VON MATHIAS BRODKORB am 28. Oktober 2026 5 min
Deutschlands Autofahrer könnte demnächst ein weiteres Aufregerthema umtreiben. In Italien und Spanien ist es seit gestern schon so weit. Mehrere Automobilfachzeitschriften berichten übereinstimmend, in Brüssel würden derzeit Herstellervorgaben zur Tankgröße von Hybridmodellen diskutiert. Konkret: Es könnte so weit kommen, dass die EU europäischen Autoherstellern verbietet, einen bestimmten Tankinhalt zu überschreiten. Und anderen Herstellern, ihre Autos mit zu großen Tanks weiterhin in der EU zu verkaufen. Noch sei aber nichts beschlossen, heißt es. Der Hintergrund der Debatte ist ein doppelter. Immer mehr Hersteller von Hybridfahrzeugen vergrößern den Tankinhalt ihrer Autos, um deren Reichweite zu erhöhen. Der chinesische BYD Seal U zum Beispiel weist eine Tankgröße von 60 Litern auf und kommt nach Herstellerangaben zusammen mit seiner Batterie auf mehr als 1000 Kilometer.
Eine zwangsweise Reduzierung des Tankinhalts würde Elektroautos unter die Arme greifen, die in Sachen Reichweite nicht mithalten können. Der Wettbewerb zwischen Verbrenner und Elektrofahrzeug soll also nach Vorstellung europäischer Bürokraten nicht dadurch entschieden werden, die Reichweite der Letzteren durch technologische Innovationen zu vergrößern, sondern die der Verbrenner zwangsweise zu verringern.
Hinzu kommt ein anderes Problem. In weiten Teilen Europas ist die Ladeinfrastruktur für E-Autos völlig unzureichend. Fahrer von Hybridautos verlassen sich dann lieber auf große Tanks, um nicht in der Pampa liegen zu bleiben. Das allerdings erhöht das Gewicht der Fahrzeuge und damit deren CO2-Emissionen. Und die wollte man doch eigentlich verringern.
In den letzten Jahren hat Deutschland in der Automobilindustrie 25 Prozent seiner Wertschöpfung verloren
Auch wenn noch nichts beschlossen ist, sollte sich niemand mehr darüber wundern, warum Audi in Deutschland Arbeitsplätze ab- und in den USA aufbaut. Deutschland und die EU schicken sich an, zum Ostblock des 21. Jahrhunderts zu werden. Und merken es nicht einmal. Der Untergang des ersten Ostblocks lag vor allem an zwei Dingen: zu viel Bürokratie und der Aushebelung der Markgesetze, des Schwungrads für Innovationen. Der Westen hat über den Osten gesiegt, weil er freier, agiler und dadurch reicher war. Sein technologischer Vorsprung wurde von Jahr zu Jahr größer. Und irgendwann brach der Osten unrettbar zusammen.
Man sollte meinen, den Siegern der Geschichte könnte das eine Lehre sein. Man sollte nicht nachahmen, woran der einstige Gegner zugrunde gegangen ist. Aber ganz offensichtlich werkelt man aus moralistischer Hybris nicht nur in Brüssel daran, zum Ostblock des 21. Jahrhunderts zu werden. Wie das ausgehen wird, lässt sich schon heute an den nackten Fakten ablesen.
Erst vor wenigen Tagen hielt der Wirtschaftswissenschaftler Hans-Werner Sinn einen Vortrag an der Universität Luzern. Seine Kernbotschaft: Deutschland stecke in einer wirtschaftlichen Krise, „wie es sie seit dem Krieg nicht gegeben hat“. In den letzten Jahren habe Deutschland 16 Prozent seiner Wertschöpfung im verarbeitenden Gewerbe verloren, dem Herzstück seines Wohlstands. In der Chemie sogar 22 Prozent, im Maschinenbau 23 Prozent und in der Automobilindustrie 25 Prozent. Der Frühsozialist Charles Fourier sagte einmal: „Der Grad der weiblichen Emanzipation ist das natürliche Maß der allgemeinen Emanzipation.“ Und genauso ist der Zustand der deutschen Automobilindustrie ein Gradmesser für den Gesundheitszustand der gesamten deutschen Wirtschaft.
Die Industriebosse haben in den letzten Monaten ihren Mut wiederentdeckt
Professor Sinn führt das Debakel auf verschiedene Ursachen zurück. Aber eine von ihnen ist die Europäische Union. Er erklärt sie zu einer „Zentralverwaltungswirtschaft“. Sie ist in einer globalisierten Welt allerdings nicht der Nabel der Welt. Man kann sich durch Überregulation und Aussetzen der Marktgesetze nicht ohne massive Wohlstandsverluste aus dem internationalen Wettbewerb verabschieden.
Für Deutschland wäre die Fortsetzung dieses Weges besonders bedrohlich. Noch erwirtschaftet es 25 Prozent seines jährlichen Wohlstands auf den Weltmärkten – außerhalb der EU. Wenn diese mit Billigung Deutschlands weitermacht wie bisher, werden immer mehr erfolgreiche deutsche Unternehmen im Inland Arbeitsplätze ab- und anderswo wieder aufbauen. Damit es dazu kommt, müssen nicht einmal schädliche Beschlüsse gefasst werden. Bereits ernstgemeinte politische Diskussionen, die offensichtlicher wirtschaftlicher Unfug sind, verunsichern Investoren und Kapitalgeber ausreichend.
Wahrscheinlich wird es letztlich aber nicht so schlimm kommen, wie gerade diskutiert. Das war auch bei der geplanten Zuckersteuer auf zuckerfreie Getränke so. Die wurde aufgrund ihrer offensichtlichen Absurdität zu Fall gebracht. Die von manch einem diskutierte Vorschrift über die Begrenzung des Tankinhalts indes dürfte an etwas anderem scheitern.
Die Auswirkungen des wirtschaftlichen Niedergangs Europas und vor allem Deutschlands sind inzwischen einfach zu groß, um sie noch leichter Hand hinnehmen zu können. Auch die Industriebosse haben in den letzten Monaten ihren Mut wiederentdeckt und fahren der Politik bei drohenden Fehlentscheidungen immer öfter in die Parade. Der Grund dafür ist simpel, und ich habe das an diesem Ort schon des Öfteren erwähnt: Das empfindlichste Körperteil des Menschen ist und bleibt sein Portemonnaie.
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