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Business Class Edition: 07.07.2022 Banken: Europas stiller Abstieg
Guten Morgen,
den Abschied Europas aus der Spitze der bedeutenden Wirtschaftsblöcke darf man sich nicht wie ein Requiem mit Orgel und Streichorchester vorstellen. Die Erkennungsmelodie der vielen Teilabschiede ist vielmehr eine bedrückende Stille. Niemand spricht. Niemand weint.
Es gibt auch keinen, der triumphiert. Selbst diejenigen, die vom europäischen Abstieg profitieren, halten pietätvoll die Hände gefaltet.
Die Zeitenwende, um die es hier geht, hat niemand gewollt und keiner ausgerufen. Aber sie passiert. Der europäische Finanzsektor, Herzmuskel unserer ökonomischen Souveränität, schlägt immer schwächer. Wir haben es mit einem historisch einmaligen Druckabfall zu tun, der in den Medien und in der Politik keinerlei Würdigung findet. In den Medien wird aus Schlafmützigkeit, in der Politik mit Vorsatz geschwiegen.
Hier der Befund im einzelnen: Die Dresdner Bank, einst gemessen an der Bilanzsumme das drittgrößte Kreditinstitut Deutschlands, ist bereits 2009 verstorben. Abgehakt. Die WestLB, ehedem die mächtigste öffentlich-rechtliche Bank im Lande, wurde in der letzten Finanzkrise dahingerafft. Requiescat in pace. Die Commerzbank erlebt in der Teilverstaatlichung ihr Siechtum. Der Staat ist nicht ihr Animateur, sondern ihr Totengräber. Die Deutsche Bank – und spätestens da wird die Sache relevant – rangierte 2004 noch auf Platz 6 der nach Bilanzsumme größten Banken der Welt und kämpft heute im internationalen Vergleich auf verlorenem Posten. Auch UBS und Credit Suisse, UniCredit aus Italien, Banco Santander aus Spanien werden von den internationalen Investoren gemieden als hätten sie die Affenpocken. Ihre Aktienkurse erzählen die Geschichte einer systemischen Krankheit. Die Aktienkurse von JP Morgan Chase und Goldman Sachs sehen auffällig anders aus. Die Investoren setzen auf „the american way to do it“ – auch im Finanzsektor.Die Gründe für den Niedergang der europäischen Finanzindustrie sind nicht in der Unfähigkeit der Bankmanager zu suchen. Diesmal sind die Herren des Geldes (es gibt nach dem Abgang von Carola Gräfin von Schmettow bei HSBC Deutschland keine Frau mehr auf der CEO-Position eines relevanten Geldhauses) unschuldig. Sie haben – mit Ausnahme der Italiener – ihre Bankbilanzen in Ordnung gebracht und die Eigenkapitalquoten signifikant erhöht. Sie haben die Risiken reduziert und die Verwaltungskosten eingedämpft, auch bei der Deutschen Bank, die traditionell auf großem Fuß lebte. Es sind die folgenden fünf Gründe, die für diesen europäischen Niedergang verantwortlich sind:
Niemand durfte glauben, dass ein Geschäftsmodell nachhaltig ist, das
Menschen zum Spottpreis von A nach B transportiert. Klug wäre es,
Fliegen zu verteuern und Beschäftigte besser zu bezahlen. Nur so lassen
sich Leistung, Produktivität, Zufriedenheit und Wohlstand dauerhaft
steigern.
Wer billig fordert, wird billig erhalten. Eigentlich eine
Binsenwahrheit, die kaum zu bestreiten ist. Deshalb ist das laute Klagen
über das Flug(hafen)chaos zu Ferienbeginn scheinheilig. Denn Probleme
waren programmiert. Niemand durfte allen Ernstes glauben, dass ein
Geschäftsmodell nachhaltig ist, das Menschen zu einem Spottpreis von A
nach B transportiert. Wenn Flugtickets nur einen Bruchteil einer
Fahrkarte mit der Bahn kosten, muss eigentlich etwas faul sein. Dann
werden irgendwo Kosten missachtet oder auf andere überwälzt.
Oder es werden staatliche Subventionen verschleiert, an welchen
Gliedern der Wertschöpfungskette einer Flugreise auch immer – von
Steuergeldern für den Bau von Flugzeugen und Flughäfen
bis zur Steuerbefreiung für Kerosin. Oder die Kunden zahlen mit
Qualitätsmängeln, die Zeit und Nerven kosten, so wie es nun eben in
diesen Tagen der Fall ist. Auch beim Fliegen gilt eben ein Grundgesetz
der Marktwirtschaft: Es gibt nichts umsonst. Irgendwer zahlt immer –
schlimmstenfalls sogar mehr oder weniger unbeteiligte Dritte, wie das
Klima, die Umwelt oder kommende Generationen.
Dass Fliegen zu billig ist, erkennt mittlerweile sogar einer der Pioniere der Billigflugstrategie, Michael O’Leary,
seit bereits fast 30 Jahren Chef von Ryanair. Die „Financial Times“
zitiert seine Aussage, es sei absurd, dass die Fahrt in London zum
Flughafen mehr koste als der anschließende Flug.
Fliegen sei einfach „zu billig für das, was es ist“. Konsequenterweise
kündigt O’Leary auch gleich an, dass in den kommenden Jahren Ryanair die
Ticketpreise von heute durchschnittlich 40 auf künftig 50 bis 60 Euro
anheben werde.
Ganz anders als der Chef einer Billigfluglinie reagiert die deutsche
Politik. Da will man nicht wahrhaben, dass Fliegen teurer werden muss.
Vielmehr verfolgt man weiterhin eine Billigflug-Strategie. Auch wenn die
von ihren Vätern gerade aufgegeben wird.
Anstatt mehr Leute besser zu qualifizieren und Fachkräfte in den
Flugzeugen und an den Flughäfen, bei Sicherheitsdiensten oder bei der
Gepäckabfertigung so anständig zu bezahlen, dass hier die attraktiven
Jobs entstehen, die andernorts durch Digitalisierung, Automation und
Roboterisierung verloren gehen, greift man tief in die Mottenkiste
gescheiterter Politikideen zurück. Da wird tatsächlich gefordert,
türkische Gastarbeiter zu holen, damit alles so schön billig bleiben
könne mit den Flugreisen, wie es immer schon war.
Oskar Lafontaine, man muss ihn nicht mögen, aber über das, was er hier schreibt, lohnt es sich nachzudenken, insbesondere, wenn Nord Stream 1 wegen Wartungsarbeiten oder fehlender Turbine tatsächlich länger
ausfällt. Nord Stream 2 ist betriebsbereit. Dann ist es letztendlich
egal, durch welche Pipeline das Gas fließt.
Öffnet Nord Stream 2!
Von Oskar Lafontaine, 04.07.2022
Ich kann das Gejammere von Steinmeier, Scholz
und anderen über die sozialen Verwerfungen, die entstehen werden, wenn
der Gaspreis sich verdreifacht, nicht mehr hören. Wenn man nur von
Staaten wie den USA, Saudi-Arabien oder Katar und Russland, denen man
völkerrechtswidrige Kriege vorwirft, Energie beziehen kann, dann sollte
man den Lieferanten bevorzugen, der die beste und günstigste Ware hat.
Das ist Russland. Es wird zudem immer deutlicher, dass die deutsche
Wirtschaft auch bei vielen anderen notwendigen Rohstoffen und
Ersatzteilen eng mit Russland verflochten ist. Man kann es nicht oft
genug wiederholen: Wenn man wegen Menschenrechtsverletzungen die
Verbindungen zu einem Land abbricht, dann darf man mit den USA, die für
die meisten Menschenrechtsverletzungen in der Welt verantwortlich sind,
keinen Handel treiben.
Es war doch wirklich peinlich, mit anzusehen,
wie Biden auf der Pressekonferenz mit Scholz in Washington diesem
überdeutlich machte, wer bestimmt, ob die Ostseepipeline Nord Stream 2
in Betrieb genommen wird oder nicht.
Auch ein Kommentator des Deutschlandfunks hat gefordert: „Die
Lösung kann nur sein: Lösen wir uns vom amerikanischen Diktat. Kaufen
wir kein schmutziges Fracking-Öl und -Gas. Öffnen wir die Schleusen von
Nord Stream 2. Die Sanktionen haben weder einen Krieg verhindert, noch
gestoppt. Russen und Amerikaner sind die Profiteure der Sanktionen, die
uns Westeuropäer am härtesten treffen.“
Wann wird es einen Bundeskanzler
geben, der den Mut hat, Washington zu sagen, bis hierhin und nicht
weiter. Woher kommt diese deutsche Sucht, sich zu unterwerfen, wenn man
sieht, wie sich deutsche Journalisten und Politiker gegenüber Washington
verhalten?
Wenn man an die eigene Bevölkerung denkt, gibt es nur
eine Lösung: Öffnet Nord Stream 2, um das Schlimmste zu verhindern. De
Gaulle wusste noch, Staaten haben keine Freunde, sondern Interessen. So
wie die Amis seit 100 Jahren versuchen, das Zusammengehen deutscher
Technik mit russischen Rohstoffen zu verhindern (George Friedman), so
sollte die Bundesregierung endlich einsehen, dass die Sanktionen nicht
Russland und den USA schaden, sondern in erster Linie Deutschland und
Europa.
Bundesregierung und deutsche Medien können nicht länger
leugnen, was ihnen der renommierte US-Ökonom Jeffrey Sachs kürzlich
wieder ins Stammbuch geschrieben hat: „Der Krieg in der Ukraine ist der
Höhepunkt eines 30-jährigen Projekts der amerikanischen neokonservativen
Bewegung (Neocons). In der Regierung Biden sitzen dieselben
Neokonservativen, die sich für die Kriege der USA in Serbien (1999),
Afghanistan (2001), Irak (2003), Syrien (2011) und Libyen (2011)
starkgemacht und die den Einmarsch Russlands in die Ukraine erst
provoziert haben.“
(Schon 1997 sagte Joe Biden: "Das einzige was Russland zu einer heftigen militärischen Reaktion
zwingen würde - wäre eine Expansion der NATO an die russische Grenze").
Wenn man einen großen Fehler gemacht hat, muss
man den Mut haben, ihn zu korrigieren. Keine Bundesregierung hat das
Recht, Millionen Deutsche ärmer zu machen und die deutsche Wirtschaft zu
ruinieren.
Deutschland in der Krise - Sehenden Auges in den Absturz (Cicero+)
Keiner spricht präzise aus, welche verheerenden Auswirkungen
Inflation und Energieknappheit bereits heute haben. Gerade größere
Haushalte verlieren in kürzester Zeit rund ein Viertel ihrer
Lebensgrundlage, Unternehmen müssen schließen. Dabei führt die aktuelle
Energiepolitik die eigentliche Eskalation erst herbei.
Wie soll man es nennen,
wenn Menschen binnen kurzer Zeit mehr als 20 Prozent ihrer
Lebensgrundlage verlieren? Ist es noch eine Krise oder schon eine
Katastrophe? Welchen Namen man auch immer geben will – wir erleben
gerade in Deutschland den wohl größten und breitesten Wohlstandsverlust,
der sich seit der Hyperinflation vor 100 Jahren außerhalb der beiden
Weltkriege ereignet hat.
Schnell wird sich nun Protest regen: Der Schlag ins Kontor, den Ukraine-Krieg, Russland-Sanktionen und Lieferkettenprobleme
der Volkswirtschaft verpassen, sei voraussichtlich geringer als jener
durch Corona oder Finanzkrise. Und das stimmt beim Blick aufs BIP oder
Konjunkturindikatoren – noch. Doch waren die Auswirkungen auf ganz
normale Haushalte und Unternehmen in der Breite nie so verheerend wie
jetzt. Denn es geht nicht bloß um teureren Zugang zu Krediten oder
vorübergehende Lockdowns mit staatlicher Entschädigung, es geht um
beispiellose Preissteigerungen für die basalsten Ausgangs- und
Versorgungsgüter – und, gerade für Unternehmen, zunehmend um deren
Nichtverfügbarkeit.
Beispiellose Preissteigerungen bei überlebensnotwendigen Gütern
Nehmen wir eine Familie mit vier Kindern, die auf dem Land in einem
sanierten Altbau lebt und bei der die beiden berufstätigen Eltern zur
Arbeit pendeln. Sie findet sich akut in folgender Situation wieder:
Für das Erdgas zur Beheizung ihres Hauses muss sie aufgrund des
vervierfachten (!) Preises fast 5000 Euro mehr pro Jahr zahlen. Für
Strom zahlt sie bereits jetzt 300 Euro mehr im Jahr. Und die Mehrkosten
werden auf knapp 4000 Euro anwachsen, sobald die Stromanbieter die
eigentlichen Preissprünge – ebenfalls eine Vervierfachung – an die
Verbraucher weiterreichen dürfen; ein Schritt, zu dem Minister Habeck
aufgrund einer drohenden Pleitewelle der Stadtwerke bereits Bereitschaft signalisiert hat.
Berufspendeln und die Fahrten zum Einkaufen mit dem Auto – ÖPNV ist auf
dem Land dafür zu schlecht ausgebaut – ist durch Preissteigerungen von
über 25% auf Kraftstoffe um mehr als 1000 Euro p.a. teurer geworden. Der
Lebensmitteleinkauf kostet die Familie auf 12 Monate mindestens 1500
Euro mehr. Und die angekündigten Beitragssteigerungen bei den
Sozialversicherungen werden weitere ca. 1000 Euro von der Haushaltskasse
abzweigen.
Alles in allem hat diese Familie alleine durch die Teuerung dieser
unmittelbaren, täglichen Versorgungsgüter und erzwungenen Abgaben 8800
bis 12.500 Euro (mit/ohne kommende Strompreisexplosion) weniger Geld zur
Verfügung. Bei einem Medianeinkommen von 45.000 Euro netto sind das
atemberaubende 20 bis 28% weniger Geld für Ernährung und Kleidung, für
die Fahrt zum Arbeitsplatz, für die Miete oder das Abbezahlen des
Kredites (dessen Verlängerung ebenfalls um mehr als 200 Prozent teurer
geworden ist). Wir sprechen über Menschen, die im Dunkeln und Kalten
sitzen, weil sie sich Strom und Gas nicht mehr leisten können. Menschen,
die ihren Job verlieren, weil der Weg zur Arbeit ihre finanziellen
Möglichkeiten übersteigt. Menschen, die ihre Bleibe verlieren, weil sie
kein Geld mehr für Miete oder Kredittilgung haben. In einem der bislang
reichsten Industrieländer der Welt.
Holz, Stahl, Kupfer, Beton haben sich im Preis verdrei- oder gar vervierfacht
Oder nehmen wir den mittelständischen Betrieb: Dieselben
Preissteigerungen bei Strom, Gas und Kraftstoffen nehmen ihm
wirtschaftlich die Luft zum Atmen und machen die Produktion in dem Land,
dessen Wettbewerbsfähigkeit bereits vor der Krise unter den höchsten Energiekosten litt,
unwirtschaftlich. Dennoch möchte der Betrieb nicht die Flinte ins Korn
werfen. Doch auch seine Primärmaterialien – Holz, Stahl, Kupfer, Beton –
haben sich um mindestens zweistellige Prozentzahlen verteuert,
teilweise im Preis ebenfalls verdrei- oder gar vervierfacht. Und immer
häufiger bekommt er gar keine Lieferungen mehr oder nur mit Monaten
Verzögerung. Auch Kredite zur Vorfinanzierung solcher Lieferungen haben
sich um ein Vielfaches verteuert. Zeitgleich drängen die Beschäftigten
auf Lohnsteigerungen, weil sie einen Kaufkraftausgleich angesichts der
Rekordinflation wünschen.
Angesehene Wissenschaftler und Mediziner haben in den vergangenen
zweieinhalb Jahren die Pandemiepolitik der Bundesregierung kritisiert -
und wurden dafür diffamiert, verloren nicht selten Amt und Reputation.
Der Abschlussbericht des unabhängigen Sachverständigenrates zur
Evaluierung der Corona-Maßnahmen bestätigt sie nun. Nun müssen nur noch
politische Konsequenzen folgen.
Der Skandal steht auf Seite 26. Vier in kursiven Lettern gehaltene
Worte. Die aber haben es in sich. Unter der Überschrift
„Begleitforschung zu NPI (Non-Pharmaceutical Interventions) in
Deutschland“ ist in dem am vergangenen Freitag veröffentlichten Bericht des Sachverständigenrats zur Evaluierung der Corona-Maßnahmen ein echter Hammer zu lesen: „Datenmangel seit langem bekannt“.
Wie gesagt: Nur eine kurze, für den Laien nicht einmal sofort
verständliche Sentenz. Zudem eine, die beileibe nicht den einzigen
Skandal umreißt, den der mit großem Interesse erwartete und in Paragraph
5 des Infektionsschutzgesetzes sogar eingeforderte Abschlussbericht des unabhängigen Sachverständigenrates
zutage gefördert hat. Dieser Satz auf Seite 26 aber hat Wumms. Denn
entweder wird er in den kommenden Wochen den deutschen Corona-Diskurs
endgültig ad absurdum führen, oder er wird das Potential zur
tiefwirkenden Heilung haben – je nachdem, wie die Bundesregierung nun
mit dem Ergebnis des insgesamt 160 Seiten starken Papiers umzugehen
gedenkt.
Denn eines ist gewiss: Dass unzählige sogenannte NPI – also
Maßnahmen, die nicht auf der Gabe von Medikamenten oder Vakzinen
bestehen – in der Vergangenheit nie wirklich untersucht wurden und ihre
Wirksamkeit somit bis heute eigentlich unbekannt ist, war sowohl den
gesundheitspolitisch Verantwortlichen in der Regierung Angela Merkel als
auch denen im Kabinett Olaf Scholz von Beginn an bekannt. Egal ob die
Schließung von Schulen und Gemeinschaftseinrichtungen, ob die Verhängung
von Quarantäne oder die Beschränkung des internationalen Reiseverkehrs:
Stets fehlten hinreichend Daten, um die Effizienz solcher Maßnahmen
beurteilen zu können.
Die Mahner in der Wüste
Unzählige, ehemals äußerst angesehene Wissenschaftler haben in den
zurückliegenden zwei Corona-Jahren auf diese brisanten, oftmals sogar
lebensgefährdenden Informations- und Wissenslücken hingewiesen. Ihre
Namen lasen sich einst wie das „Who is Who“ der evidenzbasierten und
somit wissenschaftlich abgesicherten Medizin: Gerd Antes, Matthias Schrappe, Jürgen Windeler,
ja selbst Andreas Sönnichsen, ein ehemaliger Lehrstuhlinhaber für
Allgemeinmedizin an der Medizinischen Universität Wien und bis Januar
2021 Vorsitzender des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin.
Dass Ihre Namen nach nunmehr zweieinhalb Jahren sogenanntem
Pandemie-Management für viele längst nicht mehr so glorios und ehrbar
klingen wie ehedem, das hat viel mit Diffamierung, mit unbelegten
Behauptungen, zum Teil auch mit gezielt gesteuerten Kampagnen zu tun.
Selbst Christian Drosten, als Regierungsberater für viele ein Gelehrter,
der in der öffentlichen Wahrnehmung fast schon unter das Dogma der
Unantastbarkeit fällt, war sich zuweilen nicht zu schade, Kritiker aus
dem Lager der evidenzbasierten Medizin in ein schummriges Licht zu
rücken (so etwa in der Folge 56 seines vom NDR produzierten Podcasts Coronavirus-Update).
Der Westen muss sich auf die
Zweiteilung der (Wirtschafts-) Welt einstellen (Focus-Online) FOCUS-Online-Experte Robert Halver, Sonntag,
03.07.2022 Der Westen
suggeriert gerne das Narrativ eines weltweit isolierten Russlands, dessen
Wirtschaft durch westliche Sanktionen ruiniert wird und in die Pleite geht.
Doch bei ehrlicher Betrachtung ist Russland weder isoliert noch
zahlungsunfähig. Im Gegenteil, der anti-westliche Block wird immer mächtiger
und die Sanktionen kommen als schmerzhafter Bumerang vor allem nach Europa
zurück.
Vor prächtiger
Kulisse im schönen Elmau zeigten sich die reichen G7-Länder wild entschlossen,
dem lupenreinen Aggressor geopolitisch und wirtschaftlich das Handwerk zu
legen. Doch ist der seit Ende des II. Weltkriegs allmächtige Westen in die
Jahre gekommen. Der US-Präsident gilt bei vielen Amerikanern als Lame Duck und
wird nicht nur von Trump gnadenlos gejagt.
Großbritanniens
Premierminister hat nach vielen Skandalen und den Folgen des Brexit nur noch so
viel Strahlkraft wie die Sonne ab 22 Uhr. Der französische
Staatspräsident ist seit der Parlamentswahl ein gerupfter gallischer Hahn.
Japan ist nur noch ein Schatten seiner früheren Wirtschaftskraft. Italien
ist glücklich über die Aufbauspritzen der EZB. Und in Deutschland ist vielfach
der Lack ab.
Und erst
jetzt, nach neun Jahren der Schaffung der chinesischen Seidenstraße, kommt der
Westen auf die Idee, ein Gegenmodell von 600 Mrd. US-Dollar zu entwerfen, damit
z.B. Südostasien, Afrika und Südamerika nicht vollständig unter die chinesische
Knute geraten.
Der Westen
kommt einem wie ein alternder Boxer vor, bei dem der letzte Kampf einer zu viel
war. Trotz immer neuer Sanktionen wurden bislang nicht die gewünschten
Wirkungen in Moskau erzielt.
Selbst ein
Staatsbankrott Russlands lässt Putin ziemlich kalt. Zunächst, wenn der
Kreditnehmer nicht zahlt, haben die Kreditgeber das Problem. Zwar kann die
westliche Welt Russland zukünftig keinen Cent mehr geben. Aber es kann
problemlos fremdgehen. Denn es hat begehrte Sicherheiten: (Energie-)Rohstoffe.
Putin hat
keinen Grund einzulenken
Überhaupt
leben 80 Prozent der Weltbevölkerung in Ländern, die die westlichen Sanktionen
gegen Putin nicht mittragen. Denn so bekommen China, aber auch Indien, Brasilien,
Südafrika
und andere den Energy-Drink, der ihnen wirtschaftliche Flügel verleiht, zum
Schnäppchenpreis. Dagegen fällt die westliche Moral hinten runter und der Rubel
für Putins Kriegskasse rollt weiter. Auf dem St. Petersburger Wirtschaftsforum
haben die „BRIC plus“-Staaten brüderlich fast schon einen alternativen
Interessenclub mit Russland als Rohstofflieferanten gegründet. Auch der starke
Rubel zeugt nicht von einem isolierten oder zahlungsunfähigen Russland.
Sicher,
die Beziehungen zwischen Russland, China und Indien sind nicht unbedingt von Liebe
geprägt. Doch hilft die überzeugende (Energie-)Mitgift über viele
zwischenmenschliche Makel hinweg. Nicht zuletzt empfindet das ein oder andere
Schwellenland Genugtuung, dass der Westen, der sie ihrer Meinung nach zu sehr
bevormundend mit Demokratie, Menschenrechten, Moral und Klimaschutz quält,
blutet. Endlich kann man ihm und insbesondere Amerika Grenzen aufzeigen.
Damit ist auch
der westliche Preisdeckel bei russischem Öl hinfällig. Denn dieser funktioniert
nur, wenn möglichst alle einträchtig mitmachen, was aber nicht passiert. Peu à
peu wird Putin europäische Nachfrager durch neue „Bruderstaaten“ ersetzen. Und
Russland arbeitet daran, die gleiche Versorgungspolitik auch mit Gas zu
praktizieren. Mit der kürzlichen Drosselung um 40 Prozent hat Putin schon
einmal die Energie-Muskeln spielen lassen. Der Preisanstieg, den Putin selbst
erzeugt hat, kompensiert den Mengenausfall mühelos.
Selbst der
beste Jockey kann ohne Pferd nichts erreichen
BRICS-Gipfel Ein antiwestlicher Block entsteht, so mächtig wie noch nie| Von Stefan Aust, Adrian Geiges
In Deutschland glauben viele, die meisten Länder stünden im Krieg
aufseiten der Ukraine. Doch die Wahrheit sieht ganz anders aus: Die
antiwestliche Allianz wird immer mächtiger, politisch und wirtschaftlich
– und sie erstreckt sich über die ganze Welt.
Beim G-7-Gipfel auf Schloss Elmau in Bayern
treffen sich die Staats- und Regierungschefs der wichtigsten sieben
Länder der Welt. Wirklich? Schon diese Woche war Chinas Präsident Xi
Jinping Gastgeber des BRICS-Gipfels (Brasilien, Russland, Indien, China,
Südafrika), wenn auch wegen der chinesischen Null-Covid-Politik diesmal
nur digital. Dieses Bündnis soll jetzt erweitert werden um Staaten wie
Indonesien und Argentinien.
Auch Russlands Präsident war zugeschaltet. Durch die Teilnahme Putins
in Kriegszeiten hatte dieser Gipfel eine neue Brisanz – unter anderem,
weil Indien dazugehört, das der Westen gern im demokratischen Lager
sähe.
Während die westlich orientierten G 7 eine Bevölkerung von knapp 771
Millionen Menschen vertreten, leben in den sieben Staaten des
Gegenblocks mehr als drei Milliarden. „Die G 7 repräsentieren das 20.
Jahrhundert, BRICS die Zukunft des 21. Jahrhunderts“, heißt es dazu in
der chinesischen Parteizeitung „Global Times“.
Schon in seiner Eröffnungsansprache am Mittwoch setzte Xi Jinping den
Ton: „Die Ukraine-Krise ist ein Alarmsignal für die Welt“, sagte er,
meinte damit aber nicht die russische Kriegsführung, sondern das
Verhalten des Westens: Der „missbrauche Sanktionen“, um seine
„Hegemonie“ zu behalten.
Russisches Öl fließt nach China
Putin kündigte bei dem Treffen an, die Sanktionen zu umgehen durch
verstärkte Zusammenarbeit mit den BRICS-Ländern. In Russland würden bald
mehr chinesische Autos fahren und indische Supermarktketten ihre
Filialen eröffnen. Russisches Öl fließt jetzt nach China. Indien
importiert russische Kohle.
Andrej Denissow, Moskaus Botschafter in Peking, schlug vor, den
US-Dollar als internationales Zahlungsmittel durch eine andere Währung
zu ersetzen – wahrscheinlich durch den chinesischen Renminbi. Ein
Vorgeschmack darauf: Da die Russen wegen der Sanktionen keine Visa- oder
Mastercard mehr nutzen können, zahlen sie jetzt mit der chinesischen
Kreditkarte UnionPay.
Auch in internationalen Gremien wie dem UN-Sicherheitsrat wollen die
BRICS-Staaten Veränderungen. Derzeit gehören dem Rat neben den USA,
China und Russland die europäischen Länder Frankreich und Großbritannien
an. In ihrer gemeinsamen „Pekinger Erklärung“ forderten die
Gipfelteilnehmer diese Woche, die Rolle von Brasilien, Indien und
Südafrika innerhalb der Vereinten Nationen zu stärken.
Menschenrechte dürften „nicht mit zweierlei Maß“ durchgesetzt werden,
ein Seitenhieb gegen die USA. Der Patentschutz für Corona-Impfstoffe
solle aufgehoben werden, damit Entwicklungsländer sie produzieren
können. Die Erklärung verurteilt den russischen Angriff auf die Ukraine
nicht, sagt dazu lediglich: „Wir unterstützen Gespräche zwischen
Russland und der Ukraine.“
Indirekt machte Xi Jinping die Nato für den Krieg verantwortlich:
„Einige Länder streben jetzt absolute Sicherheit an, indem sie
Militärbündnisse ausdehnen und so andere Länder zwingen, sich auf eine
Seite zu stellen. Sie schaffen eine Konfrontation der Blöcke, übersehen
die Interessen und Rechte anderer Länder und streben nach
Vorherrschaft.“
Es sind höchst unterschiedliche Länder und Politiker, die hier in der
Ablehnung westlicher Vormacht und Werte vereint scheinen. Brasiliens
Präsident Bolsonaro bewundert als Rechtsradikaler Putins Führungsstil
und verbittet sich die Einmischung des Westens zum Schutz des Regenwalds
am Amazonas. Gerade wurde dort der britische Journalist Dom Phillips ermordet,
der über die Gewalt von Holzfällern und Wilderern gegen Indigene
recherchierte. Kommentar des Präsidenten: Der Brite sei dort „nicht
willkommen“ gewesen.
Eine Generalabrechnung mit der Politik und dem RKI Von Tim Röhn, Benjamin Stibi
Der Bericht zur Evaluierung der Corona-Maßnahmen ist da – und dürfte für
hitzige Diskussionen sorgen. In dem Papier, das WELT AM SONNTAG
exklusiv vorliegt, stellen die Sachverständigen der Politik ein
katastrophales Zeugnis aus. Die Datenlage ist unzureichend, die
politischen Beschlüsse intransparent. Und die Maßnahmen? Für deren
Wirken fand die Gruppe kaum Evidenz.
In seiner Evaluierung der Corona-Politik in Deutschland übt ein
interdisziplinärer Sachverständigenausschuss tiefgreifende Kritik an den
politischen Entscheidungsträgern und dem Robert Koch-Institut (RKI).
Dies geht aus dem 165-seitigen Bericht hervor, der am Freitagmittag
veröffentlicht werden soll und WELT AM SONNTAG bereits vorliegt. Darin
wird etwa die Erhebung und der Umgang mit Daten, die unzureichende
Forschungsarbeit, die öffentliche Kommunikation sowie das Zustandekommen
der Grundrechtseinschränkungen bemängelt. Darüber hinaus findet sich
bis auf das Maskentragen keine klare Aussage zum Nutzen von einzelnen
Maßnahmen.
Auf Dutzenden Seiten beschreiben die 18 Ratsmitglieder
– darunter Juristen, Virologen und Naturwissenschaftler – die von
Politik und Behörden zu verantwortende katastrophale Corona-Datenlage in
Deutschland, die der Grund dafür sei, dass man die meisten von der
Politik verordneten Maßnahmen nur unvollständig habe bewerten können.
Dabei gingen die Sachverständigen mit ihren detaillierten Bewertungen
sogar deutlich über das hinaus, womit sie gemäß Infektionsschutzgesetz
(IfSG) betraut worden waren.
„Während in anderen Ländern
Möglichkeiten zur Einschätzung der Wirkung von nicht-pharmazeutischen
Maßnahmen genutzt wurden, ist eine koordinierte Begleitforschung während
der Corona-Pandemie in Deutschland weitgehend unterblieben“, heißt es
in dem Report. Es gebe keinerlei Forschungskonzept, „um (…) auf
Grundlage besserer Daten und darauf aufbauender Analysen die anstehenden
Entscheidungen in der Pandemie zu fällen“.
Abrechnung mit Politik und Behörden
Weiter
heißt es, die Politik habe auch keine der bereits geplanten oder
laufenden Studien „zur Lösung der brennendsten Bekämpfungsfragen auf
nationaler Ebene angestrengt“. Es gebe keine gemeinsam koordinierten
Forschungsinitiativen, und das Angebot der Gesetzlichen Krankenkassen,
„ihre enormen Datenbestände“ zur Verfügung zu stellen, habe niemand
angenommen.
Weiter heißt es, in Deutschland stünden „aktuelle
Versorgungsdaten für wissenschaftliche Auswertungen nicht
maschinenlesbar bzw. nur bedingt oder mit erheblichem Zeitverzug zur
Verfügung“. All das habe die Qualität des Krisenhandelns
„beeinträchtigt“. Mit dieser desaströsen Datenlage müsse man nun „als
Gesellschaft“ umgehen.
Der
Bericht kommt einer Abrechnung mit Politik und Behörden gleich – etwa
mit dem RKI. Seit vielen Jahren – lange vor Beginn der Corona-Pandemie –
sei klar, dass die Wirkung von einzelnen Maßnahmen nicht erforscht sei.
Trotzdem habe man nichts unternommen, um an diesem Zustand etwas zu
ändern – bis heute. Dabei, so beklagen die Sachverständigen, ist das RKI
laut Infektionsschutzgesetz „die zentrale Forschungs- und
Referenzeinrichtung für Infektionskrankheiten“, in der „die Maßnahmen
des Infektionsschutzes erforscht“ werden: „Diese Institution stünde bei
der Lösung des identifizierten Daten- und Studienproblems somit auch
selbst in der Pflicht.“