VON JACOB ROSS am 5. Oktober 2026 9 min
Mit tränenerstickter Stimme berichtet eine Schülerin aus dem westfranzösischen Nantes im Radio über die Ereignisse am 1. Oktober. Mit Klassenkameraden habe sie morgens friedlich vor ihrer Schule protestiert – wie tausende andere Schüler im ganzen Land. Ihre Schule, das ist das Lycée Nelson-Mandela, ein großer Neubau mit hohen ökologischen Standards, Musikförderklassen, angebundenen Sporteinrichtungen und mit Zimmern für internationale Besucher. Das helle, einladende, aus Holz erbaute Foyer der Schule ging am 1. Oktober vor den Augen der Teenagerin in Flammen auf – mitsamt des riesigen Porträts Mandelas, globale Ikone des gewaltfreien Protests.
Die Symbolik des brennenden Mandelas ist fast zu kitschig, um echt zu sein. Und in der Fassungslosigkeit der Schülerin spiegelt sich die der französischen Gesellschaft wider. Das Lycée Mandela war ein teures Vorzeigeprojekt. 2014 war es eingeweiht worden, auch, um ein sozial benachteiligtes Viertel von Nantes – Malakoff – und dessen Bewohner, vor allem Kinder und Jugendliche, besser in die weitere Stadtgemeinschaft einzubinden.
Die Schülerin berichtet nun, wie sich Vermummte unter die protestierenden Jugendlichen mischten, Dinge zerstörten, Feuer legten und dann anrückende Einsatzkräfte angriffen. Ihre Schilderungen laufen den ganzen Tag im Radio. Es ist die perfekte Metapher für ein Land, das wieder einmal nicht versteht, wo die riesige Gewaltbereitschaft herkommt.
Proteste gezielt gekapert
Während in den deutschen Medien noch über „Schülerproteste“ berichtet wird, trifft das die Lage auf den Straßen französischer Städte längst nicht mehr. Nach einer Krisensitzung spricht Innenminister Laurent Nunez von „urbanen Unruhen“, in die die Schülerproteste umgeschlagen seien. Die Inlandsgeheimdienste haben ihm und anderen Mitgliedern der Regierung kurz zuvor Erkenntnisse präsentiert, nach denen linksextreme Gruppen gezielt die Demonstrationen der Schüler gekapert, angeheizt und politisiert haben.
Explosiv ist vor allem, dass nicht nur autonome Gruppen am Werk waren, von denen etliche bereits von den Behörden überwacht werden. Auch der Linksaußenpartei La France Insoumise (LFI) wird von den Sicherheitsbehörden und schnell auch von der Regierung vorgeworfen, Öl ins Feuer zu gießen, statt zu Gewaltverzicht und Deeskalation aufzurufen.
Tatsächlich haben prominente LFI-Vertreter sich nicht an der Seite der Schüler gezeigt, sondern versucht, sich an die Spitze der Proteste zu stellen. Bally Bagayoko, der seit März Bürgermeister des Pariser Vorortes Saint-Denis ist, löste eine Kontroverse aus, weil er inmitten von Jugendlichen, die gerade Mülltonnen in Brand gesetzt hatten, gefilmt wurde und später öffentlich kundtat, Gewalt sei unter gewissen Umständen legitim. Verwackelte Handyvideos zeigten wenig später auch einen jungen LFI-Abgeordneten, Louis Boyard, der sich von jugendlichen Protestlern feiern ließ und sie aufforderte, sich nichts gefallen zu lassen. Richty Thibault schließlich, ein ehemaliger Mitarbeiter einer LFI-Abgeordneten, rief ekstatisch in ein Megafon, der Élysée-Palast (Pariser Amtssitz des Präsidenten) werde brennen. Thibault war bereits polizeibekannt und wurde wenig später verhaftet.
Anliegen Gehör verschaffen
Die Anliegen der Schüler, mit denen die Proteste Mitte September in Créteil, einem Vorort von Paris, begonnen hatten, waren zu diesem Zeitpunkt schon in den Hintergrund gerückt. In Créteil hatten Jugendliche für bessere Ausstattung ihrer Schule protestiert, forderten mehr Geld für Renovierungen und Lehrpersonal, kürzere Schultage, die Rücknahme der erst seit kurzem in Kraft getretenen Handyverbote. Ihre Forderung nach mehr Ressourcen wurde von anderen Schülern, aber auch Elternvertretungen und Lehrergewerkschaften schnell überall im Land aufgegriffen.
Wer Bilder aus französischen Schulen kennt, weiß, dass es legitime Anliegen sind. Vielerorts tropft es von der Decke, Toiletten sind verdreckt, Klassenzimmer überfüllt. Im vergangenen Hitzesommer sollten sich häufig 40 Kinder acht Stunden am Tag in ihren schlecht ausgestatteten Klassenzimmern konzentrieren, die in den seltensten Fällen klimatisiert sind. Auch dass den legitimen Protesten Gewalt folgte, hätte für sich genommen in Frankreich keinen großen Nachrichtenwert.
Die Protestkultur im Nachbarland ist gewalttätig – das ist eines der Klischees der Deutschen über Frankreich, das sicher wahr ist. Wer dort in der Öffentlichkeit stattfinden will, der zündet häufig etwas an. Das bestätigten vergangene Woche auch Schüler, die nicht so aussahen, als würden sie nach dem Interview Brände legen oder Einsatzkräfte angreifen wollen. Und wirklich: Kaum eskalierte die Lage Ende September, reagierte umgehend der Staat: Präsident Emmanuel Macron äußerte sich, und Bildungsminister Édouard Geffray lud Vertreter der Schülerschaft zum Gespräch.
Etwas ist anders
Zwei Dinge waren aber in der jüngeren Vergangenheit bei diesem und ähnlichen Protesten doch ganz anders als in früheren Jahrzehnten. Zunächst haben weder Bildungsminister Geffray noch Präsident Macron Spielräume für Versprechungen, um sich Zeit zu kaufen und die Lage zu beruhigen. Dass die Schülerproteste ausgerechnet am 1. Oktober eskalierten und umschlugen, dem Tag, an dem der erste Haushaltsentwurf der Regierung für das kommende Jahr bekannt wurde, war ein symbolträchtiger Zufall.
Der Entwurf sieht bedeutende Kürzungen vor, der französische Staat muss dringend sparen. Die Probleme in Schulen, Vorstädten und in sozialen Fragen mit Geld zuzuschütten, ist für Frankreich absehbar keine Option mehr. Vielleicht kommunizierten französische Behörden deshalb auffällig offensiv zu den Schäden, die durch die Sachbeschädigung und Brandstiftungen entstanden sind: Die Rechnung, das war die Botschaft, kommt.
Und in der behördlichen Kommunikation wurde noch ein zweites Phänomen sichtbar, das zuletzt immer wieder für Debatten in Frankreich gesorgt hat. Mehrere Präfekten, die den Zentralstaat in der Fläche vertreten und in Einsatzlagen Polizeieinheiten koordinieren, wandten sich in Briefen an die Eltern festgenommener Jugendlicher, die sie anschließend anonymisiert veröffentlichten. Die staatliche Autorität appellierte an die Verantwortung der Eltern. Denn die Sachbeschädigungen, die Plünderungen und Brandstiftungen durch Jugendliche, die eigentlich noch Kinder sind – einige der Festgenommenen waren erst 14 Jahre alt –, machten erneut ein Problem offenbar, das weder die Polizei noch die Schulen lösen werden – egal, wie viel Geld sie in Zukunft bekommen.
Unzählige Videos in sozialen Medien legten zudem nahe, dass der Anteil der jugendlichen Gewalttäter, die aus Haushalten mit Migrationshintergrund stammen, überproportional hoch ist. Der Staat gibt zwar in Frankreich über solche Kategorisierungen keine Auskünfte. Wer jedoch ähnliche Ausschreitungen in den vergangenen Jahren verfolgte – 2023 nach der Tötung eines 17-Jährigen in einer Verkehrskontrolle oder auch im vergangenen Mai nach dem Champions-League-Gewinn des Hauptstadtclubs Paris Saint-Germain –, sieht sich auch ohne amtliche Statistiken in den Vorurteilen bestätigt, die stetig wachsen.
Politische Mobilisierung
Mit den unausgesprochenen Schlüssen, die verschiedenen Teile der Gesellschaft aus der Ansicht der Bilder ziehen, wird an beiden Extremen des französischen Parteienspektrums jetzt Politik gemacht: Die Linksaußen von LFI und ihr Tribun und Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Mélenchon sehen in den Schülerprotesten den Beginn eines Aufstandes, ein neues 1968, eine gesellschaftliche Revolution.
Im Zuge des Präsidentschaftswahlkampfs für die Wahl im Frühjahr 2027 wirbt LFI für ein „Neues Frankreich“, das die „Kreolisierung“ der Gesellschaft zum Leitprinzip erhebt. Bei Kundgebungen der Partei wehten jüngst oft mehr Palästina-Flaggen als Trikoloren. Dass bei Schülerprotesten vielfach französische Jugendliche mit den Flaggen jener Länder posierten, die sie offenbar als echte Heimat betrachten oder denen jedenfalls ihre Solidarität gilt – Algerien, Marokko, verschiedene Staaten Subsahara-Afrikas oder Palästina –, ist aus Sicht von LFI Ausdruck des neuen, postkolonialen und weltoffenen Frankreichs.
Ganz auf der anderen Seite des Spektrums interpretieren Vertreter der Rechtsaußen vom Rassemblement National (RN) oder Reconquête (R!) die Bilder gegenteilig: Aus ihrer Sicht illustrieren die Videos der Gruppen von Jugendlichen, die in den bürgerlichen Zentren der Städte für Chaos sorgen, die Theorie des „Großen (Bevölkerungs-)Austausches“ in Europa des Essayisten Renaud Camus oder die Romanszenarien wie jenes in „Unterwerfung“ (2015) des Schriftstellers Michel Houellebecq. Immer häufiger wird in diesem Teil der Debatte über einen näher rückenden Bürgerkrieg oder die ausweisliche „Libanisierung“ Frankreichs gesprochen, also den fortschreitenden und gewaltsamen Zerfall einer einst multiethnischen und multireligiösen Gesellschaft in ihre Einzelteile. Die politische Mitte Frankreichs wird zwischen diesen Visionen gerade erneut zerrieben.
Steinmeier trifft Macron
Am Donnerstag wird Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zu einem Staatsbesuch in Frankreich erwartet. Seine Reise ist das Gegenstück zum letzten Staatsbesuch eines französischen Staatsoberhauptes in Deutschland. Der war ursprünglich für Juli 2023 geplant gewesen, doch Präsident Macron musste kurzfristig absagen. Nach der Tötung eines 17-Jährigen durch Polizisten in einer Verkehrskontrolle erschütterten tagelang schwere Unruhen das Land. Steinmeier reist jetzt unter vergleichbaren Umständen nach Frankreich. Für Dienstag sind dort erneut große Proteste angekündigt.
Mit Steinmeier und Macron treffen zwei Staatsoberhäupter aufeinander, deren Amtszeit sich dem Ende zuneigt. Es ist ein Abschiedsbesuch, der von dem freundlichen, letztlich aber ausschließlich symbolischen Austausch von Gesten geprägt sein wird. Große Ideen für die Zukunft beider Länder oder Europas sind nicht zu erwarten. Beide Amtszeiten sind von der zunehmenden Polarisierung der Gesellschaft und dem Aufstieg radikaler Kräfte geprägt gewesen.
Dass Steinmeier und Macron zuletzt in Deutschland wie in Frankreich für ihre Vergabe der höchsten nationalen Verdienstorden in der Kritik standen, passt dazu: Beiden Präsidenten wird vorgeworfen, vor allem Menschen ausgezeichnet zu haben, die sich nicht um die Gemeinschaft verdient gemacht haben, sondern dem entsprechen, was Macron und Steinmeier sich unter Gemeinschaft vorstellen.
Und die Schüler? Die sehen in Frankreich wie in Deutschland, dass Geld absehbar vor allem für die Bedienung der Zinslasten und für die Streitkräfte ausgegeben wird, während bei der Bildung gespart wird und sich die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt verdüstern. Das sind keine guten Zukunftsaussichten.
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