Gabor Steingart, 15.10.2026, 7 Min
"Das Volk versteht das meiste falsch; aber es fühlt das meiste richtig."
An Friedrich Merz und Lars Klingbeil braucht sich niemand mehr zu reiben. Beide sind beim Wähler und auch bei den parteiinternen Eliten durchgefallen. Ihre Führungsautorität ist erloschen. Nur der Schwerkraft der Parteiapparate und der Neuwahlangst der Bundestagsabgeordneten verdanken sie es, dass morgens weiterhin die gepanzerte Limousine vorfährt.
Wenn die politische Mitte die Chronologie der Trostlosigkeit nicht mit immer neuen Namen fortsetzen möchte, muss sie ihre Rekrutierungsmethoden ändern. Es geht dabei um zwei Lektionen, die für den späteren politischen Erfolg existenziell sind. Wer wieder nur darauf wartet, dass die anderen fallen, hat nichts verstanden.
Lektion 1: Die Musterleiche muss her.
Die „Musterleiche“, also der vor aller Augen niedergestreckte Rivale, ist ein wichtiger Tätigkeitsnachweis. Sie dient dazu, dem Publikum zu zeigen, dass der Kandidat nicht nur bellt, sondern auch beißt. Die Generalsekretärin Angela Merkel hatte mit dem Mord an ihrem Parteichef und Förderer Helmut Kohl den Nachweis ihrer Führungsfähigkeit erbracht.
Warum das wichtig ist: Skrupellosigkeit ist in einer privaten Beziehung von Übel. In der Politik ist sie eine Grundvoraussetzung für Erfolg.
Trump musste sich in endlosen Vorwahlen gegen 16 Mitbewerber im Jahr 2016 und erneut gegen ein gutes Dutzend im Jahr 2024 durchsetzen. Seine Herausforderin Kamala Harris kam nur deshalb als Präsidentschaftskandidatin der Demokraten zum Zuge, weil ihr Präsident auf den letzten Metern schlappmachte.
Sie ist durch kein Säurebad gegangen, sondern war die artifiziell fabrizierte Zuckerpuppe der Medien, die glaubten, mit dem Wohlwollen von Taylor Swift sei die Wahl entschieden.
Die Wähler aber – auch in Europa – sind weder vornehm noch politisch korrekt. Sie entscheiden meist nicht nach popkulturellen Kriterien, sondern nach sehr archaischen Gesichtspunkten wie Machtinstinkt, Durchsetzungskraft und Authentizität. Sie wollen keine Sprechpuppe des Parteiapparats und keinen Nickdackel der Medien. Sie bevorzugen – siehe Boris Palmer und Gerhard Schröder – einen Typen, der so ist, wie sie selbst gerne wären.
Lektion 2: An ihren Freunden sollt ihr sie erkennen.
Politiker der Güteklasse A besitzen eine Anhängerschaft, die ihrerseits über gesellschaftliche Reichweite und wirtschaftlichen Einfluss verfügt. Wer wie Friedrich Merz niemanden außer seiner Ehefrau und drei Jugendfreunden für sich begeistern kann, ist auf der Spitzenposition fehl am Platz. Auch Lars Klingbeil ist ein Leader ohne Follower.
Die großen Kanzler dagegen waren in der wirtschaftlichen und medialen Elite erstklassig vernetzt. Konrad Adenauer konnte sich blind auf Robert Pferdmenges verlassen, Kölner Bankier und Teilhaber bei Sal. Oppenheim. Hermann Josef Abs von der Deutschen Bank verhandelte für ihn das Londoner Schuldenabkommen von 1953. Fritz Berg, einstiger BDI-Präsident, hatte direkten Zugang zum Kanzler – und umgekehrt.
Aber auch der Sozialdemokrat Willy Brandt hatte mit Berthold Beitz von Krupp und Philip Rosenthal von der Rosenthal AG wichtige Vertreter der Wirtschaft auf seiner Seite, von den kulturellen Eliten ganz zu schweigen. Günter Grass, Heinrich Böll und Siegfried Lenz machten für ihn Wahlkampf. Henri Nannen vom Stern, Rudolf Augstein mit dem Spiegel und die Zeit von Gerd Bucerius und Marion Gräfin Dönhoff unterstützten Brandts Ostpolitik.
Auch Gerhard Schröder und Angela Merkel verfügten über reißfeste Kontakte zu Künstlern, Verlegern und Wirtschaftsbossen. Schröder war vor allem mit den Autobossen dicke. Merkel setzte in der Finanzkrise auf Josef Ackermann und richtete ihm zu Ehren ein Dinner zu seinem 60. Geburtstag im Kanzleramt aus.
Wer auch immer Anspruch auf das Kanzleramt erhebt, muss eine Verankerung außerhalb der Parteipolitik besitzen. Es geht dabei nicht um medial inszenierte Treffen wie jüngst den Investitionsgipfel von Friedrich Merz im Kanzleramt. Dazu kommen die Bosse immer. Sie haben keine andere Wahl.
Es geht um eine tiefe Verwurzelung, wie sie Barack Obama in den geistigen Eliten Amerikas und Donald Trump im Silicon Valley besitzt. Diese tiefen Wurzeln sind die Nährstränge eines politischen Führers. Friedrich Merz und Lars Klingbeil sind dagegen Flachwurzler. Beide kennen viele Menschen, aber diese bilden keine eigene Anhängerschaft.
Fazit: Populisten bekämpft man nicht mit Brandmauern, sondern mit Führungspersönlichkeiten, die besser sind. Das Volk will nicht gedrängt oder bestraft, sondern überzeugt werden. Das Versagen in der politischen Mitte, dessen Zeitzeuge wir sind, ist vor allem das: Ein Führungsversagen.

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen