27 Oktober 2026

The Pioneer - Volkswagen-Konzern Audi: Deshalb geht der Autobauer nach Georgia

"Audi baut ein Werk in den USA. Der Döllner-Auftritt ist Geschmacksache. Der Audi-Deal eine ökonomische Notwendigkeit."
Volkswagen-Konzern

Audi: Deshalb geht der Autobauer nach Georgia
Die VW-Tochter verspricht den Amerikanern eine Milliarden-Investition in ein neues Werk im US-Bundesstaat Georgia. Wie es dazu kam – und was Audi dafür bekommt.
Christian Schlesiger, Marc Saha, Philipp Heinrich, Claudia Scholz, 26.10.2026, 7 Min
Dass Konzernchefs eine Investition mit Regierungsvertretern feiern, ist nicht ungewöhnlich. Dass sie es auf Parteiveranstaltungen tun, schon eher.
Insofern wirft der Auftritt von Audi-Chef Gernot Döllner am vergangenen Sonntag Fragen auf. Auch im Volkswagen-Konzern spreche man von „Abzügen in der B-Note“, sagt ein Insider.
Döllner dankte dem Präsidenten „für seine Unterstützung“ auf der Wahlkampfkundgebung von Donald Trump in Perry im US-Bundesstaat Georgia. In der Region will Audi das neue Werk bauen. Döllner sagte:

Es ist eine fantastische Chance für das Audi-Team und für Amerika.

In Deutschland reagiert man gelassen bis erzürnt. Ganz nüchtern betrachtet, füllt Audi eine Marktlücke – und investiert nach rein ökonomischen Kalkülen. Die vier Gründe:
#1 Das industriepolitische Argument
Audi ist neben Porsche der einzige Premiumanbieter ohne eigenes Werk in den USA. Audi exportiert derzeit Autos aus anderen Regionen in die Vereinigten Staaten. Die zwei Optionen:
  • Mit einem Importzoll von 27,5 Prozent aus Mexiko.
  • Mit einem Importzoll von 15 Prozent aus Europa.
Die US-Autozölle sollen Audi im vergangenen Jahr 1,2 Milliarden Euro gekostet haben. Das sei „der Preis der Distanz“, sagt David Woessner, Autoexperte und Buchautor. Er sagt:

Das Werk in Georgia ist die Investition in Nähe.

Man müsse die Zölle nicht gutheißen. Aber sie änderten eben die Realität für die Unternehmen. Wer in den USA erfolgreich Autos verkaufen wolle, müsse sie kostengünstig produzieren. Audi wirbt mit „Vorsprung durch Technik“. Aber Image allein sei kein Verkaufsargument.
Woessner sagt: „Die Zölle haben nur sichtbar gemacht, was längst gilt: Local is the new global – globale Marken brauchen lokale industrielle Wurzeln.“
#2 Das arbeitsmarktpolitische Argument
Arbeit in Deutschland ist teuer. Die Strategieberatung Oliver Wyman hat in einer Studie von 2025 mehr als 250 Autowerke weltweit analysiert und zur Vergleichbarkeit die Arbeitskosten in US-Dollar berechnet. Das Ergebnis: Deutschland ist der teuerste Produktionsstandort der Branche.

Konkret: Allein die Arbeitskosten betragen im Schnitt 3.307 Dollar pro Fahrzeug.

Zum Vergleich: In China kostet die Arbeit 597 US-Dollar pro Fahrzeug, in Mexiko 305, in Marokko nur 106 US-Dollar. In den USA liegen die Arbeitskosten pro Fahrzeug weniger als halb so hoch wie in Deutschland, genau: bei 1.341 US-Dollar.

Studienautor Daniel Hirsch von Oliver Wyman sagte dem ZDF: „Diese Unterschiede sind zum großen Teil auf die hohen Lohnneben-, Energie- und Bürokratiekosten zurückzuführen, aber auch auf zu komplexe Produkte.“

#3 Das marktpolitische Argument

Der US-Markt hat ähnliche Probleme wie der europäische: schwache Nachfrage und ein schleppender Umstieg auf Batteriefahrzeuge.

Laut Marktforscher Cox Automotive wurden 2024 in den USA 15,9 Millionen und 2025 16,3 Millionen Neuwagen verkauft, ein Plus von 2,5 Prozent. 2026 sieht es nach Stagnation aus.

Aber: Die amerikanische Wirtschaft wächst seit Jahren dynamischer als die europäische. Wer auf der Party dabei sein will, braucht ein Eintrittsticket. Döllner sagt:

Wir glauben an den amerikanischen Markt.

Investor Woessner ergänzt: Entscheidend für Audi werde „nicht das Werk allein sein“, sondern ob um den Standort Macon in Georgia herum „ein echtes lokales System aus Zulieferern, Fachkräften und Partnern entsteht“. Woessner:

Dann stärkt Georgia auch Ingolstadt und Neckarsulm.

Audis Position in den USA ist aktuell miserabel:

  • Im ersten Halbjahr 2026 ist der Absatz um 17 Prozent eingebrochen. Verkauft wurden knapp 68.000 Fahrzeuge.

  • Schon 2025 verlor Audi in den USA 16 Prozent.

  • Das Jahr 2024 verlief bereits enttäuschend.

Gerade der Q9 – das im Juli vorgestellte XXL-SUV-Flaggschiff von Audi – gilt als Premiumauto mit Potenzial. Es wird derzeit im VW-Werk in Bratislava in der Slowakei gebaut – genau wie die kleineren Schwestermodelle Q7 und Q8. Alle drei Modelle könnten künftig aus dem Werk in Georgia rollen.

Damit ist Audi in guter Gesellschaft: „Die gesamte Autoindustrie produziert zunehmend lokal für lokale Märkte“, sagt Mark Heinrichs, Analyst für den Automobil-Sektor beim Vermögensverwalter DJE, zu The Pioneer. Auch BMW oder Mercedes etwa produzieren in den USA.

Es geht darum, „Lieferketten robuster zu gestalten, die Importabhängigkeit zu senken und neben handelspolitischen Risiken insbesondere Währungsrisiken zu minimieren“, sagt Heinrichs.

Ein Blick in die Zahlen: Audi weist in seinem Jahresabschluss für 2025 nicht explizit aus, wie sehr der US-Dollar im vorigen Jahr das Ergebnis belastete. Doch der Bereich „FX/Derivate“ kostete Audi 158 Millionen Euro – „vor allem wegen des schwächeren US-Dollars“, wie es im Bericht heißt. Das sind etwa 0,25 Prozentpunkte Marge.

Und dann ist da noch die Sache mit China. Daniel Schwarz, Analyst bei Metzler Capital Markets, sagt:

„Was für eine lokale Produktion in den USA spricht: Die USA sind der einzige große Markt, der vor chinesischen OEMs geschützt ist, das erhöht die strategische Wichtigkeit.“

China selbst könnte weitestgehend verloren sein für westliche Marken, Europa komme immer mehr unter Druck, so Schwarz.

Große SUVs werden vor allem in den USA nachgefragt, insofern ist eine lokale Produktion sinnvoll.

Weiteres Potenzial: Eventuell könnte Porsche den Cayenne auf der gleichen Plattform wie den Q7 in den USA produzieren, das würde ein großes Porsche-Problem lösen. „Das ist allerdings nicht von VW bestätigt worden“, sagt Schwarz.

#4 Förderpolitische Argumentation

Subventionen fließen – laut Insider aus dem Unternehmen sowohl vom Bundesstaat Georgia als auch aus Washington. US-Handelsminister Howard Lutnick soll den Deal mit eingefädelt haben. Als Geschäftsmann leitete er zuvor das Finanzunternehmen Cantor Fitzgerald.

Das republikanisch regierte Georgia fördert den Aufbau von Autowerken schon lange. Hyundai kommt, Rivian auch. Nun Audi.

Laut The Georgia Independent summieren sich Vorteile etwa aus Steuererleichterungen auf 900 Millionen bis 1,2 Milliarden US-Dollar. Bei einer Gesamtinvestition von gut vier Milliarden Dollar würde der Staat damit einen Großteil finanzieren.

Selbst hochrangige VW-Gewerkschafter sagten intern in der Vergangenheit:

Bei den Subventionen wären wir ja blöd, wenn wir es nicht machen würden.

Details zum Deal sind noch unbekannt. Theoretisch könnte Audi auch für Volkswagen mitverhandelt haben, um etwa Zollerleichterungen zu erwirken.

Gleichzeitig droht den Republikanern in Georgia bei den Midterms am 3. November eine Niederlage. Was die Vereinbarung dann noch wert ist, wird sich erst danach zeigen.

Dass Döllner mit Trump auf der Bühne stehen würde, war im Volkswagen-Konzern bis kurz vor dem Termin unbekannt. Audi soll zwar die Konzernspitze und den Aufsichtsrat über die geplante Werk-Investition informiert, aber nicht in die politische Kommunikationsstrategie eingeweiht haben.

Audi-intern war man bereits zu Beginn dieses Jahres der Auffassung, man müsse in den USA „stärker lokalisieren“. Die Frage eines Werkes hänge „sehr stark von den Rahmenbedingungen ab“, sagten Manager.

VW-Betriebsratschefin Daniela Cavallo sagte über den Döllner-Auftritt bei Trump: „Etliche Minuten voller Rassismus, Sexismus, Fremdenhass, Transphobie, Verächtlichmachung der Demokratie – und dann tritt einer unserer obersten Konzern-Repräsentanten auf die Bühne und betreibt aktive Wahlkampfhilfe.“

Man müsse vor „Scham im Boden versinken“, so Cavallo.

Fazit: Audi baut ein Werk in den USA. Der Döllner-Auftritt ist Geschmacksache. Der Audi-Deal eine ökonomische Notwendigkeit.

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