VON ADI KASLASY-WAY am 30. Oktober 2026 8 min
Die Geschichte wiederholt sich, heißt es oft. Doch das tut sie so gut wie nie. Zumindest nicht in exakt der gleichen Weise – und genau deshalb kann sie sich eben doch wiederholen. Wenn wir unterschiedliche historische Epochen, Persönlichkeiten oder Ursachen betrachten, ignorieren wir oft die Ähnlichkeiten und beharren schlichtweg auf Unvergleichbarkeit. Anstatt auf die Warnungen der Geschichte zu hören, sind wir dazu verdammt, sie zu ignorieren und die Geschichte erneut zu erleben.
In den vergangenen Wochen habe ich von vielen Menschen Vergleiche zwischen dem heutigen Judenhass in Berlin mit dem der 1930er-Jahre gehört. Solche Vergleiche werden aufgrund der Schwere des Holocaust sofort zurückgewiesen. Denn werden dadurch nicht die Gräueltaten der Vergangenheit verharmlost, die wir bis heute kaum begreifen können? Wahrscheinlich werden die Ereignisse niemals das Ausmaß des Holocaust erreichen, aber wenn wir verstehen, dass sich dennoch gewisse Tendenzen wiederholen, können wir die Angst vor Vergleichen überwinden und erkennen, woraus Hass entsteht, wo wir als Gesellschaft die Kontrolle verlieren, wann Kipppunkte erkennbar werden, und uns auf diese Weise auf herannahende Flutwellen vorbereiten. Kurz gesagt: Wir müssen uns zugestehen, unterschiedliche Realitäten zu vergleichen, um zu verhindern, dass die Unterschiede verschwinden.
Sofort wird der Vorwurf der Überreaktion laut
Die sogenannte Kristallnacht von 1938 und die Zerstörung, der Vandalismus und die Gewalt gegen Juden und jüdische Einrichtungen sind mehr als ein historisches Ereignis. Sie stehen auch sinnbildlich für einen gesellschaftlichen Umbruch. Einen Wendepunkt, der den Verlust von Moral und Anstand markiert. Einen Siedepunkt für Hass und Ignoranz. In dem Moment, da diese Gewalttaten geschahen, sprach niemand von einem Pogrom. Auch die Schwere der Ereignisse wurde nicht begriffen. Im Gegenteil, sie wurden verharmlost und gerechtfertigt, und die Opfer wurden sogar für den Gewaltausbruch verantwortlich gemacht, der sich gegen sie selbst richtete. Erst Jahre später wurde ihre Geschichte gehört, und es wurde erkannt, dass diese Ereignisse ein geplanter Akt gegen eine Gruppe von Menschen waren, deren einziges Verbrechen darin bestand, zur Aufklärung und zum Fortschritt beizutragen – was ihnen Ehre und Respekt hätte einbringen sollen, stattdessen aber Neid und Wut hervorrief.
In den letzten Tagen und Wochen kommt es in westlichen Ländern wie Frankreich, Belgien und Italien zu gewalttätigen Ausschreitungen. Manche sehen in diesen Gewalttaten eine Gefahr für das Gefüge der westlichen Gesellschaft und als Bedrohung für den Frieden, für den Europa so hart gekämpft hat. Sie fordern, die wahren Ursachen zu benennen – nicht die offiziell genannten, sondern die, in deren Namen Gewalt und Zerstörung als Mittel zum Erreichen einer vermeintlich besseren Zukunft gerechtfertigt werden. Doch sobald versucht wird, hinter die Kulissen dessen zu blicken, was in vielen Medien als Studentenprotest dargestellt wird – junge Menschen mit selbstgebastelten Schildern, die vor Regierungsgebäuden Veränderungen fordern –, wird der Vorwurf der Überreaktion laut.
Wen die Bilder aus Paris, Marseille oder Mailand an die Kristallnacht erinnern, dem wird entgegengehalten, ein solcher Vergleich sei unangebracht. Die Kristallnacht richtete sich gegen eine bestimmte Bevölkerungsgruppe, das jüdische Volk. Die Randalierer zerstören jedoch weitaus mehr nichtjüdische als jüdische Geschäfte, und die Zerstörungen sind nicht gegen eine bestimmte Gruppe gerichtet. In einigen Städten wie Marseille wurden zwar auch jüdische Geschäfte zerstört, aber auch Kirchen und viele andere Läden. Der Gesellschaftsvertrag zwischen einem Land und seinen Bürgern zerbricht
Hier liegt das Problem: Weil die Angriffe sich nicht ausschließlich gegen eine bestimmte Gruppe richteten, heißt es, man könne beide Ereignisse nicht vergleichen. Doch Geschichte wiederholt sich eben nicht eins zu eins. Um wirklich aus ihr zu lernen, muss man nicht nur die jeweiligen Akteure betrachten, sondern auch die Auswirkungen der Ereignisse auf die Gesellschaft. Die jüngsten Ausschreitungen markieren einen Bruch im Sicherheitsgefühl vieler Menschen in den betroffenen Ländern. Der Gesellschaftsvertrag zwischen einem Land und seinen Bürgern zerbricht, wenn der Staat nicht genug tut oder nicht in der Lage ist, sie zu schützen.
Es besteht auch ein ungeschriebener Vertrag zwischen den Bürgern eines Landes, die Gesetze zu befolgen und die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten. Wenn die Jugend eines Landes glaubt, es sei in Ordnung, zu stehlen, zu vandalieren und Gewalt anzuwenden, um ihren Willen durchzusetzen, haben wir es versäumt, ihnen beizubringen, in erster Linie Menschen und erst in zweiter Linie Ideologen zu sein. Und das geschieht immer dann in der Geschichte, wenn die Stimmen der Vernunft durch Stimmen des Radikalismus und die Überzeugung von der eigenen Rechtschaffenheit verdrängt werden. Sobald der Zweck alle Mittel heiligt, werden diese Mittel nicht mehr hinterfragt.
Im Nachhinein wissen wir es immer besser. Die Herausforderung besteht darin, den uns präsentierten Kontext und die uns vorgesetzten Narrative zu durchschauen und jene Stimmen zu hinterfragen, die uns einreden wollen, wir könnten unserer Intuition nicht trauen. Ein Großteil unserer alltäglichen Realität ist von den Geschichten geprägt, die wir uns selbst erzählen. Und manchmal ist es einfacher, eine Geschichte zu erzählen, die es uns leichter macht, unser Leben weiterzuleben.
Selbst wenn manche eine Ahnung hatten: Gewissheit hatte niemand
Jeden Tag frage ich mich: Ist dieses Ereignis ein Wendepunkt? Werde ich auf diese Zeit zurückblicken und mich fragen, ob ich noch etwas hätte ändern können? Oder werde ich eines Tages über die Angst und die Sorgen, die ich heute empfinde, lachen können?
Die Unsicherheit, die viele von uns heute empfinden, ähnelt wahrscheinlich derjenigen, die die Menschen in den 1930er Jahren erlebten. Man wusste, dass die Gewalt zunahm – doch konnte tatsächlich jemand die „Kristallnacht“ voraussehen, ganz zu schweigen von den Gräueln, die noch folgen sollten? Selbst wenn manche eine Ahnung hatten: Gewissheit hatte niemand.
In späteren Zeitzeugenberichten erzählen Holocaust-Überlebende von den gesellschaftlichen Veränderungen: Nachbarn, die auf Distanz gingen; die Sorge angesichts der radikalen Reden jenes Österreichers; und zugleich die Hoffnung, dass seine Stimme sich nicht gegen die besonnenen Stimmen von Freunden und Nachbarn durchsetzen würde.
Nach der „Kristallnacht“ zerbrach der Glaube daran, dass man sich auf Nachbarn, Kollegen oder Bekannte verlassen konnte. Die Opfer spürten den tiefgreifenden Wandel in ihrem Leben, den Riss in ihrer Wahrnehmung der Realität. Doch der „Nebel des Traumas“ verdeckte auch ihren Blick. Selbst diejenigen, die ahnten, was bevorstehen würde, fanden keine Stimme, um zu warnen – und jene, die es dennoch versuchten, konnten sich mit ihren Stimmen nicht gegen die Lautstärke der Radikalen durchsetzen. Wenn wir eines aus der Geschichte lernen können, dann dies: Wir müssen unsere Stimme erheben, solange wir es noch können – damit sie uns nicht dann fehlt, wenn wir sie am dringendsten brauchen.
Radikalismus zeigt sich nie in seiner wahren Gestalt
Ein Wendepunkt ist erreicht, wenn radikale Ideen in den öffentlichen Raum getragen werden. Doch Warnungen vor dem, was kommen könnte, werden leider allzu oft als Schwarzseherei abgetan. Wir glauben an das Gute im Menschen, wenn es unserer eigenen politischen oder gesellschaftlichen Agenda dient – während wir denjenigen, deren Ansichten und Ziele sich von unseren unterscheiden, das Schlimmste unterstellen. Radikale nutzen dies aus. Sie setzen auf unsere Bereitschaft, jenen das Schlimmste zuzutrauen, die sie selbst zuvor zu unseren Feinden erklärt haben. Und so schaffen sie es, dass wir ihre Ziele und Methoden gar nicht mehr hinterfragen. Da ist dann etwa die Rede von Studenten, die für eine „bessere Welt“ kämpfen, oder von Demonstrationen gegen Ausbeutung und Unterdrückung. Sie bedienen sich eines Narrativs, das zwar teilweise wahr sein mag, aber nicht dazu dient, die Welt zu verbessern, sondern sie nach ihrer eigenen Ideologie umzugestalten – was viele ihrer Anhänger womöglich gar nicht in vollem Umfang durchschauen.
Radikalismus zeigt sich nie in seiner wahren Gestalt, mit all seinen hässlichen Seiten. Er trägt die Maske der Fürsorge und gibt vor, für eine gerechte und richtige Sache zu kämpfen. Er erkennt unsere tiefsten Sehnsüchte und bietet uns einen einfachen Ausweg für ein kompliziertes Leben. Doch dahinter verbirgt sich der Teufel. Und wenn wir das schließlich begreifen, haben wir bereits nicht nur Häuser, Straßen und Geschäfte niedergebrannt, sondern auch einen Teil dessen zerstört, was uns ursprünglich angezogen hatte: die Hoffnung auf Erlösung von menschlichem Leid.
Geschichte wiederholt sich zwar nicht exakt auf dieselbe Weise, doch das bedeutet nicht, dass wir nichts aus ihr lernen können. Wenn also unsere Städte brennen, nennen wir es nicht einfach „Protest“. Betrachten wir es vielmehr als Warnung vor einer herannahenden Flutwelle – und bereiten wir uns und unsere Kinder auf den Kampf vor.
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