Die Legende vom Stillstand der französischen Atomkraftwerke: In der Hitze schwächelten vor allem Windräder (NZZ)
Nach Sonnenuntergang liefern die Solaranlagen keinen Strom mehr. Mitunter hilft dann die Windkraft, die Lücke zumindest teilweise zu schliessen. Dieses Mal aber war sie schwach, und das mehrere Tage in Folge. Zugleich liefen Klimaanlagen und Ventilatoren weiter; insgesamt verbrauchten die Deutschen ab Mitte Juni spürbar mehr Strom als in den beiden Wochen zuvor.
Und dieser kam nun häufiger aus fossilen Kraftwerken. Auf dem Höhepunkt der Hitzeflaute zeigte sich der Widerspruch besonders deutlich: Tagsüber stammten zeitweise mehr als 70 Prozent der deutschen Stromerzeugung aus Photovoltaik. Abends kehrte sich das Bild um: Nun kamen zeitweise 70 Prozent aus fossilen Kraftwerken. Noch dazu war der Strom sehr teuer. Am 24. Juni kurz vor 21 Uhr kletterte der Börsenpreis auf 747 Euro für eine Megawattstunde.
Das war kein isolierter Ausreisser: Im vergangenen Jahr lag der Strompreis im Juni keine einzige Viertelstunde über 300 Euro je Megawattstunde. Im Juni 2026 überschritt er diese Marke 76-mal, verteilt auf 9 Tage. Auch in anderen Ländern wie Belgien und den Niederlanden kam es zu hohen Ausschlägen.
Die Schwäche der deutschen Energiewende
Frankreich war in dieser Lage nicht der Problemfall. Während in Deutschland in diesen Stunden häufiger Kohle- und Gaskraftwerke zum Einsatz kamen, produzierte das Nachbarland weiterhin grosse Mengen klimaschonenden Stroms für den europäischen Markt: Frankreich blieb auch in der Hitzewelle durchgehend ein Nettoexporteur von Strom, während Deutschland insbesondere in den Abend- und Nachtstunden grosse Mengen importierte.
Das schlug sich auch in den Emissionen nieder: In den Nachtstunden vom 23. bis 25. Juni erzeugte Deutschland Strom mit rund 640 Gramm CO2 je Kilowattstunde. Frankreich spielte mit im Schnitt 60 Gramm in einer anderen Liga. Das zeigen Zahlen des NZZ-Stromtrackers.
All das ist kein Zufall. Frankreichs Stromsystem ist vor allem dank der Kernkraft deutlich klimaschonender als das deutsche. Schon im Jahresvergleich 2025 lag Deutschland mit rund 370 Gramm CO2 je Kilowattstunde weit über Frankreich mit knapp 30 Gramm. Auch während der Hitzeflaute vom 16. Juni bis 1. Juli blieb der Abstand gross: Deutschland lag im Schnitt bei gut 350 Gramm CO2 je Kilowattstunde, Frankreich bei rund 35 Gramm.
Die Hitzewelle legte also nicht die Schwäche der Atomenergie offen, sondern die der deutschen Energiewende. Das Bild, das Teile der deutschen Politik und der deutschen Medien von Frankreichs Stromsystem zeichneten, führt daher in die Irre. Das eigentliche Problem zeigte sich im eigenen Land: die Abhängigkeit der deutschen Stromversorgung vom Wetter und von fossilen Kraftwerken. Doch darüber berichteten nur wenige.

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