VON MATHIAS BRODKORB am 26. Oktober 2026 7 min
Es war ein bemerkenswerter Auftritt des Audi-Chefs Gernot Döllner in Georgia. Auf einer Wahlkampfveranstaltung der Republikaner kündigte er jüngst nicht nur den Bau der ersten Audi-Fabrik im Wert von vier Milliarden Dollar in den USA an. Er dankte zudem in seiner Ansprache Donald Trump für dessen Unterstützung bei dem Investment. Der Präsident lächelte zufrieden, und das Publikum bejubelte den Deutschen.
Der Vorgang schlug hierzulande schnell hohe moralische Wellen. Als ob es im Kapitalismus um Moral und nicht um Geld ginge! Die SPD-Bundestagsabgeordnete Isabel Cademartori nannte den Vorgang jedenfalls eine „Schande“, VW-Konzernbetriebsratschefin Daniela Cavallo sagte, man müsse vor „Scham im Boden versinken“, und inzwischen meldete sich auch Cem Özdemir zu Wort, der Ministerpräsident von Baden-Württemberg: „Guter Stil sieht anders aus.“ Der Unmut hat zwei Gründe. Da wäre zunächst das Sparprogramm bei Audi und dem VW-Konzern insgesamt, zu dem auch der Autobauer mit Stammsitz in Bayern gehört. Insgesamt sollen in den nächsten Jahren rund 100.000 Stellen im Konzern abgebaut werden, vor allem in Deutschland. Die Produktionskosten sind zu hoch und der Autoabsatz schwächelt. Inzwischen leiht Audi seine Mitarbeiter sogar an Unternehmen der Rüstungsindustrie aus, um sie nicht entlassen zu müssen. Vor allem darum dürfte es Özdemir gegangen sein, als er Döllner vorwarf: „Wer viel Geld in Georgia investiert, muss auch sagen, wie es in Neckarsulm weitergehen kann.“
Natürlich ist das Unfug. Nicht Döllner und Audi wären dazu verpflichtet, sondern Özdemir selbst und die deutsche Politik. Es ist nicht die Aufgabe eines Weltkonzerns, nationale politische Absichten und Interessen zu bedienen, sondern profitabel zu sein. Er soll Renditen für seine Anteilseigner erwirtschaften. So funktioniert er nun einmal, der Kapitalismus. Und wenn die Rahmenbedingungen in Deutschland dafür zu schlecht sind, muss man sie eben ändern. Aber das wäre dann die Aufgabe der Politik.
Der Audi-Chef ist kein Politiker
Ein zweiter Grund für den Unmut kommt hinzu, und er hat mit Donald Trump zu tun. Im Grunde tut Audi genau das, was Trump will. Er hat vor Monaten einen weltweiten Zollstreit mit der Absicht vom Zaun gebrochen, Importe durch Produktionsverlagerungen in die USA zu drosseln und damit das eigene Handelsbilanzdefizit zu verringern. Die Einfuhr in Deutschland produzierter Autos sollte so teuer werden, dass die Unternehmen lieber vor Ort ein Werk eröffnen. Und Audi tut Trump jetzt genau diesen Gefallen, und dieser benutzt das für Wahlkampfzwecke. Ganz genau betrachtet ist das aber sogar ein Dienst an der Umwelt. Ausgerechnet Cem Özdemir müsste sich im Interesse des Planeten also freuen. Künftig müssen einige Audis nicht mehr über den Atlantischen Ozean transportiert werden, sondern können dort vom Band rollen, wo sie auch verkauft werden. Hinzu kommt die Tatsache, dass Trump in Deutschland wahlweise als Idiot, Autokrat oder Faschist gilt. Und der Audi-Chef tat ausgerechnet diesem amerikanischen Präsidenten den Gefallen, auf einer Wahlkampfveranstaltung aufzutreten und sich so zum Werkzeug der Republikaner zu machen. Wahrscheinlich empört dieser Umstand Döllners Kritiker noch viel mehr als die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland. Die Chefin der IG Metall jedenfalls, Christiane Benner, hält Döllners Auftritt für „politisch inakzeptabel“. Der Audi-Chef ist aber kein Politiker.
Völlig unberechtigt ist der Unmut dennoch nicht. Döllner dürfte damit gegen die unternehmenseigenen Standards verstoßen haben, die er noch im April des Jahres 2026 eigenhändig unterschrieben hat. In Audis „Booklet of Policies“ heißt es ausdrücklich, dass „in den drei letzten Monaten vor Wahlen keine öffentlich wirksamen Termine mit zur Wahl stehenden Parteien/Politikern“ durchgeführt werden dürfen. Cicero hat deshalb bei Audi nachgefragt, ob der Konzernchef damit nicht gegen die eigenen Unternehmensregeln verstoßen habe. Bis Redaktionsschluss traf keine Antwort ein.
Dass Audi in den USA ein Werk eröffnet, ist in deutschem Interesse
Döllner hat unterdessen bereits eine Rechtfertigung für den mutmaßlichen Regelverstoß geliefert: „Wenn der amerikanische Präsident Sie einlädt, dann nehmen Sie diese Einladung an.“ Soll wohl heißen: Er konnte nicht anders, um die Interessen seines Unternehmens, seiner Mitarbeiter und seiner Anteilseigner zu wahren. Gerade weil Trump Macht und erratische Handlungen mitunter unberechenbar miteinander verbindet, sollte man sich lieber nicht ohne Not mit ihm anlegen. Und falls doch, wäre das wiederum die Aufgabe von Politikern und nicht von Wirtschaftskapitänen.
Im Grunde ist es ja für die deutsche Politik auch völlig egal, ob Döllner sich damit im Interesse seines Unternehmens zum Wahlkampfwerkzeug Trumps gemacht hat oder nicht. Relevant wäre das ja nur, wenn Deutschland den Anspruch erhöbe, sich in die inneren politischen Angelegenheiten der USA einmischen zu wollen, also gegen Trump. Aber was, verdammt nochmal, gehen uns die inneren amerikanischen Verhältnisse eigentlich an?
Wenn man sich wirklich an Döllner stören wollte, müsste man außerdem seine Augen auf Niedersachsen und die IG Metall richten. Dem Land gehört der VW-Konzern zu über 20 Prozent, und Audi ist eine 100-prozentige Tochter von VW. Im Aufsichtsrat des Gesamtkonzerns sitzt nicht nur Ministerpräsident Olaf Lies (SPD), sondern als stellvertretende Vorsitzende auch noch die Chefin der IG Metall, Christiane Benner, die Döllners Auftritt für „politisch inakzeptabel“ erklärte. Aber genau deshalb hat Benner ein Problem.
Dass Audi in den USA ein Werk eröffnet, stärkt den Konzern wirtschaftlich. Das ist in deutschem Interesse. Mag sein, dass Döllner mit seinem Auftritt in Anwesenheit Trumps gegen unternehmensinterne Regeln verstoßen hat. Aber was glaubt Frau Benner denn, welche Folgen es für Audi und damit Deutschland gehabt hätte, wenn der Chef dieser Automobilmarke Trump aus dessen Sicht respektlos behandelt und die Einladung ausgeschlagen hätte? Ein wirtschaftlicher Schaden für das Unternehmen hätte zur Debatte gestanden.
Konzernchef Döllner jedenfalls hat seinen Job erledigt
Und genau hier beginnt das Problem der Aufsichtsrätin Benner von der IG-Metall. Als Klassenkämpferin kann sie zwar allerlei politische Parolen von sich geben. Aber als Aufsichtsrätin ist es ihr gesetzlich verboten, gegen die Interessen des Unternehmens zu handeln. Tut sie es dennoch und tritt dadurch ein nachweisbarer wirtschaftlicher Schaden ein, kann sie persönlich wirtschaftlich haftbar gemacht werden. Aufsichtsräte großer Unternehmen sind nicht bloß gut bezahlte Frühstücksdirektoren und haben in dieser Rolle keine politische Funktion. Sie sind allein dem Unternehmenswohl verpflichtet.
Anfangs schien es so, als hätte Olaf Lies (SPD) das Problem begriffen. Auch er ist im Aufsichtsrat von VW nicht der Ministerpräsident, sondern eben Aufsichtsrat und allein dem Unternehmenswohl verpflichtet. Erst sah er in der Ankündigung Döllners noch eine Chance für Audi, fügte aber hinzu: „Wachstum in Amerika muss Arbeit und Wertschöpfung hier sichern und darf sie nicht verdrängen.“ Heute wiederum trat er auf die Bremse und merkte an, die Sache sei vom Aufsichtsrat noch gar nicht gebilligt worden.
Und damit wären wir wieder bei der Aufgabe der Politik: Damit Audis Investition im Ausland Wertschöpfung im Inland nicht „verdrängt“, ist nicht Döllner gefragt, nicht das Aufsichtsratsmitglied Lies, sondern der Ministerpräsident Lies, der Politiker also. Der Errichtung des Werkes in den USA durch den Aufsichtsrat eine Abfuhr zu erteilen, wäre eine wirtschaftliche wie politische Dummheit gleichermaßen. Und wenn man darüber hinaus die Produktionskapazitäten, die Arbeitsplätze und die Wertschöpfung in Deutschland stärken will, ja dann muss man einfach politisch in die Hände spucken und den Automobilstandort Deutschland wieder wettbewerbsfähig machen.
Konzernchef Döllner jedenfalls hat seinen Job erledigt. Jetzt muss das bloß noch die Politik tun. Nicht Döllners Auftritt in Georgia ist eine Schande, sondern dass Deutschlands Politik es in den letzten Jahren hat so weit kommen lassen, dass wir diese Debatte überhaupt führen müssen.
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