Daniel Günther bekennt sich zur Zensur - und nennt alternative Medien „Feinde der Demokratie“ (Cicero)
Und dann dreht Günther das Gespräch von der AfD zu den „Bedrohungen, die
damit verbunden sind“ und zum „Kampf, den wir führen“ müssen. Der Feind
sei nicht nur die AfD, sondern die Tech-Konzerne: „Wir lassen zu, dass
unsere … Jugendlichen infiltriert werden über Tech-Konzerne, die es ja
nicht gut mit unserer Demokratie meinen.“ Also Social-Media-Verbot für
Unter-16-Jährige? „Das muss kommen.“ Außerdem – als ob das etwas damit
zu tun hätte – eine „Digitalabgabe, um traditionelle Medien in unserem
Land zu stützen“. Denn: „Eine Demokratie funktioniert nur, wenn diese
Institutionen funktionieren.“ Sitznachbarin Melanie Amann,
frischgebackene Chefredakteurin Digital der Funke-Mediengruppe, lächelt
zufrieden über Günthers Worte.
Vance „steckt ja mit dahinter“
Lanz witzelt über Günthers kaum kaschierte Eingriffswünsche in die Medienwirtschaft: „Wenn J.D. Vance das hört, haben wir morgen den nächsten Ärger.“ Günther: „Machen wir uns nichts vor: Der steckt ja mit dahinter.“ Der Ministerpräsident legt sich also direkt mit dem Vizepräsidenten im Weißen Haus an, der in seiner berühmten Münchner Rede die Verletzungen der Meinungsfreiheit in der EU scharf kritisiert hatte. Aber Günther attackiert auch ungenannte Abgeordnete seiner eigenen Partei im Bundestag: „Die gucken sich so einen Quatsch an.“ Melanie Ammann lächelt zufrieden, denn es ist klar, dass Günther mit „Quatsch“ andere als die Funke-Medien meint.
Wenn die schwarz-rote Koalition, so erläutert Günther, „in eine Schieflage geraten war“, habe das immer mit dem Einfluss und den politischen Zielen bestimmter Medien zu tun. Lanz wirft den Namen Brosius-Gersdorf dazwischen, und Günther wird konkret: „Wer hat denn dagegen geschossen? Nius und solche Portale. Es gibt Abgeordnete meiner Partei, die solche Portale lesen, die sowas auch weiterschicken.“ Günther stellt klar, „dass das unsere Gegner und auch die Feinde der Demokratie sind“. Wohlgemerkt: Journalisten werden von einem Ministerpräsidenten, der kurz zuvor noch der Bevölkerung die Wichtigkeit der Meinungsfreiheit erklären wollte, zu Feinden der Demokratie erklärt.
„Regulieren, zensieren, im Notfall sogar verbieten“
Lanz
bittet um Klarstellung. Also wolle Günther „regulieren, zensieren, im
Notfall sogar verbieten“? Und Günther sagt klar: „Ja“. In diesem Moment
hätten Journalisten in früheren Zeiten vermutlich empört sofort
Einspruch erhoben. Aber Amann und die beiden anderen anwesenden Kollegen
bleiben still. Vielleicht wurde Günther trotzdem klar, dass er gerade
etwas höchst Problematisches bejaht hat. Also dreht er wieder ab auf den
Jugendschutz: „Wir reden darüber: Social Media darf Bis-16-Jährigen
nicht mehr zugänglich gemacht werden.“ Günther erwähnt zwei Dinge, vor
denen Jugendliche geschützt werden müssten: „…vor Desinformation, vor
sexuellen Übergriffen“. Nach dem vorher Gesagten kann man wohl vermuten,
dass Günthers Anti-Social-Media-Enthusiasmus sich nicht in erster Linie
auf den Schutz jugendlicher Psychen vor sexuellen Inhalten richtet,
sondern auf die Verbreitung politischer Meinungen.
Lanz hakt wieder nach: Was ist mit der Meinungsfreiheit? Günther geht darauf nicht ein, sondern belehrt die Medien über ihre Aufgabe im Rahmen des gewünschten Konsenses nach dem Ende der parteipolitischen Kleinkriege: „Es ist nicht nur Aufgabe der Politik, Demokratie zu schützen. Alle zivilen Organisationen müssen auch sich zur Demokratie bekennen.“ Günther vergattert also die Medien dazu, der Politik beizustehen. „Wir haben ja zum Glück Pressefreiheit, Meinungsfreiheit in unserem Land. Aber wenn man eine solche Einflussnahme hat wie Medien, dann muss man eben auch bestimmte Qualitätskriterien einhalten.“ Und dann greift er ein bestimmtes Medium explizit an: „Wenn ich mir Nius-Artikel anschaue, mit denen ich irgendwas zu tun habe, kann ich nur sagen, da stimmt in der Regel nichts drin. … Aber die machen den Eindruck, das wäre im Sinne der Meinungsfreiheit etwas, das man sagen darf.“
Kein Plädoyer für Meinungsfreiheit von Journalisten
Nun ist es gerade der Kern der Presse- und Meinungsfreiheit, dass Regierungspolitiker nicht darüber zu entscheiden haben, ob Vorwürfe gegen sie stimmen. Und schon gar nicht haben Politiker über die Qualitätskriterien von Journalismus zu entscheiden. Von drei anwesenden Journalisten-Gästen sollte man spätestens an dieser Stelle eigentlich einen entrüsteten Zwischenruf erwarten. Sie ließen sich stattdessen minutenlang unwidersprochen von einem Ministerpräsidenten über ihre Aufgabe belehren.
Lanz übernahm dann die Verteidigung des angegriffenen Portals selbst: Wenn er sich die nackten Fakten ansehe, „dann stimmt das auch häufig“. Zu einem eindeutigen Plädoyer für die Meinungsfreiheit und gegen Günthers konsensselige Vorstellungen des Miteinanders von „demokratischen“ Parteien und Medien konnte sich keiner der drei Journalisten aufraffen. Adrian Geiges, jahrelanger China-Korrespondent, hatte aufgrund dieser Erfahrung zwar „gemischte Gefühle“, sah bei Günthers Zensur-Forderungen aber eigentlich nur als fragwürdig, wer über Propaganda und Lüge entscheide. Und Melanie Amann legte in erster Linie Wert darauf, nicht Nius zu verteidigen, sondern forderte, „wir Qualitätsmedien“ müssten eben „zeigen, dass wir die besseren sind“.

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