„Sie sollten arbeiten, Steuern zahlen, etwas aufbauen“ – Deutschlands verkannter Exodus (WELT)
Von Michael Höfling,
Steffen: Kein bisschen. Auf Social Media bekomme ich entsprechende Nachrichten und Kommentare, aber die tangieren mich nicht wirklich. Außerdem würde ich aufgrund des Heimatlandes meines Vaters keine andere Bewertung meiner Person wollen. Identitätspolitik lehne ich ab. Mein Migrationshintergrund ist aber ja auch nicht sofort ersichtlich, weil mein Vater, bevor ich eingeschult wurde, wollte, dass ich den Namen meiner Mutter annehme, damit ich es in Deutschland einfacher habe.
WELT: Hatte Ihr Vater mit seiner Befürchtung recht?
Steffen: Der Nachname meines Vaters würde in meinem sozialen Umfeld wohl keine Nachteile bringen. Zur gesamtgesellschaftlichen Realität gehört aber schon, dass man mit einem ausländisch klingenden Nachnamen tendenziell eher Probleme bekommt. Deshalb erhalte ich interessanterweise viel Zuspruch von Menschen mit Migrationshintergrund. Die sagen: Alex, es ist gut, dass jemand dieses Thema sachlich, aber angemessen aufgreift. Wir wollen nicht mit den Menschen in eine Schublade gesteckt werden, die nach Deutschland gekommen sind und sich nicht benehmen.
WELT: Warum dreht sich die gesellschaftliche Debatte viel stärker um Einwanderung als um Auswanderung?
Steffen: Weil Einwanderung sichtbarer ist, auch in ihren Konsequenzen. Menschen erleben, wie sich ihre Alltagsrealität verändert. Das ist auch statistisch erkennbar. Die Deutschen, die gehen, sind dagegen einfach nicht mehr da.
WELT: Sie haben für Ihr Buch Auswanderer in unterschiedlichen Ausgangslagen interviewt. Gibt es ein Motiv, das all diese Fälle miteinander verbindet?
Steffen: Am Ende ging es immer auch ums Geld, auf die eine oder die andere Weise. Mal war es das bessere Gehalt, das in Aussicht stand, dann wieder einfach die geringere Belastung durch Steuern und Abgaben. Beides geht in die gleiche Richtung: Am Ende bleibt mehr fürs eigene Leben. Hinzu kommt die Zukunftsperspektive. Die spielte bei fast allen eine Rolle: Lebe ich in 30 Jahren in Deutschland noch in demselben relativen Wohlstand wie heute? Wenn ich mir etwas aufbauen will, ist es sinnvoll, das in Deutschland zu tun? Das ist am Ende eine finanzielle Frage.
WELT: Oft wird der verbreitete Wunsch nach Auswanderung mit dem Argument abgetan, allein die Qualität der medizinischen Versorgung werde die Menschen am Ende doch in Deutschland halten. Wie wurde das in Ihren Interviews beurteilt?
Steffen: Ich halte dieses Argument für überholt. In der vergangenen Woche hatte ich eine Podiumsdiskussion zu meinem Buch, da wurde ebenfalls das deutsche Gesundheitssystem angesprochen. Auch da würde ich sagen: Es mag einmal gestimmt haben, dass die medizinische Grundversorgung gut ist. Ja, wenn ich schwer stürze oder einen Herzinfarkt habe und zwischen sechs oder sieben Ländern wählen kann, ist mir Deutschland noch immer sehr lieb.
Aber ich war selbst häufig in asiatischen Ländern unterwegs, zuletzt im Februar in Thailand. Dort finden Sie mittlerweile an jeder Ecke einladende Privatpraxen. Bei der Veranstaltung stand ein Mann auf und schilderte seine persönliche Erfahrung. Er mache jedes Jahr mit seiner Freundin Urlaub in Asien. Dort ließen beide medizinische Vorsorgeuntersuchungen machen, für die sie als Kassenpatienten in Deutschland ohnehin extra zahlen müssten.
Er sagte, sie zahlten in Thailand weniger, die Ärzte nähmen sich sehr viel Zeit, die Praxen hätten modernste Geräte und die Beratung sei besser. Deshalb warne ich davor, sich auf unserer medizinischen Versorgung auszuruhen. Schon jetzt sehen wir ja, welche Folgen und Einschnitte die Schieflagen in den Sozialsystemen, also auch der Gesetzlichen Krankenversicherung, haben.
WELT: Sie schildern den Fall eines Syrers, der 2015 kam und um den sich Deutschland aufgrund seiner Qualifikationen eigentlich besonders hätte bemühen müssen. Er bekam keinen Termin für die Verlängerung seiner Aufenthaltserlaubnis. Eine Sachbearbeiterin fragte ihn, warum er auf seinen Antrag nicht einfach „Asyl“ geschrieben habe, dann wäre er sofort bearbeitet worden. Mit seinem regulären Antrag sei er dagegen auf dem großen Stapel gelandet. Was ist aus ihm geworden?
Steffen: Er war ein Kollege bei der Bank, für die ich früher gearbeitet habe. Irgendwann sprach er mich an und sagte, er habe gehört, dass ich politisch aktiv sei, und fragte, ob ich ihm helfen könne. Das habe ich gerne gemacht und so von diesem verrückten Fall mitbekommen. Als ich die Bank verlassen habe, war er noch dort. Irgendwann konnte er auch seine Frau nach Deutschland holen.
In einem unserer letzten Gespräche sagte er, dass er darüber nachdenke, Deutschland wieder zu verlassen. Er hatte zuvor schon in Dubai gearbeitet und schwärmte, dort gar keine Steuern gezahlt haben zu müssen. Ihn hat die Behandlung durch die Behörden wirklich gestört, weil er sie als respektlos empfand.
WELT: Der frühere Gesundheitsminister Karl Lauterbach schrieb auf Twitter, auf jene „jungen Talente, die mit dem Rentenbeitrag nicht klarkommen“, könne Deutschland, wenn es sie denn überhaupt gebe, verzichten. Wenig später legte Bundeskanzler Merz mit der Frage nach, wo es denn wirklich schöner als in Deutschland sei. Sagen diese zwei Einwürfe etwas über das Land aus?
Steffen: Absolut, und zwar: Die Politik nimmt das Thema nicht ernst. Auswandern wird häufig schmuddelig gemacht, ausgerechnet von linker Seite, der ja der Patriotismus sonst gar nicht so wichtig ist. Wir erinnern uns ja auch an Robert Habeck und seine Aussage: „Vaterlandsliebe fand ich stets zum Kotzen.“
Aber dann heißt es auf einmal: Sollen sie doch gehen. Wenn sie nicht mehr da sind, dann ist es eben so. Das zeigt vor allem, dass die Bedeutung der Debatte und der Zahlen in der Politik überhaupt noch nicht angekommen ist. Die Regierung scheint auch gar nicht zu interessieren, wer geht. Sie mag die Zahl kennen, zumindest aber ignoriert sie offensichtlich die qualitative Zusammensetzung.
WELT: Die da wäre?
Steffen: Aus Studien wissen wir, dass 75 Prozent der Auswanderer Akademiker sind, Menschen im besten Erwerbsalter, die wir in der Regel mit viel Steuergeld ausgebildet haben. Von ihnen hätten wir gesamtgesellschaftlich und volkswirtschaftlich eine Rendite erwartet: Sie sollten arbeiten, Steuern zahlen, etwas aufbauen, Unternehmen gründen und dadurch Arbeitsplätze schaffen. Wenn sie gehen, fällt all das weg. Diese Entwicklung wird von der Politik massiv unterschätzt.
WELT: Sie schreiben, Sie hätten selbst schon mit dem Gedanken gespielt, ins Ausland zu gehen. Warum haben Sie sich dagegen entschieden?
Steffen: Ich kann mir ein Szenario vorstellen, in dem ich nicht in Deutschland alt werde. Aber schon mein Vater musste einmal seine Heimat verlassen. Mit Blick auf diese Familiengeschichte sehe ich nicht ein, ebenfalls das Land zu verlassen, in dem ich aufgewachsen bin, weil sich die Gesellschaft so entwickelt, dass ich hier keine Zukunftsperspektive mehr sehe. Deshalb sage ich zunächst: Ich glaube an das Potenzial dieses Landes. Deutschland kann den Trend umkehren und hat alle Möglichkeiten dazu.
WELT: Bei möglichen Neuwahlen könnte ein linkes Bündnis an die Regierung kommen. Woher nehmen Sie die Zuversicht, dass sich Ihre Forderungen, wie sich das Land entwickeln müsste, trotzdem umsetzen lassen?
Steffen: Ganz klar: Wer den Forderungen im letzten Kapitel meines Buches zustimmt, kann nicht auf eine rot-grüne Mehrheit hoffen. Wenn eine solche Bundesregierung ihre sozialistischen Fantasien auch noch mithilfe des Bundesrats umsetzen könnte, würde das die Zukunftsfähigkeit dieses Landes auf Jahrzehnte zerstören. Aber da frage ich: Wo ist die bürgerliche Gesellschaft, die aufsteht, den Kapitalismus wieder hochhält, zumindest die Kraft der Marktwirtschaft, und sagt: Wir machen jetzt Politik für Leistungsträger, hören mit der Übermoral und den Gesprächskreisen auf und packen endlich an?
Wir haben uns zu sehr angepasst. Es gibt zu viele Politiker, die unter Gefallsucht leiden, Journalisten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nach dem Mund reden und in bestimmten Kreisen bloß keinen Widerstand auslösen wollen. Das halte ich für falsch.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und Business Insider erstellt.
Michael Höfling schreibt für WELT und Business Insider über Immobilien, Wirtschaftspolitik und Gold. Gemeinsam mit Michael Fabricius ist er für den Immobilien-Newsletter „Frage der Lage“ zuständig, den Sie hier abonnieren können.

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