16 Oktober 2026

The Pioneer Morning Briefing: Leadership - Führung: Das Versagen der Mitte

Leadership
Führung: Das Versagen der Mitte
Zwei Lektionen, die für den späteren politischen Erfolg existenziell sind.
Gabor Steingart, 15.10.2026, 7 Min
Der Aufstieg von linken und rechten Populisten – also von markanten Persönlichkeiten, die in der Lage sind, im Wahlvolk Schwingungen auszulösen und emotionale Gefolgschaft zu organisieren – ist kein Naturereignis. Der Aufstieg dieses Politikertyps in den USA, in Frankreich, in Italien und auch bei uns ist die Reflexion eines Führungsversagens im bürgerlichen Lager.
Das eine Phänomen wäre ohne das andere nicht denkbar: Wenn die Mitte vor allem abgemagerte Führungspersönlichkeiten hervorbringt, geht das Volk an den Rändern auf die Suche nach dem kapitalen Hirsch. Das Selbstmarketing als „demokratische Mitte“ wird von den Wählern als Immunisierungsstrategie durchschaut. Getreu dem Satz von Kurt Tucholsky:

"Das Volk versteht das meiste falsch; aber es fühlt das meiste richtig."

Warum das wichtig ist: Das, was die ehemaligen Volksparteien ihren Wählern in den vergangenen Jahren geboten haben, ist an Dürftigkeit nur schwer zu überbieten. Der klapprige Joe Biden, der blutleere Olaf Scholz, die tantige Theresa May, die von der Presse „Maybot“ getauft wurde, weil sie wie ein Roboter antwortete.
In Italien hatte der professorale Enrico Letta seinen kläglichen Auftritt, bevor Giorgia Meloni zündete. Und nicht zu vergessen die französische Republikanerin Valérie Pécresse, die für den Ruin der einst stolzen Partei von Charles de Gaulle, Jacques Chirac und Nicolas Sarkozy sorgte. Die konservative Parteienfamilie verfügte 2007 unter dem Namen UMP noch über 313 Sitze in der Nationalversammlung. 2017 waren es unter dem Namen Les Républicains 112, 2022 nur noch 61. Bei der Wahl 2024 blieben davon nur 39 Sitze übrig.
Die Erosion der Führungsqualitäten ist universell und hat sich in den vergangenen Jahren eher noch beschleunigt. Die Amtszeit der britischen Premierministerin Liz Truss dauerte nur 49 Tage. Sieben britische Premierminister in zehn Jahren zeigen, wie systemisch die Krise ist.
In den USA ein ähnliches Bild: Der Populist Donald Trump ist ja nur deshalb noch obenauf, weil die Demokratische Partei nicht in der Lage ist, einen wirkmächtigen Herausforderer an den Start zu bringen. Der letzte linke Bundespolitiker mit Schlagkraft war Bernie Sanders, ein Populist von hoher Begabung, der bewusst als Unabhängiger im Senat sitzt.
Womit wir bei Friedrich Merz, Lars Klingbeil und Bärbel Bas wären.
Die Kritik an der ehemaligen Arbeitsministerin hatte nichts mit ihrer privaten Trauerarbeit zu tun, aber viel damit, dass die angekündigte Rentenreform nicht vorankam. Sie war schon früh im Amt erstarrt.

An Friedrich Merz und Lars Klingbeil braucht sich niemand mehr zu reiben. Beide sind beim Wähler und auch bei den parteiinternen Eliten durchgefallen. Ihre Führungsautorität ist erloschen. Nur der Schwerkraft der Parteiapparate und der Neuwahlangst der Bundestagsabgeordneten verdanken sie es, dass morgens weiterhin die gepanzerte Limousine vorfährt.

Wenn die politische Mitte die Chronologie der Trostlosigkeit nicht mit immer neuen Namen fortsetzen möchte, muss sie ihre Rekrutierungsmethoden ändern. Es geht dabei um zwei Lektionen, die für den späteren politischen Erfolg existenziell sind. Wer wieder nur darauf wartet, dass die anderen fallen, hat nichts verstanden.

Lektion 1: Die Musterleiche muss her.

Die „Musterleiche“, also der vor aller Augen niedergestreckte Rivale, ist ein wichtiger Tätigkeitsnachweis. Sie dient dazu, dem Publikum zu zeigen, dass der Kandidat nicht nur bellt, sondern auch beißt. Die Generalsekretärin Angela Merkel hatte mit dem Mord an ihrem Parteichef und Förderer Helmut Kohl den Nachweis ihrer Führungsfähigkeit erbracht.

Warum das wichtig ist: Skrupellosigkeit ist in einer privaten Beziehung von Übel. In der Politik ist sie eine Grundvoraussetzung für Erfolg.

Trump musste sich in endlosen Vorwahlen gegen 16 Mitbewerber im Jahr 2016 und erneut gegen ein gutes Dutzend im Jahr 2024 durchsetzen. Seine Herausforderin Kamala Harris kam nur deshalb als Präsidentschaftskandidatin der Demokraten zum Zuge, weil ihr Präsident auf den letzten Metern schlappmachte.

Sie ist durch kein Säurebad gegangen, sondern war die artifiziell fabrizierte Zuckerpuppe der Medien, die glaubten, mit dem Wohlwollen von Taylor Swift sei die Wahl entschieden.

Die Wähler aber – auch in Europa – sind weder vornehm noch politisch korrekt. Sie entscheiden meist nicht nach popkulturellen Kriterien, sondern nach sehr archaischen Gesichtspunkten wie Machtinstinkt, Durchsetzungskraft und Authentizität. Sie wollen keine Sprechpuppe des Parteiapparats und keinen Nickdackel der Medien. Sie bevorzugen – siehe Boris Palmer und Gerhard Schröder – einen Typen, der so ist, wie sie selbst gerne wären.

Lektion 2: An ihren Freunden sollt ihr sie erkennen.

Politiker der Güteklasse A besitzen eine Anhängerschaft, die ihrerseits über gesellschaftliche Reichweite und wirtschaftlichen Einfluss verfügt. Wer wie Friedrich Merz niemanden außer seiner Ehefrau und drei Jugendfreunden für sich begeistern kann, ist auf der Spitzenposition fehl am Platz. Auch Lars Klingbeil ist ein Leader ohne Follower.

Die großen Kanzler dagegen waren in der wirtschaftlichen und medialen Elite erstklassig vernetzt. Konrad Adenauer konnte sich blind auf Robert Pferdmenges verlassen, Kölner Bankier und Teilhaber bei Sal. Oppenheim. Hermann Josef Abs von der Deutschen Bank verhandelte für ihn das Londoner Schuldenabkommen von 1953. Fritz Berg, einstiger BDI-Präsident, hatte direkten Zugang zum Kanzler – und umgekehrt.

Aber auch der Sozialdemokrat Willy Brandt hatte mit Berthold Beitz von Krupp und Philip Rosenthal von der Rosenthal AG wichtige Vertreter der Wirtschaft auf seiner Seite, von den kulturellen Eliten ganz zu schweigen. Günter Grass, Heinrich Böll und Siegfried Lenz machten für ihn Wahlkampf. Henri Nannen vom Stern, Rudolf Augstein mit dem Spiegel und die Zeit von Gerd Bucerius und Marion Gräfin Dönhoff unterstützten Brandts Ostpolitik.

Auch Gerhard Schröder und Angela Merkel verfügten über reißfeste Kontakte zu Künstlern, Verlegern und Wirtschaftsbossen. Schröder war vor allem mit den Autobossen dicke. Merkel setzte in der Finanzkrise auf Josef Ackermann und richtete ihm zu Ehren ein Dinner zu seinem 60. Geburtstag im Kanzleramt aus.

Wer auch immer Anspruch auf das Kanzleramt erhebt, muss eine Verankerung außerhalb der Parteipolitik besitzen. Es geht dabei nicht um medial inszenierte Treffen wie jüngst den Investitionsgipfel von Friedrich Merz im Kanzleramt. Dazu kommen die Bosse immer. Sie haben keine andere Wahl.

Es geht um eine tiefe Verwurzelung, wie sie Barack Obama in den geistigen Eliten Amerikas und Donald Trump im Silicon Valley besitzt. Diese tiefen Wurzeln sind die Nährstränge eines politischen Führers. Friedrich Merz und Lars Klingbeil sind dagegen Flachwurzler. Beide kennen viele Menschen, aber diese bilden keine eigene Anhängerschaft.

Fazit: Populisten bekämpft man nicht mit Brandmauern, sondern mit Führungspersönlichkeiten, die besser sind. Das Volk will nicht gedrängt oder bestraft, sondern überzeugt werden. Das Versagen in der politischen Mitte, dessen Zeitzeuge wir sind, ist vor allem das: Ein Führungsversagen.

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