Der andere Blick
Anschlag auf die Stromversorgung in Berlin:
Zum Zeitpunkt seiner Glückwünsche sassen die Menschen im Berliner Südwesten schon mehr als zwei Tage ohne Licht in der Kälte, weil ihre Heizungen ohne Strom nicht funktionieren. Merz würdigte am Montag zudem den ehemaligen Kanzler Konrad Adenauer und entliess seinen Büroleiter Jacob Schrot. Dafür war Zeit, für die Menschen in Not nicht.
Dabei wäre eine Wortmeldung nur das Minimum gewesen. Merz und Steinmeier fliegen nonstop um die Welt, sitzen für eine einzige Dienstreise zum Teil mehr als fünfundzwanzig Stunden im Flugzeug. Für eine Fahrt zu den Betroffenen im Berliner Südwesten hätten sie kaum mehr als fünfundzwanzig Minuten gebraucht.
Wie ein verdruckster Verwaltungsbeamter
Andere Kanzler haben vorgemacht, wie es geht: Gerhard Schröder stapfte im Jahr 2002 in Gummistiefeln durch die ostdeutschen Flutgebiete. Helmut Schmidt übernahm während der Hamburger Sturmflut im Jahr 1962 selbst das Kommando und traf die richtigen Entscheidungen. Damals war er noch kein Kanzler, noch nicht einmal Bürgermeister, sondern Polizeisenator. Doch auch der Hamburger Bürgermeister Paul Nevermann zögerte nicht. Er brach einen Kuraufenthalt ab und kehrte in seine Stadt zurück.
Berlins Bürgermeister Kai Wegner hatte sich gleich nach dem Anschlag angeblich einen ganzen Tag im Home-Office eingeschlossen. Es gibt Zweifel, ob er überhaupt in der Stadt war. Jedenfalls dauerte es deutlich mehr als einen Tag, bis ihn die Berliner endlich zu Gesicht bekamen. Wegner wirkte dabei nicht wie der Mann, der das wichtigste Amt der Stadt innehat, sondern eher wie ein verdruckster Verwaltungsbeamter, der noch nie vor laufenden Kameras gesprochen hat.
Ein tagelanger Ausfall der Stromversorgung im eisigen Januar schwächt zwangsläufig das Vertrauen in die staatlichen Institutionen. In Deutschland ist es ohnehin auf einem Tiefpunkt. Laut einer Umfrage des Deutschen Beamtenbundes halten 73 Prozent der Bürger den Staat für überfordert.
Die Geschichte der Bundesrepublik hat gezeigt, dass Politiker in Krisen glänzen können und manchmal sogar über sich selbst hinauswachsen. Damals wie heute gilt: In der Krise zeigt sich der Charakter.

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