07 Januar 2026

Der andere Blick - Anschlag auf die Stromversorgung in Berlin: Der Kanzler schweigt und der Bürgermeister ist überfordert (NZZ)

Das unsägliche Schweigen von Merz und Steinmeier
Der andere Blick
Anschlag auf die Stromversorgung in Berlin: 

Der Kanzler schweigt und der Bürgermeister ist überfordert (NZZ)
Öko-Terroristen machen den Winter im Berliner Südwesten zum Albtraum. Den Kanzler scheint das nicht zu interessieren, den Bundespräsidenten auch nicht. Dass es ganz anders geht, zeigt ein Blick in die deutsche Geschichte.
von Jonas Hermann, Berlin 07.01.2026, 3 Min
Geht man nur nach der Reichweite, handelt es sich bei der Attacke auf die Berliner Stromversorgung wohl um den grössten Anschlag in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Linksextreme Täter schnitten am Samstag 45 000 Haushalte im Berliner Südwesten vom Strom ab.
Mittlerweile sind zwar rund 20 000 davon wieder am Netz, doch die übrigen Betroffenen müssen sich voraussichtlich noch bis Donnerstag gedulden. Die Täter sehen in dem Anschlag eine sinnvolle klimapolitische Aktion. Wie alle Fanatiker berufen auch sie sich auf eine höhere Moral, um ihr Tun zu rechtfertigen. Was sie angerichtet haben, ist tatsächlich mehr als Sabotage. Es ist Ökoterrorismus.
Nun sind zwei Dinge völlig klar. Erstens: Deutschlands Stromnetz ist sehr verwundbar. Zweitens: Deutschland hat ein gewaltiges Problem mit militanten Linksextremisten. Beides wurde gerne einmal geleugnet, zumindest aber infrage gestellt.
Für Geburtstagsgrüsse war Zeit
Die Bedeutung des Anschlags reicht über Berlin hinaus. Es könnte schon bald die nächste deutsche Stadt treffen. In einer solchen Lage würde man erwarten, dass sich der Kanzler und der Bundespräsident zu Wort melden. Das ist aber bis jetzt nicht geschehen. Vier Tage nach dem Anschlag haben sich weder Kanzler Friedrich Merz noch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier dazu geäussert. Stattdessen hatte Merz Steinmeier am Montag öffentlich zum Geburtstag gratuliert.
Zum Zeitpunkt seiner Glückwünsche sassen die Menschen im Berliner Südwesten schon mehr als zwei Tage ohne Licht in der Kälte, weil ihre Heizungen ohne Strom nicht funktionieren. Merz würdigte am Montag zudem den ehemaligen Kanzler Konrad Adenauer und entliess seinen Büroleiter Jacob Schrot. Dafür war Zeit, für die Menschen in Not nicht.
Dabei wäre eine Wortmeldung nur das Minimum gewesen. Merz und Steinmeier fliegen nonstop um die Welt, sitzen für eine einzige Dienstreise zum Teil mehr als fünfundzwanzig Stunden im Flugzeug. Für eine Fahrt zu den Betroffenen im Berliner Südwesten hätten sie kaum mehr als fünfundzwanzig Minuten gebraucht.

Wie ein verdruckster Verwaltungsbeamter

Andere Kanzler haben vorgemacht, wie es geht: Gerhard Schröder stapfte im Jahr 2002 in Gummistiefeln durch die ostdeutschen Flutgebiete. Helmut Schmidt übernahm während der Hamburger Sturmflut im Jahr 1962 selbst das Kommando und traf die richtigen Entscheidungen. Damals war er noch kein Kanzler, noch nicht einmal Bürgermeister, sondern Polizeisenator. Doch auch der Hamburger Bürgermeister Paul Nevermann zögerte nicht. Er brach einen Kuraufenthalt ab und kehrte in seine Stadt zurück.

Berlins Bürgermeister Kai Wegner hatte sich gleich nach dem Anschlag angeblich einen ganzen Tag im Home-Office eingeschlossen. Es gibt Zweifel, ob er überhaupt in der Stadt war. Jedenfalls dauerte es deutlich mehr als einen Tag, bis ihn die Berliner endlich zu Gesicht bekamen. Wegner wirkte dabei nicht wie der Mann, der das wichtigste Amt der Stadt innehat, sondern eher wie ein verdruckster Verwaltungsbeamter, der noch nie vor laufenden Kameras gesprochen hat.

Ein tagelanger Ausfall der Stromversorgung im eisigen Januar schwächt zwangsläufig das Vertrauen in die staatlichen Institutionen. In Deutschland ist es ohnehin auf einem Tiefpunkt. Laut einer Umfrage des Deutschen Beamtenbundes halten 73 Prozent der Bürger den Staat für überfordert.

Die Geschichte der Bundesrepublik hat gezeigt, dass Politiker in Krisen glänzen können und manchmal sogar über sich selbst hinauswachsen. Damals wie heute gilt: In der Krise zeigt sich der Charakter.



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