Eine Kultur, die hauptsächlich auf Ablenkung aus ist, wird nichts Neues erfinden, sie wird sich nicht weiterentwickeln. Denn das erfordert Arbeit. Konsum um seiner selbst willen schwächt eine Gesellschaft. Stockt der Nachschub an materiellen Gütern, entsteht eine Sinnkrise, weil der wichtigste Lebensinhalt entfällt.
Die Kehrseite der Spassgesellschaft ist das Verschwinden der Selbstverantwortung und eine schleichende Entmündigung. Es sind nicht nur die Angehörigen der Generation Handy, die ein irrationales Vertrauen darin setzen, dass Feuerpolizei und Bauämter eine Kellerbar penibel inspizieren. Eine Gesellschaft, die sich vor allem amüsieren will, erwartet eine Rundumbetreuung.
Eine bis ins Detail reichende Reglementierung schafft ein trügerisches Gefühl von Sicherheit. In Extremlagen wie bei einem Grossbrand ist das evident. Wie selbstverantwortlich die Individuen in der Lage sind zu handeln, entscheidet letztlich über die Widerstandskraft einer Gesellschaft. Hier schneiden die USA noch immer am besten ab.
Es
ist in Europa Mode geworden, Amerika als ein von Populismus und
Polarisierung zerfressenes Land im Niedergang zu beschreiben. Dabei sind
individuelle Freiheit und Verantwortung gross – und damit die
Fähigkeit, mit Unbill aller Art fertigzuwerden. Am anderen Ende der
Skala rangiert eine Diktatur wie China. Wie wenig es funktioniert, wenn der Staat bis in die Volksgesundheit jedes Detail kontrollieren will, zeigte sich in der Covid-Pandemie.
Irgendwo in der Mitte rangieren die kontinentaleuropäischen Länder. Deutschland ist besessen von der Idee der sozialen Gerechtigkeit. So planiert es möglichst viele Unterschiede, aber auch die Anreize für selbstbestimmtes Handeln.
Silvester gehört zu den Ausnahmesituationen, die eine Gesellschaft zur Kenntlichkeit entstellen. Die dunkle Seite der Spasskultur zeigt sich alljährlich in Berlin. Diesmal lautete die Bilanz am verkaterten Morgen danach: zusätzlich zu den einheimischen Polizisten 3000 weitere Beamte aus sieben Bundesländern, 2000 Einsätze und 50 abgefackelte Fahrzeuge. Gewalt gegen Feuerwehrleute und Sanitäter hat sich als multikulturelle Folklore in der Stadt fest etabliert.
Jeder Jahreswechsel bedeutet in Berlin einen Kontrollverlust. Die Randalierer haben begriffen, dass Fehlverhalten selten zu Konsequenzen führt. Die Spassgesellschaft entlastet das Individuum von seiner Verantwortung. Besonders wenn es sich um Migranten und damit um Rassismus-Opfer per se handelt. Man kann den Einsatzkräften ungestraft eine lange Nase drehen. Das Korsett von Vorschriften und der allgegenwärtige Vorwurf der Fremdenfeindlichkeit hemmen diese zuverlässig. Braucht man dann die Polizei, ist diese nicht zur Stelle.
Die Spassgesellschaft hat die Politiker, die sie verdient
Wer die Selbstbestimmung betont, degradiert den Staat nicht zum Nachtwächter. Im Gegenteil: In der normierten Welt, die für jeden Eventualfall eine Bestimmung bereithält, muss der Staat zwingend seinen Part des «contrat social» erfüllen.
Wenn die Verwaltung schon für alles und jeden Regeln aufstellt, muss sie deren Einhaltung überwachen. Die Gemeinde Crans-Montana hat inzwischen erhebliche Mängel bei der feuerpolizeilichen Kontrolle eingestanden. Die Schlamperei der Behörden hat unzählige Leben zerstört.
Kontrollverlust entsteht durch das Versagen Einzelner, vor allem aber durch die Überlastung des Staates mit so vielen Aufgaben, dass er keine mehr richtig versieht. Hier wirkt das Paradox des abnehmenden Grenznutzens. Eine Lockerung der feuerpolizeilichen Vorschriften, wie sie in der Schweiz geplant war, kann sogar mehr Sicherheit bringen. Wenigstens dann, wenn die verbleibenden Aufsichtspflichten auch wirklich erfüllt werden. Nach schärferen Vorschriften zu rufen, wie dies Politiker nach Katastrophen zu tun pflegen, ist oft der bequemste, aber auch dümmste Weg.
Jetzt ermittelt die Justiz. Weil nicht nur die Barbetreiber, sondern auch die Aufsichtsbehörden im Fokus stehen, sollte man einen ausserkantonalen Staatsanwalt bestellen. Schliesslich ist der Kanton Wallis, um es vorsichtig zu formulieren, für seine Beziehungsnetze bekannt.
So verwundert, dass das französische Wirtepaar trotz eventueller Fluchtgefahr nicht inhaftiert wurde. Bei den Wirten der «Walliserkanne» in Zermatt war man während der Pandemie nicht so zimperlich. Diese hatten zwar renitent gegen die Corona-Vorschriften verstossen. Im Gegensatz zum «Constellation» entstand jedoch in der Zermatter Beiz kein Schaden an Leib und Leben. Trotzdem sassen sie mehrere Tage in Haft. Sie hatten wohl die falschen Freunde.
Unabhängig von der strafrechtlichen Aufarbeitung ist die politische. Hier gilt nicht die Standardausrede aller Behörden, dass man erst die juristische Klärung abwarten müsse. Nicht nur die Schweiz erwartet Antworten – und das nicht irgendwann, sondern jetzt.
Weil
sich unter den Toten und Verletzten Ausländer befinden, dürfte das
liebste helvetische Trickli nicht so einfach funktionieren: so lange zu
warten, bis eine gnädige Amnesie die Schuldfrage sanft überdeckt.
Wer zeigt gegenüber den Opfern und ihren Angehörigen Anstand? Wer übernimmt Verantwortung und tritt zurück? Der erste Kandidat wäre der unsäglich agierende Gemeindepräsident von Crans-Montana, Nicolas Féraud. Er beschönigt nicht nur das Behördenversagen, sondern stilisiert den Ferienort zum eigentlichen Leidtragenden des Brands.
Diese Fragen richten sich aber auch an die Kantonsregierung. Zum Wesen des politischen Rücktritts zählt, dass er keine individuelle Schuld voraussetzt. Er ist eine Geste der Sühne, damit die Gesellschaft ihren Frieden wiederfindet.
Doch die Spasskultur hat die Politiker, die sie verdient. Sie haben ebenfalls gelernt, Verantwortung abzuschieben. Ein Meister darin ist auch Berlins Bürgermeister Kai Wegner. Er lobte seine Stadtregierung überschwänglich, weil die Silvester-Randale diesmal nicht bis zum Bürgerkrieg in Neukölln eskaliert war. Auch so bringt man Verantwortung zum Verschwinden: indem man beide Augen fest zudrückt und die Wahrheit ignoriert.


Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen