Die Ausbeutung der Fleißigen durch die Freizeit-Optimierer muss enden (Cicero)
Allerdings scheinen die unionsinternen Kritiker ebenso wie die Nein-Sager von links nicht zu sehen oder nicht sehen zu wollen, dass die Möglichkeit zur Teilzeit-Arbeit eben nicht ausschließlich von alleinerziehenden Müttern, pflegenden Angehörigen oder sich weiterbildenden Männern genutzt wird. Von den 17 Millionen Teilzeit-Jobbern geben nämlich 29 Prozent der Frauen und 24 Prozent der Männer an, ihre Teilzeit-Tätigkeit sei von ihnen erwünscht. Da geht es also nicht um Kinderbetreuung, eine zu hohe Steuer- und Abgabenlast oder ein zu geringes Angebot an Vollzeitstellen. Dieser Teil der 17 Millionen Teilzeitbeschäftigten zieht schlicht und einfach mehr Freizeit mehr Einkommen vor.
Wer ist hier der Ausbeuter?
Das ist
auf den ersten Blick das gute Recht der Bürger: Freie Arbeitszeitwahl
für freie Bürger. Wer glaubt, mehr „Zeit für sich“ zu brauchen, für
Familie, Freunde und Hobbys, der setzt halt mehr auf „Life“ und weniger
auf „Work“. Da wird – vor allem bei den jüngeren Jahrgängen – auf der
Work-Life-Balance eine Life-Work-Balance. 38 Stunden Arbeit pro Woche
bei mindestens 30 Tagen Urlaub und zusätzlich zehn bis zwölf Feiertagen
gelten vielen als unzumutbar, ja als ausbeuterisch. Da nicken die linken
Sozialpolitiker ergriffen und heftig.
Aber halt: Wer beutet hier eigentlich wen aus? Wer weniger arbeitet, als er könnte, spart Steuern und ebenso an den Beiträgen zur Kranken-, Pflege-, Arbeitslosen- und Rentenversicherung. Was eigentlich eine höchst private Angelegenheit ist – die Zahl der Arbeitsstunden und damit die Höhe des eigenen Einkommens – wird so zu einer öffentlichen. Die Freizeit-Optimierer kosten den Staat Steuereinnahmen und Sozialbeiträge – und das ohne nennenswerte Einbußen an staatlichen Leistungen.
Bei den Steuern ist die Lage klar: Der Staat sorgt unter anderem für Sicherheit und das für alle gleichermaßen, ganz gleich, wie hoch die jeweiligen Steuerzahlungen sind. Anders ist es bei der Rente. Wer weniger verdient, erwirbt geringere Rentenansprüche. Sollte im Alter die Rente jedoch zu niedrig sein, stockt der Staat mit der „Grundsicherung im Alter“ die durch Arbeit erworbenen Rentenansprüche auf. Der Rentenversicherung ist es gleichgültig, ob jemand vielleicht lange arbeitslos war oder ob er sein „Life“ genossen hat, während andere gearbeitet haben. Da ist „Vater Staat“ auf beiden Augen blind.
Bei den Sozialleistungen ist es ähnlich: Ein geringeres Einkommen führt zu niedrigeren Beiträgen. Aber: Wer aufgrund von Teilzeitarbeit weniger für die Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung zahlt, hat denselben Anspruch auf entsprechende Leistungen wie im Vollzeitjob. Das ist besonders augenfällig in der gesetzlichen Krankenversicherung. Ob jemand seinen Krankenversicherungsbeitrag auf ein Monatseinkommen von 3000 oder 5000 Euro entrichtet: Die Leistungen der Krankenkasse sind stets dieselben – und ihre Kosten ebenso.
Die Vollzeit-Malocher bezahlen das Freizeitbedürfnis der anderen
Mit
der steigenden Neigung der Deutschen zu Teilzeit-Jobs gehen der
gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung deshalb erhebliche
Beitragseinnahmen verloren. Das ist im Prinzip des Sozialstaats so
angelegt. Der Staat unterstellt, dass es besondere Gründe gibt, wenn
jemand nur 20 oder 25 Stunden statt 38 arbeitet – gesundheitliche,
familiäre oder ein Mangel an Vollzeit-Jobs. Die auf mehr Freizeit
bedachten Teilzeit-Beschäftigten interessieren die durch sie
verursachten Einnahmeausfälle in den öffentlichen Kassen nicht. Den
allermeisten ist gar nicht bewusst, dass sie in der Kranken- und
Pflegeversicherung zum Teil auf Kosten der in Vollzeit tätigen
Arbeitnehmer leben. Die „Vollzeit-Malocher“ müssen also für das
gesteigerte Freizeitbedürfnis vieler ihrer Mitbürger aufkommen. Man kann
das auch Ausbeutung der Fleißigen durch die Faulen nennen.
40 Prozent Teilzeitbeschäftige bei steigender Tendenz: An eine solche Entwicklung dachten die Sozialpolitiker nicht, die in den 1960er- und 1970er-Jahre die Fundamente unseres heutigen Sozialsystems errichteten. Für die Vor-Vorgänger von Radtke oder Söder erschien es ausgeschlossen, dass arbeitsfähige Menschen weniger arbeiten, als sie können, um sich besser „selbstverwirklichen“ zu können. Der Vollzeit-Arbeitsplatz war die Regel und darauf baute das Sozialsystem auf – und tut es immer noch.
Wenn die Politik weiterhin so tut, als könnte alles mehr oder so weniger bleiben, wie es ist, wie das von Schwarz-Rot beschlossene Rentenpaket zeigt, sind wir finanziell bald am Ende. Das durch Wildwuchs gekennzeichnete Sozialsystem muss dringend neu justiert werden. Dabei ist es unumgänglich, wieder eine engere Verbindung von Beitragszahlung und staatlicher Leistung herzustellen. Das gebietet nicht nur die finanzielle Schieflage, sondern ebenso die Fairness gegenüber den in Vollzeit arbeitenden Steuer- und Beitragszahlern. Von der SPD ist da nicht viel zu erwarten. Die hat sich bekanntlich mit der Einführung des Bürgergelds von der Partei der Arbeitnehmer zur Schutzmacht der Transferempfänger gewandelt. Das bietet der CDU/CSU eine Chance, in der Arbeitnehmerschaft verlorenes Terrain zurückzugewinnen. Aber im Schlepptau von Linksgrün wird das – anders als Radtke, Söder und Linnemann vielleicht hoffen – nicht gelingen.

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen