VON BEN KRISCHKE am 30. Oktober 2026 7 min
„Wir fordern eine Politik, die in Bildung, soziale Sicherheit, Gesundheit, Klimaschutz und bezahlbares Leben investiert, statt bei der jungen Generation zu sparen. Wir wollen mitbestimmen, wenn über unsere Zukunft entschieden wird“, heißt es im Protestaufruf von „Gen Z regelt“ für Samstag, den 31. Oktober. Dann soll deutschlandweit demonstriert werden: „Friedlich. Gemeinsam. Für unsere Zukunft.“ Exakt 151.286 Menschen hatten ihre Teilnahme auf der Webseite von „Gen Z regelt“ angekündigt, als ich die ersten Zeilen dieses Beitrags schrieb. In den nächsten 20 Minuten kamen dann nochmal 100 weitere Personen hinzu. Die Zahl der angekündigten Teilnehmer wächst aktuell also minütlich. In den fünf größten deutschen Städten organisiert „Gen Z regelt“ den Protest selbst, anderswo wird auf Nachahmer gehofft.
Frankreich als Vorbild – und als Warnung
Vorbild für „Gen Z regelt“ sind die Schülerproteste in Frankreich. Also die echten. Nicht diejenigen, die von Tagesschau und Co. noch so bezeichnet wurden, als eine unheilige Allianz aus den Westen hassenden Migranten und Linksextremisten längst übernommen hatte. Um zu plündern und zu brandschatzen. Und um auch sonst gegen alles ins Feld zu ziehen, was unter Aufklärung und westliche Ordnung fällt. Weshalb auch ich in einem gewissen Zwiespalt stecke. Einerseits ist es ja gut, dass junge Menschen für ihre Interessen demonstrieren. Ob es die Interessen aller jungen Menschen im Land sind oder nur die von politisch linksgrün tickenden Bürgerkindern, das sei einmal dahingestellt. Denn auch die haben das Recht, für das, was sie als richtig empfinden, zu protestieren. Wie jeder andere freie Bürger eben auch. Theoretisch jedenfalls.
Andererseits ist die Sorge in Teilen der deutschen Bevölkerung durchaus berechtigt, dass es in manchen deutschen Städten vielleicht nicht zu den gleichen, aber zu ähnlichen Szenen kommen könnte wie in Frankreich. Den Westen hassende Linksextremisten und Migranten, die sich an Schülerproteste ranwanzen, um zu plündern und zu brandschatzen, sind zwar erbärmliche Wichte, in ihrer Erbärmlichkeit aber durchaus gefährlich.
Wo am Samstag Gewalt drohen könnte
Machen wir uns nichts vor: Wahrscheinlich wird es auch in Deutschland zu Gewalt kommen. Ich tippe auf Berlin, Hamburg und Leipzig. Und dort wiederum auf die üblichen Stadtteile – Neukölln, Schanzenviertel, Connewitz – und die üblichen Verdächtigen: Krieg spielende Linksextremisten und Migranten. Wie in Neukölln an Silvester, wie im Schanzenviertel am Hafengeburtstag und wie in Connewitz, wenn das linksextreme Milieu mal wieder nichts Besseres zu tun hat. Und eventuell auch an der ein oder anderen Hochschule, wo bereits Barrikaden errichtet wurden.
Entscheidend ist daher nicht so sehr, ob es am Samstag zu Gewalt kommen wird. Von einer Handvoll Straßenschlachten geht selbst eine durch die irre Wokeness und die naive Willkommenskultur in ihren Grundfesten erschütterte Bundesrepublik nicht unter. Entscheidender wird am Samstag sein, ob sich die Gewalt auf die üblichen Orte und die üblichen Verdächtigen plus die ein oder andere Hochschule konzentrieren und weitgehend beschränken wird. Anders formuliert: Falls die Lage in Berlin eskaliert, wäre das für alle Nicht-Berliner nur ein weiterer Beleg dafür, dass die Hauptstadt verloren ist. Schon vor Rot-Grün-Rot. Eskaliert die Lage aber auch in München, Karlsruhe oder Bielefeld, muss sich Deutschland wirklich Sorgen machen. Das würde nämlich heißen, dass man in keiner Stadt mehr sicher ist – und dass wir womöglich näher dran sind an einem Bürgerkrieg, als uns das lieb sein kann.
Die Jugend hat ein Recht auf Protest
„Wohin wir auch schauen, sehen wir Krisen und kaum eine Perspektive für uns“, schreibt „Gen Z regelt“ auf seiner Webseite. Verglichen mit anderen Ländern dieser Erde ist das zwar maßlos übertrieben. Aber wer, wenn nicht die Jugend, darf immer auch ein bisschen überdramatisieren?! Und wer, wenn nicht die Jugend selbst, hat zu entscheiden, was sie denkt und fühlt in den wilden 20ern des neuen Jahrtausends?!
Es ist das gute Recht nicht nur der Jugend, für das zu demonstrieren, was sie umtreibt. Auch für „Free Palestine“ oder dafür, dass die Erde flach ist. Solange der Protest friedlich bleibt. Was das betrifft, ist „Gen Z regelt“ eigentlich sehr deutlich. Überparteilich soll der Protest sein, heißt es. Dass Extremismus keinen Platz habe – Extremismus generell, nicht nur von rechts – und dass man sich „gegen jede Gewalt“ positioniere: „Unser Protest ist friedlich, ohne Ausnahme.“
Gewalt als legitimes Protestmittel
„Gen Z regelt“ distanziert sich also sehr deutlich von Gewalt. Und das ist auch gut so, schon aus Selbstzweck. Wer ernst genommen werden will, muss sich entsprechend verhalten. Wer seine Anliegen in die Öffentlichkeit tragen und dort ernsthaft diskutiert haben will, muss das friedlich tun. Eigentlich ein No-Brainer, wie das neudeutsch heißt. Vorausgesetzt, man heißt nicht Amira Klute, ist Jahrgang 1997 und Volontärin bei der taz.
Frau Klute hat dieser Tage einen Text geschrieben, in dem sie die Distanzierung von „Gen Z regelt“ von Gewalt beklagt. Klute schreibt: „Das tut weh, weil es die Gewalt des Staates und die des Spätkapitalismus verkennt, der die Jugendlichen selbst ausgesetzt sind. Aber taktisch ist es klug. Und das, obwohl es schwierig ist, Gewalt gegen Sachen als Mittel des Protests zu delegitimieren.“
Was Frau Klute mit der „Gewalt des Spätkapitalismus“ meint, bleibt im Text offen. Prügelnde Investmentbanker in den Straßen? Hausbesitzer, die ihren Grund und Boden mit dem Gartenschlauch verteidigen? Porsche-SUVs, die auf dem Fahrradweg parken und Radler zwingen, drumherum zu fahren? Studierte Soziologen, die trotz Bestnoten-Master körperlich arbeiten müssen, weil ihre Soziologen-Dienste niemand braucht?
Pseudo-revolutionäres Gewäsch
Offen bleibt im Text auch, wie Frau Klute auf die Idee kommt, „Gewalt gegen Sachen“ sei ein legitimes Mittel des Protests. Gewalt gegen Sachen ist nämlich immer auch Gewalt gegen Menschen, denen diese Sachen gehören. Wer zerstört, was sich andere erarbeitet und aufgebaut haben, zerstört nicht nur „Sachen“. Er zerstört Ergebnisse von Arbeit – und bisweilen ganze Lebenswerke. Wie die Läden vieler Besitzer in Paris.
Klutes Beitrag ist aber nicht der einzige Text, der zuletzt bei der taz erschienen ist und Gewalt von links nicht nur kleinredet – wie das dort üblich ist –, sondern sie legitimiert und damit auch zu Gewalt auffordert. Erst im August sorgte taz-Redakteur Jens Uthoff mit seinem „Weckruf für Wehrhaftigkeit“ für Aufsehen. Weil sich sein Beitrag – als Reaktion auf die Wahlerfolge der AfD geschrieben – las, als hätte ihn Ulrike Meinhof aus der Hölle diktiert.
Ich weiß nicht, welche Geisteskrankheit bei der taz gerade umgeht. Dennoch sollten wir ihr einen Namen geben. „Baader-Meinhoferitis“ scheint mir ein geeigneter Kandidat. Was ich wiederum weiß, ist, dass „Gen Z regelt“ – zumindest im Protestaufruf – vernünftiger klingt als irgendein pseudo-revolutionäres Gewäsch, das bei der taz erscheint. Es ist uns allen nur zu wünschen, dass das auch so bleibt. Und dass Gen Z auch regelt, wenn einzelne Verrückte trotzdem ausrasten.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen