Eric Gujer, Chefredakteur der NZZ, 24.07.2026
Homosexualität ist weitherum akzeptiert, und das ist gut so. Es ist jedoch keine Schwulenfeindlichkeit, wenn die Mehrheit der Gesellschaft eine Grenze verletzt sieht, sobald zwei Männer eine Frau als Produktionsstätte für Nachwuchs benutzen.
Das auf dem Boulevard inszenierte Vaterglück des CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden Jens Spahn hat eine Welle der Empörung ausgelöst. Missbilligt wird nicht nur das Wie – die Umgehung deutscher Gesetze mithilfe einer Leihmutter in den USA –, sondern vor allem das Was: die Degradierung der Mutterschaft zu einem kommerziellen Akt.
Auch wenn nun in Berlin, vom Bundeskanzler abwärts, alle flöten, welchen Respekt der Rücktritt Spahns verdiene, sollte man das Schauspiel beim Namen nennen. Was hier aufgeführt wurde – der Tausch von Geld gegen Kind –, ist Kapitalismus in seiner rohesten Form.Auch in den atheistischen Gesellschaften des Westens überlebt ein Rest an Erkenntnis, dass nicht alles dem Willen des Menschen untertan und nicht alles käuflich ist. Trotz exzessiver Selbstoptimierung von Looksmaxxing bis zu Longevity hält eine Mehrheit gewisse Grenzen für unabdingbar. Ohne sie verkommt die Schöpfung zu Frankensteins Zoo.
Jeder Mann ist ein Vergewaltiger, jede Weisse eine Rassistin
Was die Mehrheit als normal betrachtet, entspricht jedoch längst nicht mehr dem, was in den Medien gefeiert und vom Gesetzgeber ermutigt wird. So entschuldigte sich die Stadt Bern dafür, dass ein Wesen mit männlichem Geschlechtsteil aus dem für Frauen reservierten FKK-Bereich in einem Freibad verwiesen wurde.
Wortreich musste sich die sächsische Gefängnisverwaltung rechtfertigen, weil sie einen Straftäter in einer Haftanstalt für Männer unterbrachte, obwohl sich dieser zur Frau erklärt hatte. Das Einzige jedoch, was auf den Betrachter weiblich wirkt, sind grellrot geschminkte Lippen unter einem Schnauzbart.In der Politik geben diejenigen den Ton an, die der totalen Selbstverwirklichung das Wort reden.
Die Produktion eines Kindes gemäss den Gesetzen von Angebot und Nachfrage oder die mit einem Federstrich vollzogene Geschlechtsumwandlung gelten als normal. Das Empfinden der Mehrheit hingegen wird als vorgestrig, reaktionär oder gleich als pathologisch abgetan.Die Politik konzentriert sich darauf, die Rechte auch kleinster Gruppen auszuweiten. Der Schutz von Minderheiten verkehrt sich in sein Gegenteil: in eine Diktatur, der sich die Mehrheit zu fügen hat.
Im Zeichen der Identitätspolitik hat eine Umwertung aller Werte stattgefunden. Die Linke, die sich traditionell dem Kollektiv und dem Klassenkampf verschrieben hat, propagiert heute den entgrenzten Individualismus.Die Mehrheit hingegen neigt nach Ansicht der selbsternannten Avantgarde in Fragen der Identität und Sexualität zu einem vormodernen Konservatismus und einem unausrottbaren Aberglauben. Dazu gehört selbstverständlich die Vorstellung, es gebe biologisch nur zwei Geschlechter.
Die meisten Männer und Frauen suchen noch eine heterosexuelle Partnerschaft, obwohl fortschrittliche Medien wie die «Süddeutsche Zeitung» den «Heterofatalismus» entdeckt haben. Der Begriff bezeichnet die Erkenntnis, dass jede Partnerschaft einer Frau mit einem Mann strukturell toxisch und gefährlich, bisweilen sogar tödlich ist.So wie alle Weissen, nur weil sie weiss sind, strukturell rassistisch sind. Das behauptet die Critical Race Theory, die wie der Antikolonialismus das westliche Modell für irreparabel verkommen hält.
Deshalb musste in Berlin die «Mohrenstrasse» und in Zürich das «Haus zum Mohrenkopf» weichen. Aber wen ausserhalb einer überkandidelten Blase interessiert das? Und doch sind diese Scheindebatten allgegenwärtig.Das Paradox der Identitätspolitik besteht darin, dass der entgrenzte Individualismus nur für Minderheiten gilt. Die Mehrheit hingegen ist dem ehernen Diktat der Gruppenzugehörigkeit unterworfen. Ihm entkommt kein Individuum, sosehr es sich auch bemüht. Jeder Mann ist ein Vergewaltiger, jede Weisse eine Rassistin.
Zu den nicht enden wollenden Seltsamkeiten der Gegenwart gehört, dass die bürgerlichen Parteien diesem Schabernack durch stilles Komplizentum zudienen.Die deutsche FDP setzte in der Ampelkoalition das Selbstbestimmungsgesetz durch, das die unbürokratische Geschlechtsänderung legalisiert. Noch immer wundert sich die Partei, warum die Wähler sie aus dem Bundestag warfen. Und Jens Spahn ist nicht der einzige CDU-Abgeordnete, der dank Leihmutterschaft zum Vater wurde.
Es ist der Irrtum vieler Bürgerlicher in Deutschland wie in der Schweiz, dass sie die Debatte über Identität und Sexualität – kurzum die Auseinandersetzung um grundlegende Prägungen einer Gesellschaft – für eine Ablenkung von den wichtigen Aufgaben halten.Kanzler Friedrich Merz fühlt sich ungerecht behandelt, weil er gerade eine Reform der Renten, der Sozialhilfe und des Gesundheitswesens auf den Weg gebracht hat, seine Partei in Umfragen jedoch deutlich hinter die AfD zurückgefallen ist.
Die tatsächlich erschreckende Wahrheit lautet: Selbst für überfällige Reformen wird niemand gewählt, sofern diese nicht konkret und messbar das Leben der Bürger verbessern – zum Beispiel durch das in Deutschland seit Jahren schmerzlich vermisste Wirtschaftswachstum.Die politische Mitte schwächelt, aber die Demokratie ist stark
Im Interview sinniert Merz über die «Vertrauenskrise der Demokratie», mag sich aber nicht eingestehen, dass der Opportunismus seiner Partei einiges dazu beigetragen hat.
Ein Abgeordneter, der auf dem Parteitag das Verbot der Leihmutterschaft bekräftigt, für sich aber eine Privatmoral in Anspruch nimmt. Oder Kai Wegner, der christlichdemokratische Ministerpräsident von Berlin, der die Öffentlichkeit nach Strich und Faden anlog.Leben eine Partei und ihre Repräsentanten die von ihnen vertretenen Werte nicht, dürfen sie sich über den Verdruss der Wähler nicht wundern. Sie sollten sich auch nicht selbst täuschen, indem sie eine Vertrauenskrise der Demokratie herbeireden.
Es ist keine Krise der Demokratie, wenn einzelne Politiker oder Parteien das Vertrauen verlieren. Im Gegenteil: Die Abwendung, wie sie Union und SPD zu spüren bekommen, ist das Zeichen einer lebendigen Demokratie.Allenfalls handelt es sich um eine Krise der politischen Mitte. Das aber ist etwas ganz anderes, auch wenn der Kanzler nonchalant das Funktionieren der Demokratie mit dem Wahlerfolg seiner Koalition gleichsetzt.
Minderheiten verdienen Respekt und Sozialhilfeempfänger Unterstützung. Wenn aber der Achtstundentag in Büro oder Fabrik, pünktliches Steuerzahlen und stabile Familien als suspekt, weil so schrecklich normal, gelten, dann werden diese Stinknormalen marginalisiert. Die Betroffenen fühlen sich im Jargon der Identitätspolitik «nicht gesehen» und reagieren allergisch.Das ewige Gezeter der AfD über einfältiges Bekenntnis zu einer «deutschen Kultur, zu mittelalterlichen Kaisern und Hermann dem Cherusker.
Aber das Signal der Partei ist eindeutig. Bei ihr dürfen die Stinknormalen ganz sie selbst sein, ohne schlechtes Gewissen und ohne alle Selbstzweifel. Das trifft im Übrigen auch auf die Schweiz zu. Auch hier machen die Zumutungen der Moderne viele Menschen heimatlos.Die SVP bedient die Sehnsucht nach Geborgenheit, während die Schweizer FDP allzu oft den kalten Ton der Technokratie anschlägt.
Natürlich erwarten die Wähler zu viel: Politiker sollen stets integer sein und alle Zumutungen fernhalten. Doch Regierende wie Regierte sind Sünder. Sie und ihre Handlungen sind nicht perfekt. Im Gegensatz zur katholischen Kirche haben sie allerdings das Vergeben und Verzeihen verlernt.Die Politik befeuert noch den Mythos ihrer Unfehlbarkeit und tut so, als habe sie für alles eine Lösung parat. Der tiefe Fall des Jens Spahn wird daher folgenlos bleiben. Die Empörung ist auch ein bisschen scheinheilig. Spahn ist nur ein Rädchen einer Maschinerie, die sich selbst überschätzt. Der Kanzler kritisiert den übergriffigen Staat und antwortet darauf mit staatlichen Interventionen.
Der Staat sollte weniger versprechen und darauf vertrauen, dass die Stinknormalen ihr Leben selbst regeln können – wenn man sie lässt und mit den ewigen moralischen Ermahnungen verschont. Sie müssen nicht den ganzen Tag gendersensibel und inklusiv sein, auf Teufelszeug wie Zucker und Fleisch verzichten und LGBTQIA+ im Schlaf aufsagen können.Die staatlich angeleitete Erziehung zum besseren Menschen fällt aus. Das wäre endlich eine Reform, die den Namen wirklich verdient.

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