Wie die Raupe Nimmersatt zum Wappentier unseres Lebens wurde.
Gabor Steingart, 14.10.2026, 4 Min
"Auch die moralisch Erwachsenen bekommen Lust, den Krempel hinzuwerfen, wenn sie kontinuierlich zum Abgeben genötigt werden, indessen ihnen von der nehmenden Seite nichts anderes entgegenkommt als die Aussicht auf noch längere Formulare, noch tiefere Demütigungen, noch umfassendere Nachzahlungen."
Der Staat weicht ihm nie mehr von der Seite. Er verdient mit, wohnt mit, isst und raucht mit; und wann immer unser Mann sein Auto oder in der Kneipe sich selbst betankt, hält der Steuerstaat die Hand auf. So wurde die Raupe Nimmersatt zum Wappentier seines Lebens:
Gabor Steingart, 14.10.2026, 4 Min
Die Frage, warum wir Deutschen in weiten Teilen eine mürrische Gesellschaft geworden sind, kann niemand besser beantworten als Vater Staat. Denn der Staat, der sich selbst gern als Dienstleister vorstellt, ist in Wahrheit ein Diener, der sich zum Herrn aufgeschwungen hat.
Er ist – vor allem in Gestalt des Steuerstaates – dominant, fordernd und zuweilen auch gewalttätig. Wer nicht freiwillig gibt, ist für ihn ein Steuersünder, dem er mit der Steuerfahndung nachstellt, um ihn mit Vollstreckungstitel in der Hand in die Erzwingungshaft zu überführen.
Der Steuerstaat begleitet uns nicht von der Wiege bis zur Bahre, wie es oft heißt, sondern er begleitet uns auch noch ins Grab hinein. Dem nackten Mann könne man nicht in die Tasche greifen, sagt der Volksmund. Aber im Falle unseres Staates stimmt das leider nicht. Er greift uns auch ins letzte Hemd, wenn der Körper schon erkaltet ist, weshalb vor dem Bundesverfassungsgericht derzeit die Erbschaftsteuer neu verhandelt wird.
Peter Sloterdijk hat in seinem Buch „Die nehmende Hand und die gebende Seite“ die Stimmung des steuerzahlenden Bürgers treffend zusammengefasst:
"Auch die moralisch Erwachsenen bekommen Lust, den Krempel hinzuwerfen, wenn sie kontinuierlich zum Abgeben genötigt werden, indessen ihnen von der nehmenden Seite nichts anderes entgegenkommt als die Aussicht auf noch längere Formulare, noch tiefere Demütigungen, noch umfassendere Nachzahlungen."Erfahrene Wähler gingen schon bei der Bundestagswahl 2025 davon aus, dass es mit dem staatlichen Abkassieren immer so weitergehe. Nur die Merz-Wähler glaubten an ein Steuerwunder und daran, dass ihr Held ihre Schmerzen lindern würde. Sie vertrauten seinem Versprechen von solider Haushaltsführung und sinkenden Steuersätzen.
Heute stehen sie als die großen Naivlinge da. Ihr Kanzler hat sich – noch bevor er das Büro im Kanzleramt bezog – in ihrem Namen einen 500-Milliarden-Euro-Kredit besorgt. Seither jagt eine Steuererhöhungsidee die andere: Zuckersteuer, Übergewinnsteuer, Reichensteuer, eine erhöhte Tabak- und Alkoholsteuer.
Gestern brachte ausgerechnet der CDU-Digitalminister eine KI-Steuer ins Gespräch, noch bevor die künstliche Intelligenz in deutschen Firmen überhaupt heimisch werden konnte.
Gestern brachte ausgerechnet der CDU-Digitalminister eine KI-Steuer ins Gespräch, noch bevor die künstliche Intelligenz in deutschen Firmen überhaupt heimisch werden konnte.Die Anklageschrift gegen den Steuerstaat muss nicht erst verfasst werden. Sie befindet sich, gewissermaßen als Korreferat unseres Lebens, auf allem, was uns die Lohnbuchhaltung des Arbeitgebers, der Kassenbon des Bäckers, des Obsthändlers und Kneipenwirts, die Rechnung der Reinigungsfirma, des Handwerkers oder des Taxifahrers mitzuteilen haben.
Musterrechnung: Am Beispiel eines unverheirateten Facharbeiters in Wolfsburg mit einem Bruttolohn von 70.000 Euro, der durchschnittlich wohnt, lebt, raucht, trinkt, tankt und der ordnungsgemäß seinen Rundfunkbeitrag bezahlt, lässt sich beobachten, was passiert.
Der Staat weicht ihm nie mehr von der Seite. Er verdient mit, wohnt mit, isst und raucht mit; und wann immer unser Mann sein Auto oder in der Kneipe sich selbst betankt, hält der Steuerstaat die Hand auf. So wurde die Raupe Nimmersatt zum Wappentier seines Lebens:Fazit: Was die Bürger da erleben, kann sie nicht glücklich stimmen. Sie zahlen immer mehr und bekommen immer weniger, auch weil der Staat einen nicht unbedeutenden Teil des Geldes für seine eigene Expansion benötigt. Nicht die einzelne Steuer ist das Problem, sondern ihre Addition. Die Menge macht das Gift, das gilt auch für die Zustimmung zur Demokratie.


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