Gabor Steingart, 10.07.2026
knapp eine Woche, nachdem die Regierung ihr Reformpaket als „den großen Sprung“ (Merz) gepriesen hat, liegen erste demoskopische Befunde von Forsa vor, die den Kanzler demütig stimmen müssten.
Stattdessen hat sich Merz erkennbar das Lenin-Motto „Vertrauen ist gut, Kontrolle besser” zu eigen gemacht, weshalb er uns am ersten Tag einer Krankheit nicht zuhause, sondern beim Zählappell im Wartezimmer des Hausarztes sehen will. Seine Kernwähler – die Älteren und die ganz Alten – werden das als Belastungs-EKG für ihre Treue zur Union empfinden.
#2: Fehlende Reichweite
Merz
fehlt in seiner Kommunikation als Chef eines Landes mit knapp 84
Millionen Einwohnern und 50 Millionen Wahlberechtigten schon die
technische Reichweite, um den „großen Sprung“ als solchen zu verkaufen.
Sein Versuch, am Abend der Reformbeschlüsse diese bei Maybrit Illner dem Volk zu vermitteln, scheiterte an einer Zuschauerzahl von knapp zwei Millionen Menschen.
Rechnet man die drei einminütigen Videos auf Instagram und TikTok dazu (insgesamt rund eine Million Aufrufe), erreichte Merz insgesamt drei Millionen Menschen oder sechs Prozent der Wahlberechtigten. Das ist viel, aber nicht genug.
#3: Wärmestrom
Es macht keine Freude, dem Kanzler zuzuhören. Das Einfühlsame liegt ihm nicht. Man hat immer das Gefühl, seinen Ansprüchen nicht zu genügen. Man soll fleißiger studieren, länger arbeiten, in der Apotheke zuzahlen und im Ruhestand bitte keine überzogenen Ansprüche stellen.
Die Tatsache, dass alle Gesundheitspolitiker unwidersprochen darauf hinweisen, dass die höchsten Kosten für die Krankenkasse in den letzten Lebensjahren anfallen, könnte man auch als Aufforderung zum frühzeitigen Ableben verstehen: Suizid aus Solidarität. Brüder, zur Sonne, zum Friedhof.
#4: Worte ohne Wahrhaftigkeit
Viele Bürger unterstellen dem Mann im Kanzleramt, dass seine verschiedenen Reformen keine Verbesserung der eigenen Lebenssituation bringen. Der Fakt, dass man einerseits Geld bekommt und andererseits Geld zahlt, dass man einerseits von den Reformern belohnt und andererseits bestraft wird, stiftet parteiübergreifend Verwirrung.
Auch die Tatsache, dass Deutschland in Westeuropa das Schlusslicht bei der Lebenserwartung bildet und gleichzeitig die höchsten Gesundheitsausgaben verbucht, wird von der Gesundheitsreform ignoriert. Es drängt sich der Verdacht auf: Das kann‘s noch nicht gewesen sein.
#5: Pekuniär-Sprache
In der Sprache des Geldes haben wir uns nichts mehr zu sagen, schreibt Bernd Ulrich in der Zeit. Und das liegt daran, dass die Geldbeträge winzig und die Gegenfinanzierung garantiert ist. Die Entlastung bei der Einkommensteuer soll lediglich 10 Milliarden € pro Jahr betragen. Das entspricht 0,22 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Davon wird kein Wachstumsimpuls ausgehen können.
Die Sprache der Reformverkäufer dagegen klingt, als ob jetzt ein Ruck durch Deutschland geht. Zum Vergleich: Angela Merkel klang
oft erdig. Als die Pandemie ausbrach, hat sie die Lage weder
dramatisiert noch beschönigt. In ihrer TV-Ansprache im März 2020 sagte
sie den legendären Satz: „Es ist ernst. Nehmen Sie es ernst.” Ihre
Nachfolger sprachen von „Doppel-Wums“ (Scholz) und lobten ihr Tun als
„Gesamtkunstwerk“ (Merz). Das aber ist nicht die Sprache des Volkes, sondern die Sprache der Propagandisten.
Fazit: Vertrauen ist die einzige Währung, die man
nicht nachdrucken kann. Und deshalb nützt es auch nichts, wenn
Chefkommentatoren und Wirtschaftsführer den Kanzler aus taktischen
Gründen loben. Der Satz des amerikanischen Meinungsforschers Frank Luntz, der die Regierung von George W. Bush beriet, enthält die tiefste aller Wahrheiten und gehört deshalb in Großbuchstaben über den Schreibtisch von Friedrich Merz:
"Es kommt nicht darauf an, was du sagst, sondern was die Leute hören".


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