Pornos mitgewirkt, in deren zweitem Teil sie schließlich Anzeige erstattet hatte. Über Jahre hinweg habe ein Unbekannter unter ihrem Namen im Internet sein Unwesen getrieben, sexuell konnotierte Beziehungen mit Männern aufgebaut und sogar gefakte Nacktfotos und Pornovideos von ihr verschickt. Ende 2024, so Fernandes kürzlich auf Instagram, habe ihr Ehemann schließlich seine Urheberschaft eingestanden . Ob es sich tatsächlich so verhält, werden die Gerichte entscheiden müssen, denn auch für Ulmen gilt selbstverständlich die Unschuldsvermutung. Wer nun denkt, damit sollte die Öffentlichkeit es bis zur Urteilsverkündung bewenden lassen, hat nicht mit den diesbezüglich unbelehrbaren Teilen des politmedialen Komplexes gerechnet. Vergessen sind all die Fälle der vergangenen Jahre, in denen sich die Wahrheit im Lichte sauberer Gerichtsarbeit nachträglich ganz anders darstellte. Zu denken ist da an den Reputationsschaden zu Lasten eines Leipziger Hotels im Fall von Gil Ofarim, das im Rahmen der öffentlichen Vorverurteilung eine Antisemitismusdemonstration mit 600 Teilnehmern über sich ergehen lassen musste .
„… weil da so viel Schmerz war“
Auch im Fall Ulmen/Fernandes kommt die Demo vor dem Urteil. Anwesend sind die üblichen Einpeitscher, von Katrin Göring-Eckardt über Lisa Paus bis Saskia Esken. Auf dem Podium sorgt unter anderem Luisa Neubauer für Stimmung. Den Betroffenheitsvogel schoss wieder einmal Claudia Roth ab, die schon am Vorabend verkündet hatte: „Ich habe geweint, weil da so viel Schmerz war.“ Nägel mit Köpfen macht Stefanie Hubig (SPD), die einen bereits fertigen Gesetzentwurf gegen digitale Gewalt nun „zügig, wirksam und lückenlos“ auf den parlamentarischen Weg bringen will. Einen besseren Zeitpunkt für ein möglichst rigides Vorgehen hätte sich die Bundesjustizministerin tatsächlich kaum aussuchen können. 

Grünen-Politikerin Ricarda Lang lobt währenddessen die NGO HateAid, welche in den letzten Jahren „Frauen wie Collien Fernandes geschützt“ habe . Tatsächlich hatte Geschäftsführerin Josephine Ballon ihren großen Auftritt gemeinsam mit Fernandes bereits in der ZDF-Doku zum Thema gehabt. Dabei handelt es sich um dieselbe Josephine Ballon, die in der CBS-Sendung „60 Minutes“ naseweis verkündet hatte: „Free speech needs boundaries!“, auf Deutsch: Freie Rede braucht Grenzen. Die amerikanische Regierung hatte sie aufgrund dessen zum Schutz der freien Rede mit einem Einreiseverbot belegt.

Das eigentliche Opfer

Eine zarte Frau wie Collien Fernandes, digital gepeinigt durch ihren ruchlosen Ehemann: Auf der Suche nach neuer Legitimation für die eigenen autoritären Anwandlungen kann einer NGO wie HateAid nichts Besseres passieren. Auch die Befürworter einer Klarnamenpflicht im Internet dürften nun Morgenluft wittern. Doch wer denkt im Auge dieses emotionalen Orkans an die dritte betroffene Person? Wer jetzt plant, den Fall weiter politisch auszuschlachten, sollte innehalten und an die 13-jährige Tochter der beiden Kontrahenten denken. Sie ist das eigentliche Opfer, wenn die Eltern zu Todfeinden werden und dabei von Politikern, NGOs und Medien immer weiter angefeuert werden.

Ein Blick in die Vergangenheit hilft dabei, etwas Beruhigung in die Geschehnisse zu bringen. Denn es ist zu erahnen, dass die Beziehung der Eheleute von jeher eher unkonventionell verlaufen sein könnte. Welcher Film zwischen den beiden ablief, ist für Außenstehende nicht so einfach zu durchschauen. So kündigte Ulmen vor 13 Jahren vor laufender Kamera seine neue Show an, während seine Frau begeistert grinsend neben ihm stand. Jede andere hätte sich wahrscheinlich sofort scheiden lassen. Denn der Titel fasste den Inhalt perfekt zusammen. Er lautete: „Who wants to fuck my girlfriend?“ Die angeblich satirisch gemeinte Spielshow ging wenig später auf Sendung und hielt, was der Titel versprach. 

Der Boden, der hier vorbereitet wird, trägt keine freiheitlichen Früchte

Auch der spätere gemeinsame Werbevertrag für eine Online-Apotheke brachte eher Fragwürdiges hervor. So zeigt ein Spot das Ehepaar gemeinsam im Bett. Beide leiden vorgeblich unter Durchfall. Fernandes greift zum Smartphone und tätigt souverän ihre Medikamentenbestellung. Der eher hilflos wirkende Ulmen fragt erstaunt: „Kannst du das für mich auch machen?“ Ihre rotzige Antwort darauf: „Du kannst es dir selber machen!“ – Da ist selbst Ulmen plötzlich sprachlos und bleibt mit dem Gesichtsausdruck eines gedemütigten Losers zurück. Sehen wir hier wirklich ein Paar, das nach dem Dreh in archaisch-patriarchale Muster zurückfällt, mit einer wehrlosen Frau als Opfer? Oder werden wir von beiden Beteiligten unfreiwillig zu Spannern degradiert, zu Zeugen eines würdelosen Ehekriegs, dessen tiefere Gründe wir nicht verstehen können? Und warum sollten wir als unbeteiligte Öffentlichkeit das alles eigentlich wissen wollen?
Ja. Fernandes’ Vorwürfe gegen Ulmen wiegen schwer. Doch es ist nun an einem ordentlichen Gericht, sie aufzuklären. Die Politik sollte endlich aufhören, sich zur Durchsetzung fragwürdiger Ziele des geifernden Mobs zu bedienen. Erfreulicherweise verstehen immer mehr Menschen die politische Absicht hinter dem plötzlichen Fokus auf einen prominenten Einzelfall. Klar ist schon jetzt: Der Boden, der hier vorbereitet wird, trägt keine freiheitlichen Früchte.

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