14 Oktober 2026

KfW-Studie Die Billionenlast der deutschen Klimaneutralität (WELT)

KfW-Studie
Die Billionenlast der deutschen Klimaneutralität (WELT)
Von Daniel Zwick,Wirtschaftsredakteur, 14.10.2026 Lesedauer: 4 Minuten
Deutschland braucht bis 2045 sechs Billionen Euro für die angestrebte Klimaneutralität, zeigt eine Studie der Staatsbank KfW. Den größten Teil dieser Summe werden Unternehmen und private Haushalte stemmen müssen.
Deutschland muss sechs Billionen Euro investieren, um das selbstgesteckte Klimaziel bis 2045 zu schaffen. Der größte Teil davon entfällt auf Unternehmen und Privatleute, zeigt eine neue Studie der Staatsbank KfW. Es geht dabei um neue Anlagen wie um Windräder, Elektroautos, Wärmepumpen und neue Stromnetze. Viele der berechneten Investitionen fallen ohnehin an, weil ältere Technologien ersetzt werden müssen, die mit fossiler Energie betrieben werden.
Gegenüber einer ähnlichen Schätzung vor fünf Jahren ist der Betrag um eine Billion Euro gewachsen. Der Unterschied ergibt sich aus Preissteigerungen, zum Teil aber auch aus verpassten Investitionen der vergangenen Jahre. Deutschland habe Zeit verloren, sagte KfW-Chef Stefan Wintels in Berlin. „Der Investitionspfad war zu flach, notwendige Entscheidungen wurden verschoben. Das Ergebnis ist ein Investitionsstau.“
Investitionslücke 65 Milliarden Euro
Dieser Investitionsstau betrifft vor allem mittelständische Unternehmen und die Industrie. Er zeigt sich nicht nur bei Klimainvestitionen, sondern auch in der mangelnden Digitalisierung. Um das „Investitionsschwungrad“ wieder in Gang zu setzen, komme es auch auf die Bundesregierung an. Die Wirtschaftspolitik müsse „die Rahmenbedingungen dergestalt verändern, dass private Unternehmen und Haushalte wieder das Zutrauen haben in die deutsche Wirtschaft und in den Standort“, sagte Wintels. Es gehe nicht nur darum, Klimaschutzinvestitionen in Gang zu setzen, sondern Investitionen generell.
Wobei sich beides stark überschneidet. Ersetzt beispielsweise ein Autofahrer seinen alten Verbrenner durch ein E-Auto, dann gilt das laut der Studie als Klimaschutzinvestition. Genauso ist es mit Hausbesitzern, die ihre Öl- oder Gasheizung durch eine Wärmepumpe ersetzen.
Die Summe von sechs Billionen Euro klinge zunächst „nach einer kaum fassbaren Zahl“, sagte Wintels. Es gehe aber nicht darum, etwas wirtschaftlich Unmögliches zu verlangen. „Es geht darum, einen großen Teil der ohnehin notwendigen Investitionen konsequent auf die Zukunftsfähigkeit unseres Landes auszurichten.“
Bisher reichen die jährlichen Investitionen von Unternehmen, Privatleuten und Staat nicht aus, um auf den berechneten Pfad zu kommen. Laut den Berechnungen, die Prognos im Auftrag der KfW angestellt hat, fehlen derzeit pro Jahr noch 65 Milliarden Euro. Insgesamt müssten 290 Milliarden Euro pro Jahr in klimafreundliche Technologien fließen.

Einen fundamentalen Umbau der Wirtschaft haben die Ökonomen in der Berechnung nicht angenommen. „Es wird unterstellt, dass die grobe Struktur ähnlich bleibt“, sagte KfW-Chefvolkswirt Dirk Schumacher. Es gehe also nicht um Klimaneutralität durch Deindustrialisierung, sondern um den Umbau der Industrie. Besonders hohe Investitionen sind dafür in Branchen wie Stahl und Zementindustrie nötig. Andere Sektoren schaffen die CO2‑Verringerung im Wesentlichen durch den Bezug von klimaneutralem Strom. Innerhalb der Wirtschaft ist der Energiesektor daher der Bereich mit den höchsten notwendigen Investitionen für Unternehmen.
Insgesamt liegt der höchste Investitionsbedarf aber im Bereich Verkehr. Laut der Studie werden 45 Prozent der sechs Billionen Euro in diesem Sektor anfallen. Allein davon werden die privaten Haushalte nahezu ein Drittel bezahlen müssen. „Für die Investitionen ist vor allem privates Kapital erforderlich“, lautet eine der klaren Schlussfolgerungen des Papiers.
Ob Deutschland an diesem Kurs überhaupt festhalten wird? Das sei eine rein politische Entscheidung, sagte Wintels. Der erste „Haltepunkt“ werde 2030 sein, wenn überprüft wird, ob Deutschland sein Zwischenziel erreicht hat. Bis dahin sollen die Emissionen um 65 Prozent gegenüber 1990 gesunken sein. Bis zum vergangenen Jahr betrug die bereits erreichte Emissionsminderung laut Umweltbundesamt 48 Prozent gegenüber 1990. Man müsse sicherstellen, dass Klimaschutz und Klimatechnologien keinen Widerspruch in der Gesellschaft erzeugten, sagte der KfW‑Chef. „Wir brauchen auch die soziale Akzeptanz von Klimaschutzinvestitionen. Ohne die wird es nicht gehen.“

Wintels, der zur Weltklimakonferenz nach Ankara im November reisen wird, verweist darauf, dass sich 138 Länder weltweit Klimaziele gesetzt haben. Die meisten davon allerdings weniger strenge als Deutschland. Und er erwähnte noch eine weitere Zahl: Auch weltweit sind sechs Billionen Euro an Investitionen nötig, um Klimaneutralität zu erreichen – aber nicht im Zeitraum bis 2045, sondern jedes Jahr.

Dieser Artikel wurde für WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Daniel Zwick ist Wirtschaftsredakteur in Berlin und berichtet für WELT über Wirtschafts- und Energiepolitik, Digitalisierung und Staatsmodernisierung.

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