Frankreich sei nur der Vorbote, schreibt der ehemalige Kanzler Österreichs Sebastian Kurz (NZZ)
Wie schnell daraus Judenhass wird, zeigen die Ausschreitungen: In Paris wurde eine Synagoge verwüstet, in Marseille brannten Geschäfte jüdischer Besitzer. Jüdinnen und Juden in Frankreich fragen sich zu Recht, ob sie in ihrem eigenen Land noch sicher sind. Ein Europa, in dem jüdisches Leben wieder Angst haben muss, hat aus seiner Geschichte nichts gelernt.
Wer in den Medien und in politischen Äusserungen angesichts solcher Ausschreitungen weiter das Märchen von «Jugendprotesten» erzählt, während jeder mit blossem Auge sehen kann, wie radikale Mobs Innenstädte verwüsten, zerstört das letzte Vertrauen in die Institutionen. Die Kluft zwischen der offensichtlichen Wahrnehmung auf der Strasse und der Berichterstattung wird immer grösser.
Klar, aber ohne Schaum vor dem Mund, müssen wir die Probleme benennen und daraus Lösungen ableiten.
In den vergangenen Jahren sind Millionen Einwanderer nach Europa gekommen. Anfang 2025 lebten in der Europäischen Union fast 50 Millionen Menschen, die ausserhalb der EU geboren wurden. In Deutschland hat inzwischen mehr als ein Viertel der Bevölkerung eine Einwanderungsgeschichte. Während unter ihnen viele einen klaren Mehrwert für Europa bringen, wurde zu lange so getan, als würde sich das Zusammenleben einfach von allein regeln.
Dabei geht es besonders auch um Ansichten, die mit den Werten Europas kaum vereinbar sind. In einer Umfrage des französischen Meinungs- und Marktforschungsinstituts Ifop von 2025 äusserte etwa ein Viertel der befragten Muslime in Frankreich Sympathie für die Muslimbruderschaft, eine gefährliche Bewegung des politischen Islam.
Die Folgen der Migration lassen sich zudem nicht an der Zahl der neu gestellten Asylanträge allein ablesen. Zuwanderung verändert eine Gesellschaft auf Jahrzehnte. Dazu tragen die jüngere Altersstruktur vieler Einwanderergruppen und die viel höheren Geburtenziffern bei.
Wer nur auf die Asylzahlen des nächsten Monats schaut, übersieht die langfristigen Folgen für Schulen, Wohnraum und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Die Konsequenz sollte nicht sein, dass wir keine Einwanderung mehr haben. Europa braucht die besten Köpfe der Welt. Aber wir müssen selbst festlegen, wer zu uns kommt. Und wer sich nicht integrieren möchte und gegen unsere Werte verstösst, muss wieder gehen. Dazu braucht es wirksame Grenzkontrollen, klare Regeln und einen Staat, der bereit ist, diese auch durchzusetzen.
Ich habe selbst erlebt, wie viel politischen und medialen Widerstand die Forderung nach einer restriktiven Migrationspolitik auslösen kann. Aber wer Verantwortung übernimmt, muss diesen Widerstand aushalten. Wenn die Parteien der Mitte diese Auseinandersetzung scheuen, öffnen sie den Radikalen Tür und Tor.
Wir müssen die Migrationspolitik vom Kopf auf die Füsse stellen. Länder in Zentral- und Osteuropa machen es vor. Ein Besuch in Budapest, Warschau oder Prag ist wie eine Zeitreise in das Europa vor der Flüchtlingskrise. Diese Länder wurden für ihre Haltung zur Migration jahrelang kritisiert. Die Bilder aus Paris, Mailand und Brüssel zeigen, wie recht sie hatten.
Jetzt ist die vielleicht letzte Chance zu handeln, bevor wir das Europa, das wir kennen und lieben, verlieren. Wenn wir nicht sofort umsteuern, erleben wir dieselben Szenen in Berlin, Wien und München. Frankreich ist nur der Vorbote.
Sebastian Kurz war von Dezember 2017 bis Mai 2019 und von Januar 2020 bis Oktober 2021 Bundeskanzler der Republik Österreich; heute ist er als international agierender Berater tätig.

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