In der ersten Reihe (Cicero)
Knüppel und Pfefferspray
Wir haben uns auf den drei unteren Etagen einer breiten, hölzernen Sitztreppe niedergelassen, die um einen Baum errichtet wurde. Um mich herum sitzen junge Frauen und Männer. Die meisten von ihnen dürften in ihren frühen 20ern sein, die Mehrzahl vielleicht Studenten. Ich weiß nicht sehr viel über sie. Die beiden Wortführer raten uns, nicht zu viel Persönliches preiszugeben, da dies ein öffentlicher Raum sei. Insbesondere sollten wir vorsichtig mit Informationen bezüglich unseres „Aktionslevels“ sein. Im aktivistischen Jargon beschreibt dieser Begriff eine Mischung aus persönlicher Aktionserfahrung und dem Grad an Bereitschaft. Sprich: Wie oft war man schon dabei? Und wie weit geht man für die Sache? Ist man gar bereit, Straftaten zu begehen, um zum Beispiel Polizeibarrieren zu durchbrechen?
Gender-Pronomen auf Kreppband
Bevor
es aber richtig losgeht, schreibt jeder noch einen Namen auf ein Stück
Kreppklebeband. Natürlich nicht den richtigen, sondern einen
„Aktionsnamen“, einen Spitznamen also, der in Erfurt genutzt werden
kann. Ich schreibe auf: „Carsten“. In Großbuchstaben. So heiße ich zwar
wirklich, aber als Person des veröffentlichten Wortes ist das ja dann
doch irgendwie mein Aktionsname. Ich reiße den Streifen ab, klebe ihn
auf mein weißes T-Shirt und blicke mich zufrieden um. Gut gemacht. Namen
aufschreiben, das kann ich. Doch die Zufriedenheit verdampft
augenblicklich. Denn beim Blick in die Runde fällt mir auf, dass die
Klebestreifen der anderen alle sehr viel breiter sind als mein eigener.
Irgendwas stimmt hier nicht.
Und in der Tat: Ich habe vergessen, das Gangabzeichen des linken Milieus, nämlich die Gender-Pronomen, hinter meinem Namen zu vermerken. Bin ich jetzt aufgeflogen? Zum Glück gehen die Teilnehmer des Treffens tolerant mit dem cis-männlichen Glatzkopf mittleren Alters um. Schließlich gehört er zur selben Gang, sonst wäre er ja nicht hier. Er weiß es halt nicht besser.
„Ihr werdet nicht in der ersten Reihe stehen“
Das
Training beginnt mit den Basics: Wie organisiert man eine Bezugsgruppe,
also eine Untergruppe von fünf bis zehn „Aktivisti“, die alle ein
ähnliches Aktionslevel haben und in besonderem Maße aufeinander
aufpassen sollen, wenn es hart auf hart kommt? Innerhalb dieser Gruppe
müssen unter Stressbedingungen basisdemokratische Entscheidungen
getroffen werden: Versuchen wir wirklich, an dieser Stelle
durchzubrechen? Beteiligen wir uns an der Sitzblockade? Machen wir mit
beim „Faschos jagen“? Das geschieht durch Handzeichen, die Gruppe soll
sich am Verdikt des vorsichtigsten Gruppenmitglieds orientieren.
Wie gesagt, ich weiß nicht sehr viel über die anderen Teilnehmer des Treffens. Und selbst wenn ich es wüsste, ich würde es nicht aufschreiben, weil ich niemanden in die Pfanne haue, nicht einmal Linke. Aber ich weiß, dass die anderen Teilnehmer allesamt wenig Erfahrung mit politaktivistischen Aktionen haben. „No hate“, sagt der augenscheinlich jüngere der beiden Frontmänner, „aber ihr werdet nicht in der ersten Reihe stehen. Sonst wärt ihr heute nicht hier.“
Durch Gesinnung vereint
Die,
die in der ersten Reihe stehen: Trotz der üblichen linken
Awareness-Signale und expliziten Ablehnung von „Mackern“ schwingt an
diesem Abend immer auch eine stille Bewunderung für die mit, die aufs
Ganze gehen. Die die Richtung vorgeben. Die die ersten sind, wenn es
knallt. Sie laufen nicht nur Gefahr, in die „Gesa zu wandern“, also in
der Gefangenensammelstelle der Polizei festgesetzt zu werden. Sie
riskieren Hausdurchsuchungen, Gerichtsverfahren, Verurteilungen,
Berufsverbote. Alles für die Sache. Das beeindruckt.
Psychologisch unterscheiden sich Antifaschisten eben nicht von Hooligans, Neonazis, Rockern, Islamisten oder anderen Menschengruppen, die sich durch eine Gesinnung vereint fühlen. Als Teil einer gleichdenkenden Masse, und im berauschenden Nebel geteilter Moralvorstellungen, lassen sich die meisten Menschen zu Urteilen und Handlungen hinreißen, die für sie an einem ausgeschlafenen Montagmorgen auf dem Weg zur Arbeit völlig abwegig wären.
„Auf geht’s, ab geht’s, widersetzen!“
Nachdem
wir den rechtlichen Teil durchgekaut haben, wird es praktischer.
Übungen. Wie vermeidet man Schmerzgriffe durch Polizisten, wenn man aus
einer Sitzblockade weggetragen wird? Und wie geht das eigentlich mit dem
„Durchströmen“ von Polizeiketten? Wir stellen uns in Dreierreihen auf,
die Arme mit denen der Nachbarn verschränkt und auf dem Rücken der
Vordermänner abgelegt. Vier Teilnehmer geben sich als Polizisten aus und
wollen unser Bollwerk der Demokratie aufhalten. Wir skandieren eine
Parole im Sprechchor, „auf geht’s, ab geht’s, widersetzen, auf geht’s,
ab geht’s, widersetzen“, immer und immer wieder, und wir schieben uns
langsam nach vorne, bis wir auf die Polizistendarsteller treffen.
„Wenn von hinten Druck gemacht wird, muss die Polizei am Kontaktpunkt verstärken, sodass an anderen Stellen Lücken entstehen“, erläutern die Frontmänner. „Und das ist der Zeitpunkt, um hindurchzufließen.“ Hindurchfließen hört sich irgendwie süß an, wie ein warmer Honig, der sich unaufhaltsam seinen Weg durch die porige Oberfläche einer frischen Scheibe Graubrot bahnt und schließlich den ganzen Teller verklebt. Und in der Tat: Hinter mir schwirren die ersten Honigbienen aus, um durch die entstandenen Lücken zu laufen, die die Polizistendarsteller eröffnet haben. Gut gemacht. Wir sind bereit für Erfurt.
Im Namen Gottes
Auf
dem Nachhauseweg überkommt mich ein Gefühl des Bedauerns. Ich hätte so
gerne mit ihnen diskutiert. Über den Umgang mit der AfD. Über die
Brandmauer und die exakte Lokalisierung der Grenze, ab der ein Staat der
Demokratie durch Parteiverbote Grenzen setzen darf. Und über die Frage,
ob die kompromisslose Haltung des deutschen Establishments gegenüber
der AfD nicht dazu beigetragen haben könnte, dass sich die Partei seit
ihrem Essener Parteitag, der Erfurter Resolution und der Gründung des
Flügels im Jahr 2015 immer weiter radikalisierte.
Denn Ausgrenzung und Radikalisierung füttern sich gegenseitig. Sie sind
Teil derselben Spirale. Ausgegrenzten wird nicht nur die Möglichkeit der
identitären Selbstbestimmung genommen. Sie verlieren ihre Zugehörigkeit
zu vielem, vielleicht zu allem, was ihnen vorher wichtig war. Übrig
bleiben oft nur die Gesinnungsgeschwister, denen es ganz genau so geht
und die sie bestärken in ihrem Denken. Spricht man aber offen,
vorurteilsfrei und von Mensch zu Mensch mit ihnen, sind sie gut und
vernünftig. Auch hier unterscheiden sich radikale Linke nicht von
radikalen Rechten. Ihr Gott hat lediglich einen anderen Namen.

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