Inzwischen ist die AfD eine Partei, deren Mäßigung man fürchtet (WELT)
Von Harald Martenstein
Im Falle von Tobias Rausch wurde natürlich sofort dessen Vergangenheit durchforscht. Es gab einen Fund. Rausch hat – vor zwei Jahren – im Landtag einen Zwischenruf mit dem unerhörten Text „Schämen Sie sich!“ getätigt. Außerdem hatte er nachweislich Kontakt zu anderen AfD‑Politikern. Bei Tillschneider stehen auf dem Schuldkonto der Besitz eines Kaffeebechers aus Beständen der russischen Armee sowie eines Buches über Adolf Hitler. Nur eins? Ich gestehe, sogar ein halbes Dutzend Bücher über Hitler zu besitzen sowie eine Kaffeetasse der US-Republikaner.
Um gegen die Machtergreifung des Unholds Tobias Rausch zu protestieren (Kfz‑Mechaniker in wichtigen Ämtern wollen wir in Deutschland nie wieder sehen!), zog die SPD-Bundestagsfraktion feierlich durchs Brandenburger Tor zum Bebelplatz, Ort der Bücherverbrennung von 1933, wo sie überraschenderweise die Nationalhymne sang. Erst im Mai hatte die SPD gegen die Hymnenpflicht bei Abschlussfeiern an bayerischen Schulen protestiert.
Während die SPD sich am Bebelplatz der altbewährten „Nie wieder“-Rhetorik hingab, verhandelt die Berliner SPD mit der Linken über die Installation einer Regierung, die zum Antisemitismus eine offene Flanke hat. Dazu wurde ein „Handlungspaket“ verabschiedet, mit dessen Hilfe Antisemiten eventuell aus einer Fraktion ausgeschlossen werden können. In Streitfällen wird ein „Expertengremium“ befragt. Das letzte Wort hat eh die Fraktion der Linken. Wer weiß, wie glimpflich die Sache 1933 ausgegangen wäre, wenn man schon damals Expertengremien und Handlungspakete gegen den Judenhass hätte in Stellung bringen können?
Fazit: Es gibt in Berlin womöglich bald eine Regierungspartei, in der man Israel das Existenzrecht abspricht, was aber angeblich nur Einzelfälle sind. Und es gibt eine andere Partei, deren Sprecher sich immer wieder zum Existenzrecht Israels bekennen, was aber angeblich nur Lippenbekenntnisse sind. Einzelfall-Antisemiten sind in Deutschland regierungsfähig. Wiederholte Israelverteidiger dagegen stehen unter Lippenbekenntnisverdacht und deshalb für ein neues 1933. Erschwerend kommt hinzu, dass einer von denen mal „Schämen Sie sich!“ gerufen hat.
Schade, dass der Kabarettist Dieter Hildebrandt das nicht mehr erlebt.

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