26 Oktober 2026

The Pioneer: Bürokratie - Ministerialbürokratie: Völlig losgelöst

Bürokratie
Ministerialbürokratie: Völlig losgelöst
Wie sich die Ministerialbürokratie schon vor längerer Zeit von der Volkswirtschaft entkoppelt hat.
Gabor Steingard, 26.10.2026, 6 Min
Über die Volksparteien wird gesagt, sie hätten mit dem Sozialstaat eine riesige Umverteilungsmaschine aufgestellt. Das stimmt. Aber von der Wahrheit ist das nur die eine Hälfte.
Denn neben der großen Umverteilungsmaschine für Rentenzuschüsse, Kinder- und Bürgergeld betreiben die Regierungsparteien noch eine zweite, deutlich exklusivere Transferagentur, eine Boutique für die Aristokratie des Parteienstaates. Diese verteilt keine Sozialleistungen, sondern Stellen, Status und Einfluss. Bezahlt wird – das ist die einzige Gemeinsamkeit – auch hier vom Steuerzahler.
Das Wachstum der Ministerialbürokratie, von der hier die Rede sein soll, ist ein Wachstum sui generis, das sich von der Entwicklung der Volkswirtschaft vor längerer Zeit schon entkoppelt hat. Während die Volkswirtschaft seit Jahren kaum vom Fleck kommt, beobachten wir in der Ministerialbürokratie Wachstumsschübe, wie wir sie sonst nur aus den Tigerstaaten Asiens kennen.
Das sind die relevanten Fakten:
  • Die Zahl der Planstellen in der Ministerialbürokratie stieg zwischen 2010 und 2026 von 15.281 auf 23.155. Das ist ein Plus von 52 Prozent.

  • Die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland wuchs im selben Zeitraum nur um etwa elf Prozent. Der Apparat ist damit fast fünfmal so schnell gewachsen wie die Arbeitswelt, die ihn finanziert.

  • Hoher Lohn für treue Arbeit: Die Personalausgaben für Ministerien stiegen von 1,6 Milliarden auf knapp drei Milliarden Euro, nominal ein Plus von 82 Prozent.

  • Eine Studie von Professor Bernd Raffelhüschen, die sich nur mit der Ministerialbürokratie beschäftigt, kommt zu folgendem Befund: Die Personalausgaben der Bundesministerien haben sich innerhalb von zehn Jahren verdoppelt und sind damit mehr als doppelt so stark gestiegen wie die Wirtschaftsleistung der Bundesrepublik

Wichtig zu verstehen:
Was hier wächst, unterrichtet keine Kinder, baut keine Straßen, keine Wohnungen und fängt keine Einbrecher. Die Ministerialbürokratie – bestehend aus Bundeskanzleramt, Bundesministerien und Botschaften – ist ein eigener Planet, der höchste Betriebsamkeit mit medialer Lautstärke und politischer Lethargie zu verbinden weiß.

Im Koalitionsvertrag, der die Unterschrift von Friedrich Merz und Lars Klingbeil trägt, heißt es: „Wir werden den Personalbestand in der Ministerial- und Bundestagsverwaltung sowie in bestimmten nachgeordneten Behörden bis zum Jahr 2029 um mindestens acht Prozent reduzieren.“ Seither gibt es keine einzige Anstrengung in diese Richtung.
Der Schwund der Volksparteien und die Verkleinerung des Bundestages haben die Expansion der Ministerialen nicht gebremst, sondern befeuert. Ausweislich der effektvoll vorfahrenden Limousinen von Vizekanzler und Parteivorsitzenden gibt es immer etwas zu retten – und sei es nur die eigene Koalition.

Besonders profitiert hat die politische Funktionselite der Parlamentarischen Staatssekretäre. Kam das erste Kabinett von Kanzler Willy Brandt noch mit 15 parlamentarischen Staatssekretären aus, stieg ihre Zahl unter Angela Merkel von 30 im Jahr 2005 auf 35 im Jahr 2017. Die Ampelregierung brachte es 2021 auf 37. Die Union hatte diese Zahl im Wahlkampf heftig kritisiert – um dann wie selbstverständlich noch einen zusätzlichen Parlamentarischen Staatssekretär zu ernennen.

Würde ohne Wirkung: Die Parlamentarischen Staatssekretäre sind im Grunde Frühstücksdirektoren ohne ministerielle Gestaltungskraft. Ihr eigentliches Ressort ist die Repräsentanz.

Was den Job dennoch so lukrativ macht: Diese Loyalisten ihrer Parteien verfügen über die ministerielle Infrastruktur, mit einem eigenen Büro im Ministerium zusätzlich zum Abgeordnetenbüro im Bundestag. Insgesamt bezieht ein Parlamentarischer Staatssekretär rund 8.000 Euro im Monat mehr als ein normaler Abgeordneter.

Das architektonische Symbol der Staatsexpansion ist der Kanzleramtsanbau, der in Wahrheit kein Anbau, sondern ein Neubau ist. Nach der im April 2026 bestätigten Kostenprognose soll er 777 Millionen Euro kosten. Das ist nominal fast dreimal so viel wie das ursprüngliche Kanzleramt, dessen Bau 262,5 Millionen Euro kostete. Inflationsbereinigt ist der Abstand kleiner, aber immer noch beträchtlich.

Der Neubau ist der Kristallpalast der Berliner Republik. Die Bundesregierung begründet ihn mit dem Wachstum der Aufgaben. Doch das ewige Argument der wachsenden Aufgaben hat bereits der britische Historiker Cyril Northcote Parkinson 1955 in einem Aufsatz für The Economist widerlegt. Das nach ihm benannte Parkinsonsche Gesetz besagt, dass Verwaltungen immer wachsen, auch dann, wenn ihre Arbeit nicht zu-, sondern abnimmt. Sein Beispiel war die Royal Navy.

1914 verfügte sie über 62 Großkampfschiffe und 146.000 Offiziere und Mannschaften. In der Admiralität arbeiteten 2.000 Beamte.

Bis 1928 schrumpfte die Zahl der Großkampfschiffe auf 20, die Mannschaftsstärke auf 100.000. Die Zahl der Admiralitätsbeamten aber stieg auf 3.569 – ein Plus von 78 Prozent.

Die Flotte verlor zwei Drittel ihrer Großkampfschiffe und fast ein Drittel ihrer Männer. Ihre Verwaltung wuchs um mehr als drei Viertel.

Nun ist die Bundesrepublik nicht die Royal Navy. Aber Ähnlichkeiten in der Mechanik der wundersamen Stellenvermehrung sind nur schwer zu übersehen. Auch unsere Ministerialbürokratie ist damit beschäftigt, beschäftigt zu sein.

Fazit: Die Volksparteien verlieren an Rückhalt, die von ihnen betriebene Ministerialbürokratie legt zu. Diese Paradoxie kennt man aus der Botanik. Eine stark geschädigte Pflanze treibt kurz vor dem Absterben eine große Menge an Blüten aus. In der Botanik nennt man das die Panikblüte.

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