03 Juli 2026

Undercover bei der Antifa - In der ersten Reihe (Cicero)

Undercover bei der Antifa

In der ersten Reihe (Cicero)
Vor dem AfD-Parteitag üben Antifa-Aktivisten überall in Deutschland den Widerstand. Unser Autor hat sich in ein Aktionstraining in einem linken Kulturzentrum in Dresden geschleust. Was im „Haus der Begegnung“ geschah, war komischer und aufschlussreicher als erwartet.
VON CARSTEN KORFMACHER am 1. Juli 2026 8 min
„Bevor wir loslegen, werden alle Geräte eingesammelt, mit denen Tonaufnahmen gemacht werden können, wie Handys, Laptops oder Kopfhörer“, sagt einer der beiden jungen Männer, die auf roten Klappstühlen in einem geräumigen Hinterhof im Dresdner Stadtteil Pieschen sitzen. Neben ihnen ist ein Flipchart aufgebaut, dahinter steht eine massive Tischtennisplatte, die ebenso mit Graffiti überzogen ist wie der ausrangierte Bus, der wie eine Attrappe wirkt und den Hinterhof vom vorderen Teil des „Hauses der Begegnung“ abschirmt. 
Das „Haus der Begegnung“ ist ein linkes Kulturzentrum, in dem auch die Geschäftsstelle der Dresdener Linken und das Jugendhaus „Roter Baum“ untergebracht sind. Es ist gemütlich hier, denke ich, als ein Jutebeutel durch die Reihen geht, in dem wir, die rund zwanzig Teilnehmer dieses Treffens, unsere Elektrogeräte deponieren. Bei dem Treffen handelt es sich um ein sogenanntes „Aktionstraining“ des linken Bündnisses „Widersetzen“, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Erfurter Bundesparteitag der AfD an diesem Wochenende zu verhindern. Oder zumindest zu verzögern; „jede Minute ist ein Gewinn“, sagt einer der beiden jungen Männer da vorne.
Knüppel und Pfefferspray
Wir haben uns auf den drei unteren Etagen einer breiten, hölzernen Sitztreppe niedergelassen, die um einen Baum errichtet wurde. Um mich herum sitzen junge Frauen und Männer. Die meisten von ihnen dürften in ihren frühen 20ern sein, die Mehrzahl vielleicht Studenten. Ich weiß nicht sehr viel über sie. Die beiden Wortführer raten uns, nicht zu viel Persönliches preiszugeben, da dies ein öffentlicher Raum sei. Insbesondere sollten wir vorsichtig mit Informationen bezüglich unseres „Aktionslevels“ sein. Im aktivistischen Jargon beschreibt dieser Begriff eine Mischung aus persönlicher Aktionserfahrung und dem Grad an Bereitschaft. Sprich: Wie oft war man schon dabei? Und wie weit geht man für die Sache? Ist man gar bereit, Straftaten zu begehen, um zum Beispiel Polizeibarrieren zu durchbrechen?
Als wir bei angenehmen Temperaturen im geschützten Raum des linken Zentrums sitzen, erinnere ich mich zurück an das Jahr 2017, als Linksradikale aus ganz Europa den G20-Gipfel in Hamburg ins Visier genommen haben. Ich war damals undercover im Schwarzen Block der Antifa, als die Polizei zwischen Fischmarkt und Landungsbrücken begann, die Demo mit Knüppeln und Pfefferspray aufzulösen. Ich erinnere mich an politische Demonstrationen im Kongo oder in Argentinien, an Neonazi-Demos in Ostdeutschland und an Massenschlägereien am Rande von Fußballspielen, bei denen ich genug Pfefferspray abbekommen habe, um eine Badewanne damit zu füllen. Und mit der wiedererwachten Erinnerung daran, dass all das zuweilen ziemlich weh getan hat, wächst auch mein Mitleid mit den jungen Leuten hier. Denn es sind exakt Situationen wie diese, auf die sie sich an diesem Abend vorbereiten lassen.

Gender-Pronomen auf Kreppband

Bevor es aber richtig losgeht, schreibt jeder noch einen Namen auf ein Stück Kreppklebeband. Natürlich nicht den richtigen, sondern einen „Aktionsnamen“, einen Spitznamen also, der in Erfurt genutzt werden kann. Ich schreibe auf: „Carsten“. In Großbuchstaben. So heiße ich zwar wirklich, aber als Person des veröffentlichten Wortes ist das ja dann doch irgendwie mein Aktionsname. Ich reiße den Streifen ab, klebe ihn auf mein weißes T-Shirt und blicke mich zufrieden um. Gut gemacht. Namen aufschreiben, das kann ich. Doch die Zufriedenheit verdampft augenblicklich. Denn beim Blick in die Runde fällt mir auf, dass die Klebestreifen der anderen alle sehr viel breiter sind als mein eigener. Irgendwas stimmt hier nicht.

Und in der Tat: Ich habe vergessen, das Gangabzeichen des linken Milieus, nämlich die Gender-Pronomen, hinter meinem Namen zu vermerken. Bin ich jetzt aufgeflogen? Zum Glück gehen die Teilnehmer des Treffens tolerant mit dem cis-männlichen Glatzkopf mittleren Alters um. Schließlich gehört er zur selben Gang, sonst wäre er ja nicht hier. Er weiß es halt nicht besser.

„Ihr werdet nicht in der ersten Reihe stehen“

Das Training beginnt mit den Basics: Wie organisiert man eine Bezugsgruppe, also eine Untergruppe von fünf bis zehn „Aktivisti“, die alle ein ähnliches Aktionslevel haben und in besonderem Maße aufeinander aufpassen sollen, wenn es hart auf hart kommt? Innerhalb dieser Gruppe müssen unter Stressbedingungen basisdemokratische Entscheidungen getroffen werden: Versuchen wir wirklich, an dieser Stelle durchzubrechen? Beteiligen wir uns an der Sitzblockade? Machen wir mit beim „Faschos jagen“? Das geschieht durch Handzeichen, die Gruppe soll sich am Verdikt des vorsichtigsten Gruppenmitglieds orientieren.

Wie gesagt, ich weiß nicht sehr viel über die anderen Teilnehmer des Treffens. Und selbst wenn ich es wüsste, ich würde es nicht aufschreiben, weil ich niemanden in die Pfanne haue, nicht einmal Linke. Aber ich weiß, dass die anderen Teilnehmer allesamt wenig Erfahrung mit politaktivistischen Aktionen haben. „No hate“, sagt der augenscheinlich jüngere der beiden Frontmänner, „aber ihr werdet nicht in der ersten Reihe stehen. Sonst wärt ihr heute nicht hier.“

Durch Gesinnung vereint

Die, die in der ersten Reihe stehen: Trotz der üblichen linken Awareness-Signale und expliziten Ablehnung von „Mackern“ schwingt an diesem Abend immer auch eine stille Bewunderung für die mit, die aufs Ganze gehen. Die die Richtung vorgeben. Die die ersten sind, wenn es knallt. Sie laufen nicht nur Gefahr, in die „Gesa zu wandern“, also in der Gefangenensammelstelle der Polizei festgesetzt zu werden. Sie riskieren Hausdurchsuchungen, Gerichtsverfahren, Verurteilungen, Berufsverbote. Alles für die Sache. Das beeindruckt.

Psychologisch unterscheiden sich Antifaschisten eben nicht von Hooligans, Neonazis, Rockern, Islamisten oder anderen Menschengruppen, die sich durch eine Gesinnung vereint fühlen. Als Teil einer gleichdenkenden Masse, und im berauschenden Nebel geteilter Moralvorstellungen, lassen sich die meisten Menschen zu Urteilen und Handlungen hinreißen, die für sie an einem ausgeschlafenen Montagmorgen auf dem Weg zur Arbeit völlig abwegig wären.

„Auf geht’s, ab geht’s, widersetzen!“

Nachdem wir den rechtlichen Teil durchgekaut haben, wird es praktischer. Übungen. Wie vermeidet man Schmerzgriffe durch Polizisten, wenn man aus einer Sitzblockade weggetragen wird? Und wie geht das eigentlich mit dem „Durchströmen“ von Polizeiketten? Wir stellen uns in Dreierreihen auf, die Arme mit denen der Nachbarn verschränkt und auf dem Rücken der Vordermänner abgelegt. Vier Teilnehmer geben sich als Polizisten aus und wollen unser Bollwerk der Demokratie aufhalten. Wir skandieren eine Parole im Sprechchor, „auf geht’s, ab geht’s, widersetzen, auf geht’s, ab geht’s, widersetzen“, immer und immer wieder, und wir schieben uns langsam nach vorne, bis wir auf die Polizistendarsteller treffen.

„Wenn von hinten Druck gemacht wird, muss die Polizei am Kontaktpunkt verstärken, sodass an anderen Stellen Lücken entstehen“, erläutern die Frontmänner. „Und das ist der Zeitpunkt, um hindurchzufließen.“ Hindurchfließen hört sich irgendwie süß an, wie ein warmer Honig, der sich unaufhaltsam seinen Weg durch die porige Oberfläche einer frischen Scheibe Graubrot bahnt und schließlich den ganzen Teller verklebt. Und in der Tat: Hinter mir schwirren die ersten Honigbienen aus, um durch die entstandenen Lücken zu laufen, die die Polizistendarsteller eröffnet haben. Gut gemacht. Wir sind bereit für Erfurt.

Im Namen Gottes

Auf dem Nachhauseweg überkommt mich ein Gefühl des Bedauerns. Ich hätte so gerne mit ihnen diskutiert. Über den Umgang mit der AfD. Über die Brandmauer und die exakte Lokalisierung der Grenze, ab der ein Staat der Demokratie durch Parteiverbote Grenzen setzen darf. Und über die Frage, ob die kompromisslose Haltung des deutschen Establishments gegenüber der AfD nicht dazu beigetragen haben könnte, dass sich die Partei seit ihrem Essener Parteitag, der Erfurter Resolution und der Gründung des Flügels im Jahr 2015 immer weiter radikalisierte.
Denn Ausgrenzung und Radikalisierung füttern sich gegenseitig. Sie sind Teil derselben Spirale. Ausgegrenzten wird nicht nur die Möglichkeit der identitären Selbstbestimmung genommen. Sie verlieren ihre Zugehörigkeit zu vielem, vielleicht zu allem, was ihnen vorher wichtig war. Übrig bleiben oft nur die Gesinnungsgeschwister, denen es ganz genau so geht und die sie bestärken in ihrem Denken. Spricht man aber offen, vorurteilsfrei und von Mensch zu Mensch mit ihnen, sind sie gut und vernünftig. Auch hier unterscheiden sich radikale Linke nicht von radikalen Rechten. Ihr Gott hat lediglich einen anderen Namen.

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