Die Guten gehen. Lauterbach bleibt
Tanit Koch, 24.07.2026
Liebe Leserin, Lieber Leser,
Karl Lauterbach saß offenbar schon zu lange in keiner Talkshow mehr. Man spürt: Die Aufmerksamkeit fehlt ihm – erst recht, da Jens Spahn gerade so viel davon erhält. Wie jeder Politiker auf Entzug griff der SPD-Langzeitabgeordnete also zur Ersatzdroge: einem X-Post.
Auslöser war ein Beitrag von Thorsten Alsleben, dem streitbaren Chef der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft.
Schon die fünfte junge Unternehmerfamilie aus seinem Umfeld wolle das
Land verlassen, schrieb er – und schloss provokant: „Am Ende wird
Deutschland zum Land der Beamten, Rentner und Grundsicherungsempfänger.“
Lauterbachs Reaktion: eine herablassende Bemerkung über die verzichtbaren „jungen Talente, die mit dem hohen Rentenbeitrag (,schnief‘) nicht klarkommen“.
Unnötig zu erwähnen: Er selbst zahlt keinen hohen Rentenbeitrag. Er zahlt gar keinen.
Passenderweise veröffentlichte das Sozialministerium gestern den Bericht zum Sozialbudget 2025.
Die Ausgaben für Rente, Pensionen, Gesundheit, Pflege und
Arbeitslosigkeit sind nochmals gestiegen, nur beim Bürgergeld ging es
leicht bergab. 1,43 Billionen Euro Sozialausgaben
– fast jeder dritte erwirtschaftete Euro fließt in den Sozialstaat. Man
sollte meinen, es läge im ureigenen Interesse eines Politikers, das
Land für die attraktiv zu halten, die das alles bezahlen.
Lauterbachs Post ist inzwischen gelöscht. Nicht etwa, weil er damit jedes Klischee einer blasierten politischen Klasse in den Schatten stellte. Sondern weil er, Professor Lauterbach, „missverstanden“ wurde, wie er „Bild“ mitteilte. Klar. Alle doof, außer ihm.
Denn, so schob er – flankiert von einem imposanten Kurvendiagramm – hinterher, „Auswanderung ist nicht das Problem. Weniger als ein Promille der Deutschen verlassen jährlich netto das Land.“
Nach dieser Logik wären auch Herzchirurgen verzichtbar, die liegen statistisch sogar im Sub-Promillebereich. Aber Lauterbach und Statistik, das ist nun mal eine On-Off-Beziehung. Fragen Sie die Pandemie.
Die Auflösung liefert das Statistische Bundesamt: Auswanderer, also die, die Lauterbach für so verzichtbar hält, sind überdurchschnittlich oft hochqualifizierte Menschen unter 40 Jahren. Und um das „Promille“ mal in eine echte Zahl zu übersetzen: 288.579 Deutsche wanderten 2025 aus – ein neuer Rekord. Der Jugendstudie zufolge denkt außerdem ein Fünftel der Jüngeren ernsthaft übers Gehen nach.
Lauterbach wäre jedoch nicht Lauterbach, hätte er nicht auch hier die Lösung: „Im August treffe ich mit anderen Wissenschaftspolitikern in San Francisco deutsche und amerikanische Top-Talente, die wir zu uns holen wollen.“
Gegenvorschlag: Die Top-Talente kommen. Er bleibt da. Die beste Migrationsbewegung des Jahres. Oder kennen Sie noch eine bessere?
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